Kapitalismus, Krise, Frauenunterdrückung – Globale Ausbeutung der Frauen

Anne Moll, Frauenzeitung Arbeitermacht/REVOLUTION, März 2014

Seit den 1980ern hat die Globalisierung unter dem Diktat der großen imperialistischen Staaten, das Bestreben, alle Länder vollständig der Dominanz des neoliberalen Wirtschaftsmodells zu unterwerfen, an Expansion und Tempo zugenommen.

Die neoliberale Offensive des Kapitals hat zu einer weiteren Durchdringung der Märkte durch das imperialistische Kapital geführt, zu einer verschärften Konkurrenz zwischen Unternehmen und Staaten.

Die IdeologInnen der herrschenden Klasse versprachen, dass dieses System letztlich zu mehr Wohlstand für alle und zu einem krisenfreien Kapitalismus führen würde.

Dieser immer schon leeren Versprechungen entpuppten sich spätestens seit der großen Krise 2007/08 dann als das, was sie immer schon waren: Sonntagsreden der Herrschenden, von bürgerlichen „ExpertInnen“ und Medien.

Statt besseren Bedingungen gibt es eine erbarmungslose, verschärfte Konkurrenz aller gegen alle. Ein Kampf um die Neuaufteilung der Welt ist unter den führenden Kapitalien und Großmächten entbrannt – die Kosten der Krise werden auf die Massen abgewälzt. Und unter den Auswirkungen leiden Millionen Menschen weltweit.

Ideologie

Erfolgreich wurde hierzulande von Politik und Medien immer wieder die Mär von den immensen Vorteilen der kapitalistischen Globalisierung verbreitet. Die großartige globale Vernetzung, die Bewegungsfreiheit und die Möglichkeiten, von einander zu lernen und zu profitieren.

Doch diese einseitige Propaganda sollte v.a. davon ablenken, dass die Profite in den imperialistischen Ländern auch durch verschärfte Ausbeutung in armen, halbkolonialen Ländern geschaffen werden.

Die bürgerliche Mittelschicht beruhigt ihr Gewissen durch Spenden an Hilfsorganisationen, durch Boykottaufrufe aber auch durch Unterschriften unter Petitionen für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne in den Sweatshops der Armen, vorzugsweise gern durch Kauf von „Fair gehandelten Produkten“.

Die Mehrheit in den „reichen Ländern“ ist jedoch selbst darauf angewiesen, die billig produzierten Güter bei Ikea, Primark, H&M und Co. zu kaufen. Es ist praktisch nahezu unmöglich, auch nur ein Unternehmen zu finden, das seine Produktion nicht in Sonderwirtschafts-, Freihandelszonen o.a.  exportorientierte Regionen verlagert hat, um jedwede Arbeitsrechts- oder Umweltbeschränkungen zu umgehen, immense Profite zu erwirtschaften und obendrein noch billige Produkte auf den hiesigen Markt zu bringen.

Strukturen

Heute gibt es in über 70 Ländern 800 (!) solcher Sonderwirtschafts- und Freihandelszonen, in denen Millionen Menschen beschäftigt sind. Davon sind über 80% Frauen. Diese Zonen sind isolierte zoll- und steuerfreie Wirtschaftsräume, die wie kleine Militärstaaten konzipiert sind und den zuständigen Regierungen nur wenig Eingriffsrechte lassen. Oft sind diese aber auch direkt an der extremen Ausbeutung beteiligt, z.B. als Eigentümer der maroden Fabriken.

Die großen Konzerne – mit ihrem vordergründig sauberen Markenimage –  verstecken ihre Beteiligung an den Bedingungen der Überausbeutung hinter den Geschäften ihren Zulieferbetriebe und versuchen so, jede Verantwortung für gesundheitsgefährdende bis lebensgefährliche Arbeitsbedingungen von sich zu weisen.

Bedingungen

Der Alltag in den Produktionsstätten der großen Markenkonzerne ist von Einschüchterung, Strafarbeiten und Drohungen, von sexueller Belästigung und Misshandlung geprägt. Selbst Toilettengänge werden reglementiert, Pausen willkürlich eingeschränkt, es gibt kaum Krankheits- oder Mutterschaftsurlaub. Wer nicht 6-7 Tage pro Woche bis zu 16 Stunden pro Tag arbeiten kann, fliegt.

Die Fabriken selbst sind oft baufällige Gebäude ohne jede Sicherheitstechnik und Arbeitsschutzvorkehrungen. Oft genug sind solche Gebäude durch Fehler an elektrischen Leitungen abgebrannt oder eingestürzt. So sind 2013 Hunderte ArbeiterInnen einer Fabrik in Savar in Bangladesh ums Leben gekommen, Tausende wurden verletzt. Wie brutal die Betreiber solcher Fabriken agieren, zeigt gerade dieses Beispiel. Die Warnungen der ArbeiterInnen über Risse in dem 8-stöckigen Gebäude wurden nicht nur ignoriert, sondern sie wurden auch zur Arbeit gezwungen und alle Ausgänge verschlossen.

