Ener Zink, Neue Internationale 299, April 2026
„Du gibst mir jetzt sofort dein Handy, sonst gibt es einen Verweis! Du kannst es dir nach der Schule beim Sekretariat wieder abholen!“ Den Satz kennt ein großer Teil deutscher Schüler:innen wohl zu gut. Über den Handykonsum entscheidet in den meisten deutschen Bundesländern die Schule. Doch besonders Elternverbände und CDU/CSU fordern vollständige, gesetzlich festgelegte Verbote. So existiert in vielen Bundesländern ein Verbot für die Grundschule, dessen Ausweitung diskutiert wird. Im aktuellen Schuljahr hat Schleswig-Holstein die Nutzung bis zur 9. Klasse verboten, Bremen bis zur 10. und in Hessen wurde sie generell verboten. Bis zum kommenden Schuljahr sollen einheitliche Verbote in Bayern und Sachsen folgen.
Die angekündigte Verschärfung der Handynutzung wird als Antwort auf die schlechten Ergebnisse Deutschlands bei den PISA-Studien, also auf sinkende Leistungen von Schüler:innen, präsentiert. Mit den systemischen Ursachen oder mit den Auswirkungen von Kürzungen an Schulen befasst man sich weniger, wäre ja auch teurer: Chancen auf Bildungserfolge hängen stark mit der Klassenlage der Schüler:innen zusammen, die durch Kürzungen bei Bildung, Förderung und Freizeitangeboten verschlechtert wird. Davon lenkt man ab, indem auf die Ablenkung durch digitale Geräte verwiesen wird. Selbst dann, wenn es nahezu keine Forschung oder Studien gibt, die einen Zusammenhang belegen würden.
Während sich die aktuelle Regierung Digitalisierung als großes Ziel aufgibt, setzt man in der Schule auf pädagogische Maßnahmen, die Bildungsministerin Karin Prien (CDU) noch aus ihren Kindertagen kennt: Verbote, Kontrollen und Strafen. Eine weitere Spielweise der Law-and-Order-Politik, die die Union gerade immer mehr durchführt. Kinder und Jugendliche sollen durch solche Regelungen schon früh repressive Normen und Gehorsam verinnerlichen, sodass die Schule wieder verstärkt reaktionäre ideologische Erziehung leistet – angeblich zu unserem Schutz!
Die Einschränkung individueller Rechte von Jugendlichen ist eine direkte Folge. Hinzu kommt, dass diesen durch die Schule in Wirklichkeit viel zu wenige digitale Kompetenzen beigebracht werden – inklusive einer intrinsischen Impulskontrolle, in der man für sich lernt, nicht ständig zum Handy greifen zu müssen, nur weil’s gerade im Finger juckt. Für die allermeisten Jugendlichen ist ihr Smartphone ein Zugang zu digitaler Kommunikation. Sie beziehen dort ihre Nachrichten oder lernen damit. Mathematische Probleme oder englische Grammatik können auf YouTube besser erklärt sein als von so manchem Lehrer oder so mancher Lehrerin. Auch deshalb lehnen 16–18-Jährige in Umfragen ein Handyverbot mehrheitlich ab.
Es gibt Unterschiede zwischen einer sinnvollen Handynutzung zum Lernen und Kommunizieren und einer Handysucht oder auch dem Konsum von jugendgefährdenden Medien wie Pornos, wo es natürlich berechtigte Sorgen von Eltern gibt. Ein schlichtes Handyverbot an Schulen löst hier aber gar nichts, wenn es um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen geht – es verbannt höchstens problematischen Handykonsum ins Private.
Tatsächlich war für Schüler:innen, Azubis und Studierende der Informationszugang nie einfacher – und gleichzeitig gab es noch nie mehr Möglichkeiten zur Ablenkung durch Spiele und soziale Medien sowie der Gefahr, sich psychisch ungesunde Inhalte reinzuziehen – Stichwort „Rabbit Holes“ (aus dem Englischen übernommener idiomatischer Ausdruck für eine Idee oder ein Thema, von dem man sich gedanklich auf Abwege führen lässt). Das eigentliche Problem hierbei ist, dass Medienkonzerne wie Meta, Google, Tiktok, Aylo usw. längst erkannt haben, dass das (heranwachsende) menschliche Gehirn mit den richtigen Inhalten gefüttert Süchte entwickeln kann, die sich bspw. über Dopaminstimulation vollziehen – und eben diese Sucht ist im ökonomischen Interesse dieser Plattformen und Konzerne; je länger wir Tiktok nutzen, umso mehr klingelt die Kasse. Bei vermeintlich kostenlosen Medien wird immer mit persönlichen Daten und Lebenszeit bezahlt.
Eine tatsächliche Lösung des Problems kommt hier nicht an der Enteignung dieser Konzerne vorbei. Erst wenn Medien demokratisch von der Arbeiter:innenklasse kontrolliert werden, kann überhaupt die Möglichkeit entstehen, digitale Medien so zu entwickeln, dass sie für uns einen positiven Nutzen ohne Nebenwirkungen haben.
Doch Giganten wie Meta zu enteignen, ist natürlich noch nicht morgen möglich und sicher für jede Elterninitiative zu groß. Dennoch muss es als Ziel ausgesprochen werden.
Darüber hinaus gibt es Forderungen, die im Hier und Jetzt auf einen besseren Umgang mit Handys an Schulen abzielen, als sie einfach zu verbieten:
Eine tatsächliche Mitbestimmung über das, was in unseren Schulen passiert, werden wir uns als Schüler:innen selbst erkämpfen müssen. Dafür müssen wir uns unabhängig in Komitees oder Gruppen wie REVOLUTION organisieren, eigene Forderungen entwickeln und in Schulstreiks und Besetzungen durchsetzen!