ArbeiterInnenklasse und Revolution

Thesen zum Marxistischen Klassenbegriff

Markus Lehner, Revolutionärer Marxismus 28, wiederveröffentlicht Revolutionärer Marxismus 42, Oktober 2010

1. Der revolutionäre Gehalt des Marxschen Klassenbegriffs und seine Geschichte

Der Klassenbegriff ist für Marxisten das zentrale Moment für das Verständnis des Wesens gesellschaftlicher Prozesse und für deren Veränderbarkeit durch politisches Handeln. Jede Relativierung des Klassenwiderspruchs, seiner zentralen Rolle für die Bestimmung sozialistischer Politik, jede Aufweichung eines methodisch begründeten Klassenbegriffs, sind ein untrügliches Zeichen für die Abkehr vom revolutionären Marxismus selbst. Es ist kein Wunder, daß schon die erste bedeutende Revision des Marxismus Ende des letzten Jahrhunderts (Bernsteins „Probleme des Sozialismus“ von 1896) mit dieser Relativierung der Bedeutung des Klassenwiderspruchs begonnen hat.

Dabei geht es nicht um das beliebte Gesellschaftsspiel vom „überholten Klassenwiderspruch“, bei dem die einen den „fundamentalen Wandel“ der gesellschaftlichen Verhältnisse seit Marx‘ Zeit betonen, die anderen dagegen die weiter bestehende oder wachsende soziale Ungleichheit. Es geht auch nicht um irgendwelche fruchtlosen Debatten, ob nun diese oder jene neue Schicht Teil der Arbeiterklasse oder einer „neuen Mitte“ sei. Die Debatte um den marxistischen Klassenbegriff zielt grundsätzlicher auf einen ganz bestimmten Begriff von menschlicher Befreiung und ihrer historischen Perspektiven.

Der junge Marx sah in der Arbeiterklasse die reale historische Tendenz erscheinen, durch die die jahrhundertelangen Bestrebungen der Philosophie nach einer radikalen menschlichen Emanzipation von den „Gespenstern der Vergangenheit“ zu einer materiellen Wirklichkeit werden könnte: „Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkündet, so spricht es nur das Geheimnis seines eigenen Daseins aus, denn es ist die faktische Auflösung dieser Weltordnung“. (1)

In der Existenzweise des Proletariats verkörpert sich die Selbstentfremdung des Menschen von seinen wesentlichen Verwirklichungs- und Entfaltungsbestrebungen zu einem Extrem, „welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann“. (2)

Die Bedingungen einer radikalen Revolution, d.h. einer die Wurzeln der menschlichen Gesellschaftlichkeit ergreifenden Neugestaltung, die alle Bedingungen umwirft, in denen „der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (3), sind mit dem Dasein des Proletariats und seiner tatsächlichen Bewegung gegeben. Auch wenn die Wirklichkeit in der Gestalt des Proletariats so „zum Gedanken drängt“, ist damit das Problem der Verwirklichung der philosophischen Emanzipationsbestrebung lange noch nicht gelöst: „Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie“. (4)

Während sich alle bisherigen revolutionären Klassen mit der Eroberung der politischen Macht als neue herrschende Klasse etablierten, so zielt die Errichtung der Diktatur des Proletariats auf das Ende jeder Klassengesellschaft, jeder Unterdrückung des Menschen durch den Menschen. Die Machtergreifung der Arbeiterklasse und die Errichtung ihrer Herrschaft unterscheidet sich daher fundamental von jeder früheren revolutionären Umwälzung in der Geschichte. Nicht die Verewigung der Proletarierherrschaft oder die Verallgemeinerung des „Arbeiterseins“ auf die ganze Gesellschaft ist das Ziel, sondern das Verschwinden der Klassenspaltung selbst. Solange das Proletariat noch Proletariat ist, ist es notwendigerweise vom kapitalistischen Ausbeutungssystem geprägt, sind die Proletarier selbst nach der Machtergreifung daran gehindert, ihre menschlichen Potentiale voll zu entfalten, können die emanzipatorischen Bestrebungen, die zuerst von der Philosophie formuliert worden sind, nicht für alle Menschen verwirklicht werden.

Diese Perspektive wird im Kapitalismus nicht einfach durch eine geschichtlich einmalige Anhäufung von Reichtum ermöglicht, von dem für das Weltproletariat, das ihn hervorbringt, nur Brosamen abfallen. Auch alle vor-kapitalistischen Klassengesellschaften brachten Bedingungen hervor, unter denen sich die von den Menschen selbst erzeugten Verhältnisse von ihren Absichten, Zielen und Wünschen bis zum Extrem entfremdeten. Doch erst im Kapitalismus erscheinen diese Entfremdungs- und Unterdrückungszusammenhänge in einer dinglichen, objektivierten Form, „verdinglichen“ sich zu den sachlichen Zwängen einer allumfassenden Warenwelt. Insbesondere indem den verschieden entwickelten Arbeitsvermögen selbst die Warenform aufgezwungen wird und alle Subjektivität hinter das Funktionsträgertum im versachlichten Gesamt-Kapitalverhältnis zurückgedrängt wird, erscheint der Kapitalismus endgültig als Herrschaft der Arbeitsprodukte über deren Produzenten.

Es ist klar, daß „Befreiung“ daher nur möglich ist, indem die gesellschaftlichen Beziehungen, die sich hinter der Verdinglichung verbergen, einer grundlegenden Umwälzung unterzogen werden, durch die die Menschen erst wirklich zu Subjekten ihrer Verhältnisse werden. Der Klassenkampf der unterdrückten Klasse im Kapitalismus bleibt daher solange systemimmanent und stumpf, solange er nicht zu einem Kampf für eine radikale Selbstbestimmung der Produzenten selbst wird.

Das Proletariat als Subjekt

Das Proletariat kann daher nicht bloß als eine durch die kapitalistische Warenwelt hindurch erkennbare wesentliche „objektive“ Gegebenheit begriffen werden, auch wenn deren Revolutionierbarkeit an objektive Entwicklungsbedingungen geknüpft ist. Das Proletariat im Marxschen Sinne ist vor allem ein Subjekt, das sich seiner Möglichkeiten und grundlegenden Aufgaben im Kampf gegen die alte Ordnung zunehmend bewußt wird – und überhaupt nur mit einem qualitativen Sprung der Bewußtwerdung zur Umwälzung dieser Ordnung in der Lage ist.

„Dieser Übergang ist aber – bei aller objektiven Notwendigkeit – eben der Übergang aus der Gebundenheit und Verdinglichung in die Freiheit und Menschlichkeit. Und darum kann die Freiheit nicht bloß eine Frucht, ein Resultat der Entwicklung sein, sondern es muß ein Moment der Entwicklung eintreten, wo sie zu einer der treibenden Kräfte wird, ihre Bedeutung als treibende Kraft muß ständig zunehmen, bis der Augenblick gekommen ist, wo sie völlig die Leitung der nunmehr menschlich gewordenen Gesellschaft übernimmt, wo die ‚Vorgeschichte der Menschheit‘ aufhört und ihre wirkliche Geschichte beginnen kann.“ (5)

Lukacs erklärt zurecht, daß dieses Moment der selbstbestimmten Subjektwerdung mit den Rätebewegungen 1871, 1905 und 1917 zur geschichtlichen Realität geworden ist und in Gestalt der bolschewistischen Partei ihre bisher höchste Entwicklungsform erreicht hat (6). In der revolutionären Partei verkörpert sich der Bewußtwerdungs- und Befreiungsprozeß des Proletariats, der unter Bedingungen vor sich geht, wo er nur durch den konsequenten Kampf um die Macht, um die Diktatur des Proletariats, zu sich selbst finden kann.

Klasse und Partei

Dies erfordert ein gegenüber dem Ganzen des Befreiungsprojekts verantwortliches Handeln, eine an Imperative des Kampfes gebundene Moral, die für die Klasse repräsentative Instanz einer politischen Organisation. Andererseits verkörpern sich die Tendenzen zur Aufhebung verdinglichter, funktionalistischer Organisationsstrukturen in einer auf radikaler Solidarität und die eigenen Ausrichtungen und Strukturen beständig kritisch hinterfragenden Partei. Sie muß „die erste Verkörperung des Reiches der Freiheit“ sein. Sobald sie aufhört, solche Tendenzen einer „Partei neuen Typs“ (7) zu zeigen, wird sie von einer Verkörperung der Befreiungstendenzen des Proletariats zum Gegenteil, zu einer weiteren Kommandoagentur diesem gegenüber.

Genau diese Problematik greift Leo Trotzki in den Diskussion über das Übergangsprogramm auf, wenn er auf das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit eingeht:

Wir können weitergehen und sagen, daß die Disziplin unserer Partei sehr streng sein muß, weil wir eine revolutionäre Partei sind – gegen einen ungeheuren Block von Feinden, der sich seiner Interessen bewußt ist, und nun werden wir nicht nur von der Bourgeoisie angegriffen, sondern auch von den Stalinisten, die boshaftesten der bourgeoisen Agenten. Absolute Disziplin ist notwendig, aber sie muß auf einem gemeinsamen Verständnis beruhen. Wird diese Disziplin ohne dies auferlegt, ist sie ein Joch. Wenn sie vom Verständnis kommt, ist sie ein Ausdruck meiner freien Persönlichkeit, aber andernfalls ist sie ein Joch. Es besteht kein Gegensatz zwischen persönlichem Willen und der Partei, denn ich bin freiwillig eingetreten. Das Programm steht auch auf dieser Grundlage und dieses Programm kann auf einer sicheren politischen und moralischen Grundlage nur stehen, wenn wir es sehr gut begreifen.“ (8)

Wir wollen uns jetzt der Frage zuwenden, warum und in welcher Weise die „Klassenfrage“ für revolutionäre Kommunisten heute wieder ins Zentrum der programmatischen Diskussion rücken muß: Es reicht nicht festzustellen, daß die Situation des Weltkapitalismus die Frage der sozialistischen Alternative wieder einmal „objektiv“ auf die Tagesordnung setzt, daß die Arbeiterklasse weiterhin „objektiv“ als unterdrückte Klasse existiert oder daß die objektive Situation die Klassen, ob sie es wollen oder nicht, heute in allen Erdteilen wieder in schärfere Formen der Klassenkonfrontation zwingt. Der historisch erreichte Stand einer mächtigen, die Grundlagen der Gesellschaft umwälzenden, klassenbewußt-emanzipatorischen Bewegung wurde mit den Niederlagen der Arbeiterbewegung seit den 20er-Jahren und der Entstehung des Phänomens Stalinismus in beispielloser Art und Weise untergraben. Das Proletariat als eine seiner Aufgabe bewußten Bewegung ist in allen Kontinenten heute nur noch als historisches Spurenelement erfahrbar.

Stalinistische Mythen

Im Stalinismus verkam der Begriff „Wille der Arbeiterklasse“ zu einer Mythologisierung der eigentlichen Interessen der handelnden Partei- und Machteliten. Konsequenterweise war auch die stalinistische „Klassentheorie“ eine Sammlung positivistischer, verdinglichter Kategorien, in denen „objektive“ soziologische Untersuchung und politisches Handeln fein-säuberlich („wissenschaftlich“) getrennt waren. Die Sonntagsrede von den „sich ständig verschärfenden Klassenwidersprüchen“ war bloßer Ausdruck des instrumentalistischen Verhältnisses zur Arbeiterklasse, die vor allem als Manövriermasse in den taktischen Wendungen der um ihre Macht besorgten Parteibürokratie diente.

Die Partei selbst, statt „erste Verkörperung des Reichs der Freiheit“ zu sein, wurde durchzogen von, den kapitalistischen Rationalitätsprinzipien zugehörigen, bürokratisch-instrumentalistischen Funktionsweisen, in Verkehrung des noch bei Lenin klar vorhandenen Verständnisses von der Partei als der höchsten Form der Selbstorganisation des Proletariats unter den gegebenen historischen Bedingungen.

Der emanzipatorische Gehalt des Proletariats-Begriffs wurde so gründlich entsorgt, daß die mechanistische Vorstellung vom geschichts-automatischen Übergang zum Kommunismus fast allgemeingültig mit der Marxschen „Klassenlehre“ verwechselt wird: Danach führen die objektiv-unbewußt vor sich gehenden ökonomischen und demokratischen Kämpfe der „Arbeiterklasse“ unter der „wissenschaftlichen“ (d. h. angeblich bewußten) Führung einer kommunistischen Partei zu objektiven gesellschaftlichen Umwälzungen, die in einem kontrollierten Prozeß des Übergangs quasi-automatisch in den „Kommunismus“ übergeführt werden können; die Hauptschwierigkeit bilden dabei die extrem-reaktionären kapitalistischen Machteliten, die nicht nur zu faschistischer Gewalt jederzeit bereit sind, sondern auch die „Arbeiterklasse“ immer wieder vom rechten Weg abzulenken versuchen.

Statt also die Frage der Selbstorganisierung und -bewußtwerdung in allen Fragen der Politik und des Alltags ins Zentrum zu rücken, werden taktische Fragen von den strategischen Zielen der proletarischen Bewegung losgelöst und als bloß technisch-organisatorische Probleme behandelt. Das Proletariat wird nicht als Potential, als mögliches, werdendes Subjekt der Befreiung, aufgefaßt, sondern als positiv „Gegebenes“. Es ist dabei zweitrangig, ob die Arbeiterklasse „eng“ gefaßt und im wesentlichen auf das Industriearbeitermilieu und seine ökonomischen Kämpfe reduziert wird, oder ob sie, wie bei den Stamokap-Theorien, fast alle Lohn- und Gehaltsbezieher einschließt und die „anti-monopolistische Demokratie“ der Arbeiterklasse als strategisches Ziel suggeriert wird.

Proletariatsbegriff und bürokratische Herrschaft

Es verwundert daher auch nicht, daß die soziale Realität und Vorstellung von „Sozialismus“ in den stalinistischen Gesellschaften eher eine Verallgemeinerung des Schicksals der Industriearbeiterschaft darstellte, „wo die Bestimmung des Arbeiters … nicht aufgehoben, sondern auf alle Menschen ausgedehnt“ wird – wie Marx kritisch bemerken würde. Gegenüber diesem „real existierenden“ Proletariat, das in seinen entfremdeten Bedingungen weiterhin funktionierte und zu funktionieren hatte, mußte die Rede vom „revolutionären Proletariat als geschichtlichem Subjekt“ wie auch die von der „Partei neuen Typs“ notwendigerweise zu einer Mythologie verkommen.

Die Zerstörung der in jahrzehntelangen Kämpfen herausgebildeten revolutionären Subjekthaftigkeit des Proletariats durch Sozialdemokratie und Stalinismus ging nicht widerstandslos und nie vollständig vonstatten. Doch muß die Tatsache, daß zwei so zentrale Verkörperungen der Emanzipationsbestrebungen einer Klasse wie die Zweite und Dritte Internationale innerhalb von wenigen Jahrzehnten oder gar Jahren in das Funktionsgefüge des kapitalistischen Weltsystems integriert werden konnten und sogar zu wesentlichen politischen Ordnungsfaktoren desselben wurden, in dieser Klasse schwerwiegende Blockierungen seiner systemüberwindenden Tendenzen und ihrer Organisierung hervorbringen.

Trotzkis Kritik

Trotzki repräsentierte in den 20er und 30er Jahren die weitsichtigste und einzig konsequente Form der Verteidigung des revolutionären Marxismus. Insbesondere seine Kritik der KPD-Linie im Kampf gegen die Machtergreifung der Nazis, etwa in der „Einheitsfront“-Debatte, zeigt ein klares Gegenüberstellen von instrumentalistischem Verhältnis zur Klasse gegenüber der „Verkörperungs“-Perspektive:

„Die Klasse an sich ist nur Ausbeutungsmaterial. Die selbständige Rolle des Proletariats beginnt dort, wo es aus einer sozialen Klasse an sich zu einer politischen Klasse für sich wird. (…) Der Weg der Klasse zum Selbstbewußtsein, d.h. die Herausbildung einer revolutionären Partei, die das Proletariat hinter sich herführt, ist ein verwickelter und widerspruchsvoller Prozeß. Die Klasse ist nicht homogen. Ihre verschiedenen Teile kommen auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeitpunkten zu Bewußtsein. Die Bourgeoisie nimmt aktiven Anteil an diesem Prozeß. Sie schafft ihre Organe innerhalb der Arbeiterklasse oder benutzt die vorhandenen, indem sie bestimmte Schichten von Arbeitern anderen gegenüberstellt. Im Proletariat wirken gleichzeitig verschiedene Parteien. Politisch bleibt es daher den größten Teil seines historischen Weges gespalten“ (9)

Das Proletariat als politische Bewegung ist daher für Trotzki keine „Gegebenheit“, sondern eine Aufgabe, für die politisch gekämpft werden muß in Auseinandersetzung mit den das Proletariat dominierenden politischen Strömungen. Erst die Herausbildung einer die überwältigende Mehrheit der Arbeiterklasse umfassenden revolutionären Strömung formt das Proletariat zu einer Klasse, die überhaupt erst als politisches Subjekt sichtbar und wirksam wird. Dagegen besteht das Prinzip stalinistischer Ideologie gerade darin, die erst zu erreichende politische Subjekt-Werdung des Proletariats bereits im Parteiapparat als gegeben zu sehen, der damit vom tatsächlichen Bewußtseinsstand, Befreiungswillen und -vorstellungen des tatsächlichen Proletariats vollständig unabhängig wird:

„Die im Prinzip bestehende Identität der Interessen des Proletariats und der Aufgaben der Kommunistischen Partei bedeutet weder, daß sich das gesamte Proletariat schon heute seiner Interessen bewußt ist, noch daß die Partei sie unter allen Umständen richtig formuliert. Erwächst doch die Notwendigkeit der Partei selbst gerade daraus, daß das Proletariat nicht mit zureichendem Verständnis seiner historischen Interessen auf die Welt kommt. Die Aufgabe der Partei besteht darin, in der Kampferfahrung zu lernen, dem Proletariat ihr Recht auf Führung zu beweisen. Aber die stalinistische Bürokratie glaubt, auf Grund des mit dem Kominternsiegel versehenen Parteipasses vom Proletariat kurz und bündig Unterwerfung fordern zu können. Jede Einheitsfront, die nicht im voraus unter Führung der Kommunistischen Partei steht – wiederholt die ‚Rote Fahne‘ -, ist gegen die Interessen des Proletariats gerichtet. Wer die Führung der Kommunistischen Partei nicht anerkennt, ist schon dadurch ein ‚Konterrevolutionär‘. Der Arbeiter ist verpflichtet, der kommunistischen Organisation auf Vorschuß, aufs Ehrenwort Glauben zu schenken. Aus der prinzipiellen Identität der Aufgaben von Partei und Klasse leitet der Bürokrat sein Recht ab, die Klasse zu kommandieren. Die historische Aufgabe, welche die Kommunistische Partei erst zu lösen hat – Vereinigung der überwältigenden Mehrheit der Arbeiter unter ihrem Banner – verwandelt die Bürokratie in ein Ultimatum, einen Revolver, den sie der Arbeiterklasse an die Schläfe setzt. Das dialektische Denken wird durch formalistisches, administratives, bürokratisches Denken ersetzt“. (10)

Hier streift Trotzki das wesentliche Moment des marxistischen Proletariatsbegriffes. Er kann nicht als Summe seiner zersplitterten Einzelkämpfe, nicht als Ensemble seiner Aktionen zu einem bestimmten Zeitpunkt begriffen werden, sondern muß vom Endpunkt seiner revolutionären Klassenbildung her, von den weltgeschichtlichen Perspektiven der proletarischen Bewegung, gefaßt werden. Andererseits ist dieser Endpunkt jedoch aus der mit dem Kapitalverhältnis gegebenen materiellen Klassenlage und der darauf aufbauenden historisch gegebenen tatsächlichen Klassenbildung zu entwickeln.

Wird dieses dialektische Spannungsverhältnis in Klassenanalyse oder darauf aufbauender Politik nicht gehalten, so ist dem Wechselspiel von Mythologisierung, Ultimatismus und Instrumentalisierung Tür und Tor geöffnet. Zumeist drückt sich das dann in der Dopplung von „Klassentheorie“ und „revolutionärer Politik“ aus. Der „Klassentheorie“ kommt die Aufgabe einer Vergewisserung der „Praktiker“ zu, daß das Proletariat im Prinzip immer noch das entscheidende revolutionäre Subjekt sei. Dazu wird zumeist eine empiristisch-positivistische Analyse der „gegebenen“ Klassenschichtungen mit der „die Klassenwidersprüche verschärfen sich“-Analyse verknüpft. Diese Analysen zeichnen sich jedoch vor allem dadurch aus, daß sie für die tatsächliche klassenmäßige Rückkopplung von „praktischer Politik“, insbesondere was die klassenbildungsmäßige Bedeutung bestimmter Bewegungen innerhalb der Arbeiterklasse oder unterdrückter Agrarbevölkerungsschichten betrifft, meist konsequenzenlos bleiben. Es bleibt dann nur noch zu staunen, welche politischen Bewegungen, politischen Orientierungen und Wendungen etc. plötzlich zu den aktuellen „Verkörperungen“ des historisch-revolutionären Bildungsprozesses des Proletariats würden.

Die Epigonen brechen mit Trotzkis Verständnis

Diese Degeneration des Marxismus hat sich nicht auf die stalinistisch geprägten Organisationen und Theoretiker oder ihre maoistischen Ableger beschränkt – auch der Großteil der sich auf Trotzki beziehenden Organisationen ist seit Beginn der Nachkriegsperiode durch ein Verhältnis zur Arbeiterklasse gekennzeichnet, das zwischen Mythologisierung und Positivismus schwankt. In der Kalten-Kriegs-Situation, in der die Arbeiterklasse und ihr revolutionäres Potential vollständig in sozialdemokratische oder stalinistische Blöcke kanalisiert und blockiert wurde, waren die Vertreter einer revolutionären Organisierung des Proletariats in eine praktisch/theoretische Isolation gedrängt, die sich nicht einfach durch Festhalten an der „Orthodoxie“ überwinden ließ. In verschiedenen Varianten wurde von den Epigonen Trotzkis (Pablo, Mandel, Healy, Lambert,…) die Aufgabe der revolutionären Subjektwerdung des Proletariats im Parteibildungsprozeß durch die „Entdeckung“ objektiv-unbewußter revolutionärer Subjekte ersetzt, die in der „revolutionären Übergangsperiode“ automatisch zu richtigen revolutionären Handlungen gedrängt werden.

Die Aufgabe der revolutionären marxistischen Organisation gegenüber solchen neuen Erscheinungsformen des revolutionären „Weltgeistes“, wie Tito, Mao, Castro, den Sandinistas, diversen linksreformistischen Gewerkschaftsführern, etc. bestünde in der solidarisch-begleitenden Kritik, in der Verstärkung der „objektiven“ revolutionären Tendenz. Statt die Instrumentalisierung der Arbeiterklasse und unterdrückten Landbevölkerung durch solche Linkswendungen im stalinistisch-sozialdemokratischen Block offenzulegen und ihre besondere Rolle in der Blockierung der Selbstorganisation der Klasse aktiv zu bekämpfen, wurden sie zu einer „verzerrten Form“ dieser Selbstorganisierung hochgejubelt, von der man sich nicht sektiererisch abschließen dürfe.

Damit war der Weg bereitet für das gleichzeitige Hochhalten des Mythos vom revolutionären Proletariat und der auf dem Fuße folgenden Abkehr von jedem Vertrauen in die tatsächliche Revolutionierbarkeit der Klasse, die sich in der Bejubelung eindeutig nicht-proletarisch-revolutionärer Bewegungen und Organisationen ausdrückte. Bei dieser Inkonsistenz und gleichzeitigem formalen Beibehalten des Konzepts der „Partei neuen Typs“ war natürlich die endlose Kette von Spaltungen der trotzkistischen Gruppierungen vorprogrammiert.

Der manipulativen Anpassung an alle möglichen nicht-revolutionären Strömungen in- und außerhalb der Arbeiterklasse entspricht natürlich auf der anderen Seite das ultimatistische Beharren auf „orthodoxen“ Positionen des „revolutionären Proletariats“. Im Extremfall können sich trotzkistisch nennende Organisationen dann zu regelrechten Karikaturen des bürokratischen Ultimatismus des Stalinismus gegenüber der Arbeiterklasse werden – nur daß es keine ihnen wohlgesonnene Arbeitermassen gibt, denen sie die Pistole an die Schläfe setzen könnten.

Von der maoistischen Posse …

In der Bundesrepublik wurde nach den „Studentenprotesten“ der späten 60er Jahre in sehr viel kurzlebigerer Form unter dem Label des „Maoismus“ dasselbe Drama nochmals durchlaufen. Der Anspruch, in kürzester Zeit eine proletarische Partei „neuen Typs“ in völliger Mißachtung der tatsächlichen Kampf- und Bewußtseinsentwicklung der Arbeiterklasse aufbauen zu können, endete meist noch in den 70er Jahren entweder in der vollständigen Anpassung an „Ersatzsubjekte“ (z.B. den Grünen) oder im rigiden Ultimatismus nach dem Vorbild der Sozial-Faschimus-Bekämpfer der KPD der späten 20er Jahre.

Wurden diese Entwicklungen des trotzkistischen oder maoistischen Zentrismus auch von vielen mit überheblicher Ironie verfolgt, so waren sie doch bloß der organisierteste, konsequenteste Ausdruck einer allgemein in der Linken jenseits von SPD und DKP (aber natürlich auch in deren „linken“ Teilen) herrschenden Haltung zur Arbeiterklasse: einerseits eine wachsende Abkehr von der Perspektive einer Revolutionierbarkeit des realen, sozialdemokratisch dominierten Proletariats, andererseits die Aufrechterhaltung des Mythos vom bald und in einigen fernen Ländern (Vietnam, Chile,…) schon jetzt erscheinenden revolutionären Proletariat.

