
Marcel Krüger, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons
Ezra Otieno, Infomail 1304, 13. Februar 2026
Im Dezember 2025 haben die USA unter der Trump-Regierung direkt in Nigeria zugeschlagen. Diese Eskalation kam nach monatelangen aggressiven öffentlichen Äußerungen, darunter wiederholte Drohungen, mit „gefeuerten Waffen” einzugreifen, wenn Nigeria die Gewalt gegen Christ:innen nicht stoppt. Ende November hat Trump Nigeria offiziell als „Land von besonderer Besorgnis” eingestuft, wodurch er die innere Unsicherheit mit religiöser Verfolgung verband und eine militärische Intervention als moralische Notwendigkeit darstellte.
Am Weihnachtstag 2025 griffen US-Streitkräfte Ziele im Bundesstaat Sokoto im Nordwesten Nigerias an, die Washington als mit ISIS (Islamischer Staat)-nahen Gruppen verbunden bezeichnete. Berichten zufolge wurden mindestens sechzehn Tomahawk-Marschflugkörper von US-Marineplattformen aus abgefeuert. Die nigerianische Bundesregierung erklärte, dass die Operation mit ihrem Wissen und in Abstimmung mit ihr durchgeführt worden sei. Trump stellte die Angriffe jedoch öffentlich als einseitige Verteidigung verfolgter Christ:innen dar.
Anfang Februar 2026 bestätigten die Vereinigten Staaten offiziell die Entsendung eines kleinen Kontingents ihres Militärpersonals nach Nigeria. Vertreter:innen des US-Afrika-Kommandos erklärten, dieser Schritt sei das Ergebnis hochrangiger Gespräche mit der nigerianischen Regierung und diene der Stärkung der Zusammenarbeit bei der Terrorismusbekämpfung angesichts anhaltender dschihadistischer Gewalt und Unsicherheit.
Diese Truppe wird als begrenzt beschrieben und soll sich eher auf Aufklärung, Überwachung und Unterstützungsaufgaben als auf groß angelegte Kampfhandlungen konzentrieren, aber sie ist die erste öffentliche Bestätigung für die Anwesenheit von US-Truppen in Nigeria seit den Luftangriffen am Weihnachtstag. Der Einsatz signalisiert eine Verlagerung von militärischem Druck aus der Ferne hin zu einer direkteren Präsenz der USA, was neue Bedenken hinsichtlich der Souveränität, der regionalen Stabilität und der möglichen Ausweitung imperialistischer Interventionen in Westafrika aufwirft.
Die offizielle Begründung der USA stützte sich auf zwei Argumente. Das erste war die Notwendigkeit, extremistische Gewalt zu stoppen. Das zweite war die angebliche Verteidigung von Christ:innen, die systematisch ausgerottet werden. Trump behauptete wiederholt, dass islamistische Militante Völkermord begingen und dass militärische Gewalt die einzige angemessene Reaktion sei.
Die Realität vor Ort ist viel komplexer. Nigeria erlebt mehrere, sich überschneidende Konflikte, die durch soziale, wirtschaftliche und politische Faktoren ausgelöst werden. Dazu gehören ein langjähriger Aufstand mit Boko Haram (radikal-islamistische Gruppe) und dem Islamischen Staat – Provinz Westafrika (ISWAP) im Nordosten, der Aufstieg lokaler bewaffneter Gruppen wie Lakurawa, die in Teilen des Nordwestens operieren, weit verbreitetes Banditentum und Entführungen, die auf Armut und den Zusammenbruch des Staates zurückzuführen sind, sowie Konflikte zwischen Bäuer:innen und Hirt:innen in zentralen Regionen, die durch Landknappheit, klimatische Veränderungen und ethnische Marginalisierung geprägt sind.
Die Gewalt in Nigeria folgt keinem einfachen religiösen Schema. Bewaffnete Gruppen greifen Muslim:innen und Christ:innen gleichermaßen an. Zu den Ursachen für die Unsicherheit gehören Arbeitslosigkeit, Ungleichheit, Umweltzerstörung, schwache Institutionen und tief verwurzelte Korruption der Elite.
