150 Jahre Erste Internationale – ein Modell für heute?

Hannes Hohn, Revolutionärer Marxismus 46, Oktober 2014

In diesem Beitrag wollen wir anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Gründung der I. Internationale zunächst einen kurzen Abriss ihrer Entwicklung und historischen Bedeutung geben (ein ausführlicherer Beitrag dazu findet sich dazu unter dem Titel “Klasse, Partei, Programm” in RM 34). Rund 60 Jahre nach der Spaltung und der zentristischen Degeneration der Vierten (und vorerst letzten) Internationale Anfang der 1950er Jahre und angesichts der neuen historischen Krisenphase des Kapitalismus, die 2008 begann, stellt sich immer dringlicher die Frage der Schaffung einer neuen revolutionären Internationale als internationaler Führungs- und Kampfstruktur des Weltproletariats, also einer Kraft, welche die verschiedenen Milieus und Sektoren von Widerstand gegen die Krise des Systems verbinden und deren Erfahrungen in einer neuen Programmatik verarbeiten kann.

Wir wollen daher hier auch die Frage behandeln, welche Lehren aus der Geschichte der I. Internationale gezogen werden können und inwieweit diese ein Modell für den Aufbau einer neuen, 5. Internationale sein kann.

Die Gründung der Ersten Internationale

Die „Internationale Arbeiterassoziation“ (IAA) wurde am 28. September 1864 in London gegründet. Später ging sie dann als “Erste Internationale“ in die Geschichte ein. Obwohl sie nur 12 Jahre existierte, hatte sie großen Einfluss auf die Arbeiterbewegung und deren weitere Entwicklung. Sie war die erste Organisation, die daran ging, den Kampf für den Sozialismus international zu verbinden und zu leiten.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts gab es einen enormen Aufschwung des Kapitalismus, der die Arbeiterklasse veränderte und anwachsen ließ. Neue kämpferische Schichten und Gewerkschaften betraten die soziale Bühne, v.a. in Britannien. Von 1859-62 gab es v.a. in London heftige Arbeitskämpfe und Massenstreiks. Die britischen Gewerkschaftsführer suchten Verbindungen zu den kontinental-europäischen ArbeiterInnen und ihren Organisationen herzustellen, u.a. weil Arbeitsimmigranten vom britischen Kapital oft als Streikbrecher eingesetzt wurden. Auch in Frankreich, Belgien und Deutschland erholte sich die Arbeiterbewegung langsam von den Niederlagen der 1848er Revolution. Eine wichtige Rolle für die künftige Internationale spielten auch die revolutionären EmigrantInnen. Die Kämpfe für Unabhängigkeit und nationale Einigung in Polen, Irland und Italien sowie der amerikanische Bürgerkrieg (1861-64) waren ebenfalls bedeutend und lenkten den Blick der Arbeiterklasse auf die internationalen Dimensionen ihres Kampfes.

Als 1864 die IAA gegründet wurde, nahmen an deren erster Versammlung neben britischen Gewerkschaftern französische Sozialisten und viele europäische Flüchtlinge teil.

Ideologisch gesehen war die IAA von Anfang an heterogen. Die französischen Delegierten waren oft Anhänger des Anarchisten Proudhon oder Gewerkschafter. Eine Minderheit waren Anhänger Blanquis. Daneben gab es Anhänger des Frühsozialisten Owen, christliche Sozialisten, polnische und irische Nationalisten, Anhänger Mazzinis in Italien und deutsche Kommunisten.

Die Gründungsversammlung nahm kein Programm, sondern nur eine Deklaration zur Notwendigkeit einer Arbeiterinternationale an. Es wurde jedoch ein Provisional Committee gewählt, dem auch Karl Marx als Vertreter der deutschen Kommunisten angehörte und das eine Satzung sowie eine Prinzipienerklärung formulieren sollte.