Unter diesen Bedingungen wundert es nicht, das gewerkschaftliche Organisierung verboten oder durch massive Drohungen verhindert wird.

Trotzdem, selbst unter größter Gefahr, gibt es immer wieder Versuche, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Kommt es tatsächlich zu Massendemonstrationen oder Streiks, werden die ArbeiterInnen generell brutal vom Polizeiapparat auseinandergetrieben.

Auch Frauenorganisationen bemühen sich darum, die Frauen in den Produktionsstätten zu unterstützen und gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen und internationalen Gewerkschaften Druck auf die Konzerne auszuüben, indem sie die unerträglichen Arbeitsbedingungen öffentlich machen.

Beispiele

In den vier Hauptbranchen der Überausbeutung von Frauen arbeiten zwischen 30-90% von ihnen.

  • in der Bekleidungsindustrie liegt der Frauenanteil weltweit bei 80-90%;
  • in der Spielzeugindustrie Chinas arbeiten zu 90% Frauen, v.a. im Alter von 18-30 Jahren;
  • in der Elektronik-Fertigung in Rumänien arbeiten 60-70% Frauen;
  • in der Landwirtschaft variiert der Frauenbeschäftigungsteil zwischen 30-90%.

Nach wie vor spielen hier historische, mittlerweile völlig unhaltbare Annahmen eine Rolle: Frauen gelten als „Zuverdienerinnen“ und brauchen daher keinen „Familienernährerlohn“. Ihnen wird also meist deutlich weniger Lohn gezahlt als männlichen Arbeitern. Sie arbeiten befristet, informell und auch in Teilzeit, weil ihre eigentliche „Arbeit“ nach wie vor in der Reproduktionsarbeit gesehen wird – als Mütter, Ehe- oder Hausfrauen und Töchter, die ihre Familienangehörigen versorgen.

Diese Bedingungen sind durch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zu erklären, die für die Frauenunterdrückung im Kapitalismus grundlegend ist. Sie bildet eine wesentliche Grundlage der Geschlechterdiskriminierung und die sie reproduzierenden Sozialisationsbedingungen spielen den Konzernen in die Hände. So gelten Frauen als weniger fordernd, als besonders flexibel und verlässlich.

Oft werden sie mit falschen Versprechungen in die Fabriken gelockt, dort unter Druck gesetzt und so massiv eingeschüchtert, dass sie nicht mehr wagen, ihren Vorgesetzten den Rücken zu kehren. Meist ist es aber die fehlende Alternative und tatsächliche Angst vorm Verhungern, der Druck des Elends der Familie, die die Frauen in diese Jobs zwingt und auch dazu, dort zu bleiben.

Diesen Verhältnissen hat der Kapitalismus immer Vorschub geleistet. In der Phase der Globalisierung des Kapitals Ende der 1980er/Anfang der 1990er wurde das besondere forciert. Andere Möglichkeiten der Reproduktion werden weiter sukzessive minimiert. Einheimische Subsistenz- und kleine Landwirtschaftsbetriebe sind durch billige Importe aus den Industrieländern weitgehend zerstört, die größere Landwirtschaft ist meist in der Hand großer Konzerne. Dadurch sind Millionen Menschen gezwungen, in den Industriebetrieben der globalen Konzerne und deren Zulieferbetrieben ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

Die Möglichkeiten für die Masse der Frauen, die in die Lohnarbeit drängen, sind aber auch gegenüber der männlichen Bevölkerung stark eingeschränkt. Ohne Schul- und Berufsausbildung haben sie keine Wahlmöglichkeit. Die einzigen Alternativen zur modernen Sklavenarbeit in den Fabriken der Freihandelszonen sind die Arbeit im Haushalt reicher Familien oder in der Sexindustrie – also die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Rollback

Auch nach Jahrzehnten von Protest- und Aufklärungsarbeit durch Hilfsorganisationen oder NGOs ist die Situation nicht besser geworden. Im Gegenteil, die globale, durch sinkende Profitraten getriebene Ausbeutung kehrt mit Leiharbeit, Werkverträgen und illegaler Beschäftigung in die imperialistischen Zentren zurück.

Beispiele dafür gibt es genug: Schauen wir uns nur die Arbeitsbedingungen beispielsweise bei Amazon, in den Fleischfabriken oder die prekären Beschäftigungsverhältnisse in der Pflege oder im Einzelhandel an. So wurden in den imperialistischen Ländern die Produktionen der Textilindustrie, der Spielzeugindustrie und der Elektroindustrie abgebaut und in die Länder der jeweils billigsten Produktionsmöglichkeiten verlagert. Und so werden nun in diesen Ländern v.a. Zulieferer- und Dienstleistungen von Großunternehmen aufgezogen, die immer mehr auch die Standards für Arbeitsschutz und Löhne der imperialistischen Länder selbst unterlaufen. So kommt die moderne Sklavenarbeit von den Halbkolonien zurück in die „reichen Länder“ der Welt. Betroffen vor allem: Frauen!

Was tun?