Diese Doppelbödigkeit war nicht nur die Marotte einiger trotzkistisch/maoistischer Sektierer, sondern praktisch kennzeichnend für den mainstream der westeuropäischen Linken. Je größer die Kluft zwischen tatsächlichen Perspektiven und linker Mythologie wurde, umsomehr boomte vor allem in der BRD der 70er Jahre die Literatur zur „Klassentheorie“. Dies hatte aber vor allem den Charakter einer abstrakten Selbstvergewisserung und produzierte immer mehr sich verselbständigende quasi-akademische Scheindebatten – etwa um den Klassencharakter der „technischen Intelligenz“. Zu dem Problem, wie denn die in ökonomistischen Kämpfen und Illusionen in reformistische Politik blockierte Klasse wieder zum Bewußtsein ihrer radikalen Bedürfnisse nach Befreiung und einer entsprecheden revolutionären Selbstorganisierung finden könne, hat diese Debatte wenig beitragen können.

… zur Abkehr vom Proletariat

Es ist daher wenig verwunderlich, daß gerade unter den theoretischeren Köpfen dieser Linken eine stärker und stärker werdende Tendenz zur Entsorgung des lästig werdenden Proletariats-Mythos einsetzte. Ein wichtiger Ausgangspunkt in der BRD hierfür war die sogenannte „kritische Theorie“. Insbesondere Adornos Begriff des „Spätkapitalismus“ schien zu erklären, warum der Klassenwiderspruch in der Entwicklung des Kapitalismus von Auschwitz bis heute sein Befreiungspotential endgültig verloren habe. Die Herrschaft des Tauschwertes ist nach Adorno derart total geworden, daß selbst die sublimsten Regungen des individuellen Lebens davon betroffen sind und jede über seine Rationalität hinausgehenden Erfahrungen, Bedürfnisse oder gar Zielsetzungen von Grund auf gehemmt würden (siehe z.B. „Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft“ oder „Reflexionen zur Klassentheorie“):

„Die Gewalt jenes Abstraktums [d.h. des „Tauschverhältnisses] über die Menschen ist leibhaftiger als die einer jeden einzelnen Institution, die stillschweigend vorweg nach dem Schema sich konstituiert und es den Menschen einbläut“ (11); so wird durch die nach dem Tauschprinzip konstituierten Meinungsmonopole „die einfachste Kenntnis und Erfahrung der bedrohlichsten Vorgänge“ gehemmt; „die Verselbständigung des Systems gegenüber allen, auch den Verfügenden hat einen Grenzwert erreicht“ (12). Unter diesen Umständen wird die Konstitution einer Klasse zur bewußten, diese Tauschzwänge negierenden revolutionären Bewegung unmöglich – die Konfliktlinie verschiebt sich zum von den Widersprüchen dieses allmächtigen Abstraktums bedrohten „Menschen“.

Die diversen, dieser Spätkapitalismus-These folgenden politischen Theorien (z.B. Offe „Spätkapitalismus – Versuch einer Begriffsbestimmung“), erklärten daher den Klassenwiderspruch für befriedigt durch diverse „spätkapitalistische Regulierungs-Institutionen“, allerdings mit Verschiebung der Grundwidersprüche des Kapitalverhältnisses auf diverse strukturelle Widersprüche „nachgeordneter Lebensbereiche“ (z. B. Mißverhältnis zwischen hochentwickelten Militärapparaten und stagnierender Entwicklung des Verkehrs-, Gesundheits- und Bildungswesens; Einsatz nur bedingt beherrschbarer Großtechnologien, z.B. Atomkraft). Praktisch wies dies ein breites Absprungfeld vom „revolutionären Klassenkampf“ im linksextremen Blätterwald hin zu Bürgerinitiativen, „neuen sozialen Bewegungen“ etc.

Kurzsche Marxkritik

Zeitgenössisch weitergeführt und verschärft wird diese Linie etwa von der „krisis-Gruppe“ in ihrer „Kritik der Warengesellschaft“. Mit der Behauptung, der Klassenkampf könne heute nur noch „die immanente Formbestimmung des Kapitalverhältnisses“ darstellen, nicht mehr aber eine Bewegung zur Aufhebung dieses Verhältnisses, findet sich z.B. bei Robert Kurz eine zentrale Achse für die Abkehr vom „Arbeiterbewegungsmarxismus“:

„Marx konnte diese beiden Ebenen sozialer Emanzipationsbewegung [Klassenkampf, Aufhebung des Kapitalverhältnisses]  noch kurzschlüssig in eins setzen (obwohl dies von Anfang an begrifflich verschwommen blieb), weil die relative Emanzipation innerhalb von Warenform und Lohnarbeit noch einen geschichtlichen Horizont vor sich hatte. Jetzt ist das Kapitalverhältnis völlig ausentwickelt bis an seine äußerste Grenze und wir haben es deswegen mit der Krise des gemeinsamen Bezugssystems von ‚Kapital und Arbeit‘ zu tun. Erst wenn man das begriffen hat, wird verständlich, warum die neue sozialökonomische Krise zusammenfällt mit der Paralyse des alten Klassenkampfes. Es geht also nicht um die ‚kleinbürgerliche Klassenversöhnung‘ innerhalb und auf dem Boden der (gemeinsamen) totalen Warenform, sondern um die Kritik und Aufhebung dieser gemeinsamen historisch-gesellschaftlichen Fetischform selber. Denn jetzt wird unausweichlich deutlich, daß alle Erscheinungen der sozialen Degradation, der Armut und Unterdrückung primär dieser Form der totalen Ware-Geld-Beziehung als solcher und nicht der bloßen Subjektivität ihrer selber bornierten Funktionsträger entstammen“. (13)

Die keineswegs neue Erkenntnis, daß die Lohnarbeiter selbst in ihren Auseinandersetzungen mit dem Kapital in Tauschkategorien befangen sind und mit der Warenförmigkeit ihres Arbeitsvermögens selbst in das verdinglichte Kategoriensystem kapitalistisch-marktwirtschaftlicher Rationalität verstrikt sind, wird hier zur Aussage verkehrt, Marx habe im Proletariat ein revolutionäres Potential erkannt, weil es zu seiner Zeit noch nicht vollständig in das Geld-Ware-System integriert war. Gerade umgekehrt sah Marx die Arbeiterklasse als sich herausbildendes revolutionäres Subjekt, da in ihr die Widersprüche dieser Beziehung sowohl zum Extrem der Entmenschlichung getrieben werden, andererseits auch die Handlungsmöglichkeit eines die Bedingungen des Arbeitsprozesses (als konstituierendes Element des menschlichen Seins) in bewußte Regie nehmenden Subjekts entsteht.

Was ersteres betrifft: Marx sieht die Betroffenheit von den Entfremdungsprozessen, die mit der Warenform gegeben sind zwar auch für die gesamte Gesellschaft, keineswegs jedoch in unterschiedsloser Weise:

„Die besitzende Klasse und die Klasse des Proletariats stellen dieselbe menschliche Selbstentfremdung dar. Aber die erste Klasse fühlt sich in dieser Selbstentfremdung wohl und bestätigt, weiß diese Entfremdung als ihre eigene Macht, und besitzt in ihr den Schein einer menschlichen Existenz; die Zweite fühlt sich in der Entfremdung vernichtet, erblickt in ihr ihre Ohnmacht und die Wirklichkeit einer unmenschlichen Existenz“. (14)

Daß das Proletariat auch diese Form der Existenz nur durch ökonomischen Klassenkampf – ob zur Beschränkung des Arbeitstages, zur Sicherung von Gesundheitsversorgung, gegen beständige Verschlechterung von Arbeitsbedingungen, etc. – sichern kann, bedeutet freilich noch keinen Schritt zur Überwindung dieses Systems. Aber es ist beständiges Moment für die Herausbildung kollektiver Erfahrung, Bewußtheit und Organisierung in einer gemeinsamen, nicht bloß vereinzelten Auseinandersetzung mit der „Wirklichkeit einer unmenschlichen Existenz“.

Die Auflösung des „gemütlichen Herr-Knechtverhältnisses“ des Feudalismus und der irrationale Systemzwang der Kapitalakkumulation, der das Kapital immer wieder dazu zwingt, die Existenzgrundlage der Arbeiterklasse und die Natur, damit seine eigenen Reichtumsquellen anzugreifen, erzeugt eine Dynamik von Klassenkonfrontation, die es in der Geschichte von Klassengesellschaften bisher nicht gab. Dies schafft die Möglichkeit für die Herausbildung eines massenhaften revolutionären Bewußtseins, ist aber dafür noch nicht hinreichend.

Die sogenannte “Aufhebung der Arbeit”

Zweitens verkehrt die krisis-Theorie die Marxsche Wertanalyse zu einer post-modernen irrationalistischen Kritik am „Arbeitsfetischismus“. Marx erkannte in der Hervorbringung der Wertform nicht nur eine Verschleierung von Ausbeutungsverhältnissen, sondern durchaus auch einen historischen Fortschritt, durch den der gesellschaftlich effektive Gebrauch von vorhandenem Arbeitsvermögen in Form von Arbeitszeitquanta in eine für alle wahrnehmbare, öffentliche und berechenbare Form tritt. Nicht dies ist das Entfremdungsphänomen des Kapitalismus, sondern die Tatsache, daß diese Rationalisierung/Vergesellschaftlichung des Arbeitsprozesses ohne Gesamtplanung von dessen Zielen, sondern unter Bedingungen der privaten Aneignung vor sich geht. Dies führt dazu, daß diese Form sich verselbständigt, daß aus Geld Kapital wird.

Es geht daher keineswegs um die „Aufhebung von ‚Arbeit'“ wie es Robert Kurz besonders peppig zu formulieren versucht, sondern um ihre Neuorganisation durch ein bewußtes Gesamtsubjekt der Produktion. Dieses beläßt es zwar nicht bei den Rationalitätsprinzipien der kapitalistischen Produktion, kann aber nicht hinter das erreichte Niveau an Vergesellschaftung und Effektivität im Einsatz des gesellschaftlichen Arbeitsvermögen zurückfallen. Die Überwindung und Aufhebung der Warenform in einer gesellschaftlich progressiven Form kann nur über die Umwälzung des Produktionsbereiches und der gesellschaftlichen Beziehungen in ihm erfolgen. Hierin ist die Möglichkeit gegeben, daß aus der Dynamik von Klassenkämpfen auch tatsächlich revolutionärer Klassenkampf werden kann, da er mit einer systemüberwindenden Perspektive, also einem revolutionären Programm geführt werden kann.

Ohne diese tatsächliche Bewegung eines Klassensubjekts bleibt gegenüber der Allmacht des Tauschwerts nur die „Kritik“ und die „Verweigerung“ der Einzelnen. Genau dies ist auch die Konsequenz des Weges von Adorno bis Kurz: „Das bedeutet als unabdingbaren kategorischen Imperativ hier und heute die (auch emotionale) Verweigerung des kapitalistischen Leistungs- und Erfolgswahns, die historische ‚Arbeitsverweigerung‘ (…). Es gilt überhaupt (…), eine Kultur der Verweigerung zu entwickeln“. (15)

Es ist klar: der überkommene „Arbeiterbewegungsmarxismus“ mit seinen Gleichsetzungen von ökonomischem und revolutionärem Klassenkampf, seinen Mythologisierungen der sozialdemokratisch dominierten Arbeiterklasse, die kurz davor steht, zum revolutionären Proletariat zu mutieren, dem Hochjubeln aller möglichen Nationalisten und Kleinbürger zu „neuen Lenins“ etc. hat es den Kritikern wie Robert Kurz (der allerdings wie viele ähnlich gelagerte Fälle vorher selber zu den Elchen zählte) leicht gemacht mit zum Teil berechtigter Kritik an der Degeneration des revolutionären Marxismus zugleich das ganze Marxsche Konzept des revolutionären Proletariats über Bord zu werfen.

Der Erfolg dieser rechten Kritik am „Arbeiterbewegungsmarxismus“ liegt allerdings nicht vorrangig an ihren eigenen theoretischen Stärken. Wo sie wirkliche Schwächen der Linken trifft, wurden diese Argumente schon früher und ausführlicher vorgebracht. Die politischen Schußfolgerungen der krisis-Gruppe bedienen auch ein Bedürfnis der kleinbürgerlichen Linken, besonders des autonomen Milieus. Die „Aufhebung der Arbeit“ erfreut sich bei diesen Gruppierungen nicht aufgrund ernster revolutionären Ziele und theoretischer Anstrengungen solcher Beliebtheit sondern vor allem, weil damit die kleinbürgerliche Existenzweise der Autonomen höhere „anti-kapitalistische” Weihen erhält. „Abschaffung der Arbeit“, nichts tun und schon gar keine Verantwortung über den Mief des autonomen „Zusammenhangs“ hinaus übernehmen zu müssen – das spricht dieser anti-proletarischen geistigen und sozialen Strömung aus der Seele.

Das ändert jedoch nichts daran, daß der Proletariatsbegriff nur gerettet werden kann, wenn er durch eine Kritik seiner Verstümmelung wieder auf die Höhe der Zeit gehoben wird. Denn es handelt sich hier keineswegs um einen Streit um bloße Begriffe, sondern um die prinzipielle Frage der Möglichkeit einer radikalen Umwälzung des Kapitalismus in seiner heute neu erscheinenden Form, unter den Bedingungen einer wesentlich neu formierten Klassenlandschaft, nach einer historischen Entwicklung, die durch den jahrzehntelangen Bruch revolutionärer Kontinuität in der Arbeiterbewegung gekennzeichnet war.

Da kann man sich nicht auf die Wiederholung revolutionärer Programme der Vergangenheit, auf „das kann man alles bei den Klassikern nachlesen“ etc. zurückziehen. Diese Situation erfordert eine fundamentale, programmatische Neuorientierung, einen neuen Anlauf im Herausbildungsprozeß der Arbeiterklasse als revolutionärer Klasse. Das bedeutet aber auch, daß Grundkategorien, wie der Klassenbegriff, neu angeeignet werden und aus ihrer verknöcherten, überkommenen Form herausgelöst werden müssen, um immer wieder neu gegen die verfehlten Denkmuster des degenerierten Marxismus anzukämpfen. Schließlich ist klar, daß im Zeitalter des postmodernistischen Irrationalismus nicht bloß in Frage gestellt wird, daß das Proletariat das revolutionäre Subjekt der Veränderung sein kann. Es wird grundlegend die Suche nach einem solchen „umfassenden Subjekt“ für „mythologisierend“ und totalitär erklärt.

In den poststrukturalistischen Dekonstruktionen des „Proletariats-Mythos“ wird mehr oder weniger der Versuch in der Vielheit der differierenden „Subsysteme“ noch ein Subjekt, ein Bewußtsein des Gesamtzusammenhangs, ein gemeinsames Handeln zu schaffen, als bloßes Erzeugen eines neuen Subsystems von objektivierenden Zwängen erklärt. Dieser an sich banale, aber sehr wortreich vorgetragene Versuch, eine „aufs Ganze“ zielende politische Orientierung für unmöglich zu erklären, muß hier nicht weiter behandelt werden.

Er wurde eigentlich schon von Lukacs in seinem Aufsatz „Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats“ eindrucksvoll dargelegt, in dem er zeigte, wie sich das bürgerliche Denken gegen die Kategorie der Totalität wehrt, gerade weil hinter der scheinbaren Unübersichtlichkeit und Vielheit der verschiedensten Teilsysteme der kapitalistischen Gesellschaft, ein doch ganz eindeutiger, totalitärer Zusammenhang besteht: der Wert und seine Bewegungsformen, der schließlich sehr wohl ein allumfassendes Subjekt hervorbringt, wenn auch nur das „automatische Subjekt“ des sich selbst verwertenden Wertes, auch Kapital genannt.

II. Kritik der bürgerlichen Klassentheorien

Die Auflösung des Ständischen ist nicht die Auflösung der Klassen

Die Vielheit der gesellschaftlichen Differenzierungen, die sich im Kapitalismus der letzten Jahrzehnte herausgebildet hat, genauso wie die „Auflösung traditioneller Arbeitermilieus“, das vorgebliche Schrumpfen der Industriearbeiterschaft, die fortschreitende „Individualisierung“ einer „Mittelstands“- oder „Dienstleistungs“-Gesellschaft – dies und ähnliches sind die beliebten Textbausteine, durch die kurz und bündig die Marxsche Klassenanalyse als „vorgestrig“ abgetan wird. Dabei wird sich zeigen, daß diese Erscheinungsformen von Differenziertheit und Individualisierung geradezu unmittelbare Folgen der Verdinglichungsprozesse des Arbeitsvermögens sind, wie sie Marx im „Kapital“ beschreibt.

Die Vielheit gesellschaftlicher Differenzierungen im Kapitalismus ist für Marxisten nicht nur „ideologischer Schein“, hinter der sich die fortschreitende Polarisierung zwischen Arbeiterklasse und Kapital verbirgt, sie ist auch ein reales Produkt gerade der selben Bewegung, die die Klassenpolarisierung vorantreibt. In dieser gleichzeitigen Vereinfachung der Klassenwidersprüche in der gesellschaftlichen Basis und Verkomplizierung der Differenzierungen an der gesellschaftlichen Oberfläche wird die Spannweite des Problems der Klassenanalyse deutlich.

Diesen Zusammenhang von Differenzierung und Vereinheitlichung macht Marx bereits in einem entscheidenden Teil der „Deutschen Ideologie“ deutlich, in dem er auf die Entwicklung des Verhältnisses des Individuums zu seiner Vergesellschaftung eingeht:

„Die Individuen gingen immer von sich aus (…). Aber im Lauf der historischen Entwicklung und gerade durch die innerhalb der Teilung der Arbeit unvermeidliche Verselbständigung der gesellschaftlichen Verhältnisse tritt ein Unterschied heraus zwischen dem Leben jedes Individuums, soweit es persönlich ist und insofern es unter irgendeinen Zweig der Arbeit und die dazugehörigen Bedingungen subsumiert ist (…). Im Stand ist dies noch verdeckt, z.B. ein Adliger bleibt stets ein Adliger, ein Roturier [Bürgerlicher] stets ein Roturier, abgesehen von seinen sonstigen Verhältnissen, eine von seiner Individualität unzertrennliche Qualität. Der Unterschied des persönlichen Individuums gegen das Klassenindividuum, die Zufälligkeit der Lebensbedingungen für das Individuum, tritt erst mit dem Auftreten der Klasse ein, die selbst ein Produkt der Bourgeoisie ist. Die Konkurrenz und der Kampf der Individuen untereinander erzeugt und entwickelt diese Zufälligkeit als solche. In der Vorstellung sind daher die Individuen freier als früher, weil ihre Lebensbedingungen zufällig sind; in der Wirklichkeit sind sie natürlich unfreier, weil mehr unter sachliche Gewalt subsumiert“. (16)

Während der ständische Handwerker durch eine ganz bestimmte Fertigkeit, Arbeitsweise, einen bestimmten Lebensstil, ein charakteristisches Milieu etc. gekennzeichnet war, gehört es gerade zum Wesen der Arbeiterklasse, daß all diese festen Bestimmungen zu etwas Zufälligem, jederzeit Vergänglichen werden. Die unterschiedlichsten Schichten, mit verschiedensten Lebensstilen, kulturellen Eigenheiten, Werthaltungen, Milieucharakteristika werden durch die sachliche Gewalt der kapitalistischen Akkumulation in eine abstrakt-allgemeine Klassenlage geworfen, ob sie es wahrhaben wollen oder nicht. Alle Auffassungen, die von einem ein für alle Mal festliegenden Arbeitermilieu, einer charakteristischen Arbeiterkultur, -moral oder typischen Arbeiterlebensstilen ausgehen, entwickeln eigentlich eine Theorie des „Arbeiterstandes“. Dies ist insbesondere für den sozialdemokratischen und stalinistischen Arbeiterbegriff typisch.

Eine einheitliche „proletarische Lebensweise“ ist für den marxistischen Arbeiterklassenbegriff weder notwendig noch wünschenswert. Es muß vielmehr davon ausgegangen werden, daß das proletarische Klasseninteresse eine Vielzahl unterschiedlichster Milieus vereint, die oft auch verschiedenartige politische Schattierungen hervorbringen. Nur der Klassenkampf, die Notwendigkeit von Klassensolidarität und das revolutionäre Klassenziel bringen wesentlich so etwas wie proletarisches Verhalten, proletarische Moral, proletarisches Klassenbewußtsein etc. hervor. Dies bedingt, daß Klassenbewußtsein und Klassensolidarität immer wieder neu hergestellt und erkämpft werden muß, daß immer wieder neue „Koalitionen“, „Bündnisse“, etc. der verschiedensten Schichten und sie repräsentierenden Strömungen hergestellt werden müssen, in die der Akkumulationsprozeß die Klasse differenziert und dabei alte Zusammenschlüsse auflöst.

Der Klassenbegriff in der bürgerlichen Gesellschaftswissenschaft

Die bürgerliche Soziologie (sofern sie sich überhaupt ernsthaft um wissenschaftliche Erklärung und nicht bloß um herrschaftskonforme Sozialtechnologie bemüht) verliert sich naturgemäß in der Zufälligkeit der gesellschaftlichen Oberflächenerscheinungen und ihren vielfältigen Differenzierungen. Eines der zentralen Werke der traditionellen bürgerlichen Soziologie ist sicherlich Max Webers „Wirtschaft und Gesellschaft“, in dem ein Kapitel dem Thema „Klassen und Stände“ gewidmet ist. Der Hauptbegriff der Weberschen soziologischen Kategorisierung ist der der „Marktchancen“.

Die Differenzierung der Gesellschaft in Klassen wird dabei primär als Ergebnis der ungleichen Verteilung von Ressourcen dargestellt, die auf dem (Güter- und Arbeits-) Markt unterschiedliche Lebenschancen in Hinblick auf langfristige Erwerbs- und Besitzinteressen hervorbringen: „Prinzipiell konstituiert die Verfügungsgewalt über jede Art von Genußgütern, Beschaffungsmitteln, Vermögen, Erwerbsmitteln, Leistungsqualifikationen je eine besondere Klassenlage“. (17)

Bemerkenswert ist bei Weber der Einschluß von „Leistungsqualifikationen“ in dieser Liste: der Besitz einer bestimmten Qualifikation liegt hier auf der selben theoretischen Ebene wie etwa der Besitz einer Kohlengrube. Gut qualifizierte Arbeiter einer bestimmten Branche konstituieren damit genauso eine spezifische Klassenlage wie Händler oder gewerbliche Unternehmer. Diese Webersche „Entdeckung“ der Bildungsressource für die Soziologie bildet die Basis für eine Vielzahl an Theorien über sogenannte „Mittelklassen“. Theoretisch führt Webers Theorie des Zusammenhangs von Marktchancen und Klassenlagen zu einer theoretisch unendlichen Zahl an möglichen Klassenlagen. Beginnend mit Weber wurden daher außerökonomische Momente in die Soziologie eingeführt, die erst aus den möglichen Klassenlagen mehr oder weniger feste soziale Klassen sortieren. Verschiedene Klassenlagen fügen sich bei Weber zu einer sozialen Klasse zusammen, wenn zwischen ihnen ein Wechsel persönlich oder in der Generationsfolge erfolgen kann und als „gesellschaftlich normal“ angesehen wird.

Dieser Zusammengehörigkeit entspricht ein gewisser „sozialer Status“, der diesen Klassenlagen beigemessen wird, in dem sich sowohl eine gesellschaftliche Werteskala als auch bestimmte kulturelle und politische Typisierungen (der „Idealtyp“) ausdrücken. Im Unterschied zu vielen seiner Nachfolger muß man Weber zu Gute halten, daß er zumindest einen eindeutigen Zusammenhang von Klassenfrage und Machtverhältnissen zugegeben hat: Die größeren „Marktchancen“ der besitzenden Klassen bieten diesen nicht nur „mehr Lebenschancen“, sondern bedeuten vor allem auch „die Chance eines Menschen oder einer Mehrzahl solcher (…), den eigenen Willen in einem Gemeinschaftshandeln auch gegen den Widerstand anderer daran Beteiligter durchzusetzen“ (18). Bei Weber reduziert sich die soziale Schichtung nicht auf die ungleiche Verteilung des Reichtums durch den Markt, sondern bedeutet auch eine bestimmte Beziehung zwischen den gesellschaftlichen Gruppen, in der sich Machthaber und Ohnmächtige gegenüberstehen.

Bourdieus bürgerliche Soziologie

Als bedeutendere Weiterentwicklung in der bürgerlichen Soziologie nach Weber ist vor allem Pierre Bourdieus Theorie des „sozialen Habitus“ zu nennen (z.B. in „Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft“; „Sozialer Raum und Klassen“, ….). Ähnlich wie Weber geht Bourdieus Klassenanalyse von einem Zusammenhang von Klassenzugehörigkeit und unterschiedlichen Zugriffsmöglichkeiten auf „knappe Ressourcen“ aus. Anders als Weber betont Bourdieu jedoch viel mehr außerökonomische („kulturelle“) „Besitztümer“.

In verwirrender Weise spricht er dabei von Kapital, das er mit „Macht“ oder „Verfügungsgewalt“ gleichsetzt. Er unterscheidet dabei ökonomisches Kapital von kulturellem Kapital, das wiederum in verschiedenste Dimensionen zerlegt wird (z.B. zählen hier neben Qualifikationen auch „verinnerlichte“ Verhaltensdispositionen und „soziale Kompetenzen“ dazu). Klassenlagen definieren sich bei Bourdieu danach durch das Volumen an „Kapitalbesitz“, die Struktur (Mischung von ökonomischem und kulturellem Kapital), sowie die soziale Laufbahn (typische Lebensläufe in denen dieses Kapital angeeignet wird). Daneben gehen bei ihm sekundäre Merkmale (Geschlecht, Ethnie, geographische Verteilung) in die spezifische Klassenbildung ein.