Die Entwürfe dazu offenbarten allerdings heftige Meinungsunterschiede. Marx nutzte diese Situation im Komitee, um eine neue Fassung der Prinzipienerklärung durchzusetzen, die aber kaum etwas aus den ersten Entwürfen enthielt. Ähnlich verhielt es sich mit den Statuten. Beide von Marx geschriebenen Dokumente – die „Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation“ (MEW 16, S. 5-13) und die „Provisorischen Statuten der Internationalen Arbeiter-Assoziation“ (Ebenda, S. 14-16) wurden einstimmig angenommen. Allerdings wurden sie unterschiedlich „interpretiert“ – ein Prozess, der die gesamte Geschichte der Internationale prägen sollte. Immer vertraten Marx und Engels dabei offen ihre eigenen Prinzipien und ihr Programm und waren nie bereit, sie zugunsten eines „Kompromisses“ einfach fallen zu lassen. Schon in der Inauguraladresse tauchen viele Aspekte des Kommunistischen Manifests auf.

Nachdem sie angenommen waren, wurden die Inauguraladresse und das Statut in Gewerkschaftszeitungen gedruckt, zehntausende Exemplare kursierten unter ArbeiterInnen und wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Ihre programmatischen Grundsätze und Thesen wurden von vielen neuen Arbeiterparteien übernommen.

Wachstum der IAA

In den nächsten Jahren wuchs die IAA rasch. In England traten im Februar 1865 die Buchmacher und die Ziegelarbeiter bei. Der Gewerkschaftskongress von 1866 forderte seine Mitglieder zum Beitritt zur IAA auf, die in jenem Jahr in Britannien 25.000 Mitglieder hatte. Im Jahr darauf traten ihr die Amalgamated Society of Engineers (Maschinenbau) mit 33.000 und die United Excavators (Tiefbau) mit 28.000 Mitgliedern bei.

In Frankreich bestand die Mitgliedschaft der IAA aus zwei Hauptgruppen. Erstens aus Gewerkschaftern, die nach einer Periode der Reaktion wieder legal agieren durften. Die Gewerkschafter und die meisten ihrer prominenteren Vertreter wie Eugene Varlin nahmen allerdings eine stark syndikalistische Haltung ein. Die andere Kraft waren die Anhänger Proudhons, die einen kleinbürgerlichen Sozialismus vertraten, der die soziale Lage und die Interessen qualifizierter Handwerker und kleiner Agrarproduzenten ausdrückte.

Proudhon sah im zinstragenden Kapital, im Bankkapital, die eigentliche Wurzel allen Übels, nicht jedoch in der Ausbeutung der Lohnarbeiter im Produktionsprozess. Er lehnte die Verstaatlichung der Produktionsmittel ab und argumentierte auch gegen Gewerkschaften und Streiks sowie die Einbeziehung von Frauen in die Produktion.

Die ersten Kongresse der IAA in Genf (1866), in Lausanne (1867) und in Brüssel (1868) waren vom politischen Kampf zwischen den Proudhonisten und dem Generalrat bestimmt, dessen Anhänger mit der Zeit als „Marxisten“ bezeichnet wurden.

Die Kongresse bestätigten nicht nur die Statuten der Internationale, sondern nahmen auch sechs von Marx eingebrachte Resolutionen an: über die internationale Vereinigung, über die Kinder- und Frauenarbeit, über die Kooperativen, über die Gewerksgenossenschaften und über die Armee. Zur polnischen Frage wurde eine Kompromissresolution angenommen. Diese wurden später ergänzt durch Resolutionen, die die Vergesellschaftung der Großindustrie forderten.

Am Brüsseler Kongress wurden noch einmal die Rolle, aber auch die Grenzen der Kooperativen ähnlich wie schon in der Inauguraladresse bestimmt. Marx kämpfte auch darum, dass der Londoner Generalrat der IAA die Bedeutung der Gewerkschaften anerkannte.

