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Afghanistan: Frauen weisen den Weg gegen die fundamentalistische Reaktion

Revolutionary Socialist Movement, Pakistanische Sektion der Liga für die Fünfte Internationale, Infomail 1162, 13. September 2021

Afghanische Frauen sind führend bei der Organisation von Anti-Taliban-Protesten in Kabul und anderen Teilen Afghanistans. Sie tun das, was die US-amerikanischen und verbündeten Besatzungstruppen nicht geschafft haben: sich den Taliban entgegenzustellen. Und dies trotz zunehmend zügelloser Repression. Die Taliban haben eine schwangere Polizistin getötet, Proteste ohne Genehmigung der Regierung verboten und mehr als ein Dutzend JournalistInnen festgenommen, von denen zwei so schwer verprügelt wurden, dass sie ins Krankenhaus mussten. Und dies sind nur einige gut dokumentierte Fälle der Repression.

Die Taliban, die seit dem schmachvollen Abzug der imperialistischen Besatzungstruppen an der Macht sind, haben zwar behauptet, sich für die Rechte der Frauen einzusetzen, aber alle Frauen, mit Ausnahme derjenigen im öffentlichen Gesundheitswesen, aufgefordert, nicht zu arbeiten, „bis sich die Sicherheitslage verbessert“. Die afghanischen Frauen glauben das nicht: Die gleiche Ausrede wurde in den 1990er Jahren, als die Taliban zuletzt an der Macht waren, benutzt, um Frauen von der Teilnahme am öffentlichen Leben abzuhalten. Außerdem haben sie den Frauen erneut eine strenge reaktionäre Kleiderordnung auferlegt, die das Tragen von Kopfbedeckungen und Gesichtsschleiern wie Hijab und Niqab vorschreibt.

Proteste und Unterdrückung

Als Reaktion auf die zunehmende Zahl von Protesten haben die Taliban erklärt, dass DemonstrantInnen nicht nur eine Genehmigung des Justizministeriums einholen müssen, sondern dass die Sicherheitsdienste auch Ort und Zeit des Protests und sogar die Verwendung von Transparenten und Slogans genehmigen müssen.

Frauen, die gegen die Taliban-Herrschaft protestieren, wurden angehalten, mit Peitschen geschlagen und mit Elektrostöcken geprügelt. Mit scharfen Salven, die angeblich über Menschenmengen in die Luft geschossen wurden, sind bereits drei Menschen getötet worden. Die Frauen wurden nicht nur mit Namen beschimpft, deren Wiederholung sie als beschämend empfinden, sondern es wurde ihnen auch gesagt, sie sollten nach Hause gehen, weil dies „ihr Platz“ sei. Dennoch protestieren die Frauen weiter, und zwar nicht nur gegen die Taliban, sondern oft auch gegen ihre Familien.

Bisher wurden die meisten Proteste von jungen Frauen und Männern angeführt, die vor allem aus der Mittelschicht stammen und beschäftigt sind/waren. Sie zeigen, wie sich die Urbanisierung unter der imperialistischen Besatzung auf Afghanistan ausgewirkt hat. Die 20 Jahre der Besatzung und des Krieges haben es einem Teil der jungen AfghanInnen ermöglicht, das Leben in den Städten mit gewissen Freiheiten, wie dem Recht auf Arbeit, zu erleben. Für sie würde die Herrschaft der Taliban bedeuten, dass sie in eine Gesellschaft gezwungen werden, die sie nie gekannt haben und in der sie die begrenzten „Privilegien“, zu arbeiten und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, verlieren. Junge AfghanInnen, insbesondere Frauen, die in den Städten aufgewachsen sind, sind nicht bereit, dies zuzulassen.

Dies wurde von Mitgliedern der Revolutionären Vereinigung der Frauen Afghanistans (RAWA = Revolutionary Association of the Women of Afghanistan) bei einer Protestaktion in Balkh (Balch) am 6. September mit Plakaten deutlich zum Ausdruck gebracht: „Wir gehen nicht zurück!“ und „Frauen werden nicht zurückgehen!“

In der Erklärung der RAWA zur Machtübernahme durch die Taliban wurde ihr Standpunkt klar und deutlich dargelegt: „In den letzten 20 Jahren war eine unserer Forderungen ein Ende der US/NATO-Besatzung und noch besser wäre es, wenn sie ihre islamischen FundamentalistInnen und TechnokratInnen mitnehmen und unser Volk selbst über sein Schicksal entscheiden lassen würden. Diese Besatzung hat nur zu Blutvergießen, Zerstörung und Chaos geführt. Sie haben unser Land in den korruptesten, unsichersten, von Drogenmafia-Strukturen durchsetzten und gefährlichsten Ort verwandelt, vor allem für Frauen.“