Auch auf dieser Grundlage ergibt sich wieder die Möglichkeit einer beliebigen, unendlichen Vielfalt von Klasseneinteilungen. Bourdieus Einengung dieser Vielfalt ergibt sich aus seiner Theorie des „sozialen Habitus“: Auf der Grundlage des „Kapitalbesitzes“ ergibt sich eine Struktur von Verhaltens-, Wahrnehmungs-, Denkweisen, die in Zusammenhang mit einer bestimmten Kapitalstruktur zu einer selbst-reproduktiven Struktur wird. Der Habitus beruht dabei nicht einfach auf Wiederholung „gewohnter“ Verhaltensweisen, sondern ist der Veränderung, Anpassung an neue Bedingungen fähig, ohne den Rahmen des „Überkommenen“ zu sprengen:

„Da der Habitus eine unbegrenzte Fähigkeit ist, in völliger (kontrollierter) Freiheit Hervorbringungen – Gedanken, Wahrnehmungen, Äußerungen, Handlungen – zu erzeugen, die stets in den historischen und sozialen Grenzen seiner Erzeugung liegen, steht die konditionierte und bedingte Freiheit, die er bietet, der unvorhergesehenen Neuschöpfung ebenso fern wie der simplen mechanischen Reproduktion ursprünglicher Konditionierungen“. (19)

Sichtbar macht sich der Habitus nicht nur in Auseinandersetzungen um materiell bedeutsame Interessenskonflikte, sondern auch in „symbolischen Akten der Distinktion“: d.h. durch Betonung unterschiedlicher Lebensstile, kultureller und sub-kultureller „Bekenntnisse“, Betonung unterschiedlicher Sprachformen, verschiedenen Eßgewohnheiten, unterschiedlicher Wohn- und Freizeitkultur (bis hin zum „Bekenntnis“ zu verschiedenen Fußballmannschaften etc.) die vor allem der Abgrenzung gegenüber anderen Sozialtypen dienen und deren sonstiger Inhalt oder „Sinn“ minimal ist. Wobei bei diesen „symbolischen Klassenkämpfen“ oft mehr (Herz-)Blut fließe als bei tatsächlichen.

Durch empirische Lebensstilanalyse in Kombination mit ökonomischen und bildungssoziologischen Untersuchungen glaubt Bourdieu (ähnlich wie Weber) in den Industrienationen eine Dreiklassengesellschaft (Oberschichthabitus, Mittelklassehabitus, Arbeiterhabitus) nachweisen zu können, wobei jede dieser Klassen wieder in zwei Fraktionen zerfällt, je nachdem ob ökonomische oder kulturelle Faktoren bestimmender für die spezielle Ausprägung des Habitus sind.

An Bourdieu angelehnt wurde eine Vielzahl empirischer Untersuchungen durchgeführt, die traditionelle Klasseneinteilungen der empirischen Sozialforschung nach Berufen und Einkommensunterschieden um ausgefeilte „Lebensstilanalysen“ und „ideologisch/kulturelle Distiktionshaltungen“ erweiterten. Dabei wurde die habituelle Dreiteilung in den letzten Jahren um die Unterscheidung „traditioneller“, „materialistischer“ und „post-materialistischer“ Lebensstile ergänzt.

“Postmaterialismus”

So zeichnet sich etwa der traditionelle „Arbeiterhabitus“ durch die Verbindung bestimmter Berufe (z.B. Facharbeiter in einer Fabrik) mit solchen Elementen wie Wohnen im „Arbeiterviertel“, Zugehörigkeit zu Arbeiterorganisationen (oft schon seit Generationen), bewußtes Bekennen zur Herkunft als „Arbeiter“, etc. aus. In ähnlicher Weise lassen sich traditionelles Kleinbürgertum und ebenso Oberschichten durch Bezug auf bestimmte überkommene Klassenmerkmale definieren. Materialistische Lebensstile zeichnen sich dadurch aus, daß die Erreichung bestimmter schichtspezifischer Einkommensziele und damit verbundenem Lebensstandard zentral für die Selbstdefinition und die gesellschaftlichen Handlungsweisen sind. Bei post-materialistischen Lebensstilen dagegen sind nicht so sehr an vergegenständlichten „Reichtumskategorien“ als vielmehr an solchen Dingen wie „Selbstverwirklichung“, möglichst viel selbstbestimmte Freizeit etc. interessiert.

Auf der Grundlage dieser Unterscheidungen wurde etwa für Deutschland folgende Verteilung bestimmt, wobei die Prozentzahlen jeweils die Zahlen 1982 und 1992 anzeigen (Siehe Tabelle; Quelle: M. Vester, „Das Janusgesicht sozialer Modernisierung“, in: „Politik und Zeitgeschichte 26-27“, S.3-19) Interessant ist hier einerseits, daß das schrittweise Verschwinden des „traditionellen Arbeitermilieus“ sicher nicht nur eine ideologische Schimäre ist, andererseits, daß die bewußtseinsmäßige „Vermittelklassung“ der Arbeiterschaft nicht mehr weiter fortschreitet. Außerdem wird hier die Tendenz zur Aufspaltung im Mittelschicht-Milieu bereits deutlich, die wir später aus anderen Gründen wieder finden werden.

Ideologiegeschichtlich besonders einflußreich waren in der BRD die Werke von H.Schelsky, der in den 60er Jahren verkündete, daß die Klassengesellschaft durch eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft ersetzt würde (siehe z.B. „Auf der Suche nach Wirklichkeit“). Dabei behauptete er einerseits, daß aufgrund einer gestiegenen „sozialen Mobilität“ die alten Klassengegensätze und Hierarchien so deutlich abgebaut worden seien, daß man von einer „Nivellierung“ der wirtschaftlichen und politischen Stati der Menschen sprechen könne. Andererseits würden sich die verschiedenen Milieus immer mehr als kleinbürgerlich-mittelständischen Verhaltensformen und Lebenslagen anpassen. Dabei sei allerdings insgesamt ein „Entschichtungsvorgang“ zu beobachten, d.h. (ganz im Unterschied zu Bourdieu) eine geringer werdende Rolle von schichtbezogenen Voraussetzungen für die Handlungsdispositionen der Individuen.

Der “Dritte Weg” in die Risikogesellschaft

Letzteres ist als „Individualisierungsthese“ so etwas wie das Lieblingsthema der heutigen Soziologie und „politischer Hintergrundliteratur“ geworden. Ein Hauptprotagonist dieser These, Ulrich Beck, brachte es gar zum Themengeber für die „Neue Mitte“-Politik. „Individualisierungsschübe“ bestehen nach Beck im Prozeß der Herauslösung von Individuen aus überlieferten „Familien-, Kollegen-, Berufs- und Betriebsbedingungen, sowie (aus …) Bindungen an eine bestimmte regionale Kultur, Tradition und Landschaft (…)“ (20). Insbesondere sind damit Auflösungserscheinungen von „industriegesellschaftlichen Lebensformen“ gemeint – die „post-industrielle Gesellschaft“ gehört ja auch zu den modernen Lieblingsmotiven – und damit auch die „Herauslösung aus ständisch geprägten Klassen“, die auch für die Industriegesellschaft angeblich noch so prägend gewesen seien. Das Individuum, das so immer weniger in „traditionale Vorgaben ‚eingebettet'“ sei, wird immer mehr zum „Konstrukteur, Jongleur, und Inszenator seiner Biographie, seiner Identität, seiner sozialen Netzwerke, Bindungen, Überzeugungen (…)“ (21).

Diese Auflösung von gesellschaftlichen Großgruppen geht nach Beck einher mit dem Bedeutungsverlust von „Verteilungskämpfen“ oder Überhaupt des Problems von Besitz versus „echter materieller Not“. Dagegen seien die vereinzelten Individuen im „Zuge der exponentiell wachsenden Produktivkräfte“ gleichzeitig kollektiv derart durch „Risiken und Selbstbedrohungspotentiale“ betroffen, daß eine neue kollektive Handlungsoption einsetzt: Die entstehenden „Risikogesellschaften“ setzen nach Beck eine Dynamik frei, „die weder in der Tradition der ‚Klassenformierung‘ von Karl Marx, noch in der Tradition der ständisch-marktvermittelten Vergemeinschaftung in ’sozialen Klassenlagen‘ bei Max Weber zureichend begriffen werden kann“ (22).

Die Frage einer „gerechten Risikoverteilung“ ersetze die Frage der „gerechten Reichtumsverteilung“. Risiken beziehen sich dabei sowohl auf globale Umweltprobleme, wie auch auf „soziale Risiken“, wie Arbeitsplatzverlust oder Gesundheits- und Altersversorgungsrisiken. Diese Risiken würden sich längst querlegen zu den traditionellen Klassen- und Schichtlagen und würden daher neue, übergreifende politische Handlungsdynamiken auslösen: „Risikogesellschaften sind keine Klassengesellschaften – das ist noch zu wenig. Sie enthalten in sich eine grenzsprengende, basisdemokratische Entwicklungsdynamik, durch die die Menschheit in eine einheitliche Lage zivilisatorischer Selbstgefährdung zusammengezwungen wird“ (23).

Die bürgerliche Soziologie mag die Bedeutung von Klassen anerkennen oder nicht, sie durch Differenzierungs-, Pluralisierungs-, Individualisierungsthesen etc. relativieren, immer jedoch stößt sie auf das methodische Problem, wie sich denn die Vergesellschaftung ihrer „vereinzelten Einzelnen“ und „des Menschen“ zu den gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsbedingungen und -möglichkeiten verhält.

Die grundlegende Methode der bürgerlichen Sozialwissenschaft

Die in der bürgerlichen Sozialwissenschaft herrschende Methode kann mit einem Begriff von Schumpeter bzw. Popper als „methodologischer Individualismus“ bezeichnet werden. Die grundsätzliche Herangehensweise ist es dabei, daß sich gesellschaftliche Erscheinungen nicht durch eigenständige spezifisch-gesellschaftliche Gesetze erklären lassen, sondern letztlich auf das Verhalten und die Dispositionen der handelnden Individuen reduzieren lassen. Individuen werden so als „Atome“ von gesellschaftlichen Formationen gesehen, so daß gesellschaftliche Veränderungen aus den Wechselwirkungen der zugrundeliegenden Atome erklärbar seien.

Popper betont in seinem Buch „Das Elend des Historizismus“, daß der Glaube an „übergeordnete historische Gesetze“ zu menschenverachtender Ignoranz gegenüber den tatsächlichen Bestrebungen der Individuen führe, und daß es „die Aufgabe der Gesellschaftswissenschaft (ist), unsere soziologischen Modelle vorsichtig in deskriptiven oder nominalistischen Begriffen zu konstruieren und zu analysieren, d.h. in Begriffen von Individuen, ihren Haltungen, Erwartungen, Beziehungen, etc. – ein Postulat, das man ´methodischen Individualismus´ nennen kann“.

Der methodologische Individualismus ist daher erstens ontologischer und moralischer Individualismus (die gesellschaftliche Wirklichkeit ist aus unabhängigen Individuen zusammengesetzt, deren „Individualität“ eine „unantastbare“ Tatsache ist). Er ist zweitens eine Form von Rationalismus: Die Individuen versuchen, ihre Ziele auf der Grundlage ihrer Handlungsvoraussetzungen in optimaler Weise zu erreichen, d.h. sie handeln rational. Er ist drittens eine Form von Reduktionismus: Eine wirklich „wissenschaftliche“ Erklärung gesellschaftlicher Probleme erhält man nur, wenn man sie auf eine Theorie über die handelnden Individuen und ihre Wechselwirkungen reduzieren kann.

Damit komplexere gesellschaftliche Vorgänge dabei überhaupt erklärt werden können (was nach Popper genaugenommen gar nicht möglich ist), müssen die handelnden Individuen in wenige homogene Grundtypen (wie z.B. Webers Idealtypen) zusammengefaßt werden, deren Handlungsmotive (z.B. Profitmaximierung) und Handlungsmöglichkeiten annähernd ähnlich sind. Die rationale Lösung gesellschaftlicher Konflikte ergibt sich sodann aus der (spieltheoretischen) Optimierung des Nutzens für die beteiligten Individuen bei der Auswahl aus den gegebenen Handlungsalternativen.

Klassentheorie und „analytischer Marxismus“

Obwohl der methodologische Individualismus, wie unten ausgeführt werden wird, der marxistischen Methode diametral entgegengesetzt ist, hat sich in den letzten Jahrzehnten eine vor allem in den USA angesiedelte Schule des akademischen Marxismus entwickelt, die marxistische Theorie und Praxis durch den methodologischen Individualismus „begründen“ wollen. Diese Schule, der sogenannte „analytische Marxismus“ hat auch ausführliche klassentheoretische Studien hervorgebracht (z.B. Roemer „A General Theory of Exploitation and Class“, E.O.Wright „Classes“).

Hier können nur einige Grundelemente dieser Strömung wiedergegeben werden. Ausgangspunkt ist der Versuch einer „Individualisierung“ des Ausbeutungsbegriffs. Als treibendes Motiv der gesellschaftlich handelnden Individuen wird das Streben dargestellt, so wenig wie möglich arbeiten zu müssen. Daher versucht jeder einzelne, so gut es geht in den Besitz von „Ressourcen“ zu gelangen, die ihm Arbeit ersparen. Durch die Knappheit dieser Ressourcen führt dies zu Ungleichverteilung, so daß die Ersparung von Arbeit durch einige, zur Ausbeutung von Arbeit bei vielen führe.

Wright etwa führt dabei dann folgende Ressourcen mit ungleicher Verteilung an: Produktionsmittelbesitz, Qualifikation, Besitz von Anleitungsfunktionen in einer hierarchischen Organisation. Durch alle möglichen Kombinationen von hohem/mittlerem/niedrigem Grad an Besitz einer dieser Ressourcen definieren sich dadurch Klassenlagen. Dabei unterscheidet Wright die Klasse der Produktionsmittelbesitzer, die Mittelklasse (kein Produktionsmittelbesitz, aber dafür Besitz von Qualifikations- oder Organisationsressourcen) und die Arbeiterklasse (kein Ressourcenbesitz überhaupt).

Für Deutschland ergibt sich danach gemäß den repräsentativ erhobenen Daten des „Projekt Klassenanalyse“ (Gesamthochschule Duisburg) aus dem Jahr 1985  folgendes Zahlenmaterial  (24), das in der Tabelle auf Seite 12  dargestellt ist.

Die Einkommenshöhe für die Bourgeoisie wird von den Autoren als verzerrt angesehen, einerseits, weil in einer repräsentativen Studie auch bei mehreren tausend Befragten eben nur wenige Bourgeoisie angetroffen werden, andererseits deren Angaben über ihr Einkommen wenig glaubhaft war, wenn sie nicht überhaupt die Angabe verweigerten. Dieses Beispiel zeigt aber auch die Beliebigkeit, zu der solche theoretischen Zugänge bei der Kategorisierung z.B. der Mittelklassen führen.

Wie immer man diese Ergebnisse bewertet, interessant bleibt natürlich die Frage, wie denn „höhere“ oder „mittlerer“ Besitz von Qualifikations- oder Organisationsressourcen bei den verschiedenen Berufsgruppen erhoben wird, beziehungsweise was deren Besitz eigentlich für gesellschaftlich-politische Konsequenzen haben soll, warum gerade diese Typenbildungen entscheidende soziologische Einsichten vermitteln sollen.

Klassentheorie und strukturalistischer Marxismus

Erwähnt werden muß hier noch eine weitere einflußreiche Schule des akademischen Marxismus, die einen Beitrag zur Klassentheorie geleistet hat, der „Strukturalismus“ (Althusser, Balibar, Poulantzas). Insbesondere das Buch „Politische Macht und gesellschaftliche Klassen“ von Poulantzas war von einigem Einfluß. Der Strukturalismus behauptet, daß der „hegelianische Marxismus“ dem ungenügenden Ansatz der bürgerlichen Theorie (das gesellschaftliche Ganze wird von seinen Teileinheiten bestimmt) einen metaphysischen Holismus entgegenstellen würde (die Teilelemente der Gesellschaft werden vom Gesellschaftsganzen bestimmt, das jeweils durch einen wesentlichen Widerspruch seine Gesetzmäßigkeit erhält).

Der Strukturalismus hält nichts von der angeblichen „Metaphysik des Wesens gesellschaftlicher Verhältnisse“: Statt daher einen zentralen Widerspruch zu suchen, um den angeblich alles kreist, wird die Gesellschaft als „dezentrale Totalität“ gesehen, d.h. gesellschaftliches Handeln ist immer determiniert nicht nur von einem Ganzen (= einer Struktur), sondern einer Vielzahl von Strukturen.

Neben der ökonomischen Struktur sind dann auch die politische, die ideologische, kulturelle, etc. zu betrachten. Eine Wechselwirkung zwischen diesen Strukturen wird zwar gesehen, aber letztlich relativiert (die ökonomische Struktur ist „letztlich“ entscheidend, aber was das heißt, bleibt dunkel). Auch die Analyse gesellschaftlicher Klassen bezieht sich laut Poulantzas daher „niemals nur auf die ökonomische Struktur …, sondern auf die Gesamtheit der Strukturen einer Produktionsweise und einer Gesellschaftsformation, und auf die Verhältnisse, die zwischen den verschiedenen Ebenen bestehen“ (25).

Mehr oder weniger folgerichtig sieht Poulantzas die Arbeiterklasse vor allem durch die ökonomische Struktur bestimmt. Daher reduziert sie sich bei ihm im wesentlichen auf die produktive Arbeiterschaft in Privatunternehmen. Dagegen werden alle Beschäftigten des Staates, auch von verstaatlichten Industrien durch ihre Integration in die politische Struktur des herrschenden Systems zur Mittelklasse gerechnet. Andere Berufsgruppen wiederum, wie z.B. Techniker werden aufgrund bestimmter ideologischer Elemente („Ideologie des technischen Fortschritts“, besonderer gesellschaftlicher Status etc.) ebenfalls nicht der Arbeiterklasse zugerechnet. Auch in den „herrschenden Klassen“ selbst werden aufgrund der Strukturanalyse unterschiedliche Fraktionen dargestellt. Daraus ergibt sich auch, daß Poulantzas Klassenanalyse sich besonders eignete für theoretische Rechtfertigungen von anti-monopolistischen Bündnissen, da die Arbeiterklasse nur „gesellschaftliche Mehrheiten“ finden kann, wenn sie Spaltungen in Mittelklassen und Bourgeoisie nützt.

Kritik des methodologischen Individualismus

Das Grundproblem eines „methodologischen Individualismus“ wird bereits bei einem Rekurs auf Hegels Kritik am Atomismus klar (in der „Wissenschaft der Logik“ (26)): Der Versuch, alle Erscheinungen auf die Wechselwirkung von absolut einfachen und „für sich seienden“ Einheiten zu reduzieren, muß entweder dazu führen, daß diese Einheiten (als absolut einfache und unzerlegbare) völlig bestimmungslos werden, oder daß ihnen Eigenschaften beigelegt werden, die ihre „Einfachheit“ und „Unbegründbarkeit“ als völlig willkürlichen Ausgangspunkt machen:

„Sonst aber sind weitere Bestimmungen der Alten [Philosophen der Antike] über eine Gestalt, Stellung der Atome, die Richtung ihrer Bewegung willkürlich und äußerlich genug und stehen dabei in direktem Widerspruch mit der Grundbestimmung der Atome. An den Atomen, dem Prinzip der höchsten Äußerlichkeit und damit der höchsten Begrifflosigkeit, leidet die Physik in den Molekülen, Partikeln ebensosehr als die Staatswissenschaft, die von dem einzelnen Willen der Individuen ausgeht“. (27)

Die Figur des „vereinzelten Individuums“, dessen Fähigkeiten, materielle Ressourcen, Handlungsmotive, rationale Alternativenabwägung etc. im methodologischen Individualismus als unhinterfragbare Gegebenheiten erklärt werden, ist ein ebenso willkürlicher Ausgangspunkt, ja, wie Marx nachweist, eine spezifisch historische Erscheinungsform:

„Erst in dem 18. Jahrhundert, in der ´bürgerlichen Gesellschaft´ treten die verschiedenen Formen des gesellschaftlichen Zusammenhangs dem einzelnen als bloßes Mittel für seine Privatzwecke entgegen als äußerliche Notwendigkeit. Aber die Epoche, die diesen Standpunkt erzeugt, den des vereinzelten Einzelnen, ist gerade die der bisher entwickeltsten gesellschaftlichen Verhältnisse. Der Mensch ist im wörtlichsten Sinne ein zoon politikon, nicht nur ein geselliges Tier, sondern ein Tier, das sich nur in der Gesellschaft vereinzeln kann. Die Produktion des vereinzelten Einzelnen außerhalb der Gesellschaft – eine Rarität, die einem durch Zufall in die Wildnis verschlagenen Zivilisierten wohl vorkommen kann, der in sich dynamisch schon die Gesellschaftskräfte besitzt – ist ein ebensolches Unding als die Sprachentwicklung ohne zusammen lebende und zusammen sprechende Individuen“. (28)

Die Abstraktion vom gesellschaftlichen Charakter der Individuen selbst ist schwieriger vorstellbar in anderen Gesellschaftsepochen: Was bringt etwa die Erklärung der Rolle eines Sklaven in der römischen Antike, wenn man von den individuellen Fähigkeiten und Wünschen des einzelnen Sklaven ausgeht. Es ist gerade das widersprüchliche Verhältnis von subjektiven Handlungsdispositionen (individuellen Fähigkeiten, Bedürfnissen,…) und objektiven Handlungsmöglichkeiten (Lebensbedingungen,…), welches in allen bisherigen Gesellschaftsepochen (auch der kapitalistischen) die Herausbildung sozialer Rollen bestimmt hat – und nicht ein zweckrationales Verhältnis der beiden.

Die mangelhafte Erfüllbarkeit bestimmter Bedürfnisse aufgrund gegebener Lebensbedingungen bedeutet nicht, daß sich Menschen bestimmter Gruppen keine „rationalen“ Ziele setzen, sondern umgekehrt: die herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen zwingen den Menschen bestimmte individuelle Dispositionen und Bedürfnisse (sprich ihre soziale Rolle) als ihre „eigenen“ auf. Erst in der bürgerlichen Gesellschaft erscheint der Schein einer zweckrationalen „freien Wahl“ der Entwicklung von Fähigkeiten bzw. der Befriedigung von Bedürfnissen – tatsächlich wird diese Wahl weiterhin durch soziale Rollen eingegrenzt, und die Rolle des Sklaven und die des Lohnabhängigen unterscheidet sich nur graduell und der Form nach.

Die zentrale Marxsche These ist nicht, daß „der Mensch“ prinzipiell „über-individuellen“ Gesetzen unterworfen ist, sondern daß die historisch bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse (inklusive des Kapitalismus) solche sind, in denen die Entwicklung von Fähigkeiten und Bedürfnissen der Individuen, wie auch ihrer Verhaltensweisen, von den gesellschaftlichen Bedingungen bestimmt werden und diese daher gerade nicht aus ersteren erklärbar sind. Gleichzeitig ist die Zielsetzung eines „guten Lebens“, eines „wirklichen Reichtums“, einer „Selbstverwirklichung der menschlichen Möglichkeiten“ für Marx das materialistische Prinzip das sich im geschichtlichen Prozeß verwirklicht: „In fact aber, wenn die bornierte bürgerliche Form abgestreift wird, was ist der Reichtum anderes als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte, usw. der Individuen? Die Vollentwicklung der menschlichen Herrschaft über die Naturkräfte, die der sogenannten Natur sowohl, wie seiner eigenen Natur? Das absolute Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, ohne andere Voraussetzung als die der vorhergegangenen historischen Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, das heißt die Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorgegebenen Maßstab zum Selbstzweck macht, wo er sich nicht reproduziert in einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert? Nicht irgendetwas Gewordenens zu bleiben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des Werdens ist“. (29)

Daß diese Entwicklung des „reichen Lebens“ im Geschichtsprozeß durch ihr absolutes Gegenteil läuft, ja laufen muß – das verelendete, entfremdete Leben einerseits und die Konzentration von verdinglichtem Reichtum andererseits -, ist nur durch eine dialektische Gesellschaftstheorie verstehbar.

Dialektische Methode

Die dialektische Methode in der Gesellschaftswissenschaft unterscheidet sich vom methodologischen Individualismus nicht einfach dadurch, daß das Verhalten der Einzelnen durch die Gesetzmäßigkeiten des Gesellschaftsganzen erklärt würde, statt umgekehrt. Daß also an sich überindividuelle „historische Gesetze“ behauptet würden, die sich (bewußt oder unbewußt) in den Handlungen der Einzelnen und sozialer Gruppen durchsetzen würden.

Es ist vielmehr so, daß die dialektische Methode über den unendlichen Progreß von wechselnden Erklärungsansätzen hinausgeht: Ein Progreß, der etwa damit beginnt, daß das Ganze aus den Teilen erklärt; dann darauf stößt, daß die Teile wiederum aus dem Ganzen erklärt werden müssen; wiederum diese Wirkungsweise des Ganzen aus den Eigenschaften der Teile erklärt; irgendwann auf die Widersprüchlichkeit des Anspruchs kommt, das eine oder das andere als den Ausgangspunkt zu behaupten, etc.. „Dieser Progreß ist daher der Widerspruch, der nicht aufgelöst ist, sondern immer nur als vorhanden ausgesprochen wird“. (30) Die Anerkennung der Wirklichkeit dieser Unauflöslichkeit („der Wirklichkeit des Widerspruchs“) ergibt sich in der Dialektik durch die zentrale Kategorie der „konkreten Totalität“.