1869, auf ihrem Baseler Kongress, stand die IAA auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung. Marx hatte für seine Positionen die Unterstützung der meisten SozialistInnen und GewerkschafterInnen der Internationale gewonnen. Die Analyse und Programmatik des Kommunistischen Manifests, das vor der Internationale nur Wenigen bekannt war, hatte eine große Öffentlichkeit – zehn- wenn nicht hunderttausende ArbeiterInnen – erreicht.

Aber diese Erfolge der Ersten Internationale sollten auch zur Entstehung neuer Differenzen und schließlich zu ihrem Zerfall führen.

Die IAA agitierte auf der ganzen Welt für die Verteidigung und Unterstützung der Pariser Commune von 1871. Marx und Engels zogen in „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ die Lehren aus der Geschichte der Commune, die auch vom Generalrat der IAA angenommen wurden. Marx betonte dabei nicht nur erneut, dass die bürgerliche Staatsmaschinerie zerschlagen werden müsse, er zeigte nun auch, dass mit der Commune endlich jene Staatsform gefunden war – eine sich auf Räten gründende Diktatur des Proletariats – mit welcher die Arbeiterklasse ihre Macht ausüben und den Übergang zum Sozialismus verwirklichen konnte.

Der Kampf mit dem Anarchismus

Die Auseinandersetzung mit dem Anarchismus prägte die gesamte Zeit des Bestehens der IAA. Obwohl die Anhänger Bakunins sich innerhalb der IAA inzwischen geheim organisierten und der Londoner Kongress von 1871 die Mitgliedschaft von Geheimbünden in der IAA verboten hatte, drehte sich der Kampf gegen die Anarchisten um Bakunin jedoch nicht hauptsächlich um die Frage der Geheimbündelei.

Der Londoner Kongress nahm auch eine Resolution zur Bedeutung des politischen Kampfes an, die sich direkt gegen die Anhänger Bakunins wandte. Die AnarchistInnen lehnten den politischen Kampf wie auch den Aufbau einer politischen Partei ab. Der „prinzipielle“ Verzicht der Anarchisten auf bestimmte politische oder gewerkschaftliche Kampfformen lief, wie Marx und Engels nachwiesen, auf die Einschränkung der eigenen Handlungsmöglichkeiten hinaus und war von einem grundsätzlichen Unverständnis des Klassenkampfes überhaupt geprägt. Die Ablehnung der Partei bedeutete, dass dem Proletariat jenes entscheidende Instrument fehlt, das es zur Artikulation und Umsetzung einer unabhängigen Klassenpolitik braucht.

Der Kampf mit Bakunin wurde auch nach dem Londoner Kongress fortgesetzt und zog sich noch bis1872 hin. Marx erkannte, dass die IAA durch den Fraktionalismus zerstört wurde.

Der Kampf gegen den Anarchismus war der letzte Kampf in der IAA. Dafür gab es mehrere Gründe. Erstens folgte auf die Niederlage der Pariser Commune 1871 eine reaktionäre Periode in Europa. Zweitens – damit zusammenhängend – wandten sich die britischen Gewerkschaften, die wichtigste Machtbasis von Marx in der Internationale, von der IAA, ja überhaupt vom Ziel ab, eine von allen Fraktionen der herrschenden Klasse unabhängige Arbeiterpolitik zu betreiben.

Zudem hatten Marx und Engels im „Bürgerkrieg in Frankreich“ ihre Position und ihren Stil noch  radikalisiert, was die nach rechts gehenden Gewerkschaftsführer zusätzlich abstieß.

Der Haager Kongress

Im September 1872 fand dann der letzte Kongress der IAA in Den Haag statt. Drei Tage brachte er damit zu, festzustellen, wer wirklich delegiert ist. Schließlich unterstützten 40 Delegierte Marx und den Generalrat, 24 waren für Bakunin.

Der Kongress unterstützte also mehrheitlich den Generalrat, bekräftigte noch einmal die Notwendigkeit der Schaffung von Arbeiterparteien und beschloss das Recht, Sektionen oder Individuen aus der Internationale auszuschließen. Infolge seines geheimen (!) Fraktionalismus und der tiefen politischen Gräben wurde Bakunin schließlich aus der IAA ausgeschlossen.