Die gemeldeten Ziele der US-Angriffe waren Lager, die mit Lakurawa in Verbindung stehen, einer Gruppe, die lokal entstanden ist und in den Bundesstaaten Sokoto und Kebbi operiert. Die Natur dieser Gruppe ist nach wie vor umstritten. Einige Analyst:innen bezweifeln, dass Lakurawa wirklich eine ISIS-Gruppe ist, und fragen sich, ob sie nicht eher ein lokales bewaffnetes Netzwerk ist, das durch wirtschaftliche Probleme und schlechte Regierungsführung entstanden ist. Die nigerianischen Behörden betonten, dass die Operation nicht religiös motiviert war, und stellten die Zusammenarbeit mit den USA als Teil einer umfassenderen Strategie zur Bekämpfung von Gewalt dar.
In Wirklichkeit erfüllt die Berufung auf religiöse Verfolgung mehrere politische Funktionen. Sie mobilisiert die Unterstützung innerhalb der USA, vor allem bei evangelikalen und konservativen Wähler:innen. Sie stellt die militärische Intervention als moralische Rettungsaktion und nicht als Machtdemonstration dar. Sie lenkt die Aufmerksamkeit von den strukturellen Ursachen der Unsicherheit ab, die im Kapitalismus und im Versagen des Staates begründet sind.
Imperialistische Mächte haben Interventionen schon immer mit Begriffen wie „Schutz“ und „humanitäre Pflicht“ gerechtfertigt. Ob es nun um die Verteidigung von Minderheiten, die Verbreitung der Demokratie oder die Bekämpfung des Terrors geht – diese Narrative verschleiern strategische Ziele. Die Kontrolle über Regionen, Märkte, Ressourcen und Klientelstaaten bleibt die zugrunde liegende Logik.
Trumps Rhetorik passt genau in diese Tradition. Moralische Sprache wird verwendet, um Gewalt zu legitimieren und gleichzeitig die Klasseninteressen zu verschleiern, denen sie dient. Das Ergebnis ist ein politisches Theater, das nigerianisches Leben opfert, um die imperiale Glaubwürdigkeit zu stärken.
Die Unsicherheit in Nigeria kann nicht durch Militärtechnologie gelöst werden. Chronische Arbeitslosigkeit, die Marginalisierung des ländlichen Raums, zusammenbrechende öffentliche Dienste und das Fehlen demokratischer Rechenschaftspflicht schaffen Bedingungen, unter denen bewaffnete Gruppen gedeihen. Wo sich der Staat zurückzieht, füllen Milizen und kriminelle Netzwerke das Vakuum und sorgen manchmal für Ordnung, Einkommen oder Schutz.
Luftangriffe lösen diese Widersprüche nicht. Präzisionswaffen können Kämpfer:innen töten, aber sie können keine Schulen bauen, Land umverteilen oder Arbeit schaffen, von der man in Würde leben kann. Im besten Fall verdrängt Bombardierung die Gewalt. Im schlimmsten Fall zersplittert sie bewaffnete Gruppen und schürt Rachezyklen.
Kurzfristige taktische Gewinne sind oft mit langfristigen strategischen Kosten verbunden. Die religiöse Einordnung der Intervention birgt die Gefahr, dass sie zu einem Rekrutierungsinstrument für militante Organisationen wird. Ausländische Angriffe vertiefen die Ressentiments, verhärten den Widerstand und untergraben die lokale Legitimität.
Die Intervention der USA muss auch im Kontext der wachsenden imperialistischen Rivalitäten in Afrika gesehen werden. Chinas zunehmende wirtschaftliche Präsenz und Russlands Engagement haben Washington dazu veranlasst, seinen militärischen Einfluss wieder zu verstärken. Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas, nimmt eine strategische Position in Westafrika und der Sahelzone ein.
Nigerianische Beamt:innen betonten in ihrer Antwort Souveränität und gegenseitigen Respekt. Die Abhängigkeit von imperialen Mächten für die Sicherheit spiegelt jedoch eine tiefere strukturelle Schwäche wider. Staaten, die durch Schulden, Sparmaßnahmen und die Ausbeutung durch die Elite ausgehöhlt sind, haben Mühe, einen unabhängigen Weg zur Stabilität zu finden. Militärische Zusammenarbeit festigt oft eher die Abhängigkeit als die Autonomie.
Revolutionäre Sozialist:innen lehnen die Logik ab, die imperiale Interventionen in gute und schlechte Lager unterteilt. Ob sie nun mit humanitären Argumenten oder mit der Bekämpfung des Terrorismus gerechtfertigt wird: Imperialistische Gewalt dient immer den herrschenden Klassen und nicht den arbeitenden Menschen.