Die Totalität ist nicht einfach das abstrakte Ganze, das abstrakte Wesen oder eine „Idee“, die getrennt von der Wirklichkeit seiner Teile, Erscheinungen oder Verkörperungen besteht, sondern etwas, das eine lebendige Einheit mit ihnen bildet, die nur als Prozeß zu fassen ist. „Es ist ein alter Satz, daß das Eins Viele und insbesondere daß das Viele eins ist. Es ist hierüber die Bemerkung zu wiederholen, daß die Wahrheit des Eins und des Vielen in Sätzen ausgedrückt in einer unangemessenen Form erscheint, daß diese Wahrheit nur als ein Werden, als ein Prozeß, (…) nicht als das Sein, wie es in einem Satze als ruhige Einheit gesetzt ist, zu fassen und auszudrücken ist“. (31)

Die „unangemessene Form“ in der wir in unseren Sprachen die Prozeßhaftigkeit von Totalitäten erfassen können, ist die des dialektischen Widerspruchs. Denn die Bewegung der Totalität bedarf keines äußeren Anstoßes, keiner „ersten Ursache“, keines „Anfangs“. Sie entsteht aus sich selbst heraus, aus ihrer „inneren Widersprüchlichkeit“. Nicht aus den Wechselwirkungen von Dingen (isoliert bestimmten Ganzheiten) wird Veränderung erklärt, sondern der Widerspruch besteht in den Dingen, besser gesagt in der Totalität des Wirklichen selbst!

Die Elemente, in denen sich die Totalität auf verschiedenen Entwicklungsstufen entfaltet, sind immer bloß unvollkommene Verkörperungen ihrer inneren Möglichkeiten. Ihr Gegensatz zu anderen Elementen wird zum Widerspruch mit den eigenen Existenzgrundlagen. Zugleich stiftet das Wesen der Totalität gerade auch die innere Einheit der widersprüchlichen Elemente und macht so die Aufhebung des Widerspruchs möglich hin zu einer höheren Qualität der Entwicklung des Ganzen. Das Problem des Anfangs („Was war zuerst, das Ganze oder die Teile“) löst sich bei Hegel im Bild des Kreises: der Prozeß hat nirgends einen bestimmten Anfang, sondern kehrt immer wieder an dieselben Punkte zurück, aber entwickelter, in einer „reicheren“ und „inhaltsvolleren“ Form.

„Das Einzige, um den wissenschaftlichen Fortgang zu gewinnen (..) ist die Erkenntnis des logischen Satzes, daß das (…) sich Widersprechende sich nicht in Null, in das abstrakte Nichts auflöst, sondern wesentlich nur in die Negation seines besonderen Inhalts, oder daß eine solche Negation nicht alle Negation, sondern die Negation der bestimmten Sache, die sich auflöst, somit bestimmte Negation ist; daß also im Resultate wesentlich das enthalten ist, woraus es resultiert (…). Indem das Resultierende, die Negation, bestimmte Negation ist, hat sie einen Inhalt. Sie ist ein neuer Begriff, aber der höhere, reichere Begriff als der vorhergehende (…). Es ist der Inhalt in sich, die Dialektik, die er an ihm selbst hat, welche ihn fortbewegt“. (32)

In der idealistischen Philosophie Hegels ist es „die Idee“, die den Grund des Prozesses bildet: die Idee ist zwar immer schon „an sich“ da, aber der Prozeß ihrer Verwirklichung oder „Manifestation“, ist ihr nicht äußerlich, sondern ihr eigentliches Wesen, ohne den sie ein abstraktes Nichts wäre. Somit ist in Hegels Dialektik zwar immer schon das Ziel des Prozesses vorhanden (in diesem Sinne ist die Bezeichnung „Teleologie“ richtig), aber seine konkrete Verwirklichung, Gestalt und Form der Hervorbringung ist völlig offen.

Marx Gesellschaftstheorie

In der dialektischen Gesellschaftstheorie Marx‘ taucht die konkrete, sich selbst erzeugende Totalität, deren Entfaltung durch den dialektischen Widerspruch vorangetrieben wird, in einer materialistisch gewendeten Form wieder auf: Nicht mehr ein sich selbst begründendes philosophisches System ist das Ziel, in dem sich die „absolute Idee“ entfaltet, sondern der die Bedingungen seiner (gesellschaftlichen) Existenz selbst schaffende/produzierende Mensch ist das Zentrum einer Theorie, in der Gesellschaftlichkeit ein dynamischer Prozeß ist – und kein statisches Teil-Ganzes-Konglomerat. Es ist das Ziel des „guten Lebens“, das in den verschiedenen Formen der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion der

Lebensbedingungen der Gesellschaftsteile seine bestimmte historische Konkretisierung erhält.

Deren unvollkommene Manifestation mußte sich in den bisherigen Geschichtsepochen auf Grund der Beschränktheit der materiellen Produktivkräfte in widersprüchlicher Weise ergeben: Als „gutes Leben“ für eine Minderheit der Gesellschaft, als Konzentration des Reichtums der Gesellschaft auf wenige, die diese Begrenzung gleichzeitig als „Reichtum der Gesellschaft an sich“, als einzige Form des „guten Lebens“, die in dieser Welt möglich sei, erscheinen lassen. D.h. die Form, in der sich die Entfaltung der menschlichen Verwirklichungsbedingungen bisher abspielte, ist die der Kontrolle ihrer Produktionsbedingungen durch eine jeweils herrschende Klasse.

Durch diese Negation der eigenen Existenzbedingung (der geschichtlichen Tendenz zur Vollentwicklung der menschlichen Fähigkeit zur gesellschaftlichen Selbstproduktion) schafft die herrschende Klasse objektiv widersprüchliche Bedingungen, die zur Aufhebung in einer neuen Qualität der gesellschaftlichen Entwicklung drängen. In diesem Sinn ist das bisherige Verhältnis von Individuum und Gesellschaft durch die Entfremdung der von den Einzelnen in ihrem gesellschaftlichen Tun erzeugten Verhältnissen von ihren eigenen Zwecksetzungen bestimmt: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken…“.

Erst eine Gesellschaft ohne Klassengegensätze ermöglicht eine gesellschaftliche Entwicklung, in der die Entfaltung des Einzelnen und die Produktion von gesellschaftlichen Reichtum in ein nicht mehr widersprüchliches, sondern unmittelbares Verhältnis treten:

„Die Gesetze ihres eigenen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht. Die eigene Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen bisher als von Natur und Gesellschaft oktroyiert gegenüberstand, wird jetzt ihre eigene freie Tat. Die objektiven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben“. (33)

Solange dieser Zustand nicht erreicht ist, bewirkt die geschichtliche Totalität der jeweiligen Produktionsweise, daß die Wirkungen von gesellschaftlichem Handeln letztlich nur durch ihr Verhältnis zum Klassenwiderspruch und seinen Manifestationen, bzw. in ihrer Beziehung zu seiner revolutionären Aufhebung im Klassenkampf verstanden werden können (siehe auch Lukacs „Ontologie des gesellschaftlichen Seins“, wo allerdings auch klargestellt wird, daß die Geschichte der „Entfremdung“ mit dem Ende von Klassengesellschaften nicht zu Ende sein wird). Der Klassenbegriff ist die zentrale Vermittlungsinstanz zwischen den subjektiven und objektiven Momenten des materialistisch/dialektisch verstandenen Geschichtsprozesses.

Die ihre Lebensbedingungen selbst schaffenden Menschen schaffen diese zugleich als ihnen fremde, sie beherrschende Bedingungen, die den Kern ihres Untergangs von Beginn an in sich tragen. Der objektive Widerspruch, das Umschlagen der Entwicklungsmöglichkeiten von Reichtum unter einem herrschenden Produktions- und Eigentumsregime in Verelendungsbedingungen für die Masse der Produzenten, manifestiert sich auf der Ebene der subjektiv Handelnden in der sozialen Kraft, die zur bestimmten Negation der bisher herrschenden Verhältnisse in der Lage ist, und derjenigen, die den bestehenden gesellschaftlichen Reichtum repräsentiert.

Auch wenn die Akteure aufgrund der Entfremdung der Auswirkungen ihrer Handlungen von ihren Zielsetzungen daher im allgemeinen nicht „verantwortlich“ für diese Wirkungen sind („gute“ oder „schlechte“ Menschen sind), sondern eher Objekte eines gesellschaftlichen Prozesses, so erzeugt die Möglichkeit der Überwindung bestehender Klassenherrschaft eine entscheidende Verantwortlichkeit der Handelnden. Von ihrem entschiedenen oder falschen Handeln hängt tatsächlich der Fortgang der Geschichte der menschlichen Befreiung ab. Klassen sind daher soziale Verkörperungen des in einer historischen Gesellschaftsformation möglichen gesellschaftlichen Subjektbildungsprozesses. Sie treten um so schärfer zu Tage, je weiter sich der ökonomische Widerspruch und damit auch der Klassenwiderspruch entfaltet.

III. Produktionsverhältnisse, Klassenbedingungen und die Bildung sozialer Klassen

Die Grundlage der materialistischen Gesellschaftstheorie ist die Erkenntnis, daß die „Menschen in der materiellen Produktion ihres Lebens“ stets nicht nur ein Verhältnis zur Natur, sondern immer auch ein gesellschaftliches Verhältnis eingehen müssen – sozusagen zur Gesellschaftlichkeit verdammt sind (weshalb selbst die „Vereinzelung“ ein spezifisch-historisch gesellschaftliches Produkt ist). Speziell der Arbeitsprozeß als spezifische menschliche Lebenstätigkeit und Grundlage der gesellschaftlichen Selbstproduktion des Menschen ist durch drei Momente zu fassen (34): Im Unterschied zu den Tieren bringen die Menschen die Mittel zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse selbst hervor.

Tätigkeiten, die zur Bedürfnisbefriedigung führen, wird aufgehoben. Entsprechend den Zielsetzungen werden die besten Mittel und Werkzeuge zur Erreichung des Zwecks ausgesucht. Zweitens wird damit auch die Entwicklung von Bedürfnissen selbst von der natürlichen Vorgegebenheit befreit – „und diese Erzeugung neuer Bedürfnisse ist die erste geschichtliche Tat“ (35).

Durch die Arbeit reproduzieren sich die Menschen daher nicht bloß, sie produzieren sich (ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse) damit auch wesentlich. Drittens findet Arbeit immer unter bestimmten Formen der gesellschaftlichen Organisation statt, es findet gesellschaftliche Teilung der Arbeit statt. „Hieraus geht hervor, daß eine bestimmte Produktionsweise oder industrielle Stufe stets mit einer bestimmten Weise des Zusammenwirkens oder gesellschaftlichen Stufe vereinigt ist, und diese Weise des Zusammenwirkens ist selbst eine ‚Produktivkraft‘, daß die Menge der den Menschen zugänglichen Produktivkräfte den gesellschaftlichen Zustand bedingt (…)“. (36)

Die Gesellschaftlichkeit der Ökonomie betrifft daher nicht bloß die „Distribution“ (Verteilung des Reichtums an Produktions- und Konsumtionsmitteln) sondern alle Elemente der Ökonomie, also auch Arbeitsprozeß, Austausch und Konsumtion. Die gesellschaftliche Organisation des Arbeitsprozesses ist sogar die Grundlage der gesellschaftlichen Verhältnisse in Distribution und Konsumtion. Denn das Kommando über die Arbeit und die Produktionsmittel erlaubt die Bestimmung über den Zweck des Arbeitsprozesses, und damit über die Verteilung des Reichtums ebenso, wie über die Form der Entwicklung von Produktionsfähigkeiten und Bedürfnissen. Damit ergibt sich ab einer gewissen Entwicklungsstufe:

„Übrigens sind Teilung der Arbeit und Privateigentum identische Ausdrücke – in dem Einen wird in Beziehung auf die Tätigkeit dasselbe ausgesagt, was in dem Anderen in bezug auf das Produkt der Tätigkeit ausgesagt wird“. (37)

Teilung der Arbeit und Klassenbildung

Das Verhältnis des Privateigentums an den Produktionsmitteln bezeichnet damit mehr als ein formales Rechtsverhältnis. Es ist verknüpft mit einer bestimmten gesellschaftlichen Form der Organisation des Arbeitsprozesses, dessen Kern eine spezifische Form der Enteignung der Arbeitenden ist: „Mit der Teilung der Arbeit (…) ist zu gleicher Zeit auch die Verteilung, und zwar die ungleiche, sowohl quantitative wie qualitative Verteilung der Arbeit und ihrer Produkte gegeben“. (38)

„Und endlich bietet uns die Teilung der Arbeit gleich das erste Beispiel davon dar, daß, solange die Menschen sich in der naturwüchsigen Gesellschaft befinden, solange also die Spaltung zwischen dem besondern und gemeinsamen Interesse existiert, solange die Tätigkeit also nicht freiwillig, sondern naturwüchsig geteilt ist, die eigne Tat des Menschen ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unterjocht, statt daß er sie beherrscht. Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt (..) und muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will. (…) Dieses Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidierung unseres eigenen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unserer Kontrolle entwächst, unsere Erwartungen durchkreuzt, unsere Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung (…)“. (39)

Das Sichfestsetzen von Arbeitsteilung führt zur gesellschaftlichen Spaltung, sobald es zu einer eindeutigen Ungleichverteilung von Arbeitslast und Reichtumsverfügung führt. Dies ist erst möglich, sobald es überhaupt ein gesellschaftliches Mehrprodukt gibt, und die gesellschaftliche Gesamtorganisation dazu führt, daß dieses Mehrprodukt nur einem bestimmten Teil zukommt. Nur solche Formen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung sind denkbar, die sich als selbst reproduzierende, entwicklungsfähige Totalitäten herausstellen. Dies ist nur möglich, wenn sich eine der Entwicklung der Produktivkräfte entsprechende Form von Eigentumsverhältnissen als allgemeingültig durchsetzt. Der Kampf um die Durchsetzung eines Eigentumsverhältnisses bzw. seine Aufrechterhaltung konstituiert ein Klassenverhältnis:

„Die Lebensbedingungen der einzelnen Bürger wurden durch den Gegensatz gegen die bestehenden Verhältnisse und durch die davon bedingte Art der Arbeit zugleich zu Bedingungen, welche ihnen allen gemeinsam und von jedem einzelnen unabhängig waren. Die Bürger hatten diese Bedingungen geschaffen, insofern sie sich von dem feudalen Verbande losgerissen hatten, und waren von ihnen geschaffen, insofern sie durch ihren Gegensatz gegen die Feudalität, die sie vorfanden, bedingt waren. Mit dem Eintreten der Verbindung zwischen den einzelnen Städten entwickelten sich diese gemeinsamen Bedingungen zu Klassenbedingungen“. (40)

Allgemeiner: „Die einzelnen Individuen bilden nur insofern eine Klasse, als sie einen gemeinsamen Kampf gegen eine andre Klasse zu führen haben; im übrigen stehen sie einander selbst in Konkurrenz wieder feindlich gegenüber. Auf der anderen Seite verselbständigt sich die Klasse wieder gegen die Individuen, so daß diese ihre Lebensbedingungen prädestiniert vorfinden, von der Klasse ihre Lebensstellung und damit ihre persönliche Entwicklung angewiesen bekommen, unter sie subsumiert werden. Dies ist dieselbe Erscheinung wie die Subsumtion unter die Teilung der Arbeit und kann nur durch die Aufhebung des Privateigentums und der Arbeit selbst beseitigt werden“. (41)

Hier wird deutlich, daß Marx die Subsumtion unter die Teilung der Arbeit und die Klassenstellung nicht identisch setzt. Teilung der Arbeit und entsprechende Eigentumsverhältnisse sind allerdings die Basis für die Spaltung der Gesellschaft in Klassen. Eine Summe von sozialen Tätigkeits- und Eigentumsformen fügt sich zu einer Klassenbedingung zusammen, die ein gemeinsames Interesse an der Durchsetzung (oder Aufrechterhaltung) eines bestimmten ökonomischen Produktions- und Reproduktionszusammenhangs darstellt. Klassenverhältnisse sind daher nicht einfach statisch durch bestimmte Rechts- und Eigentumsverhältnisse faßbar, sondern dynamisch als Widerspruchsverhältnis, dessen Inhalt sich in verschiedenen Formen entwickeln kann, bis es in einer höheren gesellschaftlichen Totalität aufgehoben ist.

Ein soziologisches Rätsel und seine Lösung

Von hier aus wird auch das für die bürgerliche Soziologie unauflösliche Verhältnis von ökonomisch, berufsspezifisch oder bildungsmäßig bestimmten Klassenlagen und tatsächlich bestehenden sozialen Klassen bestimmbar. Nicht irgendwelche gegenüber dem Bestimmungsgrund der Klassenlagen externe Erklärungsmomente („Verhaltensnormen“, „sozialer Habitus“, „Lebensstile“, „Risikolagen“, etc.) sind es, die auf der Grundlage von objektiv gegebenen Klassenlagen zur Bildung von Klassen führen. Diese verschiedenen Momente sind vielmehr selbst wieder erklärbar aus dem widersprüchlichen Charakter der gesellschaftlichen Produktionsbedingungen, der dazu führt, daß sich handelnde gesellschaftliche Subjekte bilden, die diese Produktionsbedingungen aufheben wollen, bzw. solche, die sie bewahren wollen. Der widersprüchliche Charakter der Produktionsweise, der bedeutet, daß sie sich nur gleich bleiben kann, in dem sie sich beständig verändert, die darauf beruhende gesellschaftliche Dynamik, der darin enthaltene Klassenwiderspruch – das ist es, was die handelnden Subjekte zur Klassenbildung zwingt.

In Engels „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ wird dieser Zusammenhang von Klassenbildung aus bestimmten Klassenlagen und Kampf um Klassenherrschaft besonders deutlich. Für den Übergang von der urkommunistischen athenischen Stammesgemeinschaft zu einer Klassengesellschaft wird nicht nur die Entwicklung der Arbeitsteilung und die damit einhergehende Entstehung von der alten Stammesverfassung widersprechenden Eigentumsansprüchen verantwortlich gemacht – sie sind die Grundlage.

Entstehung der Klassenspaltung und des Staates

„Die Teilung der Arbeit zwischen den verschiedenen Produktionszweigen: Ackerbau, Handwerk, im Handwerk zahllose Unterarten, Handel, Schiffahrt usw. hatte sich mit den Fortschritten der Industrie und des Verkehrs immer vollständiger entwickelt; die Bevölkerung teilte sich nun nach ihrer Beschäftigung in ziemlich feste Gruppen, deren jede eine Reihe neuer, gemeinsamer Interessen hatte, für die die Gens oder Phratrie kein Platz war, die also zu ihrer Besorgung neue Ämter nötig machten“. (42)

Die Entwicklung von Reichtum, Ausbeutung fremder Arbeit und des Kampfes jeder gegen jeden konnte nur zu einem stabilen, sich selbst reproduzierenden Gesellschaftskörper führen, wenn eine feste Eigentumsordnung durchgesetzt wurde:

„Es fehlte nur noch eines: eine Einrichtung, die die neu erworbenen Reichtümer der einzelnen nicht nur gegen die kommunistischen Traditionen der Gentilordnung sicherstellte, die nicht nur das früher so geringgeschätzte Privateigentum heiligte und diese Heiligung für den höchsten Zweck aller menschlichen Gesellschaft erklärte, sondern die auch die nacheinander sich entwickelnden neuen Formen der Eigentumserwerbung, also der stets beschleunigten Vermehrung des Reichtums mit dem Stempel der allgemeinen Anerkennung versah; eine Einrichtung, die nicht nur die aufkommende Spaltung der Gesellschaft in Klassen verewigte, sondern auch das Recht der besitzenden Klasse auf Ausbeutung der nichtbesitzenden und die Herrschaft jener über diese. Und diese Einrichtung kam. Der Staat wurde erfunden“. (43)

Diese Erfindung, so zeigt Engels, war tatsächlich eine gesellschaftliche Umwälzung, eine Kette politischer Revolutionen, in denen ein ein Klassenverhältnis bestimmender Eigentumsbegriff durchgesetzt wurde: „Alle bisherigen Revolutionen sind Revolutionen gewesen zum Schutz einer Art des Eigentums gegen eine andere Art des Eigentums. (…) sie sind durchgeführt worden zum Schutz des Eigentums – einer Art und durchgeführt durch Konfiskation, auch genannt Diebstahl des Eigentums – einer anderen Art“. (44) Die ursprüngliche Vielheit der Eigentumsverhältnisse und gesellschaftlichen Spaltungen in der sich auflösenden athenischen Stammesgesellschaft wurde umgewälzt zur staatlich abgesicherten Klassenherrschaft: „Der Klassengegensatz, auf dem die gesellschaftlichen und politischen Einrichtungen beruhten, war nicht mehr der von Adel und gemeinen Volk, sondern der von Sklaven und Freien (…)“. (45)

Die Entwicklung von Arbeitsteilung, der Aneignung des Mehrprodukts, von Eigentumsverhältnissen und die politische Organisation der gesellschaftlichen Interessen in staatlicher Form müssen daher als Einheit betrachtet werden. In allen Klassengesellschaften ist der Staat die „selbständige Gestalt“, in der die gesellschaftlichen Macht- und daher Klassenverhältnisse konkrete Form annehmen – und damit auch erst reproduzierbar und abgesichert sind. Es gibt daher kein mechanisches Verhältnis von „ökonomischer Basis“ und „Überbau“. Die Produktionsverhältnisse sind die Basis der Klassenbildung und der staatlichen Ordnung – aber umgekehrt werden die Produktions- und Klassenverhältnisse auch erst durch die staatlich-politischen Herrschaftsverhältnisse in ihrer konkreten Form begründet. Es handelt sich also um ein dialektisches Verhältnis der gegenseitigen Bedingtheit, in dem den Produktionsverhältnissen das Primat zukommt.

Klassen sind also gesellschaftliche Gruppen, die aus der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit heraus wachsen und ein gemeinsames objektives Interesse haben, eine bestehende Eigentums- und staatliche Ordnung zu stützen beziehungsweise diese durch eine neue zu ersetzen oder das Klassenverhältnis an sich aufzulösen. Dabei ist es für Gesellschaftsformationen, die durch das Klassenverhältnis geprägt sind, zentral, daß es eine bestimmte Klasse gibt, die sich in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung das Eigentum an den für die dominierende Produktionsweise notwendigen Produktionsmittel gesichert hat – daß es also eine herrschende Klasse gibt, die sich auf der Grundlage der Ausbeutung von Mehrarbeit einer beherrschten Klasse reproduziert.

Das Verhältnis von herrschender und ausgebeuteter Klasse ist daher das wesentliche Klassenverhältnis jeder Klassengesellschaft, ohne daß sich die Klassenspaltung der Gesellschaft auf diese zwei Klassen reduzieren muß. In jeder konkreten historischen Gesellschaftsformation kann die Teilung der Arbeit verschiedene andere Klassen hervorbringen, die erst in zukünftigen Produktionsweisen die Rolle von herrschender/beherrschter Klasse spielen. So entwickelten sich Bourgeoisie und Proletariat schon während der Feudalepoche zu Klassen, als das dominante Klassenverhältnis noch das von Adel und Fronbauern war, die Relikte vergangener Klassengesellschaften darstellen (Feudalklassen im Kapitalismus), oder die nie die Rolle einer herrschenden oder zentral unterdrückten Klasse annehmen (wie das Kleinbürgertum im Kapitalismus). Das Verhältnis von herrschender und unterdrückter Klasse ist bloß das wesentliche dialektische Verhältnis jeder Gesellschaftsformation, insofern der Klassenkampf zwischen diesen beiden Klassen die Entwicklung der Gesamtgesellschaft zu einer höheren Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung bestimmt.

Klassenwiderspruch und andere Widerspruchsverhältnisse

Außerdem sind die Eigentumsverhältnisse nicht das einzige widersprüchliche Verhältnis, das die Entwicklungsdynamik der gesamtgesellschaftlichen und politischen Verhältnisse bestimmt. Auch das Geschlechterverhältnis, die ethnischen, nationalen, kulturellen Konflikte, das Generationsverhältnis, die widersprüchliche Beziehung Mensch-Natur, etc. sind wesentliche Quellen der gesellschaftlichen Entwicklung. Diese verschiedenen gesellschaftlichen Widersprüche sind ineinander verwoben und beziehen sich in Wechselwirkungen aufeinander:

„Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche. Die Einzelehe war ein großer geschichtlicher Fortschritt, gleichzeitig eröffnete sie neben der Sklaverei und dem Privateigentum jene bis heute dauernde Epoche, in der jeder Fortschritt zugleich ein relativer Rückschritt, in dem das Wohl und die Entwicklung der einen sich durchsetzt durch das Wehe und die Zurückdrängung der andern“. (46)

Die Dialektik des Fortschritts von der naturwüchsig entstandenen Urgesellschaft hin zum guten und reichen Leben für alle Menschen entfaltet sich in verschiedenen Widersprüchen, deren Entwicklungsform sich gegenseitig bedingt und bewegt. So ist die Durchsetzung patriachaler Geschlechterverhältnisse wesentlich für die Durchsetzung von Privateigentum und Klassenverhältnis. Andererseits ist die Entwicklung des Privateigentums und der damit zusammenhängenden staatlichen Gewalt wesentlich für die Durchsetzung der patriachalen Familie.

Im Gegensatz zu politischen Strömungen jedoch, die ein bloßes Nebeneinander einer Vielheit gesellschaftlicher Widersprüche zu ihrem Ausgangspunkt machen (z.B. Tripple-Oppression-Theorien), betont der Marxismus die Zentralität des Klassenwiderspruchs. Dies deshalb, da die Umwälzung der Eigentumsverhältnisse jeweils die Basis ist für die wesentliche Weiterentwicklung auch der anderen gesellschaftlichen Verhältnisse, so wie auch die Aufhebung der Klassenunterdrückung die wesentliche Bedingung ist für eine Umwälzung der Geschlechterverhältnisse.