Der Sitz des Generalrats wurde auf Antrag von Marx und Engels nach New York verlegt. Ein Grund dafür war das Wachstum der Arbeiterbewegung in den USA, wo die IAA 30 Ortsgruppen und über 5.000 Mitglieder hatte. Auch die massive Repression in Europa war ein Grund für die Verlegung. Das Hauptmotiv für den Beschluss war aber, die Leitung der IAA dem Einfluss der Bakunisten und Blanquisten zu entziehen. Marx´ Vorschlag wurde mit 30 gegen 14 Stimmen angenommen. Adolph Sorge wurde zum Generalsekretär der IAA gewählt.

Die IAA wuchs dann in den USA jedoch nicht mehr. Der letzte Kongress der Ersten Internationale fand 1876 in Philadelphia statt.

Lehren der Ersten Internationale

Die IAA machte größere Arbeitermassen mit dem Marxismus bekannt. Sie bekräftigte viele Thesen des Kommunistischen Manifests, insbesondere hinsichtlich der historischen Rolle der Arbeiterklasse und der Notwendigkeit, den Kapitalismus durch eine sozialistische Revolution zu stürzen.

Sie erarbeitete die Grundlagen der marxistischen Haltung zu den Gewerkschaften u.a. programmatische und taktische Positionen. Sie hob die Notwendigkeit der Schaffung von Arbeiterparteien und deren Unabhängigkeit von allen Flügeln des „fortschrittlichen“ Bürgertums hervor.

Sie stellte den Kampf für Reformen in den Kontext des Kampfes für die soziale Emanzipation der Arbeiterklasse. Sie unterstützte den ersten Versuch der Arbeiterklasse, die politische Macht zu ergreifen und zu behaupten. Sie entwickelte dabei das revolutionäre Programm in der Staatsfrage gegen Reformisten und Anarchisten entscheidend weiter.

Die IAA hat wichtige politische Grundlagen geschaffen für eine demokratisch-zentralistische Internationale mit gemeinsamem Programm, gemeinsamer Disziplin und gemeinsamen Zielen.

Ein Jahrzehnt lang waren Marx, Engels und ihre AnhängerInnen in der Lage, eine führende Rolle in den Arbeiterkämpfen einzunehmen, RevolutionärInnen im Kampf mit ernsthaften, nach links gehenden GewerkschafterInnen und ReformistInnen zu vereinen und diese für kommunistische Positionen zu gewinnen. Sie haben gleichzeitig den politischen Kampf gegen die Kapitulation der Gewerkschaftsführer vor den Liberalen, gegen anarchistisches Abenteurertum und den utopischen Sozialismus geführt. Sie haben so in Theorie und Praxis entscheidende Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus geschaffen und vertieft. Sie haben die Grundlagen für eine neue, marxistische Internationale geschaffen.

„Die Internationale hat zehn Jahre europäischer Geschichte nach einer Seite hin – nach der Seite hin, worin die Zukunft liegt – beherrscht und kann stolz auf ihre Arbeit zurückschauen. Aber in ihrer alten Form hat sie sich überlebt. Um eine neue Internationale in der Weise der alten, eine Allianz aller proletarischen Parteien aller Länder hervorzubringen, dazu gehörte ein allgemeines Niederschlagen der Arbeiterbewegung, wie es 1849-64 vorgeherrscht. Dazu ist jetzt die Welt zu groß, zu weitläufig geworden. Ich glaube, die nächste Internationale wird – nachdem Marx‘ Schriften einige Jahre gewirkt – direkt kommunistisch sein und geradezu unsere Prinzipien aufpflanzen.“ (Engels, Brief an Sorge, 12.-17.9.1864, MEW 33, S. 642)

Ein Vorbild für heute?