Dies unterstreicht den progressiven Charakter der Demonstrationen. Im Moment mag es ihnen an starker, landesweiter Unterstützung fehlen, aber zwei Faktoren könnten das drastisch ändern. Erstens: Die Abwertung der afghanischen Währung und die steigende Inflation führen dazu, dass die meisten AfghanInnen darum kämpfen, überhaupt Brot auf den Tisch bringen können, was die Aufrechterhaltung der Ordnung von Tag zu Tag schwieriger macht. Zweitens nehmen die Angriffe auf die demokratischen Freiheiten in dem Maße zu, in dem die Taliban mehr Kontrolle über das Land erlangen, was dazu führt, dass immer mehr Schichten der Gesellschaft in den Widerstand gezogen werden, wodurch Raum für den Klassenkampf geschaffen wird, der das derzeitige reaktionäre Regime wirksam stürzen kann.

Widersprüchliche Stimmungen

Heute äußert sich der Widerstand in einem afghanischen nationalistischen Rahmen. Es gibt Teile, die weiterhin Illusionen in eine imperialistische Lösung hegen. Einige pflegen auch Verbindungen zu internationalen Nichtregierungsorganisationen, die mit imperialistischen Institutionen politisch kollaborieren. Bei einigen Demos wurden auch Slogans gegen den pakistanischen Staat und seine Behörden laut. All dies nimmt dem brodelnden Zorn der AfghanInnen nicht sein Potenzial.

Die Wut auf den pakistanischen Staat und seine historische Doppelrolle im „Krieg gegen den Terror“, ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen und politischen Vorteilen, die er daraus gezogen hat, ist auf Seiten der einfachen AfghanInnen verständlich. Selbst einfache Taliban, wenn nicht sogar die Mullahs, haben das große Interesse pakistanischer JournalistInnen an einer Berichterstattung in Afghanistan in Frage gestellt.

Die Illusionen einiger Schichten der afghanischen Gesellschaft in den US-Imperialismus müssen im Lichte der Tatsache verstanden werden, dass die Besatzung für Teile der städtischen Frauen eine völlig neue Lebensweise ermöglichte. Ebenso boten internationale Nichtregierungsorganisationen den afghanischen Frauen Beschäftigungsmöglichkeiten und damit die Aussicht auf ein Leben außerhalb der häuslichen Enge.

Was den afghanischen Nationalismus anbelangt, so handelt es sich nicht um eine einzige, monolithische Strömung. Neben dem neu entstandenen Nationalismus der Taliban oder dem US-hörigen Nationalismus von Ghani gibt es auch die einen, wenn auch noch kleinen, aber fortschrittlichen Teils der Gesellschaft, der sich keinen Illusionen in einen der beiden hingibt. Stattdessen hofft und kämpft er für ein Afghanistan, das von denjenigen regiert wird, die den Reichtum des Landes produzieren, den ArbeiterInnen und armen Bauern und Bäuerinnen. Wenn eine Anti-Taliban-Bewegung in Afghanistan wächst, wird diese kleine Kraft die Möglichkeit haben, sich selbst aufzubauen und die Türen für eine revolutionäre Alternative in einer Region zu öffnen, die durch die Politik der ImperialistInnen und der nationalen bürgerlichen FührerInnen und der von ultra-reaktionären Kräften in Trümmer gelegt wurde.

Wenn sich ein solcher Anti-Taliban-Widerstand behaupten kann, wird er der Welt die Macht des revolutionären Subjekts zeigen. Die imperialistischen Mächte konnten die Taliban nicht besiegen und waren gezwungen, mit ihnen zu paktieren, was ihnen die Macht in Afghanistan einbrachte. Jetzt sind es die AfghanInnen selbst, die gegen die Taliban kämpfen. Dies widerlegt alle Märchen der Liberalen und ihre Überzeugung, dass die Taliban nur durch eine ausländische imperiale Intervention besiegt werden können, weil das afghanische Volk nicht die Fähigkeit oder die Macht hat, sich den Taliban und den regionalen Militärführern entgegenzustellen. Die gegenwärtige Bewegung bildet einen Hoffnungsschimmer gegen die imperiale und fundamentalistische Reaktion, denn sie zeigt, wer wirklich bleibt und den Kampf für die Freiheit bestreitet.