Engels z.B. nennt als eine Bedingung, die mit der Umwälzung möglich wird: die „Beseitigung der Einzelfamilie als wirtschaftlicher Einheit der Gesellschaft“ (47). Die Bezeichnung des Klassenwiderspruchs als „Hauptwiderspruch“ ist korrekt, solange daraus nicht (wie in der stalinistischen Scholastik) eine mechanische Unterordnung und Ignoranz von Nebenwidersprüchen folgt. Nebenwidersprüche können vielmehr in bestimmten Phasen zu entscheidenden Momenten der gesellschaftlichen Konflikte werden, die erst den Hauptwiderspruch in Bewegung bringen. Z. B. kann der Kampf gegen nationale Unterdrückung im Imperialismus eine entscheidende Rolle für die Ingangsetzung der Umwälzung kapitalistischer Eigentumsverhältnisse spielen.

IV. Kapital und Lohnarbeit

Das zentrale, widersprüchliche Klassenverhältnis der bürgerlichen Gesellschaftsformationen ergibt sich unmittelbar aus dem Produktionsprozeß des Kapitals selbst. Der Kapitalismus hat bekanntlich als Voraussetzung die Ausdehnung der Warenmärkte als zentrales, immer größere Gebiete umfassendes Vermittlungsorgan ökonomischer Prozesse (Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zur verallgemeinerten Warenproduktion), sowie die Entwicklung eines Marktes freier Lohnarbeit (Entwicklung der Arbeitskraft zur Ware). Auf der gesellschaftlichen Oberfläche erscheint diese Vermarktwirtschaftlichung der gesellschaftlichen und ökonomischen Beziehungen als das „Wesentliche“ am Kapitalismus.

Warentausch

Auf der Ebene der einfachen Warenzirkulation (W-G-W) erscheinen die einzelnen als freie und gleiche Warenbesitzer und Eigentum als Resultat eigener Arbeit und der darauf begründeten Möglichkeiten im Warentausch. Vom Standpunkt des Warentausches scheint es im Belieben des Einzelnen gestellt, je nach individueller Anlage und Lebensumständen über die Waren zu bestimmen, die zum Austausch gelangen sollen:

„Die einfache Zirkulation für sich betrachtet, und sie ist die Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft, worin die tieferen Operationen, aus der sie hervorgeht, ausgelöscht sind, zeigt keinen Unterschied zwischen den Subjekten des Austausches, außer nur formelle und verschwindende. Es ist dies das Recht der Freiheit, Gleichheit und des auf ‚Arbeit‘ gegründeten Eigentums“. (48)

Die gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich aus dieser Perspektive der wechselwirkenden, vereinzelten Warenbesitzer ergeben, sind vom Tauschverhältnis abgeleitet. Die Personen nehmen je nach ökonomischen Bedingungen die „Charaktermasken“ (49) des „Käufers“, „Verkäufers“, „Gläubigers“, „Schuldners“ etc. an und gehen damit Verpflichtungen ein, deren Nichterfüllung zu Sanktionen der bürgerlichen Gesellschaft führen (bzw. die Charaktermasken des „Diebes“, „Betrügers“ etc. annehmen lassen). Diese gesellschaftlichen Beziehungen betreffen nur die sekundäre Aneignung von Waren (Aneignung von W2 in W1-G-W2), nicht die primäre – wie überhaupt W1 in Besitz des Warenbesitzers gekommen ist.

Dies ändert sich, sobald die selbständige Bewegung der Geldform eine über die einfache Warenzirkulation hinausgehende Zirkulation entwickelt (G-W-G‘). Als Ausgangs- und Endpunkt der Bewegung wird hier Geld zu Kapital, oder „sich selbst verwertender Wert“. Voraussetzung dafür ist die Entwicklung der Arbeitskraft zur Ware. Dabei versteht Marx unter Arbeitskraft den „Inbegriff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, in der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existieren und die er in Bewegung umsetzt, so oft er Gebrauchswerte irgendeiner Art produziert“ (50).

Ware Arbeitskraft

Denn dies ist die einzige Ware, deren Gebrauchswert es für seinen Käufer ist, Tauschwerte zu produzieren, und deren Tauschwert (Produktionskosten der Ware Arbeitskraft) den Tauschwert der produzierten Waren unterschreiten kann (letzteres ist bei Produktionsmitteln, deren Gebrauchswert auch in der Tauschwertproduktion besteht, nicht der Fall). Dabei ergibt sich der Tauschwert der Ware Arbeitskraft aus der für ihre Reproduktion notwendigen durchschnittlichen gesellschaftlichen Arbeitszeit, sowie aus einem historischen und moralischen Verteilungselement. Wird somit die Geldzirkulation auf der Grundlage der Lohnarbeit betrachtet, so ist die Ausbeutung von Mehrarbeit in Form von Mehrwert (Wertprodukt minus Wert der Arbeitskraft) zur Quelle des Reichtums geworden. Das Verhältnis von Arbeit und Privateigentum, wie es sich aus der einfachen Warenzirkulation ergab, kehrt sich also um:

„Die aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigene Arbeit gegründeten Privateigentums“. (51)

Trotz dieser Negation der Arbeit zu selbstgesetzten Zwecken scheinen die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Verteilung von Reichtum weiterhin aus der Natur von Warentausch und „eigener Leistung“ hervorzugehen. Dies resultiert aus der Undurchschaubarkeit der Wertformen und ihrer Derivate, wie sie sich in immer komplexerer Weise im Kapitalismus herausarbeiten. Die losgelöste, abstrakte Existenz des „Werts“ ergibt sich zunächst aus der zusammenhangslosen Einzelproduktion „auf private Rechnung“, die erst im Nachhinein, durch den Tauschprozeß am Markt gesellschaftlich „bewertet“ wird, insofern erst hier entschieden wird, ob die vorhergehende Produktion in einer gesellschaftlich effektiven Weise zu einer Reproduktion des gesamten ökonomischen Kreislaufes beitragen konnte.

Diese Bewertung nimmt Formen an, die sich mit der Ausdehnung von Warenproduktion immer mehr in verselbständigende abstrakte Gegenstände verwandeln, die den Handelnden eine objektive, von ihnen unabhängige „Rationalität“, „Sachgesetzlichkeit“ zu haben scheinen. Dies ist die Grundlage der sogenannten „Fetischformen“, die dem „Markt“, dem „Geld“, dem „Kapital“, objektive, den Naturgesetzen gleichkommende Macht über die Menschen zuschreiben. Mit der Verwandlung der Arbeitskraft selbst in eine Ware, wird den Arbeitenden ihr eigenes Arbeitsvermögen selbst zu einer fremden, sie beherrschenden „Sache“, die es zu pflegen, verkaufen und einzusetzen gilt, um entsprechend den „Sachgesetzen“ von Ware und Kapital die eigene private Aneignung entsprechend dem „gerechten Lohn für eine gerechte Arbeit“ voranzutreiben.

So erscheint der Arbeitende als bloßer Träger einer bestimmten, vom großen „Arbeitgeber“ Kapital so gewünschten Arbeitsfunktion. Diese Arbeitsfunktion wird ihm zu etwas Zufälligem, zu einer „zweiten Haut“, die er je nach den von ihm „nicht kontrollierbaren“ Marktbedingungen zu wechseln hat. Dies ist der Prozeß der absoluten Selbstentfremdung des Menschen von seinen eigenen, grundlegenden produktiven Fähigkeiten, der gleichzeitig als ungeheure „Individualisierung“, im Sinne von Auflösung bestehender, traditioneller Bindungen dieser Fähigkeiten wirkt. Einerseits wird damit der nüchterne, von traditionellen Einengungen befreite Blick auf die gesellschaftlichen Beziehungen möglich, andererseits verschleiert gerade der Wertfetisch wieder die Möglichkeit der menschlichen Beherrschbarkeit dieser Beziehungen, indem er sie in unkontrollierbare Sachzwänge verwandelt.

Veränderter Charakter des Arbeitsprozesses

Sobald der Arbeitsprozeß nicht mehr einfach Selbstbetätigung des Arbeiters zu seinen Privatzwecken ist, sondern der Produktion von Mehrwert dient, der in der Zirkulation in Profit realisiert wird, ändert sich auch der Charakter des Arbeitsprozesses selbst. Einerseits wird die Arbeit direkt der Kontrolle des Kapitals unterworfen, um dessen Zwecken maximal zu dienen – es findet eine formelle und reelle Subsumtion des Arbeitsprozesses unter das Kapital statt. Andererseits wird das Produkt als Eigentum des Kapitalisten und nicht mehr des unmittelbaren Produzenten, nicht wegen seines Gebrauchswerts, sondern wegen seines Werts und Mehrwerts produziert. Der kapitalistische Produktionsprozeß nimmt daher den Doppelcharakter von Arbeits- und Verwertungsprozeß an.

Der konkret bestimmte Arbeitsprozeß, mit seiner Zielsetzung, bestimmte Gebrauchswerte herzustellen, wird zur bloßen Erscheinungsform des eigentlich vorwärtstreibenden Verwertungsprozesses von Kapital: Das Wesen des kapitalistischen Produktionsprozesses ist es, dem Kapital in Form von Produktionsmitteln Arbeit in abstrakt menschlicher Form zuzusetzen und dabei die Arbeitskraft länger wirken zu lassen, als zu ihrer eigenen Reproduktion nötig wäre, also das produktive Kapital zur Aneignung von Mehrwert zu benützen, bestehendes Kapital zu verwerten. Damit wird alle Arbeit und nur diese Arbeit produktiv im kapitalistischen Sinn, die der Verwertung von in Produktionsmitteln angelegtem Kapital dient.

Produktiver Gesamtarbeiter

Einerseits entfernt sich damit die kapital-produktive Arbeit immer mehr von dem Begriff der „nützlichen Arbeit“ im Sinne der „individuellen Aneignung von Naturgegenständen für die Lebenszwecke des Arbeitenden“:

„Das Produkt verwandelt sich überhaupt aus dem unmittelbaren Produkt des individuellen Produzenten in ein gesellschaftliches, in das gemeinsame Produkt eines Gesamtarbeiters, d.h. eines kombinierten Arbeitspersonals, dessen Glieder der Handhabung des Arbeitsprozesses näher oder ferner stehen. Mit dem kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses selbst erweitert sich daher notwendig der Begriff der produktiven Arbeit und ihres Trägers, des produktiven Arbeiters. Um produktiv zu arbeiten, ist es nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine seiner Unterfunktionen zu vollziehen“. (52)

Dieser, dem Kapital innewohnenden, geschichtlichen Tendenz zur Umgestaltung der individuellen Privatarbeit in einen immer kooperativeren, gesellschaftlicheren Charakter der produktiven Arbeit, steht der sich befestigende private Zweck der Tätigkeit des produktiven Gesamtarbeiters gegenüber:

„Andererseits aber verengt sich der Begriff der produktiven Arbeit. Die kapitalistische Produktion ist nicht nur Produktion von Ware, sie ist wesentlich Produktion von Mehrwert. Der Arbeiter produziert nicht für sich, sondern für das Kapital. Es genügt daher nicht länger, daß er überhaupt produziert. Er muß Mehrwert produzieren. Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwert für den Kapitalisten produziert oder der Selbstverwertung des Kapitals dient. (…) Der Begriff des produktiven Arbeiters schließt daher keineswegs bloß ein Verhältnis zwischen Tätigkeit und Nutzeffekt, zwischen Arbeiter und Arbeitsprodukt ein, sondern auch ein spezifisch gesellschaftliches, geschichtlich entstandenes Produktionsverhältnis, welches den Arbeiter zum bloßen Verwertungsmittel des Kapitals stempelt“. (53)

In diesen beiden Bestimmungen der produktiven Arbeit im Rahmen der kapitalistischen Arbeitsteilung ist die Definition der Arbeiterklasse „an sich“ gegeben, wie sie sich aus der Betrachtung des kapitalistischen Produktionsprozesses ergibt. Die Arbeiterklasse ist derjenige Teil der Gesellschaft, der als Gesamtarbeiter Mittel zur Selbstverwertung des Kapitals ist. Zur beständigen Erscheinung wird dieser Gesamtarbeiter dabei nur durch die fortlaufende Wiederholung dieser Selbstverwertung, also durch die Reproduktion des Kapitals. Diese stellt nicht nur das produktive Ausgangskapital (die Produktionsmittel in Kapitalbesitz) wieder her, bzw. erweitert es, sie reproduziert auch die produktiven Arbeiter, die aus dem Reproduktionsprozeß jeweils wieder als das hervortreten, als das sie in den Produktionsprozeß eingetreten sind: als Besitzer von nichts anderem als ihrer Arbeitskraft:

„Der kapitalistische Produktionsprozeß reproduziert also durch seinen eignen Vorgang die Scheidung zwischen Arbeitskraft und Arbeitsbedingungen. Er reproduziert und verewigt damit die Exploitationsbedingungen des Arbeiters. Er zwingt beständig den Arbeiter zum Verkauf seiner Arbeitskraft, um zu leben, und befähigt den Kapitalisten zu ihrem Kauf, um sich zu bereichern. Es ist nicht mehr der Zufall, welcher Kapitalist und Arbeiter als Käufer und Verkäufer einander auf dem Warenmarkt gegenüberstellt. Es ist die Zwickmühle des Prozesses selbst, die den einen stets als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf den Warenmarkt zurückschleudert und sein eignes Produkt stets in das Kaufmittel des andren verwandelt. In der Tat gehört der Arbeiter dem Kapital, bevor er sich dem Kapitalisten verkauft. Seine ökonomische Hörigkeit ist zugleich vermittelt und versteckt durch die periodische Erneuerung seines Selbstverkaufs, den Wechsel seiner individuellen Lohnherrn und die Oszillation im Marktpreis der Arbeit“. (54)

Damit sind wir beim Kern des gesellschaftlichen Verhältnisses angelangt: Die Lohnsklaverei ist bloß der Erscheinung und Vermittlung nach etwas anderes, als die Ausbeutung anderer werktätiger Klassen in früheren Geschichtsepochen. Sie wird vermittelt über den „gleichen Tausch“, basiert auf der ursprünglichen Aneignung von Reichtum, die allein die Kapitalistenklasse zur Kontrolle über die hoch entwickelten Produktionsmittel befähigt, und der Entstehung des doppelt freien Lohnarbeiters – und reproduziert sich beständig über die Reproduktion des Kapitals selbst.

Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital

Hieraus ergibt sich das dialektische Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital: (1.) beide befinden sich in einem Gegensatzverhältnis (das kapitalistische Eigentum ist die Negation der auf eigene Arbeit gegründeten Arbeit), (2.) beide befinden sich aber auch in einem Identitätsverhältnis, in dem jedes das andere bedingt (kein Kapital ohne Lohnarbeit, keine Lohnarbeit ohne Kapital; im Prozeß der Reproduktion des Kapitals wird auch beständig die Lohnarbeit wiedererzeugt und umgekehrt).

Zum wirklich dialektischen Verhältnis wird dieses Identitäts- und Gegensatzverhältnis jedoch erst durch die Zuspitzung zum Widerspruch: Das Kapital als Ausdruck der auf Mehrwertaneignung gegründeten Geldzirkulation (G-W-G‘) ist in seiner Bewegung maßlos, da losgelöst von irgendeiner Gebrauchswertfixierung von Reichtum, als rein quantitative Form von Reichtum. Daraus ergibt sich, daß das Wesen der Kapitalbewegung letztlich die Akkumulation von Mehrwert ist. Also nicht bloß beständige Reproduktion des Kapitals auf gleichbleibender produktiver Grundlage, sondern beständige Umwälzung und Ausdehnung der Produktion durch Neuinvestition des in Geld realisierten Mehrwerts.

Die Widersprüche dieses Akkumulationsprinzips (zwischen quantitativer Unbegrenztheit des Verwertungsbedürfnisses und qualitativer Begrenztheit des Gebrauchswerthorizontes, zwischen steigender organischer Zusammensetzung des Kapitals – und damit sinkender Mehrwertmasse gegenüber dem eingesetzten Kapital – und gesteigertem Hunger nach Mehrwert andererseits, um das wachsende Produktivkapital weiter verwerten zu können), zwingen das Kapital, verschiedenste Wege zu finden, um mehr Wert aus dem Arbeitstag zu pressen.

Dies mag geschehen durch Verlängerung der Arbeitszeit, Intensivierung der Arbeit (Steigerung des absoluten Mehrwerts) oder durch Verbilligung des Werts der Ware Arbeitskraft selbst, also durch technische Umwälzung der Produktionsgrundlagen (Steigerung des relativen Mehrwerts). Doch damit werden Preis der Arbeitskraft, Regulierung des Arbeitstages und die unmittelbare Gestaltung des Arbeitsprozesses beständigem Druck von Seiten des Kapitalverwertungsinteresses ausgesetzt.

Im Unterschied zum „gemütlichen Herr-Knechtverhältnis“, das auf gegenseitiger Abhängigkeit und Anerkennung des die Arbeit des Knechtes nur formell überwachenden Herrn beruht, erfaßt das Kapitalverhältnis den Arbeitsprozeß als Ganzes und treibt die Ausbeutung so weit, daß die Grundlage des Kapitalreichtums, die Arbeit selbst untergraben wird, schließlich ihre Reproduzierbarkeit nur durch Klassenkampf gewährleisten kann:

„Man sieht: Von ganz elastischen Schranken abgesehen, ergibt sich aus der Natur des Warentausches selbst keine Grenze des Arbeitstages, also keine Grenze der Mehrarbeit. Der Kapitalist behauptet sein Recht als Käufer, wenn er den Arbeitstag so lang als möglich und womöglich aus einem Arbeitstag zwei zu machen sucht. Andererseits schließt die spezifische Natur der verkauften Ware eine Schranke ihres Konsums durch den Käufer ein, und der Arbeiter behauptet sein Recht als Verkäufer, wenn er den Arbeitstag auf eine bestimmte Normalgröße beschränken will. Es findet hier also eine Antinomie statt, Recht wider Recht, beide gleichmäßig durch das Gesetz des Warentausches besiegelt. Zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt. Und so stellt sich in der Geschichte der kapitalistischen Produktion die Normierung des Arbeitstages als Kampf um die Schranken des Arbeitstages dar – ein Kampf zwischen dem Gesamtkapitalisten, d.h. der Klasse der Kapitalisten, und dem Gesamtarbeiter, oder der Arbeiterklasse“. (55)

Kampf um die Verkaufbedingungen der Arbeitskraft

Die Widersprüche des Akkumulationsprinzips führen daher auf der Zirkulationsebene zum Widerspruch zwischen Klassen: die Kauf- und Verkaufsbedingungen der Ware Arbeitskraft sind ein beständiges Streitobjekt, bei dem die Position der Arbeiterklasse – solange der Konflikt auf der Zirkulationsebene gehalten wird – stets im Nachteil ist, da das Akkumulationsgesetz tendenziell zu einer industriellen Reservearmee führt. Also zu einem beständigen Überangebot an Arbeitskraft. Daher ist die Arbeiterklasse gezwungen, den Widerspruch in den Produktionsprozeß selbst zu tragen. Durch die (zeitweilige) Verweigerung der Kontrolle des Kapitals über den Arbeitsprozeß, z.B. durch Streiks oder „Dienst nach Vorschrift“, wird das Kapital seinerseits in seinen Reproduktionsbedingungen bedroht. Andererseits begründet dieses Widerspruchsverhältnis die Tendenz zur Organisierung der Klasseninteressen.

Damit gelangen wir zum letzten Element der Dialektik des Klassenverhältnisses: Zur Möglichkeit der Aufhebung des Klassenwiderspruchs (Negation der Negation). Die organisierte Arbeiterklasse ist objektiv befähigt, die gesamten Produktionsmittel der Gesellschaft der Kontrolle des Kapitals zu entreißen und die vom Kapitalismus auf immer höherer Stufe vorangetriebene Vergesellschaftung der Ökonomie in einer bewußten, planmäßigen Selbstverwaltung der arbeitenden Bevölkerung gemäß ihren sich entwickelnden Bedürfnissen und Fähigkeiten aufzuheben.

Ökonomische Klassenlage und Bildung von Klassen im Kapitalismus

Im vorigen Abschnitt wurde die Arbeiterklasse ihrem ökonomischen Wesen nach bestimmt durch vier Charakteristika:

  • Lohnabhängigkeit
  • Ausbeutung ihrer Mehrarbeit (produktiver Gesamtarbeiter)
  • Tendenz zur Bedrohung durch Lohndrückerei, Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und Arbeitslosigkeit
  • Interesse und Fähigkeit zur Aufhebung der Lohnabhängigkeit und Vergesellschaftung der Arbeitsbedingungen

Die abstrakt ökonomische Bestimmung von Lohnarbeit und Kapital muß nun mit konkreten gesellschaftlichen Erscheinungen in Beziehung gesetzt werden. In der Einleitung zu den „Grundrissen“ bemerkt Marx hierzu grundlegend: „Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Manigfaltigen. Im Denken erscheint es daher als Prozeß der Zusammenfassung, als Resultat, nicht als Ausgangspunkt, obgleich es der wirkliche Ausgangspunkt und daher auch der Ausgangspunkt der Anschauung und der Vorstellung ist“. (56)

Wenn also auch das konkret gegebene der Ausgangspunkt ist, so muß im wissenschaftlichen Denkprozeß, das Konkrete aus den „abstrakten Bestimmungen“ reproduziert werden. Andernfalls geht der Blick auf den Zusammenhang, das begründete System des Konkreten verloren: „Es scheint das richtige zu sein, mit dem Realen und konkreten, der wirklichen Voraussetzung zu beginnen, also z.B. in der Ökonomie mit der Bevölkerung, die die Grundlage und das Subjekt des ganzen gesellschaftlichen Produktionsaktes ist. Indes zeigt sich dies bei näherer Betrachtung als falsch. Die Bevölkerung ist eine Abstraktion, wenn ich z.B. die Klassen aus denen sie besteht, weglasse. Die Klassen sind wiederum ein leeres Wort, wenn ich die Elemente nicht kenne, auf denen sie beruhn. Z. B. Lohnarbeit, Kapital etc. Diese unterstellen Austausch, Teilung der Arbeit, Preise etc. Kapital z.B. ohne Lohnarbeit ist nichts, ohne Wert, Geld, Preis, etc. Finge ich also mit der Bevölkerung an, so wäre dies eine chaotische Vorstellung des Ganzen, und durch nähere Bestimmung würde ich analytisch immer mehr auf einfachere Begriffe kommen; von dem vorgestellten Konkreten auf immer dünnere Abstrakta, bis ich bei den einfachsten Bestimmungen angelangt bin. Von da wäre nun die Reise wieder rückwärts anzutreten, bis ich endlich wieder bei der Bevölkerung angelangte, diesmal aber nicht als bei einer chaotischen Vorstellung eines Ganzen, sondern als einer reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen“. (57)

Hier ist interessant (1.), daß die Klassen als abstrakte Bestimmung eine Konkretionsstufe höher angesiedelt werden als „Lohnarbeit und Kapital“, als Vermittlungsschritt zur konkreten kapitalistischen Gesellschaftsformation; (2.) daß die Herleitung der konkreten gesellschaftlichen Kategorien aus einfacheren ökonomischen Bestimmungen als dem Denkprozeß (vom abstrakten zum konkreten) entsprechend dargestellt wird, keineswegs aber als deren konkreter Entstehungsprozeß: „Z. B. die einfachste ökonomische Kategorie, sage z.B. Tauschwert unterstellt Bevölkerung, Bevölkerung produzierend in bestimmten Verhältnissen; auch gewisse Sorte von Familien-, Gemeinde- oder Staatswesen etc. Er kann nie existieren außer als abstrakte, einseitige Beziehung eines schon gegebnen konkreten, lebendigen Ganzen“. (58)

Dialektik des Grundes

Marx verweist hier auf die Dialektik des „Grundes“, wie sie Hegel in seiner Behandlung des Verhältnisses von Wesen und Erscheinungsform entwickelte. Eine der wichtigsten methodischen Leistungen Hegels ist es, gerade die Einheit, den notwendigen Zusammenhang von Wesen und Erscheinung erfaßt zu haben: Die Erscheinungsform ist nicht nur der „unwesentliche“, „zufällige“ Schleier, hinter dem sich die eigentliche Wirklichkeit, „das Wesen“, verbirgt. Die Erscheinung ist vielmehr die notwendige, lebendige, konkrete Entwicklung dieses Wesens, das sich in dieser Perspektive als der „Grund“, der Ausgangspunkt der Entwicklung darstellt. Das Wesen ist daher sowohl das konstituierende, identische Element der Erscheinung als auch seine Negation – es läßt sich also nur als Widerspruch fassen.

Während das abstrakt allgemeine Wesen, in Gesetze gefaßt, statisch-objektive Erklärungen des Bestehenden liefert: „das Reich der Gesetze ist das ruhige Abbild der existierenden oder erscheinenden Welt“ (59), ist die konkrete Welt der Erscheinungen, die das Wesen als Grund enthält, wie auch über diesen Grund hinauszustreben trachtet, das bewegende, subjektive Moment: „die Erscheinung ist daher gegen das Gesetz die Totalität, denn sie enthält das Gesetz, aber auch noch mehr, nämlich das Moment der sich selbst bewegenden Form“ (60).