Natürlich sind heute die Voraussetzungen zum Aufbau einer neuen Internationale andere als zu Marx´ Zeiten. Einerseits sind objektiv die allgemeine Tendenz zur Globalisierung, die größere internationale Vernetzung der Kommunikation usw. dafür günstiger als in früheren Epochen; andererseits gibt es auch Faktoren, welche die Schaffung einer neuen Internationale deutlich erschweren:

  • die Schwäche und Zersplitterung der radikalen Linken sowie ihre mangelhafte methodisch-programmatische Substanz;
  • die oftmals starke Isolation dieser Linken vom Proletariat;
  • eine sehr lange Periode von historischen Misserfolgen der Arbeiterbewegung, beginnend mit dem Aufstieg des Stalinismus, welche das Klassenbewusstsein untergraben haben;
  • ein starker ideologischer und struktureller Einfluss des Reformismus, v.a. in der europäischen Arbeiterbewegung;
  • begrenzte „Boomphasen“ des Kapitalismus nach dem 2. Weltkrieg und mit der Globalisierung um die Jahrhundertwende, die mit einer ideologischen und strukturellen Offensive des Kapitals verbunden waren.

Es gibt kaum eine linke Organisation, die nicht die Notwendigkeit sieht, die Zersplitterung und die Schwäche der radikalen Linken in dieser oder jener Weise zu überwinden, die verschiedenen Milieus des Widerstands und isolierte Teilkämpfe international zu koordinieren. Einige – allerdings nur sehr wenige – Organisationen betonen sogar die Notwendigkeit, eine neue Internationale aufzubauen.

Doch darüber, wie das geschehen und welcher Art diese Internationale sein soll, gehen die Meinungen deutlich auseinander. Eine Position in diesem Spektrum meint, dass eine neue Internationale nach dem Modell der Ersten Internationale (IAA) geschaffen werden solle. Für diese Auffassung scheinen mehrere Umstände zu sprechen. Vor allem die Tatsache, dass die IAA mehrere ideologische Strömungen in sich vereinte, scheint in doppelter Hinsicht von Vorteil zu sein: erstens, weil diese große politische Bandbreite es zu erleichtern scheint, viele Kräfte in einer Organisation zu vereinen und damit zweitens die in der radikalen Linken „üblichen“ Grabenkämpfe und fraktionellen Spaltungen zu vermeiden.

Wahr daran ist tatsächlich, dass die Erste Internationale MarxistInnen, AnarchistInnen, GewerkschafterInnen ohne (feste) politische Bindung, ja sogar (linke) NationalistInnen umfasste. Daher wurde sie für viele zum Modell, die eine „dezentralisierte“, lose, „pluralistische“ und strömungsübergreifende Organisation befürworten, die weder revolutionär, noch reformistisch ist – also zentristischen Charakter hat.

Da es heute keinen starken oder gar dominanten revolutionär-kommunistischen Pol in der Arbeiterbewegung oder im Milieu von Protest und Widerstand gibt, liegt es natürlich nahe, davon auszugehen, dass bei der Formierung einer neuen Internationale tatsächlich verschiedene Ideologien und Organisationen zusammentreffen. Es würde aber – so meinen wir – eine Debatte, ein offener Kampf darüber geführt werden müssen, welches Programm, welche politische Methode der neuen Organisation zugrunde liegen soll. Natürlich kann dieser Prozess auch Ergebnisse haben, die wir nicht wünschen. Er kann dazu führen, dass die neue Internationale einen nichtrevolutionären Charakter annimmt, also auf reformistischer oder zentristischer Grundlage beruht. Er kann auch dazu führen, dass die neue Organisation an diesen Differenzen zerbricht, bevor sie überhaupt zustand kommt. Doch selbst dann, wenn die Entwicklung nicht sofort und direkt zur neuen Internationale führt, kann sie eine Stärkung und bessere Kooperation der marxistisch- revolutionären Kräfte bewirken. Deshalb darf dieser Aspekt auch niemals „dem Prozess“, „der Einheit“ usw. untergeordnet oder gar geopfert werden.

