Sexismus-Debatte: Nur ein Ausrutscher?

Rex Rotmann, Neue Internationale 176, Februar 2013

Es ist wohl kein Zufall, dass die Sexismus-Vorwürfe einer Stern-Journalistin gegen FDP-Fraktionschef Brüderle in Politik und Medien zu einer heftigen Debatte führten. Unabhängig davon, was Brüderle nun tatsächlich gesagt hat, zeigt allein seine und die Reaktion seiner Parteifreunde, dass sie sexistisches Verhalten nur als Kavaliersdelikt ansehen und keinesfalls als gesellschaftliches Problem.

Brüderle selbst schweigt, sein Parteifreund Kubicki meint, er werde künftig keine Journalistinnen mehr als Wahlkampfbegleitung in seinem Fahrzeug mitnehmen. Zudem wolle er künftig Gespräche an der Hotelbar vermeiden, wenn Journalistinnen anwesend sind. „Denn natürlich“, so Kubicki weiter, „rutscht einem da schon mal eine lockere und nicht gelungene Bemerkung heraus.“

Dass diese „Liberalen“ sich noch nicht einmal dazu durchringen können, einzuräumen, dass da etwas nicht in Ordnung ist; dass sie noch nicht einmal, wie sonst üblich, eine Entschuldigung medienpolitisch eindrucksvoll lancieren – dieses Verhalten zeigt deutlich, dass für diese „Freiheitler“ Sexismus kein Thema ist, dass es dieses Problem von Frauen – also von 50% der Bevölkerung – nicht gibt oder man(n) sich zumindest damit nicht ernsthaft beschäftigen muss.

Natürlich geht es nicht, zumindest nicht in erster Linie, um ein paar „flapsige“ Bemerkungen; es geht um wesentlich ernstere Dinge. Es geht darum, dass Frauen permanent sexistischen Bemerkungen und Übergriffen ausgesetzt sind, die im extremsten – aber leider keineswegs seltenen – Fall mit offener sexueller Gewalt verbunden sind. Untersuchungen belegen, dass ca. die Hälfte aller Frauen schon konkrete Erfahrungen mit Sexismus gemacht haben, wobei hier eher die drastischeren Fälle gemeint sind, weil sich ansonsten die Zahl der betroffenen Frauen den 100 Prozent nähern dürfte.

Keine gute neue Zeit

Dabei wollte uns die Bundesregierung glauben machen, dass Diskriminierung, Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen entweder einer längst vergangenen Zeit angehörten oder jedenfalls immer mehr abnehmen würden. Frau Schröder veröffentlichte gar ein ganzes Buch gegen den „Feminismus“, der nunmehr zum Hauptproblem für die Frauen (!) geworden wäre. Als Gegenpart versuchte Frau von der Leyen, die sich in der Regierung als „Frauenrechtlerin“ zu profilieren sucht, Quotenregelungen für Chefetagen und ähnliches zu Hauptaufgaben im Kampf um „Gleichberechtigung“ zu stilisieren.

Gemäß dieser in sich schon verlogenen Gegenüberstellung, erschien der altbackene Chauvi als Relikt vergangener Zeiten, das zumindest in der „besseren Gesellschaft“ nicht mehr oder nur noch am Rande vorkam. Offener Sexismus erschien so als zurückgehendes Phänomen, das allenfalls noch bei den „Unterschichten“, bei ArbeiterInnen, Arbeitslosen, Deklassierten, MigrantInnen häufig vorkommt.

Damit freilich hängt ein Phänomen zusammen, das auch in der gegenwärtigen Debatte sichtbar wird. Sexismus bzw. sexistische Äußerungen erscheinen primär als ein individuelles Verhaltensproblem. Wären die FDPler – letztlich die gesamte (männliche) Gesellschaft – doch nur „reflektierter“ und „aufgeklärter“, wäre mit sexistischen Äußerungen bald Schluss. Der Kampf gegen Sexismus wird hier zu einer Frage von Bildung und Aufklärung – und damit zu einem Kampf gegen Windmühlen.

Die Tatsache, dass Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft (wie auch in allen früheren Klassengesellschaften) eine untergeordnete Rolle spielen und die Funktionsträger und Chefs fast immer Männer sind, erklärt auch, dass Frauen häufig dazu gezwungen oder animiert sind, gesellschaftlichen Aufstieg oder überhaupt den Lebensunterhalt dadurch zu sichern, dass sie sich den Wünschen „der Männer“ anpassen oder unterwerfen. Dass das so sein kann, setzt natürlich eine sozial benachteiligte Stellung der Frau voraus.

Aktuell wird in diesem Zusammenhang – durchaus zu recht – auf die besondere Unterdrückung und Entrechtung von Frauen durch den islamischen Fundamentalismus verwiesen. Doch zugleich lenkt diese Betrachtung davon ab, dass hierzulande, wo die materiellen Möglichkeiten und kulturellen Voraussetzungen für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am gesellschaftlichen Leben grundsätzlich besser sind,  Frauen auch unterdrückt und sozial benachteiligt sind – trotz weitgehender rechtlicher Gleichstellung. Diese soziale Unterdrückung der Frau, die letztlich in einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und der Bindung der Frau an die private Hausarbeit wurzelt, ist auch die Grundlage des Sexismus in der Gesellschaft, von geschlechtsspezifischen Rollenbildern, Stereotypen oder auch der Bestimmung vorgeblich „weiblicher“ oder „männlicher“ Eigenschaften.

Worin besteht die soziale Unterdrückung der Frau in hoch entwickelten Industrieländern wie Deutschland?