In Nigeria leiden die Massen unter Hunger, Arbeitslosigkeit und einer zusammenbrechenden Infrastruktur. Sie profitieren in keiner Weise von den strategischen Kalkülen der USA. Echte Sicherheit erfordert demokratische Kontrolle über Selbstschutzorgane der Massen, massive Investitionen in öffentliche Dienstleistungen, Landreformen und eine gerechte Verteilung der Ressourcen sowie regionale Zusammenarbeit unabhängig von imperialer Dominanz.
Diese Ziele können nicht durch ausländische Militärinterventionen erreicht werden. Stattdessen stärkt eine Intervention die lokalen Eliten, die mit imperialen Interessen verbunden sind, und unterdrückt populäre Alternativen.
Die revolutionäre Geschichte liefert klare Warnungen. Trotzki argumentierte, dass Befreiung nicht durch imperialistische Mächte erreicht werden kann. Die Erfahrungen aus Algerien, Vietnam, Irak und Libyen zeigen, dass ausländische Interventionen eine Form der Herrschaft durch eine andere ersetzen und die Gesellschaften dabei zersplittern und destabilisieren.
Nigeria steht vor einer ähnlichen Gefahr. Die Abhängigkeit von der Feuerkraft der USA ohne soziale Transformation birgt die Gefahr, dass sich der Kreislauf der Gewalt wiederholt. Berichte über mangelhafte Geheimdienstinformationen und unklare Zielvorgaben geben Anlass zu ernsthaften Bedenken hinsichtlich der Gefährdung der Zivilbevölkerung und fehlgeleiteter Gewaltanwendung. Solche Ergebnisse untergraben das Vertrauen und die Legitimität weiter.
Dauerhafte Sicherheit entsteht durch kollektive Macht, nicht durch Raketen. Eine Strategie der Arbeiter:innenklasse muss sich auf demokratische Mobilisierung und sozialen Wandel konzentrieren. Dazu gehören der Aufbau unabhängiger Arbeiter:innenbewegungen, die ethnische und religiöse Grenzen überschreiten, die Entwicklung einer gemeindebasierten Verteidigung, die der Bevölkerung gegenüber rechenschaftspflichtig ist, der Kampf für eine Land- und Ressourcenrevolution, die die wirtschaftlichen Ursachen von Gewalt beseitigt, die Verbesserung des Zugangs zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Beschäftigung sowie die Verknüpfung der nigerianischen Kämpfe mit dem globalen Widerstand der Arbeiter:innenklasse gegen den Imperialismus und dem Kampf der Arbeiter:innenklasse für den Sozialismus.
Dieser Ansatz lehnt sowohl autoritäre Unterdrückung als auch ausländischen Militarismus ab. Er erkennt an, dass der Kapitalismus Unsicherheit erzeugt und dass nur organisierte Massen ihn abschaffen können.
Die Luftschläge in Nigeria stellen eine gefährliche Eskalation der imperialistischen Intervention in Westafrika dar. Weitere militärische Aktionen werden wahrscheinlich die sozialen Spaltungen vertiefen und extremistische Narrative verstärken.
Gleichzeitig wird der Widerstand wachsen. Dieser Widerstand wird in Form von nigerianischen Arbeiter:innen, die sowohl die heimischen Eliten als auch die ausländische Vorherrschaft herausfordern, regionalen Arbeitsbündnissen, die sich gegen die Militarisierung wehren, und internationalen Antikriegsbewegungen, die sich gegen die kapitalistische Ausbeutung stellen, zum Ausdruck kommen.
Die Solidarität der Arbeiter:innenklasse muss Grenzen überschreiten. Nigerianische Arbeiter:innen haben gemeinsame Interessen mit Arbeiter:innen in ganz Afrika und der ganzen Welt. Ihre Zukunft liegt nicht bei den imperialistischen Mächten, sondern im kollektiven Kampf.
Trumps Luftangriffe in Nigeria zeigen, dass imperialistische Lösungen für soziale Krisen nicht funktionieren. Sie sind eher politisch motiviert als humanitär. Sie verschärfen die Probleme, die sie angeblich lösen wollen.
Sicherheit und Befreiung können nicht von ausländischen Armeen gebracht werden. Sie müssen durch demokratische Organisation von unten aufgebaut werden. Nur ein Programm der Arbeiter:innenklasse, das auf Sozialismus, Gleichheit und Internationalismus basiert, bietet einen Weg zu Frieden, Autonomie und Würde für Nigeria und den afrikanischen Kontinent.