Die Erfahrungen der IAA zeigen, dass diese Gefahren real sind – zudem die revolutionären Kräfte heute meist noch weniger Gewicht haben als damals Karl Marx im Generalrat. Doch die Lösung des Problems kann u.E. nicht darin liegen, dass verschiedene Ideologien und damit verschiedenes, sich daraus ergebendes politisches Handeln, neben- und gegeneinander „koexistieren“. Das würde bedeuten, dass eine solche Organisation tendenziell handlungsunfähig wäre und an jeder Weggabelung des Klassenkampfes zerbrechen könnte. Und nicht nur das, sie wäre auch jeder Notwendigkeit enthoben, zu klären und in der Praxis zu überprüfen, welche Strategie, welche Taktik, welche Position für den Klassenkampf richtiger und zweckmäßiger wäre. Im Grunde bedeutet dieses zentristische „Schweben“ zwischen verschiedenen Programmen, die ja letztlich verschiedene Klasseninteressen ausdrücken, dass die marxistische Position, nach der die Welt grundsätzlich erkennbar ist und die Politik der Arbeiterklasse daher auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt werden kann und muss, abgelehnt wird – zugunsten von „Pluralität“ und Empirismus.

Das Agieren von Marx und seinen Mitstreitern in der IAA zeigt, dass sie eine solche Auffassung von Internationale eben nicht teilten. Sie führten vom Anfang bis zum Ende der IAA einen energischen politischen Kampf, der zwei Aspekte hatte: zum einen wollten sie, dass die IAA überhaupt allgemeine politische Grundsätze, d.h. ein System von Strategie und Taktik, erarbeitet; zum anderen stritten sie dafür, dass dieses System kein Mischmasch aus reformistischen, anarchistischen, revolutionären und trade-unionistischen (Nur-Gewerkschafterei) Auffassungen darstellt.

Dass die Erste Internationale zerbrach, lag sicher nicht daran, dass Marx für ein revolutionäres Programm gekämpft hat, sondern v.a. daran, dass es nach der Niederlage der Pariser Kommune 1871 zu einer Phase der Reaktion und des Rückgangs von Klassenkämpfen kam. Zudem hatte der  Fraktionskampf gegen die Anarchisten die Internationale zunehmend gelähmt. Diese Umstände  sahen Marx und Engels als zentrale Faktoren an, die I. Internationale zu „beerdigen“ – um jedoch den Kampf für eine neue Internationale später – auf der Basis eines neuen Aufschwungs der Arbeiterbewegung – wieder aufzunehmen. Die rasante Entwicklung der SPD in Deutschland, welche die Hauptbasis der II. Internationale war, sollte das bestätigen.

Bei allen Schwächen der SPD und der II. Internationale, die sie von Beginn an prägten (siehe z.B. die Kritik von Marx am Gothaer Programm), konnten sie sich doch auf die Errungenschaften der I. Internationale stützen und z.B. die anarchistischen Dummheiten von Beginn an vermeiden.

Der Aufbau einer neuen Internationale heute wird garantiert vor dem Problem stehen, dass im Prozess ihrer Entstehung verschiedene, überwiegend nicht-marxistische, nicht-revolutionäre Auffassungen eine Rolle spielen werden. Insofern wird die Diskussion über das Programm oder sogar die Frage, ob man ein Programm überhaupt braucht oder was dieses ist, ein zentrales Thema beim Aufbau einer neuen Internationale sein.