Kontrolle

Da es unter der Herrschaft der Taliban zu Protesten kommen konnte, zeigt sich auch, dass sie das Land noch nicht vollständig unter Kontrolle haben. Ihre Verbote werden trotz strenger Repressionen weiterhin missachtet. Infolgedessen organisierten die Taliban eigene Gegenproteste, bei denen verschleierte Frauen in Universitäten Taliban-Fahnen trugen, um die deren Herrschaft zu verteidigen. Dies zeigt, dass die neuen Herren zumindest derzeit nicht mehr so regieren können wie in den 1990er Jahren. Diese inszenierten Gegenproteste sind ein Versuch, eine soziale Rechtfertigung für die Durchsetzung der Reaktion zu schaffen, anstatt einfach jede Opposition mit brutaler Gewalt zu unterdrücken.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Loyalität der lokalen Warlords. Sie mögen die Taliban-Herrschaft vorerst akzeptiert haben, aber solche Loyalitäten werden sich in Zeiten widerstreitender Interessen ändern. Auch die Kämpfe innerhalb der Taliban-Fraktionen sollten nicht außer Acht gelassen werden. Das Ausmaß, in dem diese Faktoren die Taliban-Herrschaft schwächen und destabilisieren könnten, hängt weitgehend von der Rolle Chinas ab. Der chinesische Imperialismus hat mit seiner „Neuen Seidenstraße“-Initiative ein eigenes Interesse daran, die Beziehungen zu den Taliban aufrechtzuerhalten, und der Rückzug der USA ermöglicht es ihm, zu einem noch mächtigeren Akteur in der Region zu werden.

Die Liga für die Fünfte Internationale erklärt sich uneingeschränkt solidarisch mit der entstehenden Frauenbewegung in Afghanistan. Diese aufkeimende Bewegung ist derzeit noch fragmentiert und  schwach und trägt einen klassenübergreifenden Charakter mit der unbestreitbaren Präsenz einiger proimperialistischer und Mittel- und Oberschicht-Elemente. Dennoch bietet sie Hoffnung für die Millionen kriegsgeschüttelter AfghanInnen, die der imperialen Besatzung überdrüssig sind, aber auch die Politik der ehemaligen Ghani-Regierung und die Reaktion der Taliban ablehnen. In einem Land, in dem 80 Prozent der Bevölkerung arbeitslos oder unterbeschäftigt sind, ist eine solche Bewegung das Gebot der Stunde.

RevolutionärInnen in Afghanistan müssen diese Bewegung aufbauen und ihre fortgeschrittensten und bewusstesten Schichten für das Programm der permanenten Revolution gewinnen. Im Kampf für demokratische Grundfreiheiten wie das Recht auf Arbeit und Sozialleistungen für Frauen kämpft diese Strategie für den Aufbau von ArbeiterInnen- und bäuerlichen Organisationen, die nicht nur die Taliban besiegen, sondern auch diese Rechte garantieren können. Diese demokratischen Rechte können nur durch eine Regierung gesichert werden, die sich auf solche Organisationen stützt, die im ganzen Land die Macht übernehmen.

Die afghanischen RevolutionärInnen müssen sich auf der Grundlage eines Aktionsprogramms für eine solche Revolution in Afghanistan organisieren – eines Programms, das keine Illusionen in eine imperialistische Macht, seien es die USA, China oder Russland, setzt. Dies wird entscheidend sein für die Intervention bei den heutigen Protesten oder bei künftigen Bewegungen in dem Land. Die FreundInnen der afghanischen ArbeiterInnen, der armen Bauern und Bäuerinnen, der Frauen und der nationalen Minderheiten sind nicht die imperialistischen Mächte, die, nachdem sie im Land Verwüstung angerichtet haben, wie kleine Hühner davonliefen.

Es sind die ArbeiterInnen Pakistans, Irans, Turkmenistans, Tadschikistans, Usbekistans und Chinas, die in ihren jeweiligen Ländern für die Aufnahme afghanischer Flüchtlinge kämpfen müssen. Es sind die britischen, amerikanischen, deutschen und französischen ArbeiterInnen, die nicht sich nur für die Aufnahme afghanischer Flüchtlinge einsetzen müssen, sondern auch dafür, dass ihre Regierungen keine Sanktionen gegen Afghanistan verhängen und Reparationen für den Wiederaufbau des Landes zahlen.

Die ArbeiterInnen in der ganzen Welt müssen ihre Solidarität mit unseren afghanischen Brüdern und Schwestern, die schon viel zu lange unter dem Krieg leiden, in Aktionen organisieren. Es lebe die internationale Solidarität! Lang lebe der Kampf gegen die Taliban und den Imperialismus in Afghanistan!