Somit wird die Erscheinungsform, das Begründete, selbst wieder zum Grund, zur Grundlage der Entwicklung des Wesens: „Die Gründe sind selbst Existenzen und die Existierenden ebenso nach vielen Seiten hin Gründe sowohl als Begründete“. (61) Das einzelne Verhältnis von Grund und erscheinendem Wirklichen ist somit von Zufälligkeit geprägt (ansonsten wäre es auch ein tautologisches, nicht erklärendes, da Grund und Begründetes notwendig dasselbe wären). Erst das Gesamtsystem der Wirklichkeit, in dem Wesen und Erscheinungsformen als Totalität wirken, stellt die notwendige Beziehung zwischen allen diesen Elementen her.

Dieser knappe Exkurs in die Dialektik war notwendig, um das Verhältnis des abstrakten Wesens „Lohnarbeit/Kapital“ zu seinen konkreten Erscheinungsformen, den einzelnen konkreten Arbeitern bzw. Kapitalisten in einer nicht ökonomistisch-mechanistischen Weise zu bestimmen. Das Verhältnis von Grund und Verkörperung wird von Marx im Kapital direkt angesprochen:

„Es ist nach der bisher gegebnen Erklärung überflüssig, von neuem nachzuweisen, wie das Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit den ganzen Charakter der Produktionsweise bestimmt. Die Hauptagenten dieser Produktionsweise selbst, der Kapitalist und der Lohnarbeiter, sind als solche nur Verkörperungen, Personifizierungen von Kapital und Lohnarbeit; bestimmte gesellschaftliche Charaktere, die der gesellschaftliche Produktionsprozeß den Individuen aufprägt; Produkte dieser bestimmten gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse“. (62)

An anderer Stelle verwendet Marx statt dem Begriff „Personifikation“ auch den Begriff des „Funktionärs“: „Kapitalist und Lohnarbeiter … die einzigen Funktionäre und Faktoren der Produktion, deren Beziehung und Gegenübertreten aus dem Wesen der kapitalistischen Produktionsweise entspringt“. (63) Die Produktionsverhältnisse zwingen den handelnden Subjekten also bestimmte gesellschaftliche Funktionen in einem Gegensatzverhältnis auf.

Kapitalist und Arbeiter als Personifikationen

„Der Kapitalist in dem Produktionsprozeß erscheint als Direktor der Arbeit, als Kommandeur derselben (captain of industry) und spielt so eine tätige Rolle im Arbeitsprozeß selbst. Soweit diese Funktionen aber aus der spezifischen Form der kapitalistischen Produktion hervorgehen – also aus der Herrschaft des Kapitals über die Arbeit als seine Arbeit und daher über die Arbeiter als seine Instrumente, aus der Natur des Kapitals, das als die gesellschaftliche Einheit, das Subjekt der gesellschaftlichen Form der Arbeit, erscheint, die sich in ihm als Macht über die Arbeit personifiziert -, ist diese mit der Exploitation verbundene Arbeit (die auch an einen manager übertragen werden kann) eine Arbeit, die allerdings so gut wie die des Lohnarbeiters in den Wert des Produkts eingeht, ganz wie bei der Sklaverei die Arbeit des Sklavenaufsehers so gut bezahlt werden muß als die des Arbeiters selbst“. (64)

Hier wird das widersprüchliche Verhältnis von Personifikation und Wesen besonders deutlich: der konkrete Kapitalist selbst kann durch seine ökonomische Funktion (im Gegensatz zu seiner Rolle als bloßer Eigentümer) zum Bestandteil des produktiven Gesamtarbeiters werden. Umgekehrt können „Lohnabhängige“ selbst diese kapitalistische Arbeit, die Organisierung des Arbeitsprozesses als Verwertungsprozeß, übernehmen: „Das Amt der Direktion, die labour of superintendence, kann jetzt ebenso auf dem Markt gekauft werden und ist relativ ebenso wohlfeil zu produzieren und daher zu kaufen, wie jedes andere Arbeitsvermögen. Die kapitalistische Produktion selbst hat es dahin gebracht, daß die labour of direction, ganz getrennt vom Kapitaleigentum, sei es an eignem oder fremden Kapital, auf der Straße herumläuft“. (65)

In jedem Agenten des kapitalistischen Produktionsprozesses muß sich in widersprüchlicher Weise der Doppelcharakter dieses Prozesses als Arbeits- und Verwertungsprozeß widerspiegeln. Jeder hat mehr oder weniger Funktionen, die der Reproduktion des bestehenden Kapitalverhältnisses dienen und es befestigen, jeder ist mehr oder weniger betroffen von den Zwängen, Einengungen und Bedrohungen des Verwertungszwanges (Identität und Nicht-Identität von Kapital und Lohnarbeit). Das Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit setzt sich also nicht in gerader Linie in die Subjekte um. Die Agenten der Produktion teilen sich in Schichten, die auf der untersten Ebene vor allem Funktionen des produktiven Gesamtarbeiters und kaum Funktionen der kapitalistischen Kontrolle über den Produktionsprozeß in sich einschließen, bis hin zu solchen Teilen, die fast nur Kapitalfunktionen ausüben.

Die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalverhältnisses, die also im Allgemeinen die Rollen von Kapital und Lohnarbeit hervorbringen, müssen unter den gegebenen historischen Voraussetzungen und materiellen Entstehungsbedin-gungen zu besonderen sozialen Rollen führen, die in so vermittelter Form die allgemeinen Klassenbedingungen verkörpern. Schließlich sind auch diese Rollen nur ein Rahmen, der von den tatsächlich (auch auf politisch-organisatorischer Ebene) handelnden, vergesellschafteten Individuen ausgefüllt wird. Erst auf dieser Handlungsebene erscheinen im Einzelnen reale Klassensubjekte.

Das Fabriksystem

Gerade durch die geschichtliche Tendenz des Akkumulationsprozesses zu immer weiter fortschreitender Vergesellschaftung des Arbeitsprozesses (symbolisiert durch die Stufen „einfache Kooperation“, „manufakturmäßige Teilung der Arbeit“, „Maschinerie und große Industrie“) vergegenständlicht sich der Klassenwiderspruch immer mehr im Arbeitsprozeß und seiner Organisation selbst. Die auf Ausbeutung beruhende gesellschaftliche Arbeitsteilung prägt sich als despotisches System mehr und mehr der materiellen Produktion selbst auf. Am deutlichsten beschreibt dies Marx anhand der Arbeitsteilung im Fabrikssystem seiner Zeit:

„Durch seine Verwandlung in einen Automaten tritt das Arbeitsmittel während des Arbeitsprozesses selbst dem Arbeiter als Kapital gegenüber, als tote Arbeit, welche die lebendige Arbeitskraft beherrscht und aussaugt. Die Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses von der Handarbeit und die Verwandlung derselben in Mächte des Kapitals über die Arbeit vollendet sich (…) in der auf Grundlage der Maschinerie aufgebauten großen Industrie. Das Detailgeschick des individuellen, entleerten Maschinenarbeiters verschwindet als ein winzig Nebending vor der Wissenschaft, den ungeheuren Naturkräften und der gesellschaftlichen Massenarbeit, die im Maschinensystem verkörpert ist und mit ihm die Macht des ‚Meisters‘ bilden“. (66)

Verwissenschaftlichung und Arbeitsteilung

Diese Tendenzen zu Verwissenschaftlichung, Massenarbeit und Organisation des Arbeitsprozesses als Herrschaftsprozeß über den Massenarbeiter führen zu einer charakteristischen Arbeitsteilung:

„Die gegliederte Gruppe des Manufaktursystems ist ersetzt durch den Zusammenhang des Hauptarbeiters mit wenigen Gehilfen. Die wesentliche Scheidung ist die von Arbeitern, die wirklich an den Werkzeugmaschinen beschäftigt sind (es kommen hinzu einige Arbeiter zur Bewachung, resp. Füttrung der Bewegungsmaschine) und von bloßen Handlangern (fast ausschließlich Kinder) dieser Maschinenarbeiter. Zu den Handlangern zählen mehr oder minder alle ‚Feeders‘ (die den Maschinen bloß Arbeitsstoff darreichen). Neben diese Hauptklassen tritt ein numerisch unbedeutendes Personal, das mit der Kontrolle der gesamten Maschinerie und ihrer beständigen Reparatur beschäftigt ist, wie Ingenieure, Mechaniker, Schreiner usw. Es ist eine höhere, teils wissenschaftlich gebildete, teils handwerksmäßige Arbeiterklasse, außerhalb des Kreises der Fabrikarbeiter und ihnen nur aggregiert“. (67)

Diesen gegenüber treten die direkten Agenten des Kapitals, das Aufsichtspersonal, der „Meister“, in „dessen Hirn die Maschinerie und sein Monopol an derselben unzertrennlich verwachsen sind“ (68). Die „eigentümliche Zusammensetzung des Arbeitskörpers“ entwickelt sich zu einem „Fabrikregime“ mit „kasernenmäßiger Disziplin“, das „die schon früher erwähnte Arbeit der Oberaufsicht, also zugleich die Teilung der Arbeit in Handarbeiter und Arbeitsaufseher, in gemeine Industriesoldaten und Industrieunteroffiziere, völlig entwickelt“ (69).

Diese Darstellung des Fabriksystems zeigt, daß selbst der Modellfall des produktiven kapitalistischen Gesamtarbeiters, der fabrikmäßige Arbeitskörper, nicht nur aus Mitgliedern der Arbeiterklasse besteht – im Gegenteil: gerade die höchste Stufe der Entwicklung der Arbeitskooperation unter kapitalistischen Bedingungen führt zu einer Verstärkung der widersprüchlichen Klassenzusammensetzung des produktiven Arbeitskörpers. Der Mechanismus, der die soziale Strukturierung des industriellen Arbeitskörpers auf der Grundlage des Kapital-Lohnarbeitsverhältnisses bestimmt, besteht dabei im wesentlichen aus zwei Elementen:

• die Art und Weise wie die Entwicklung der Produktivkräfte unter Bedingungen des Akkumulationsprinzips die gesellschaftliche Arbeitsteilung bestimmt (Produktion des relativen Mehrwerts). Dies betrifft vor allem die Industrialisierung (Maschinisierung) und Verwissenschaftlichung der Produktion und die damit einhergehende Form der Teilung von Hand- und Kopfarbeit.

• die Art und Weise wie die Kapitalfunktion der Kontrolle über die im Umfang her immer zentralisiertere, konzentriertere Produktion organisiert wird (Überwachung der Aneignung des absoluten Mehrwerts, Intensivierung der Arbeit, etc.). Dabei übernimmt das Kapital Organisationsformen des Staates, also ein bürokratisches oder militärähnliches Regime, und entwickelt sie in Zusammenwirkung mit der Verwissenschaftlichung zu eigenen Formen der Arbeitsorganisation.

Widersprüchliche Klassenzusammensetzung des produktiven Gesamtarbeiters

Besonders die Ausführung von Anleitungsfunktionen wird vom Kapital entsprechend privilegiert und mit Autorität ausgestattet. Die sie ausführenden Schichten entstehen mit der kapitalistischen Form der Arbeitsteilung und vergehen mit der Selbstverwaltung der Koordinationsfunktionen, wenn die Arbeiter selbst die Kontrolle über die Produktionsmittel erlangt haben. Dieses Anleitungspersonal ist daher einerseits eine wesentliche Stütze der Kapitalherrschaft im Betrieb selbst, andererseits ein objektiver Gegner jedes langfristigen Klassenkampfes.

Dazu kommt, daß das Kapital nicht in allen Bereichen seiner Produktion das Widerspruchsverhältnis Lohnarbeit/Kapital voll entwickeln muß (dies ist ja nur im „allgemeinen Modell“ der Fall): Es kann durchaus Bereiche des Produktionsprozesses geben, die zwar im Gesamtprozeß für die Mehrwertaneignung wesentlich sind, in denen die dort Beschäftigten jedoch nur im geringen Sinn ausgebeutet sind (einen wesentlich über der gesellschaftlichen Mehrwertrate liegenden Lohn erhalten), deren Arbeitsbedingungen nicht zur vollen industriellen, kapitalistischen Organisation vorangetrieben werden, sondern von überkommenen Arbeits- und Berufsregulierungen geschützt werden.

Diese Bereiche der Produktionsbeschäftigten sind demgemäß systematisch über lange Zeiträume nicht von Konsequenzen wie Lohndrückerei, Verschlechterung von Arbeitsbedingungen betroffen und erfreuen sich bei Wohlverhalten eines hohen Kündigungsschutzes. Diese Gruppen stellen sich dann auch systematisch außerhalb des Klassenkampfes und entwickeln kaum Solidarität mit dem Rest der Belegschaft.

Gerade im Zuge der Verwissenschaftlichung der Produktion können hochqualifizierte Abteilungen von Technikern im Interesse der Stabilität der Kapitalverwertung eine solche systematische Privilegierung erfahren. Aber auch überkommene Standesprivilegien können in Großunternehmen über lange Zeit überdauern und verteidigt werden, z.B. bei Piloten oder Krankenhausärzten. Wenn z.B. Piloten in den Streik treten hat dies im Gegensatz zu Arbeitskämpfen des restlichen Personals von Fluglinien zumeist eher den Charakter der Verteidigung von Privilegien als den Kampf um die Existenzsicherung.

Natürlich ist aber diese Form des Herausgenommenseins aus dem Klassenwiderspruch im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise eine unwesentliche, zufällige Form, die durch den Fortgang der Akkumulation und der Krisenhaftigkeit des Gesamtsystems wesentlich unsicher ist und in einem mehr oder weniger kurzen „Umstrukturierungsprozeß“ durch den reinen Klassengegensatz ersetzt werden. So hat sich die Rolle der technischen Intelligenz durch die fortschreitende Industrialisierung der Kopfarbeit und den darauf ausgerichteten Umbau des Ausbildungssektors wesentlich geändert. Die Klassenposition von Technikern und Ingenieuren muß heute differenziert betrachtet werden – sie unterscheidet sich oft sogar von Betrieb zu Betrieb.

Die historischen Bedingungen von Klassenbegriff und Klassenbildung

Wenn auch in Marx‘ und Engels‘ Schriften eine besondere Abhandlung der Klassentheorie fehlt und das Abschlußkapitel des 3. Bandes des Kapital „Die Klassen“ fragmentarisch geblieben ist, zeichnet sich doch ihr gesamtes Werk, nicht ‚nur‘ jede einzelne historisch-konkrete Klassenanalyse, dadurch aus, daß es von Klassenantagonismus und Klassenkampf bestimmt ist und auf die Umwälzung der kapitalistischen  Klassengesellschaft zielt.

Der Begriff „Klasse“ ist wesentlich jünger als die kapitalistischen Klassengesellschaften. In der römischen Antike bezeichnete man die Häupter der vermögenden Familien als „classici“ im Gegensatz zu den besitzlosen „proletarii“. Als das aufkommende Bürgertum im 18. Jahrhundert seine politisch-ideologischen Ambitionen gerne in das Gewand der römischen Antike zu hüllen pflegte, wurde auch der Klassenbegriff, der „Vermögen“ als gesellschaftliches Kriterium über „Geburt“ stellt, zu einem bürgerlichen Kampfbegriff. Wurde er Mitte des 18. Jahrhunderts noch vornehmlich literarisch-wissenschaftlich benutzt (z.B. bei den Physiokraten), so verschaffte die Französische Revolution ihm die Merkmale des Klassengegensatzes und des Klassenkampfes und beendete die „Doppelherrschaft“ der Begriffe „Stand“ und „Klasse“. Mit der Pariser Julirevolution 1830 begann die Ausbildung des proletarischen Klassenbegriffs in der Praxis der Arbeiterbewegung.

Wenn das Kommunistische Manifest die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft als Geschichte von Klassenkämpfen bezeichnet, so ist damit allerdings nicht gemeint, alle früheren sozialen Konflikte seien Auseinandersetzungen zwischen Klassen im modernen  Sinne  gewesen. Der Klassen- und Klassenkampfcharakter früherer antagonistischer Gesellschaften ist erst vom Blickpunkt der entwickelten kapitalistischen Produktionsweise aus sichtbar geworden. In der Form  des Klassengegensatzes kapitalistischer Provenienz setzt sich der vordem verborgene und mystifizierte Inhalt der Klassengesellschaft durch: der Antagonismus von gesellschaftlicher Arbeit und privater Aneignung wird aus der entscheidenden geschichtlichen Determinante zur Struktur der Gesellschaft.

In den modernen Klassen Bourgeoisie und Proletariat treten sich gesellschaftliche Arbeit und private Aneignung als Klassen gegenüber. Dies deshalb, weil „Arbeit“ als abstrakte Kategorie ebenso modern ist wie die Verhältnisse, die diese einfache Kategorie erzeugen. Sobald sich innerhalb der agrarisch-naturalwirtschaftlich bestimmten Wirtschaftsweise die einfache Warenproduktion entfaltet, erscheint die Allgemeinheit der Arbeit als gegenständlicher Reichtum, als Sache außer sich im Geld.

In der darauffolgenden frühkapitalistischen Epoche setzt entsprechend der Umwälzung des Produktionssystems ein Aufklärungsprozeß ein, der stufenweise das Wesen der Kategorie „Arbeit“ hervorspringen (und den Begriff „Klasse“ ins gesellschaftliche Bewußtsein treten) läßt: der Merkantilismus verlagert die Quelle des Reichtums aus dem Gegenstand in die subjektive Tätigkeit, diese jedoch nur als geldmachend begrenzte; die Physiokraten überwinden die Fixierung auf das Geld, erkennen aber nur landwirtschaftliche Produktion als Reichtum schaffend; erst Adam Smith erkennt Produkt und Arbeit überhaupt als Reichtum (schaffend) an.

Vorkapitalistische und kapitalistische Klassenverhältnisse

Vom Gesichtspunkt der Abschaffung des kapitalistischen Klassenverhältnisses her kann Marx die gesellschaftlichen Gliederungsformen der Vergangenheit als Entwicklungsformen des Klassengegensatzes begreifen. Mehr noch: Marx erkennt in den Aktiengesellschaften, Monopolen und Verstaatlichungen ebensosehr die im Schoß des Kapitalismus entstandenen zugespitztesten Formen der Bewältigung der Rebellion der Produktivkräfte (Vergesellschaftung) gegen die Produktionsverhält-nisse (private Aneignung, Marktanarchie, Durchschnittsprofitrate) wie ihr Drängen nach Befreiung aus deren Korsett (objektive Grundlagen des Sozialismus).

Analog dazu sieht er in diesen Prozessen die ultimative Zuspitzung des Klassengegensatzes wie den Keim seiner Aufhebung: mit dem „Verschwinden“ des klassischen Kapitalisten tritt das Kapital den Lohntätigen (zu denen grundsätzlich auch die Masse der Angestellten und formell sogar die Manager gehören, wo also fast die gesamte Gesellschaft zu Lohnarbeitern geworden ist) als unmittelbare Macht der Dinge über die Menschen gegenüber, als ein System „technischer“ Sachzwänge von dämonischer Funktionalität. Es ist dies der direkte, zugespitzte Gegensatz zwischen der toten (aufgehäuften, vergegenständlichten) und der lebendigen Arbeit als letzte Stufe des gesellschaftlichen Antagonismus. Nachdem die Kapitalisten nicht mehr funktionell das Kapital personifizieren, personifiziert sich die Kapitalistenklasse unmittelbar und unsichtbar im Kapital als blind-selbsttätigem Funktionssystem.

Mit dieser totalen Verdinglichung der Klassenkategorie erklärt sich einerseits der schon im Kommunistischen Manifest gebrauchte Begriff der zwei „Lager“ der kapitalistischen Gesellschaft wie der Passage aus „Das Elend der Philosophie“ (70): „Mit dem Moment, wo die Zivilisation beginnt, beginnt die Produktion sich aufzubauen auf den Gegensatz der Berufe, der Stände, der Klassen, schließlich auf dem Gegensatz von angehäufter und unmittelbarer Arbeit.“

Nicht die Aufhebung der Klassengesellschaft zeigt sich hier, sondern die Möglichkeit ihrer Überwindung wird im Schoß der alten Gesellschaft vorbereitet, angedeutet, transparent. Hiermit haben wir eine Grundlage herausgearbeitet, auf der sich mit den drei wesentlichen Einwänden gegen die marxistische Klassentheorie adäquat kämpfen läßt.

Die Kritik zielt erstens vor allem auf die Prognose der Spaltung der kapitalistischen Gesellschaft in zwei große feindliche Lager, in Bourgeoisie und Proletariat – eine Prognose, die durch die Entstehung einer „neuen Mittelklasse/-schicht“ anscheinend widerlegt ist. Sie zielt zweitens auf die „theoretischen Widersprüche“ zwischen den einzelnen Klassenanalysen: so beschreibe Marx die kapitalistische Klassenstruktur nicht nur als dichotomisch, sondern auch als trichotomisch (Kapital, Grundeigentum, Lohnarbeit) und sogar als pluralistisch (unproduktive Klassen, Dienstbotenklasse). Die Kritik zielt drittens auf die widersprüchliche Verwendungsweise des Klassenbegriffs selbst – die ganze bisherige Geschichte wird als Geschichte von Klassenkämpfen begriffen; andererseits aber der Kapitalismus als Klassengesellschaft von der feudalen Ständegesellschaft und anderen vorkapitalistischen Formationen abgegrenzt.

Dichotomische Klassenstruktur?

Während der dritte Kritikpunkt sich nach unseren Ausführungen vollständig und der erste zumindest teilweise erledigt haben, so scheint doch die trichotomische oder pluralistische Gliederung in untere, mittlere und obere Kasten, Stände oder Klassen mit der Theorie der in „zwei große feindliche Lager“ gespaltenen antagonistischen Gesellschaft ebensowenig vereinbar wie die innere Untergliederung einzelner Klassen in relativ verselbständigte Schichten und Fraktionen. Es stellt sich die Frage: existiert ein wesentlicher innerer Zusammenhang zwischen der Teilung in die Hauptklassen und der inneren Untergliederung dieser Klassen, zwischen der Teilung in Hauptklassen und Nebenklassen oder Zwischenschichten?

Die Klassengliederung ist nur abstrakt durch das Eigentumsverhältnis bestimmt, wenn man Eigentum und Arbeitsteilung als voneinander getrennt und unvermittelt auffaßt; freilich wird diese Trennung real durch die kapitalistische Verwertung abstrakter Arbeit vollzogen und damit selbst angestrengten Denkern nahegelegt. Für Marx war jedoch gesellschaftliche Arbeitsteilung mehr und anderes: er faßte sie nicht einfach technisch-funktional, sondern erstens gemäß dem dreifachen Charakter von Distribution (Verteilung der Produktionsmittel, der Gesellschaftsmitglieder unter die verschiedenen Produktionsarten, der Erzeugnisse), zweitens gemäß der Unterscheidung naturwüchsiger gesellschaftlicher und betrieblicher planvoller Arbeitsteilung, drittens als Durchdringung von Arbeit und Herrschaft.

Während also das je herrschende Eigentum die gesamte Bevölkerung dichotomisch gliedert in die Großgruppe der Eigentümer und die Großgruppe der Produzenten, so wirkt die dementsprechende Arbeitsteilung als funktionelles  Gliederungsverhältnis. Die Teilung von Landwirtschaft und Industrie, Industrie und Kommerz, ihre Teilung in Zweige und Branchen, schließlich die Verselbständigung fester Berufe und die Sonderung dispositiver, reproduktiver und administrativer Tätigkeit von der unmittelbaren Produktionsarbeit – diese ‚naturwüchsige‘ gesellschaftliche Arbeitsteilung, hervorgerufen durch Entfaltung der Produktivkräfte, subsumiert die Individuen unter spezielle Produktionsverhältnisse und determiniert die funktionelle Gruppierung, die innere Gliederung und Fraktionierung der großen Gesellschaftsklassen.

Aus dem Gesagten wird mehreres deutlich: die im Verhältnis zu vorkapitalistischen Klassengesellschaften dynamische, ständige Neuzusammensetzung der Klassen wie des „Zwischenklassenpuffers“ auf Grundlage objektiv zunehmender Lohnabhängigkeit, Proletarisierung der Mittelklasse(n), Unmittelbarmachung vermittelter (geistiger) Produktionstätigkeiten etc. einerseits, andererseits die in der Form der Lohnarbeit zunehmenden funktionellen (Prostitutions-) Dienste des Kapitals. Die Eigentumskonzentration vermehrt einerseits den Pol der formal Lohntätigen, differenziert ihn aber auch funktionell.

Nicht eine Neudefinition des Klassenbegriffs ist notwendig, sondern eine Aktualisierung aus der Erkenntnis heraus, daß die zunehmend eigentumsmäßig polarisierte kapitalistische Gesellschaft im Spätstadium eine funktionierende revolutionäre Theorie und Praxis braucht, die das „Lager“ der objektiv Lohnabhängigen über all seine Streitungen hinweg ausgehend von der Basis einer differenzierten, realistischen Klassenanalyse funktional polarisiert: Klassenanalyse statt reine Eigentumsstatistik ist die Antwort auf die Potenzen („große Lager“) wie Fallen (Lohnstatus = Arbeiterklasse) der objektiven kapitalistischen Entwicklung als revolutionärer Kampfbegriff!