Gerade das Vereinigte Sekretariat (VS, in Deutschland isl und RSB) steht für eine Auffassung von Internationale, die eine eher föderale Struktur pflegt. Diese Auffassung bedeutet, dass die nationalen Sektionen in grundlegenden Fragen sehr unterschiedliche Positionen einnehmen. Das wäre an sich nicht unbedingt das Problem, wenn die Internationale versuchen würde, diese Differenzen zu diskutieren – mir dem Ziel, sie zu lösen und eine gemeinsame Politik auszuarbeiten. Gerade daran aber scheitert es. Diese „Dauerdifferenzen“ drücken sich auch darin aus, dass das VS wie wohl wenige „Internationalen“ davon geprägt ist, dass es permanente „Oppositionen“ gibt, die tw. über Jahrzehnte hinweg existieren, ohne dass es eine ernsthafte Debatte oder gar Klärung gibt. Was hier als besonders „demokratisch“ verstanden wird, ist im Grunde nichts anderes, als eine politische Klärung, eine Entscheidung auf die lange Bank zu schieben. Eine derartige Verfahrensweise untergräbt aber permanent die politische Substanz und die Handlungsfähigkeit einer Internationale.

In deutlichem Kontrast dazu stand das Verhalten der Marxisten in der IAA. Sie traten immer dafür ein, dass die Organisation eine einheitliche politische Grundlage erarbeitet, dass sie eine kollektive Führung hat und diese die Organisation auch führt. Der Kampf von Marx gegen die „Geheimbündelei“ und den Fraktionalismus Bakunins erfolgte nicht nur unter dem Aspekt der Durchsetzung einer verbindlichen, demokratischen und transparenten Arbeitsweise der IAA. Er war auch zugleich ein Kampf gegen politische Inhalte und Orientierungen – besonders anarchistische und trade-unionistische – mit denen Klassenkämpfe, geschweige denn der Sturz des Kapitalismus nicht erfolgreich durchgeführt werden konnten.

Der Unterschied zwischen Reformismus und Kommunismus besteht ja nicht darin, dass ersterer „anders“, also graduell, mittels Reformen zum Kommunismus kommen will, sondern dass er letztlich ein anderes gesellschaftliches Modell verteidigt: den Kapitalismus, wie Luxemburg in der Revisionismusdebatte mit Bernstein klar herausgearbeitet hat.

Wir erkennen durchaus an, dass es notwendig sein kann, in einer Internationale zu arbeiten (wie auch in einer Arbeiterpartei), in der RevolutionärInnen und ReformistInnen um das Programm streiten. ZentristInnen halten aber eine solche Organisation, die programmatisch zwischen zwei Stühlen sitzt, für dauerhaft möglich. Das Utopische dieser Auffassung besteht somit darin, dass eine solche Partei zugleich zwei antagonistischen Klassen dienen könnte.

Ein wichtiger Unterschied zwischen der IAA und einer Internationale, die heute entstehen würde, wäre der Umstand, dass wir heute in der Epoche des Imperialismus leben, in der nicht nur die Bourgeoisie jede fortschrittliche Rolle eingebüßt hat, sondern der politische Reformismus seinem Wesen nach Sozialchauvinismus ist, also selbst unwiederbringlich eine Stütze des Kapitalismus und der Herrschaft der Bourgeoisie.

Die imperialistische Epoche hat dazu geführt, dass die Apparate der Arbeiterklasse, wenn sie unpolitisch, „politisch neutral“ bleiben, in der Regel von Reformisten geführt und mit deren Hilfe in das bürgerliche Herrschaftssystem integriert werden (außer in besonderen Notsituationen wie z.B. der faschistischen Herrschaft). Das drückt sich auch in der Entstehung einer Arbeiterbürokratie aus, deren materielle Basis die imperialistischen Extraprofite und die Entstehung einer Arbeiteraristokratie ist.

Es ist kein Zufall, dass die Reformisten, aber auch die zentristischen Opportunisten oft die Leninsche Imperialismustheorie gerade in diesem Punkt ablehnen, weil sie betont, dass – taktische Manöver hin oder her – es letztlich zu einem politischen und organisatorischen Bruch der KommunistInnen mit den ReformistInnen kommen muss.

In den letzten Jahren zeigten sich neue Tendenzen im Klassenkampf und in der internationalen Linken.