Da bleiben viele, selbst Linke, einigermaßen ratlos und kommen über Forderungen an die Parlamente einerseits oder die Ablehnung der gesamten Lohnarbeit andererseits kaum hinaus. Die gewerkschaftliche Organisation der prekär Beschäftigten ist katastrophal, stattfindende Kämpfe werden nicht selten dem Primat des Standorts geopfert.

Es ist jedoch auch ein falsches, einseitiges Bild, die Arbeiterinnen nur als „hilflose Opfer“ zu sehen. Unter schwierigsten Bedingungen haben sich auch Millionen von ihnen in den letzten Jahren zu wehren begonnen, oft mit unglaublichem Mut und überaus militant. In Ländern wie Sri Lanka und in Kambodscha z.B. gab es wichtige Fortschritte in der gewerkschaftlichen Organisierung von Arbeiterinnen in der Textilindustrie der Sonderwirtschaftszonen. In China, im Land mit der größten und betrieblich aktivsten Arbeiterklasse der Welt, spielen auch Frauen eine sehr wichtige Rolle bei den oft illegalen oder halb-legalen Streiks.

Gewerkschaftliche Organisierung spielt daher eine zentrale Rolle bei der Organisierung von Frauen und beim Aufbau einer globalen proletarischen Frauenbewegung. Aber zugleich hat die gewerkschaftliche und betriebliche Ebene auch ihre Grenzen, wenn es darum geht, den Kapitalismus als Gesamtsystem anzugehen, also die Wurzel des Problems anzugreifen.

Die Erarbeitung eines politischen Programms für eine internationale Organisation kann hier eine wirkliche politische Alternative bieten. So schreiben wir in unserem Programm „Vom Widerstand zur Revolution“: „Für eine proletarische Frauenbewegung, um Frauen im Kampf für ihre Rechte zu mobilisieren, die Kämpfe der ArbeiterInnen überall zu stärken, den Kampf gegen den Kapitalismus mit dem Kampf für die Emanzipation der Frauen und eine neue Gesellschaftsordnung, die auf wirklicher Freiheit und Gleichheit beruht, zu verknüpfen! Die Aufgabe von KommunistInnen besteht im Aufbau einer solchen Bewegung und in deren Führung entlang des Weges zur gesellschaftlichen Revolution.“

Wesentliche Schritte dahin sind konkrete Forderungen für bessere Arbeitsbedingungen, die weltweit erkämpft werden müssen:

  • Massive Lohnerhöhungen und Kampf für einen Mindestlohn. Als Richtwerte gelten die Lebenshaltungskosten in den jeweiligen Ländern, also alle Reproduktionskosten, plus der Kosten für Mobilität und Teilnahme an Kultur und Bildungsangeboten. Mindestrenten und Arbeitslosengeld, die vor Armut schützen – festgelegt von der Arbeiterbewegung des jeweiligen Landes.
  • Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit! Abschaffung jeder Lohn- und Gehaltsdiskriminierung von Frauen – kontrolliert von Ausschüssen lohnabhängiger Frauen und den Gewerkschaften!
  • Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, wie sie in den fortschrittlichsten Fabriken Standard sind, deren Entwicklung und Weiterentwicklung muss von den Organisationen der ArbeiterInnen zusammen erarbeitet und überprüft werden.
  • Reduzierung der Arbeitszeit, als ersten Schritt auf 30 Stunden pro Woche weltweit bei vollem Lohnausgleich. Als RevolutionärInnen ist unser Ziel, die Arbeitszeit zu senken und dafür zu kämpfen, dass alle gesellschaftlich notwendige Arbeit auf alle Arbeitsfähigen aufgeteilt wird.
  • Freie Gesundheitsversorgung und bei Erkrankung volle und unbegrenzte Lohnfortzahlung.
  • Für Möglichkeiten der 24-Stunden-Betreuung für Kinder vom ersten Lebenstag an. Qualifizierung und Betreuungsschlüssel unter Kontrolle der Eltern und Beschäftigten nach Richtlinien der fortschrittlichsten Erkenntnisse.
  • Vergesellschaftung der privaten Hausarbeit!
  • Volle rechtliche und politische Gleichstellung der Frauen!
  • Für das Recht auf freie gewerkschaftliche und politische Organisierung weltweit!
  • Für eine proletarische Frauenbewegung!

Wir sind der Meinung, mit diesen Forderungen die Mehrheit aller LohnarbeiterInnen, der Arbeitslosen, Jugendlichen und RentnerInnen für einen gemeinsamen Kampf organisieren zu können. Wir haben nicht die Illusion, dass mit der Durchsetzung dieser Forderungen das Elend von der Welt getilgt werden könnte – aber der Kampf dafür wird das Kräfteverhältnis deutlich verändern.

Das tägliche unerträgliche Leid von Millionen von Frauen und Familien wäre gemildert, die Möglichkeit zur politischen Bildung und Einmischung wären verbessert und damit die beste Voraussetzung für eine weltweite Revolution, die tatsächlich den Kapitalismus überwinden kann und eine neue befreite Gesellschaft aufbaut, geschaffen.

Dafür stehen wir und fordern alle Frauen weltweit auf, sich mit uns zusammen zu schließen und gemeinsam den Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdrückung zu organisieren.

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