Kommerzielle Lohnarbeiter

Verkörpert sich der produktive Gesamtarbeiter auf der einen Seite nicht nur in der Form der Arbeiterklasse, so besteht die Arbeiterklasse andererseits auch aus Werktätigen, die nicht produktive Arbeiter sind. Dies deshalb, da der Gesamtprozeß des Kapitalkreislaufs nicht nur den industriellen Produktionsprozeß umfaßt. Im Verlauf des Akkumulationsprozesses entwickeln sich auch in anderen Bereichen als der industriellen Produktion, vor allem im Zirkulationssektor, Kapitale, die sich auf der Grundlage der Ausbeutung von Lohnarbeit akkumulieren können. Dies entwickelt Marx im 3. Band des Kapitals am Beispiel der kommerziellen Lohnarbeit:

„Nach einer Seite hin ist ein solcher kommerzieller Arbeiter Lohnarbeiter wie ein anderer. Erstens, insofern die Arbeit gekauft wird vom variablen Kapital des Kaufmanns, nicht von dem als Revenue verausgabten Geld, und daher auch nur gekauft wird nicht für Privatbedienung, sondern zum Zweck der Selbstverwertung des darin vorgeschoßnen Kapitals. Zweitens, sofern der Wert seiner Arbeitskraft und daher sein Arbeitslohn bestimmt ist, wie bei allen anderen Lohnarbeitern, durch die Produktions- und Reproduktionskosten seiner spezifischen Arbeitskraft, nicht durch das Produkt seiner Arbeit“. (71)

Andererseits produzieren kommerzielle Lohnarbeiter keinen Mehrwert, da dem Produkt durch Verkauf oder Ankauf oder ähnliches kein Wert zugefügt wird. Da aber für das industrielle Kapital die Produktion von Waren wertlos wäre, ohne daß sich deren Wert im Zirkulationsprozeß realisieren ließe, wird ein mit dem Umfang des Produktionsprozesses wachsendes Handelskapital wesentlich für den Gesamtreproduktionsprozeß des Kapitals. Erscheint der Marktpreis für das industrielle Kapital gebildet durch Aufschlag von Gewinn- und Handelsspanne auf den Produktionspreis, so ist dies nur eine Erscheinungsform einer Verteilung des Gesamtmehrwerts zwischen industriellem und kommerziellem Kapital, die sich durch einen Ausgleichungsprozeß der Profitraten zwischen diesen beiden Teilen ergibt.

„Es ist nur durch seine Funktion der Realisierung der Werte, daß das Handelskapital im Reproduktionsprozeß als Kapital fungiert und daher, als fungierendes Kapital, aus dem vom Gesamtkapital erzeugten Mehrwert zieht. Die Masse seines Profits hängt ab für den einzelnen Kaufmann von der Masse Kapital, die er in diesem Prozeß anwenden kann, und er kann um so mehr davon anwenden, im Kaufen und Verkaufen, je größer die unbezahlte Arbeit seiner Kommis. Die Funktion selbst, kraft deren sein Geld Kapital ist, läßt der kaufmännische Kapitalist großenteils durch seine Arbeiter verrichten. Die unbezahlte Arbeit dieser Kommis, obgleich sie nicht Mehrwert schafft, schafft ihm aber Aneignung von Mehrwert, was für dieses Kapital dem Resultat nach ganz dasselbe ist; sie ist also für es Quelle des Profits. Das kaufmännische Geschäft könnte sonst nie auf großer Stufenleiter, nie kapitalistisch betrieben werden“. (72)

Auch wenn die Arbeit der kommerziellen Lohnarbeiter daher im Verhältnis zum Gesamtkapital nicht produktiv ist, so ist sie es doch für das kommerzielle Einzelkapital, das um so mehr Profit aus den Handelsspannen seiner Verkäufe ziehen kann, je mehr unbezahlte Arbeit von den Handelsangestellten geleistet wird. Daher ist es nicht die Lohnhöhe der kommerziellen Arbeiter, die den Profit des Handelskapitals direkt bestimmt, sondern wie bei anderen Arbeitern auch, das Verhältnis von notwendiger und unbezahlter Arbeit, wie auch die der Stufenleiter der Entwicklung des kommerziellen Kapitals entsprechende Masse an fixem und zirkulierendem Kapital.

Aus der Entwicklung der kommerziellen Lohnarbeitsschichten seiner Zeit projiziert Marx eine durchaus eingetroffene Prognose: „Der eigentlich kommerzielle Arbeiter gehört zu der besser bezahlten Klasse von Lohnarbeitern, zu denen, deren Arbeit geschickte Arbeit ist, über der Durchschnittsarbeit steht. Indes hat der Lohn die Tendenz zu fallen, selbst im Verhältnis zur Durchschnittsarbeit, im Fortschritt der kapitalistischen Produktionsweise. Teils durch Teilung der Arbeit innerhalb des Kontors [Büros]; daher nur einseitige Entwicklung der Arbeitsfähigkeit zu produzieren und die Kosten dieser Produktion dem Kapitalisten zum Teil nichts kosten, sondern das Geschick des Arbeiters durch die Funktion selbst entwickelt, und um so rascher, je einseitiger es mit der Teilung der Arbeit wird. Zweitens weil die Vorbildung, Handels- und Sprachkenntnisse usw. mit dem Fortschritt der Wissenschaft und Volksbildung immer rascher, leichter, allgemeiner, wohlfeiler reproduziert werden, je mehr die kapitalistische Produktionsweise die Lehrmethoden usw. aufs Praktische richtet. Die Verallgemeinerung des Volksunterrichts erlaubt, diese Sorte aus Klassen zu rekrutieren, die früher davon ausgeschlossen, an schlechtere Lebensweise gewöhnt waren. Dazu vermehrt sie den Zugang und die Konkurrenz. Mit einigen Ausnahmen entwertet sich daher im Fortgang der kapitalistischen Produktion die Arbeitskraft dieser Leute; ihr Lohn sinkt, während ihre Arbeitsfähigkeit zunimmt. Der Kapitalist vermehrt die Zahl dieser Arbeiter, wenn mehr Wert und Profit zu realisieren ist. Die Zunahme dieser Arbeit ist stets Wirkung nie Ursache der Vermehrung des Mehrwerts“. (73)

Hieraus ergibt sich auch, daß die verhältnismäßige Zunahme von kommerziellen Beschäftigten gegenüber den in der Industrie Beschäftigten kein Ausdruck von „schwindender Bedeutung der Industrie“ ist, sondern im Gegenteil das Hinterherhinken der Produktivität des kommerziellen Kapitals gegenüber dem industriellen aufzeigt.

Es muß hier noch angemerkt werden, daß kommerzielle Lohnarbeit natürlich nicht nur im Handel verrichtet wird. Auch das industrielle Einzelkapital selbst muß, um seine Waren realisieren zu können bzw. um sein fixes, zirkulierendes und variables Kapital reproduzieren zu können, kommerzielle Funktionen durchführen lassen. Also im wachsenden Maße Lohnabhängige beschäftigen, die mit kommerziellen Aktivitäten wie Ankauf, Verkauf, Lagerhaltung, Buchhaltung, etc. beschäftigt sind.

Des weiteren ergeben sich wie bei den produktiven Beschäftigten wiederum Differenzierungen nach Qualifikation, Aufsichtsfunktionen und ständischen Privilegierungen. Dabei ist zu bemerken, daß kommerzielle Tätigkeiten in Industriebetrieben eng verknüpft sind mit Aufsichtsfunktionen. So stellt die kaufmännische Leitung einer Abteilung die Repräsentanz der Eigentümerinteressen in der Abteilung dar (Überwachung des Prinzips der Kosteneffizienz).

So spiegelt sich die bürgerliche Gewaltenteilung von Exekutive und Legislative in den beiden Säulen der betrieblichen Leitung, der operativen und der kaufmännischen. Es ist daher kein Wunder, daß die zentralen Auseinandersetzungen mit der Fabrikarbeiterschaft zumeist von einer kommerziellen Abteilungsleitung, der der Personalabteilungen, geführt werden. Schließlich kann in gleicher Weise wie für das kommerzielle Kapital auch für das Finanzkapital (Banken und Versicherungen) gezeigt werden, daß es eine weitere Quelle für Lohnabhängige darstellt. Allerdings ist dies ein Sektor, in dem sich die Klassenspaltung weitaus nicht so dynamisch wie im kommerziellen Sektor entwickelt und ständische Privilegierungen sehr zählebig sind.

V. Nicht für den kapitalistischen Produktionsprozeß funktionelle Klassen

In den „Theorien über den Mehrwert“ spricht Marx über eine Tendenz zur Vermehrung der für jede Form von Einzelkapital unproduktiven Arbeit, die paradoxerweise in der allgemeinen Steigerung der industriellen Produktivität angelegt ist:

„Daher der Arbeiter die Entwicklung der Produktivkräfte seiner eignen Arbeit als ihm feindlich, und mit Recht, betrachtet; andererseits der Kapitalist ihn als ein beständig aus der Produktion zu entfernendes Element betrachtet. (…) Was er (Ricardo) vergißt hervorzuheben, die beständige Vermehrung der zwischen workmen auf der einen Seite, Kapitalist und landlord auf der andren Seite, in der Mitte stehenden und sich in stets größrem Umfang, großteils von der Revenue direkt fed Mittelklassen, die als eine Last auf der working Unterlage lasten und die soziale Sicherheit und Macht der upper ten thousand vermehren“ (74).

Unproduktive Klasse

An anderer Stelle im selben Kapitel verwendet Marx auch die Begriffe „Mittelstufe zwischen Arbeiter und Kapitalist“ (75), bzw. „unproduktive Klassen, Staat, Zwischenklassen“ (76).

Mit dem Fortgang der Akkumulation, dem Steigen der Profitmassen bei gleichzeitigem Wachsen von organischer Zusammensetzung des Kapitals, Sinken der Profitraten, schließlich Überakkumulation, mit beständiger Reduktion der Belegschaften und Rationalisierung von Überkapazitäten, entwickelt sich eine Situation, in der das Volumen des gesamtgesellschaftlichen variablen Kapitals stagniert oder abnimmt (Verbilligung der in die Ware Arbeitskraft eingehenden Reproduktionskosten und Stagnation oder Verminderung der Arbeitsbevölkerung), gleichzeitig aber die aus Kapitalprofiten gespeisten Revenuen beständig wachsen. Dies ist für Marx die ökonomische Basis für eine Reihe von „Klassen“, die für den kapitalistischen Produktionsprozeß an sich „nicht funktional“ sind.

„Dies [das Wachsen der organischen Zusammensetzung des Kapitals] verhindert aber nicht, daß die Revenue beständig wächst, dem Wert und der Quantität nach. Aber deswegen wird nicht in demselben Verhältnis ein großer Teil des Gesamtprodukts in Arbeitslohn ausgelegt. Die nicht von der Arbeit lebenden Klassen und Unterklassen vermehren sich, leben besser als früher, und ebenso vermehrt sich die Zahl der unproduktiven Arbeiter“. (77)

Worauf Marx hier anspielt, ist die Differenz von Produktionsprozeß und Reproduktionsprozeß: Im kapitalistischen Produktionsprozeß gibt es nur zwei große „funktionell bestimmte ökonomische Gesellschaftsklassen“ – Kapital und Lohnarbeit (78). Im Gesamtreproduktionsprozeß erscheinen diese Klassen wieder in Form der Sektion 1 (Produktionsmittelindustrie – Produktion und Reproduktion des konstanten Kapitals) und der Sektion 2 (Konsumgüterindustrie – Reproduktion der Ware Arbeitskraft).

Es wäre jedoch eine unzulässige Vereinfachung, den gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozeß auf diese beiden Sektoren zu beschränken: eine konkrete kapitalistische Gesellschaftsformation wird dominiert vom kapitalistischen Produktionsverhältnis, ordnet sich jedoch verschiedene z.T. historisch bedingte Produktions- und Eigentumsverhältnisse unter, die sich in den Reproduktionsprozeß des Gesamtkapitals einordnen, bzw. ihm unterworfen werden. Die Reproduktion dieser Bereiche beruht unter der Dominanz des Kapitalverhältnisses auf der Verausgabung von Revenue aus den beiden industriellen Sektoren für was auch immer diese nicht unmittelbar kapitalistischen Sektoren an tatsächlichen oder angeblichen Diensten leisten.

Für die sich als Klassenverhältnisse darstellenden Verteilungsverhältnisse, sind daher nicht nur die Verhältnisse in der Produktion, sondern auch die historisch bestimmten Reproduktionsverhältnisse bestimmend: „Die sogenannten Verteilungsverhältnisse entsprechen also und entspringen aus historisch bestimmten, spezifisch gesellschaftlichen Formen des Produktionsprozesses und der Verhältnisse, welche die Menschen im Reproduktionsprozeß ihres menschlichen Lebens untereinander eingehen“. (79)

Grundeigentum

Ein wesentliches Beispiel, das Marx im 3. Band des Kapitals sehr ausführlich behandelt, ist das Grundeigentum. Er bemerkt hierzu, daß es kein Wunder ist, daß frühbürgerliche Ökonomen, wie Ricardo „von der Zweiteilung zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter ausgehn, und den Grundrentner erst später als eine spezielle superfetation hereinbringen, so entspricht dies ganz dem Standpunkt der kapitalistischen Produktion. (…) Kapitalist und Lohnarbeiter sind die einzigen Funktionäre und Faktoren der Produktion, deren Beziehung und Gegenübertreten aus dem Wesen der kapitalistischen Produktionsweise entspringt. (…) Die Produktion (…) könnte daher ungestört fortgehn, wenn der Grundrentner verschwände und der Staat an seine Stelle träte. Er ist kein notwendiger Produktionsagent – der Privatgrundeigentümer – für die kapitalistische Produktion, obgleich es nötig für sie ist, daß das Grundeigentum jemanden, nur nicht dem Arbeiter (…) gehöre. Diese im Wesen der kapitalistischen Produktionsweise – und im Unterschied zur feudalen, antiken, usw. – gegründete Reduktion der unmittelbar in der Produktion beteiligten Klassen, also auch der unmittelbaren Teilnehmer an dem produzierten Wert und weiter an dem Produkte, worin dieser Wert sich realisiert, auf Kapitalisten und Lohnarbeiter mit Ausschluß des Grundeigentümers (der erst post festum hineinkommt infolge nicht aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgewachsener, sondern ihr überlieferter Eigentumsverhältnisse an Naturkräften), so weit entfernt ein Fehler bei Ricardo usw. zu sein, macht sie zum adäquaten theoretischen Ausdruck der kapitalistischen Produktionsweise, drückt ihre differentia specifica aus“. (80)

Diese Tendenz zur Reduktion der Klassenverhältnisse auf funktionelle Klassen ist allerdings nicht auf frühbürgerliche Theoretiker beschränkt, sondern auch unter „Marxisten“ stark ausgeprägt.

An anderen Stellen macht Marx klar, worauf dieses Überleben nicht-funktioneller Klassen beruht: auf spezifisch-historischen Klassenkompromissen, die die Kapitalistenklasse aufgrund von Klassenkampfverhältnissen eingehen muß:

„Der Grundeigentümer, ein so wesentlicher Funktionär der Produktion in der antiken und mittelaltrigen Welt, ist in der industriellen a useless superfetation. Der radikale Bourgeois … geht daher theoretisch zur Leugnung des privaten Grundeigentums fort … In der Praxis fehlt jedoch die Courage, da der Angriff auf eine Eigentumsform – eine Form des Privateigentums an Arbeitsbedingungen – sehr bedenklich für die andre Form würde“. (81)

Haltung der Kapitalistenklasse zu nicht-funktionalen Klassen

Daher reicht es dem Kapital, wenn dem Grundeigentum eine kapitalistische Form, die Grundrente gegeben wird, die der kapitalistische Betreiber des landwirtschaftlichen Betriebs dem Grundeigentümer zahlt. Tatsächlich ist die Umwandlung des feudalen Grundbesitzes in kapitalistisches, eine wesentliche Voraussetzung für die ursprüngliche Akkumulation und die Entstehung des „freien“ Lohnarbeiters – und damit „funktional“ für den Kapitalismus dieser Epoche.

Das Prinzip der Grundrente jedoch, Verhinderung des Ausgleichs der Profitraten für Agrarprodukte gegenüber Industrieprodukten, daher Bezahlung des Agrarprodukts zu ihrem Wert statt zum Durchschnittspreis, daher Verteilung des Mehrwerts in Form von Durchschnittsprofit für den Pächter und Rente für den Grundbesitzer, stellt eine Form von historischem Kompromiß dar, basierend auf einer Art Kartellbildung der Besitzer von natürlichen Rohstoffen, die die Kapitalistenklasse der Klasse der Grundeigentümer zugestanden hat. Die Form solcher Klassenkompromisse hat sich im Lauf der Entwicklung des Kapitalismus gewandelt, doch ist speziell der Agrarsektor fast überall ein Feld der Klassenkompromisse geblieben, ob mit unproduktiven, besitzenden Klassen oder ob mit Kleineigentümerklassen, die vor Verdrängungswettbewerb und Ausgleich der Profitraten geschützt werden. Ohne Einbeziehung solcher historisch-politischer Bedingungen, läßt sich die Entstehung konkreter Klassenlagen und Klassenkonflikte nur abstrakt-leer herleiten.

Doch bezieht sich diese Tendenz zu Klassenkompromissen mit nicht-funktionalen Klassen nicht bloß auf den Agrarsektor. Marx zitiert mit einiger Begeisterung Adam Smith: „‚So sind zum Beispiel der Souverain mit allen seinen Justizbeamten und Offizieren, die ihm unterstehen, die ganze Armee und Flotte unproduktive Arbeiter. Sie sind Diener der Gesellschaft und werden von einem Teil des jährlichen Produkts des Fleißes anderer Leute erhalten … In die gleiche Klasse gehören … Geistliche, Juristen, Ärzte, Literaten und Gelehrte aller Art; Schauspieler, Possenreißer, Musiker, Opernsänger, Balettänzer usw.‘ Dies ist die Sprache der noch revolutionären Bourgeoisie, die sich die ganze Gesellschaft, Staat, etc., noch nicht unterworfen hat. Diese transzendenten Beschäftigungen, altehrwürdig, Souverain, Richter, Offiziere, Pfaffen etc. die Gesamtheit der alten ideologischen Stände, die sie erzeugen, ihre Gelehrten, Magister und Pfaffen werden ökonomisch gleichgestellt dem Schwarm ihrer eignen Lakaien und Lustigmacher… Sie sind bloße servants of public, wie die anderen ihre servants sind. Sie leben von dem produce of other people’s industry, müssen also auf das unvermeidliche Maß reduziert werden. Staat, Kirche etc. bloß berechtigt, soweit sie Ausschüsse zur Verwaltung oder Handhabung der gemeinschaftlichen Interessen der produktiven Bourgeoisie sind; und ihre Kosten, da sie an und für sich zu den faux frais de production [Nebenkosten der Produktion] gehören, müssen auf das unentbehrliche Minimum reduziert werden“. (82)

Diese Perspektive der radikalen Säuberung der „altehrwürdigen Stände“ ändert sich, sobald die Bourgeoisie die Macht erobert hat: „Sobald die Bourgeoisie dagegen das Terrain erobert hat, teils selbst des Staates sich bemächtigt, teils ein Kompromiß mit seinen alten Inhabern gemacht, ditto die ideologischen Stände als Fleisch von ihrem Fleisch erkannt und sie überall in ihre Funktionäre, sich gemäß, umgewandelt hat; sobald sie selbst nicht mehr als Repräsentant der produktiven Arbeit diesen gegenübersteht, sondern sich ihr gegenüber die eigentlichen produktiven Arbeiter erheben und ihr ebenfalls sagen, daß sie von other people’s industry lebt; sobald sie gebildet genug ist, nicht ganz in der Produktion aufzugehen, sondern auch „gebildet“ konsumieren zu wollen; sobald mehr und mehr der geistigen Arbeiten selbst in ihren Dienst sich vollziehen, in den Dienst der kapitalistischen Produktion treten, wendet sich das Blatt, und sie sucht ‚ökonomisch‘ von ihrem eignen Standpunkt aus zu rechtfertigen, was sie früher kritisch bekämpfte“. (83)

Hier wird deutlich, daß der kapitalistisch organisierte Staat, in den eine Reihe mehr oder weniger privilegierte Stände integriert werden, zum zentralen Mechanismus im Reproduktionsprozeß wird, über den Revenue an nicht-funktionale Klassen verteilt wird. Obwohl der Staat im Kapitalismus eine bestimmte nützliche Funktion hat, heißt dies nicht, daß alle seine Bereiche auch direkt kapitalistisch organisiert sein müssen! Die Rolle des Staates und seiner Beschäftigten erfordert eine genauere Analyse.

Die öffentliche Gewalt und ihre sozialen Verkörperungen

Einerseits bedarf jede Klassengesellschaft, die auf Privateigentum beruht und Warenproduktion beinhaltet, in allen Epochen einiger übergreifender Institutionen: Dies betrifft vor allem die Form der öffentlichen Gewalt, die das Privateigentum in allen seinen Formen verteidigt (Polizei und Militär), Eigentumsrechte beglaubigt oder Streitigkeiten um Eigentumsrechte regelt und austrägt (Richter, Notare, Anwälte). Wie Engels im „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ zeigt, ist es wesentlich, daß sich diese „öffentliche Gewalt“ vom Rest der Gesellschaft absondert, nicht mehr die „selbständig bewaffnete Organisation der Gesamtbevölkerung“ ist, oder die Rechtsbarkeit des ganzen Stammes darstellt:

„Im Besitz der öffentlichen Gewalt und des Rechts der Steuereintreibung, stehn die Beamten nun da als Organe der Gesellschaft über die Gesellschaft. Die freie, willige Achtung, die den Organen der Gentilverfassung gezollt wurde, genügt ihnen nicht, selbst wenn sie sie haben könnten; Träger einer der Gesellschaft entfremdeten Macht, müssen sie in Respekt gesetzt werden durch Ausnahmegesetze, kraft deren sie einer besondren Heiligkeit und Unverletzlichkeit genießen. Der lumpigste Polizeidiener des zivilisierten Staates hat mehr ‚Autorität‘ als alle Organe der Gentilgemeinschaft zusammengenommen“. (84)

Daraus ergibt sich, daß diese speziellen Vertreter der öffentlichen Gewalt besondere Kasten bilden, die zwar in verschiedenen Klassengesellschaften unterschiedliche Formen annehmen, die sich aber in ihnen allen durch Sonderrechte und Absonderung vom Rest der Bevölkerung hervortun. Alle bisherigen Revolutionen übernahmen von ihren Vorgängern diesen Staatsapparat, paßten ihn den Bedürfnissen der neuen herrschenden Klasse an, verfeinerten den Unterdrückungsapparat. Daher gilt dies nicht für die Revolution, die der Klassenherrschaft an sich das Ende setzt:

„Aber die Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in Besitz nehmen und diese für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen. Die zentralisierte Staatsmacht, mit ihren allgegenwärtigen Organen – stehende Armee, Polizei, Bürokratie, Geistlichkeit, Richterstand, Organe, geschaffen nach dem Plan einer systematischen und hierarchischen Teilung der Arbeit – stammt aus den Zeiten der absoluten Monarchie, wo sie der entstehenden Bourgeoisherrschaft als eine mächtige Waffe gegen den Feudalismus diente. (…) In dem Maß, wie sich der Fortschritt der modernen Industrie den Klassengegensatz zwischen Kapital und Arbeit entwickelte, erweiterte, vertiefte, in demselben Maß erhielt die Staatsmacht mehr und mehr den Charakter einer öffentlichen Gewalt zur Unterdrückung der Arbeiterklasse, einer Maschine der Klassenherrschaft“. (85)

Der Gegensatz des Klasseninteresses der Arbeiterklasse und der Interessen der Kasten, die die öffentliche Ordnung repräsentieren, ist daher offensichtlich. Einerseits zielt das objektive Interesse der Arbeiterklasse auf die Zerschlagung der bürgerlichen Staatsmaschinerie, auf die Auflösung der Sonderrechte der verschiedenen sie repräsentierenden Kasten durch die selbstverwaltete Kommune mit zeitweilig ernannten Funktionären, die verbleibende Staatsfunktionen erfüllen, andererseits sind die Repräsentanten der bürgerlichen Staatsmacht das unmittelbare Instrument zur Unterdrückung des proletarischen Klasseninteresses.

Selbst wo diese Funktionen in Form produktiver Lohnarbeit verrichtet werden sollten (z.B. bei privaten Werkschutz oder Wachdiensten), bindet diese Schichten ihr Sonderinteresse und ihre Funktion an die herrschende Klasse und macht sie in jedem Fall zum Gegner, niemals zum Bestandteil der Arbeiterklasse. Dies trifft auch auf die Bediensteten der Polizei zu: Auch wenn diese zumeist durchschnittlich bezahlte Lohnabhängige sind, sind sie einerseits nicht in irgendeinem Sinn produktive Arbeiter, andererseits durch Sonderrechte mit Autorität ausgestattet, die sie gegen den Rest der Bevölkerung, insbesondere gegen die Arbeiterklasse stellt. Der erste Punkt heißt vor allem auch, daß ihr Arbeitsverhältnis nicht durch irgendeine Form von kapitalistischen Verwertungs- und Effizienzbedingungen bestimmt ist, sondern durch ein internes Kastenregime, das Position und Aufstiegsmöglichkeiten regelt. Ihrem sich stets steigerndem Sicherheitsbedürfnis opfert die Bourgeoisie einen beträchtlichen Teil ihrer Revenue, ohne allzu strenge Kostenkriterien zur Bedingung zu machen.

Die Bürokratie als soziales Phänomen

Ein zweites Element, das sich mit der erwähnten wachsenden Zentralisierung des Staatswesens und der im Kapitalismus gestiegenen ökonomischen Funktion des Staates entwickelt, ist die Bürokratie. Sie stellt eine spezifische Form von gesellschaftlicher Arbeitsteilung dar, durch die ökonomische und Ordnungsfunktionen des Staates angeleitet und koordiniert werden in Form einer staatlichen Verwaltung. Max Weber hat in „Wirtschaft und Gesellschaft“ eine aufschlußreiche Analyse bürokratischer Herrschaft geliefert, die auch für eine marxistische Weiterentwicklung gute Dienste leisten kann.