Unter dem Druck der Krise gab es in etlichen Ländern (z.B. Griechenland, Spanien) Massenproteste gegen den durch das kapitalistische Krisenmanagement hervorgerufenen sozialen Notstand. Die Aufstände des Arabischen Frühlings führten sogar zum Sturz mehrerer despotischer Regime. Doch in beiden Fällen führten diese Bewegungen nicht zum Sieg bzw. zum Sturz des Kapitalismus und konnten letztlich auch die soziale Misere weder stoppen noch auch nur mildern. All diesen Bewegungen fehlte eine konsequente proletarisch-revolutionäre Führung, ja sogar ein solcher wenigstens wahrnehmbarer politischer Pol. In Folge dessen fehlten eine anti-kapitalistische politische Perspektive und eine klare Vorstellung davon, wie der Kampf geführt werden muss und welche Fragen sich dabei stellen.

Während in den arabischen Ländern der Einfluss religiöser Kräfte mit dem Niedergang der Revolutionen allgemein stieg, profitierte z.B. in Griechenland die (links)reformistische Syriza von der Bewegung, in Spanien wiederum entstand aus der Protestbewegung mit Podemos ein neues großes Projekt mit Masseneinfluss, dessen Charakter noch nicht endgültig geklärt ist und am ehesten als aktuell zwischen Zentrismus und Linksreformismus stehend beschrieben werden kann.

Vor diesem Hintergrund gibt es seit Jahren auch einen Trend zur Umgruppierung in der Linken, der sich einerseits aus der Erkenntnis speist, dass die aktuelle links-radikale Szene den Anforderungen des Klassenkampfes nicht gewachsen ist und andererseits auch die reformistisch-sozialdemokratischen Parteien keine Alternative darstellen.

Das Anhalten der Krise in doppeltem Sinn – der Krise des Kapitalismus wie der Krise der radikalen Linken – wird in den nächsten Jahren sicher neue und vielleicht bedeutendere Neu- und Umgruppierungsprojekte hervorbringen. An ihnen werden verschiedene soziale Milieus und  verschiedene politische Kräfte mit unterschiedlichen Ideologien beteiligt sein. Ohne dass irgendjemand voraussagen kann, wie der Aufbau einer neuen Internationale genau aussehen wird, können wir doch davon ausgehen, dass dabei zwei Faktoren von Bedeutung sein werden: a) das Entstehen von Massenwiderstand und Massenbewegungen und b) diverse Umgruppierungsprojekte  der Linken, die auch mit der Erosion, dem Zerfall oder mit Abspaltungen aus reformistischen Massenorganisationen oder größeren zentristischen Formationen einhergehen können.

Dieser Prozess wird verschiedene Taktiken und deren Kombination notwendig machen: die Arbeiterparteitaktik, die Block-Taktik oder den Entrismus (Eintritt und fraktioneller Kampf in eine(r) größeren reformistischen bzw. zentristischen Formation). Die Aufgabe von MarxistInnen  dabei muss es dann sein, diese Taktiken flexibel und zugleich prinzipienfest anzuwenden, dabei immer für ein revolutionäres Programm zu kämpfen – ohne es zur Vorbedingung zu machen -, keine  unlauteren Tricks oder politisch unausgewiesene Manöver anzuwenden und sich niemals nicht-revolutionären Konzepten anzupassen oder diesen gar unterzuordnen. Das ist das politisch-methodische Erbe nicht nur des Wirkens von Marx in der I. Internationale, sondern auch später von Luxemburg, Lenin und Trotzki.

Die vor uns stehenden Aufgaben zur Neuformierung einer organisierten internationalen revolutionären Vorhut können mit dem literarischen Bild des „Engels der Geschichte“ von Walter Benjamin verglichen werden:

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Dieser historische Phoenix wird sich immer wieder neu aufschwingen, aber er wird nur fliegen können, wenn er den Schutt der Geschichte von seinen Flügeln abschüttelt und sich bewusst der Zukunft zuwendet.

image_pdfimage_print

Related Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

− 1 = 3

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.