Zum einen darin, dass Frauen nach wie vor die Hauptlast der Hausarbeit und der Kinderbetreuung tragen. Die bürgerliche Familie erweist sich für Frauen oft nicht als Idylle, sondern als Gefängnis, für das sie das Plüschsofa selbst aussuchen können. Familie bedeutet nicht nur zeitliche und nervliche Doppelbelastung für berufstätige Frauen. Es bedeutet auch, dass Frauen phasenweise aus dem Berufsleben, ja tw. aus dem gesellschaftlichen Leben überhaupt herausgerissen werden.

Zum anderen – und eng mit ihrer „Hausfrauenrolle“ verbunden – sind die Aufstiegs- und  Verdienstmöglichkeiten von Frauen deutlich schlechter als die der Männer. In Deutschland verdienen Frauen ca. 23% weniger als Männer, ihr Anteil an der Altersarmut ist deutlich höher und  bei prekären Jobs sind sie überproportional vertreten.

Ohne Frage schadet diese schlechtere Stellung von Frauen in den sozialen Hierarchien auch ihrem sozialen Selbstwertgefühl und befördert damit auch eine Sicht von Männern, Frauen nicht als gleichwertige Subjekte anzusehen sondern als „Objekte“.

Diese Umstände werden dann durch reaktionäre „Frauen- und Familienpolitik“ wie z.B. der „Herdprämie“ und mehr noch durch fehlende oder teure Kita-Plätze verstärkt.

Frauenbefreiung und Arbeiterbewegung

Sexismus ist eine männliche Verhaltensweise, die sich über tausende Jahre verfestigt hat. Sie ist in allen Klassen präsent, auch in der Arbeiterklasse. Trotzdem ist aber die Arbeiterklasse die einzige Klasse, die kein objektives Interesse daran hat, dass die Unterdrückung und Diskriminierung der Frau weiter bestehen bleibt. Im Gegenteil: die Geschichte des Marxismus und der Arbeiterbewegung beweisen, dass sie von Anfang an die Unterdrückung der Frau nicht nur als besonderes und zentrales Element der gesamten Unterdrückungsverhältnisse in Klassengesellschaften erkannt hat. Mehr noch: anders als der (bürgerliche) Feminismus haben sie immer auch betont, dass die Frauenunterdrückung untertrennbar mit der Klassenfrage verbunden und von dieser selbst geprägt wird. Proletarische Frauen sind natürlich stärker von Sexismus und v.a. von sozialer Unterdrückung und Diskriminierung betroffen, als „begüterte“ Frauen.

Ohne die Verdienste des Feminismus schmälern zu wollen, war es aber nur im Klassenkampf der  Arbeiterklasse für proletarische Frauen möglich, ihre spezifischen Probleme und Interessen zu artikulieren und sich – vor allen Dingen – dafür auch zu organisieren und zu kämpfen. Viele – tendenziell alle – großen sozialen Bewegungen des Proletariats waren auch davon geprägt, dass Frauen ein eigenständiger, selbstbewusster und oft genug besonders kühner Teil der Bewegung waren: so z.B. in der Pariser Kommune oder in der russischen Revolution und selbst bei den 68ern. Wirkliche Verbesserungen der sozialen Lage von Frauen und demokratische Errungenschaften waren Folge von Revolutionen, tw. sogar von gescheiterten. Es ist kein Zufall, dass die kühnsten und zugleich praktischsten Vorstöße zur Gleichberechtigung und Befreiung der Frau im ersten ArbeiterInnenstaat der Welt – der Sowjetunion – zu beobachten waren; es war genauso wenig ein Zufall, dass dieser Prozess fast komplett gestoppt wurde, als der konterrevolutionäre Stalinismus  sich durchsetzte.

Nur die Arbeiterbewegung hat die Befreiung der Frau mit der Idee einer anderen Gesellschaft, des Sozialismus, verbunden. Diese gesellschaftliche, ja menschheitliche Perspektive ist die einzig angemessene Perspektive, unter der auch der Kampf gegen die Unterdrückung der Frau betrachtet werden muss!

Die aktuelle Sexismus-Debatte hingegen, wie sie in Talksshows und Polit-Runden geführt wird, wird allenfalls dazu, dem jeweiligen parteipolitischen Gegner eins auszuwischen. Sie wird nichts, aber auch gar nichts an den realen Verhältnissen ändern – schon deshalb nicht, weil sie nicht über den Horizont des „Geschlechterverhältnisses“ hinaus schaut, weil sie die Gesamtheit der sozialen Verhältnisse, die eben in ihrer Gesamtheit auch mit der Unterdrückung der Frau verbunden sind, nicht sehen will. Das zu sehen würde nämlich bedeuten, zu verstehen, dass es ohne die Überwindung des Kapitalismus auch keine Frauenbefreiung geben kann.

Bis dahin ist unseren Schwestern zu wünschen, dass sie mutig genug sind, den Brüderles bei Bedarf kräftig vors Schienbein zu hauen. Im übertragenen Sinn sollten Frauen – und natürlich auch Männer – auch die Gewerkschaften und linken Organisationen vors Schienbein treten, wenn sie den Kampf für die Befreiung der Frau als Nebenfrage betrachten oder sich mit der Einführung von Gleichstellungsbeauftragten zufrieden geben.

Wie nötig das ist, wird z. B. an der Äußerung Gregor Gysis klar, dem nichts weiter einfiel, als den Medien kundzutun, die Vorwürfe gegen Brüderle seien „übertrieben“. Als ob es nur um Brüderle ginge! Doch eines zeigt diese Äußerung Gysis: dass sein geistiger Horizont im Lauf der Jahre immer mehr dem Durchmesser der Reichstagskuppel entspricht.

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