Darin charakterisiert er Bürokratie durch die Durchsetzung von „formaler Rationalität“ – der zweckfreien, regelgeleiteten Lösung irgendwelcher, von irgendwem aus irgendeinem Grund vorgegebenen Aufgaben – im Gegensatz zu traditionalem Handeln – von der Tradition anerkannte Zwecke werden entsprechend traditioneller Handlungsweisen erreicht – und „materialer Rationalität“ – Zweck/Mittel-Optimierung und die Hinterfragung des „Sinns“ der Gesamthandlung sind kombiniert:

„Die bürokratisch-monokratische aktenmäßige Verwaltung (…) ist nach allen Erfahrungen die an Präzision, Stetigkeit, Disziplin, Straffheit und Verläßlichkeit, also: Berechenbarkeit für den Herrn wie für den Interessenten, formal universeller Anwendbarkeit auf alle Aufgaben, rein technisch zum Höchstmaß der Leistung vervollkommenbare, in all diesen Bedeutungen: formal rationalste Form der Herrschaftsausübung“ (86). Bürokratische Herrschaftsausübung beruht auf:

  • einer genau geregelten Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Ämtern (und deren Unterabteilungen) mit festgelegten Kompetenzen;
  • einer festgelegten Anweisungshierarchie, die jedem Amt etc. einen eindeutigen Zweckgeber bestimmt (monokratische Verwaltung);
  • auf der Anstellung hauptamtlicher Bediensteter, die der Amtspflicht unterworfen sind und ihre Tätigkeiten aktenmäßig dokumentieren;
  • darauf, daß sich die „Legitimität“ der einzelnen bürokratischen Handlung „letztlich“ aus der Rechtmäßigkeit der kommandierenden politischen Spitze, der „Legislative“ ergibt, die die Zwecke vorgibt.

Mit zunehmender Bürokratisierung sieht Weber allerdings die Tendenz zur Verselbständigung der bürokratischen Apparate: In den Verwaltungsregelungen materialisieren sich unterschiedliche gesellschaftliche Interessen, so wie die Ämter auch heterogenen Einflüssen und nicht bloß einer Hierarchie ausgesetzt sind. Die Regelungen halten mit den gesellschaftlichen Entwicklungen nicht stand, das Gesamtsystem wird unüberschaubar, reagiert mit unerwarteten Handlungsweisen, etc. Um Entscheidungen fällen zu können, die sich in diesen Apparaten überhaupt noch umsetzen lassen, braucht es selbst wieder bürokratische Experten etc. Schließlich werden die politischen Spitzen zu bloßen Verkäufern von Entscheidungen, die irgendwo im Verwaltungsapparat entstanden sind. Natürlich erkennt Weber nicht die tatsächlichen Ursachen der bürokratischen Wucherungen (die in kapitalistischen Staaten und degenerierten Arbeiterstaaten auch ganz unterschiedlich analysiert werden müssen), um die es hier auch gar nicht geht. Wesentlich ist sicher die empirisch untermauerte Tatsache der Herausbildung einer bestimmten, mit der Entfaltung der bürokratischen Herrschaft unter kapitalistischen Bedingungen verbundenen Gesellschaftskaste.

Rolle des Beamten

Die Träger dieser Bürokratie, die Beamten, zeichnen sich durch eine spezielle Form von „Fachwissen“ aus. „Das große Mittel der Überlegenheit der bürokratischen Verwaltung ist: Fachwissen, dessen völlige Unentbehrlichkeit durch die moderne Technik und Ökonomik der Güterbeschaffung bedingt wird.“ (87).

Im Gegensatz zur Kopfarbeit im unmittelbaren Produktionsprozeß ist bürokratisches Fachwissen aufs engste mit der Position des betreffenden Bürokraten im Organisationsgefüge verknüpft. Es ist vor allem Wissen darüber, welche Anweisungen, Anfragen, finanzielle Anforderungen etc. gegenüber anderen Organisationselementen auszugeben sind, um vorgegebene Aufgaben zu lösen. Verliert also ein Bürokrat seine Position, so ist für ihn dieses Wissen zumeist vollkommen wertlos (anders als für einen Produktionsarbeiter, der seine Qualifikation auch anderswo anwenden könnte).

Der Bürokrat wird daher wesentlich nicht nach den Reproduktionskosten seiner Ware Arbeitskraft entlohnt, sondern nach seiner Position in der Organisationsstruktur, so wie auch nicht unmittelbar kapitalistische Kosten/Nutzen-Kriterien für die Beurteilung seiner Arbeit gelten, sondern bloß die pflichtgemäße Erfüllung bestimmter Aufgaben, die an sich völlig unsinnig sein könnten. Ein Produktionsarbeiter, der genial und effizient eine Ware produziert, die dann aber niemand kauft, wird im wirklichen kapitalistischen Produktionsprozeß hier ganz anders behandelt.

Da letztlich die Kapitalistenklasse ein dominierendes Interesse an einer kostenoptimalen Verwaltung ihrer Gemeininteressen hat, wird sich das Kapitalverwertungs-interesse letztlich auch in der Verwaltung als „Kostendruck“ überdeutlich machen. Das Kapitalverhältnis wirkt hier aber nur indirekt und durch viele, in Jahrhunderten entwickelte bürokratische Abwehrmechanismen abgefedert. Dies macht deutlich, daß die staatliche Verwaltung ein besonderes Arbeitsverhältnis darstellt (wenn auch den kapitalistischen Produktionsverhältnissen untergeordnet), das die Basis für kastenmäßige Sonderinteressen der in ihr Beschäftigten bildet.

Gerade weil das objektive Interesse der Arbeiterklasse an der Zerschlagung des bürgerlichen Staates die Abschaffung der Hauptamtlichkeit der Ausführung von Gemeinschaftsfunktionen und die Selbstverwaltung der Produzenten/Konsumen-ten genauso beinhaltet, wie die Beseitigung der materiellen Privilegierung von Bürokraten und Experten, sind die objektiven Interessen von Bürokratie und Arbeiterklasse in einem Gegensatzverhältnis (Bemerkung: Ein Gegensatzverhältnis ist an sich noch kein Widerspruchsverhältnis; es gibt viele gesellschaftliche Gegensatzverhältnisse, die nicht den Charakter wesentlicher dialektischer Widersprüche haben!).

Bürokratie als herrschende Kaste

Die besonderen Kasteninteressen der Bürokratie wurden in spezifischer Weise in den degenerierten Arbeiterstaaten deutlich. Trotzki beschreibt in seiner Analyse des Sowjetthermidors ausführlich den sozialen Charakter der Bürokratie in unterschiedlichen Gesellschaftsformationen. Kurz zusammengefaßt erklärt er Ähnlichkeiten und Unterschiede in folgender Stelle:

„In ihrer vermittelnden und regulierenden Funktion, ihrer Sorge um die Erhaltung der sozialen Rangstufen und der Ausnutzung des Staatsapparates zu Privatzwecken ähnelt die Sowjetbürokratie jeder anderen Bürokratie, besonders der faschistischen. Aber es gibt auch Unterschiede: Unter keinem anderen Regime, mit Ausnahme der UdSSR hat die Bürokratie einen solchen Grad an Unabhängigkeit von der herrschenden Klasse erlangt. In der bürgerlichen Gesellschaft vertritt die Bürokratie die Interessen der besitzenden und gebildeten Klasse, die über unzählige Mittel verfügt, ihre Verwaltung zu kontrollieren. Die Sowjetbürokratie jedoch erhob sich über eine Klasse, die, eben erst aus Elend und Dunkel befreit, im Herrschen und Kommandieren keine Tradition besitzt. Während die Faschisten, nachdem sie die Futterkrippe erreicht haben, mit der Großbourgeoisie gemeinsame Interessen-, Freundschafts-, Ehebande usw. knüpften, macht sich die Bürokratie in der UdSSR die bürgerlichen Sitten zu eigen, ohne eine nationale Bourgeoisie als Partner zu haben“. (88)

Was die Bürokratie auch hier noch zu einer Kaste – also nicht einer herrschenden Klasse – macht, ist die Tatsache, daß die bürokratische Kaste nicht in der Lage ist, eigene Eigentumsverhältnisse an Produktionsmitteln durchzusetzen, sondern auf Staatseigentum gegründet ist, also Produktionsziele befolgen muß, die vorgeblich dem Interesse der Gesamtbevölkerung entsprechen (eine wichtige Ausnahme stellt allerdings auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung der Produktivkräfte die asiatische Produktionsweise dar).

Die ökonomischen Funktionen des kapitalistischen Staates

Das Wesen des Kapitalismus, die Akkumulation von Mehrwert, ergibt sich aus der Analyse des Reproduktionsprozesses des Kapitals im allgemeinen – also unabhängig von der Betrachtung von Einzelkapitalen und ihrer Konkurrenz untereinander. Im Gegenteil, die Konkurrenz und ihre Wirkungen ergeben sich als logische Folge der Wirkung der Akkumulation, sobald die Analyse zur Stufe des vereinzelten Kapitals weitergeht (denn die Verengung des Marktes durch die auf die einzelnen Kapitale aufgeteilte Akkumulation des Gesamtkapitals wirft diese erst in verschärfte Konkurrenz).

 Andererseits ist es in der konkreten Wirklichkeit wiederum die Erscheinungsform – die Konkurrenz der Einzelkapitale – die sich als das bewegende Element herausstellt, das das Wesen erst manifest werden läßt: Erst durch die Konkurrenz „wird als äußerliche Notwendigkeit für das einzelne Kapital gesetzt, (…) was dem Begriff des Kapitals entspricht. (…) Was in der Natur des Kapitals liegt, wird nur herausgesetzt als äußere Notwendigkeit durch die Konkurrenz, die weiter nichts ist, als daß die vielen Kapitale die immanenten Bestimmungen des Kapitals einander aufzwingen und sich selbst aufzwingen“. (89)

Einerseits ist daher Kapital nur vorstellbar als „viele Kapitale“, es besteht eine Tendenz zur Totalisierung der Kapitalbestimmung auf alle ökonomisierbaren Bereiche, d.h. eine Tendenz zur Organisierung aller gesellschaftlichen Bereiche über die Konkurrenz von Privatkapitalien. Andererseits drückt die Akkumulationstendenz gleichzeitig das beständige Hinaustreiben des Kapitals über seine beschränkte Form als quantitativ begrenztes Einzelkapital aus. Rosdolski (90) erinnert hier zurecht an Hegels Dialektik von „Endlichem“ und „Unendlichem“, wenn er von Marx Behandlung des Verhältnisses von Einzel- und Gesamtkapital spricht: Das real existierende Kapital kann nur als Einzelkapital existieren, das gleichzeitig als sein Wesen, ein nie erreichbares, absolut zentralisiertes Kapital hat, das sich wie der Grenzwert im Unendlichen zum Ausdehnungsdrang der Einzelkapitale verhält.

In verschiedenen Stufen seiner Entwicklung bringt das Kapital daher immer wieder Formen von verallgemeinerterem Kapital hervor, Abbilder des Gesamtkapitals, z.B. im Kreditwesen, Aktiengesellschaften, Kartelle, Monopole etc., um dann um so heftiger wieder in neue Konkurrenzverhältnissen auf höherer Ebene zu enden; bringen damit den zugrundeliegenden Widerspruch von Tendenz zur zunehmenden Vergesellschaftung und Konzentration des Produktionsmitteleigentums in immer weniger Händen zum Ausdruck:

„Sobald es anfängt sich selbst als Schranke der Entwicklung zu fühlen und gewußt zu werden, nimmt es zu Formen Zuflucht, die, indem sie die Herrschaft des Kapitals zu vollenden scheinen, durch Zügelung der freien Konkurrenz zugleich die Ankündigung seiner Auflösung und der Auflösung der auf ihm beruhenden Produktionsweise sind“. (91)

Eine dieser widersprüchlichen Erscheinungsformen des imaginären Gesamtkapitalisten ist auch der im kapitalistischen Reproduktionsprozeß fungierende Staatssektor. Auch er drückt einerseits die Tendenz zur Überwindung des beschränkten Einzelkapitalstandpunkts unter kapitalistischen Bedingungen aus; andererseits ist er aber genau diesem untergeordnet, hat für diesen bestimmte Funktionen zu erfüllen. Diese beiden Seiten geraten beständig in Konflikt, wobei die allgemeine Natur des Kapitalismus stets das Gewicht des Einzelkapitalstandpunkts bevorrechtet.

Die ökonomischen Aufgaben des Staates sind daher keine fixen, sondern relativ, gemessen an dem Entwicklungsstand des Kapitalismus. Aus verschiedenen Gründen kann das Kapital zeitweise gezwungen sein, wirtschaftliche Funktionen an den Staat abzugeben. Dies ist z.B. zumeist der Fall bei der Schöpfung und Ausgabe von Geld als Grundlage des Zirkulationsprozesses. Aber selbst dies kann auch durch Privatbanken erfüllt werden (z.B. Schweizer Nationalbank). Auch Sektoren aus dem Produktionsbereich, wie Straßenbau, Energiesektor, Transportwesen (Bahn, städtische Transportunternehmen), Post- und Telekommunikation, etc. können zeitweise vom Staat übernommen werden, wenn eine privatkapitalistische Führung dieser Bereiche zu viel Kapital im Verhältnis zur Entwicklung des inländischen Privatkapitalsektors erforderte etc. Die Bedeutung dieser Bereiche im Rahmen der gesamtkapitalistischen Produktion- und Reproduktion erfordert dann eine gesamtwirtschaftliche Instanz, die genug Mittel aufbringen kann, um die betreffenden Risiken und Kosten zu übernehmen. Ebensolches gilt auch für den Reproduktionsbereich, z.B. für das Gesundheits-, Ausbildungswesen und kommunale Versorgungseinrichtungen.

Nichtproduktive Arbeit im Staatssektor

Arbeit, die im Staatssektor geleistet wird, ist im eigentlichen Kapital-Sinn nicht produktiv, so nützlich sie in irgendeiner Form auch sei:

„Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwert für den Kapitalisten produziert, oder zur Selbstverwertung des Kapitals dient. Steht es frei, ein Beispiel außerhalb der Sphäre der materiellen Produktion zu wählen, so ist ein Schulmeister produktiver Arbeiter, wenn er nicht nur Kinderköpfe bearbeitet, sondern sich selbst abarbeitet zur Bereicherung des Unternehmers. Daß letzterer sein Kapital in einer Lehrfabrik angelegt hat, statt in einer Wurstfabrik, ändert nichts an dem Verhältnis. Der Begriff des produktiven Arbeiters schließt daher keineswegs bloß ein Verhältnis zwischen Tätigkeit und Nutzeffekt, zwischen Arbeiter und Arbeitsprodukt ein, sondern auch ein spezifisch gesellschaftliches, geschichtlich entstandenes Produktionsverhältnis, welches den Arbeiter zum unmittelbaren Verwertungsmittel des Kapitals stempelt“. (92)

Die Arbeit im Staatssektor ist nicht produktiv, da sie nicht der Verwertung eines konkreten Kapitals dient. Hier kommt der eigentümliche Charakter des Staates als „imaginärer Gesamtkapitalist“ zum Vorschein: Einerseits ist der Staat notwendig, um die Verwertung des Gesamtkapitals zu ermöglichen, andererseits ist er selbst aber kein wirkliches Kapital, dem seine Gesetzmäßigkeiten durch Konkurrenz mit anderen Einzelkapitalen aufgezwungen würde. Dies muß natürlich modifiziert werden, sobald der Weltmarkt und die Rolle des Staates in der ursprünglichen Akkumulation betrachtet wird: Es kann in schwächeren kapitalistischen Ländern oder in speziellen industriellen Sektoren staatliche Unternehmen geben, die wesentlich für Export- oder Import-Substitution arbeiten. Hier tritt dann der Staat auch tatsächlich als Einzelkapital auf. In jenen Staatsindustrien, wo die Lohnarbeit der Kapitalbildung dient, sind die Beschäftigten üblicherweise produktive Arbeiter.

Damit tritt die paradoxe Situation auf, daß Arbeit, die keinen Wert schafft – wie kommerzielle Lohnarbeit -, durchaus für das Einzelkapital produktiv sein kann (weil sie Kapital verwertet), während Arbeit, die an sich verkaufbaren Wert schafft – z.B. in einer staatlichen Industrie (mit den erwähnten Ausnahmen) – unproduktiv ist, da sie nicht Mehrwert FÜR EIN Kapital schafft. Arbeit im staatlichen Sektor erscheint für das Kapital immer als „Nebenkosten der Produktion“, in Form von Steuern, Abgaben, Gebühren etc., die die Revenue schmälern, und daher so gering als möglich zu halten sind.

Hier wird die Verwaltung des bürgerlichen Staates zum entscheidenden Instrument der Interessen des Gesamtkapitals: Ihre Aufgabe ist die größtmögliche Reduktion dieser Nebenkosten. Sofern sich die Arbeit im Staatssektor daher als Warenproduktion organisieren läßt (die einzelnen Leistungen und Dienste werden als Ware verkauft – z.B. Gebühr für ein einzelnes Telefongespräch oder eine einzelne Transportleistung, statt Pauschalgebühr), ist es möglich, eine Berechnung der Bilanz von Kostpreissumme zu realisierter Preissumme durchzuführen.

Lohnarbeit in der öffentlichen Verwaltung

Der vom Kapital über die staatliche Verwaltung ausgeübte Druck, Verluste in dieser Rechnung zu minimieren, bzw. möglichst einen Gewinn zu erzielen, führt dazu, daß das von der Verwaltung angestellte lohnabhängige Personal wie variables Kapital behandelt wird: Es kommt darauf an, so viel als möglich Mehrarbeit aus ihm heraus zu pressen, um die Kostenminimierungsziele zu erreichen, während die Entlohnungshöhe vor allem von den Reproduktionskosten der Arbeitskraft, wie sie für Lohnabhängige mit ähnlichen Qualifikationen in der Privatindustrie gelten, abhängt, und nicht von einer davon unabhängigen Beurteilung der Arbeitsleistung.

Für viele Länder gilt dies für das „untere“ Personal in Krankenhäusern, staatlichen Post- und Telefongesellschaften, Bahn etc.  Wenn auch in vermittelter Form gilt für nicht-Verwaltungspersonal in solcher Art Staatsbetrieben in analoger Form wie in der Privatindustrie das langfristige Schicksal der Arbeiterklasse: Lohndrückerei, beständige Tendenz zur Verschlechterung von Arbeitsbedingungen, Arbeitsplatzun-sicherheit. Diese Schichten integrieren sich daher natürlicherweise in die Arbeiterklasse (organisatorisch, milieumäßig etc.), gehören oft sogar zu ihren besonders gut organisierten Teilen.

Unterschied in der Organisation des Arbeitprozesses

Allerdings gibt es im staatlichen Sektor wesentliche Unterschiede, was die Form der Organisierung des Arbeitsprozesses betrifft. Einerseits ist die Verwaltung eines staatlichen Betriebes – anders als die eines Privatbetriebs – wesentlich stärker nach dem bürokratischen Prinzip der Arbeitsteilung und -bewertung organisiert und privilegiert. Sie geht letztlich mit der Bürokratie der hoheitlichen Staatsverwaltung in die bürokratische Kaste auf.

Dies wird besonders deutlich bei Privatisierungen, bei denen besonders die Verwaltungsbereiche von enormen „Umstrukturierungen“ betroffen sind, und die „Amtsleiter“ an der Spitze der Betriebe durch wirkliche Bourgeoisie/Manager ersetzt werden. Andererseits werden speziell in Staatsbetrieben oft ständische Privilegien bestimmter Beschäftigtengruppen besonders zählebig konserviert. Dies kann sich in verschiedenen Formen von Absicherung des Arbeitsplatzes (z.B. in Deutschland durch den Beamtenstatus), Schutz vor Rationalisierungen und weit über dem Durchschnitt liegenden Löhnen äußern (z.B. Piloten staatlicher Luftlinien, Krankenhausärzte). Solche Schichten können von der Bürokratenkaste durchaus getrennte eigene Mittelschichten bilden.

Einen besonderen Bereich bildet der staatliche Ausbildungssektor, da er selten mit einer der Warenproduktion entnommenen Kostenrechnung verbunden ist. In vielen Ländern ist dieser Bereich auch traditionell mit einer Privilegierung der in ihnen vertretenen ideologischen Stände (Lehrer, Universitätslektoren etc.) verbunden, sowohl was Arbeitsplatzsicherheit, gute Bezahlung und hohes Maß an Selbstbestimmung über die Arbeitsbedingungen betrifft. Allerdings sind durch die „Industrialisierung“ von Teilen dieses Bereichs in der Form von Institutionen der Massenbildung viele dieser Privilegien zumindest bei Teilen dieser Schichten im Verschwinden begriffen. In solchen Bereichen kann auch mit Kostenrechnungen gearbeitet werden, wo die Schulverwaltungen durch Reduktion von Personal, Schaffung schlechtbezahlter, befristeter Posten, Ausdehnung von Lehraufgaben (z.B. höhere Schülerzahlen), unter schlechter werdenden Bedingungen (was Ausgaben für Lehrmittel und Gebäude betrifft), Steuermittel für die Massenbildung zu sparen versuchen.

Wie auch bei Technikern und Ingenieuren ist die Klassenposition von Lehrern daher differenziert zu betrachten, nach Besonderheiten verschiedener Länder, der Entwicklung der Arbeitsbedingungen durch Umstrukturierungen des Lehrprozesses in verschiedenen Schultypen, des Abbaus von Sonderprivilegien, etc.. Es kann dabei durchaus sein, daß ein Bestandteil des produktiven Gesamtarbeiters, z.B. ein Lehrer einer Privatschule durch Sonderprivilegien zu den Mittelschichten zu zählen ist, während ein im Kapitalsinne unproduktiver, schlechtbezahlter, befristet angestellter Lehrer einer Grundschule in natürlicher Weise der Arbeiterklasse angehört. Es muß bei Lehrern allerdings noch ein weiterer Aspekt betrachtet werden: Ihre Herkunft aus den „ideologischen Ständen“.

Die ideologischen Stände und die Kopfarbeiter der herrschenden Klasse

Die Entstehung des gesellschaftlichen Bewußtseins einer Epoche wird von Marx als eigenartige Form von Produktion aufgefaßt: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zur Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so daß ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind“. (93)

Zu diesem Zweck entwickelt sich jedoch ein eigener „Produktionszweig“:

„Die Teilung der Arbeit, die wir schon oben als eine der Hauptmächte der bisherigen Geschichte vorfanden, äußert sich nun auch in der herrschenden Klasse als Teilung der geistigen und materiellen Arbeit, so daß innerhalb dieser Klasse der eine Teil als Denker dieser Klasse auftritt (die aktiven konzeptiven Ideologen derselben …) während die Andern sich zu diesen Gedanken und Illusionen mehr passiv und rezeptiv verhalten, weil sie in der Wirklichkeit die aktiven Mitglieder dieser Klasse sind und weniger Zeit dazu haben, sich Illusionen und Gedanken über sich selbst zu machen“. (94)

In der Wirklichkeit sind diese ideologischen Arbeiten zumeist mit für das Gesamtkapital auch praktisch nützlichen Arbeiten verbunden. So z.B. die Arbeit der Zeitungsproduktion, die nicht nur der Verbreitung von Ideologie, sondern auch z.B. von Nachrichten beinhaltet, die für das Funktionieren der Zirkulation oder Unternehmensplanung wichtig sein können; oder die Universitäten, die ja auch für das Kapital verwertbare Forschungsergebnisse hervorbringen und nicht nur die Überlegenheit der Marktwirtschaft zu verkünden haben.

Auch Schulen haben wichtige ideologische Funktionen: Nicht nur in dem Sinn, daß den Schülern bestimmte ideologische Inhalte eingetrichtert werden, sondern auch deswegen, da sie Kinder generell an Arbeitsdisziplin gewöhnen, und daran, daß das Erlernen sinnlosen Fachwissens und die Erledigung sinnloser Tätigkeiten in dieser Gesellschaft äußerst positiv bewertet wird, wenn es nur von den richtigen Leuten angeschafft wird.

Die Wichtigkeit der ideologischen Funktion bestimmter Berufe kann dazu führen, daß ihre Träger vom Kapital privilegiert werden, materiell oder durch Ausstattung mit besonderer Autorität und sozialem Status. Ein Weg, in dem dies in vielen Ländern geschah, war die Integration überkommener „ideologischer Stände“ in die bürgerliche Gesellschaft und ihre kapitalkonforme Umfunktionierung (siehe Zitat oben).

In diesem Sinne hat die Bourgeoisie-Klasse in unterschiedlichen Ländern bestimmte Kompromisse mit solchen Institutionen wie Kirche und Universität durchgeführt. Allerdings hat die Bourgeoisie auch eigene ideologische Stände hervorgebracht, die auf das engste mit der Entstehung der bürgerlichen Klasse selbst verbunden sind: die bürgerlichen Journalisten sowie hauptamtliche Berufspolitiker und Verbandsfunktionäre. Beide sind zugleich wesentliche Elemente, durch die bürgerliche Klasseninteressen gegenüber den Eigengesetzlichkeiten des Staatsapparats durchgesetzt werden.

Schließlich muß noch erwähnt werden, daß die geistig-ideologische Produktion selbst auch der Kapitalverwertung dienen kann, wie die moderne Medienindustrie beweist. Einerseits wird dabei eine wachsende Masse an Lohnabhängigen beschäftigt, andererseits gibt es Tendenzen der Proletarisierung auch bei ideologischen Ständen (z.B. Journalisten).

Das traditionelle Kleinbürgertum

Neben den für den kapitalistischen Produktionsprozeß funktionalen Klassen und den erwähnten Mittelschichten gibt es in entwickelten kapitalistischen Ländern auf der Grundlage spezifischer historischer Entwicklungen und Gegebenheiten zwei weitere Klassen in jeweils spezifischer Gestalt: das städtische und das ländliche Kleinbürgertum.

Auf der Grundlage der einfachen Warenproduktion- und Zirkulation beruhend, entwickeln sich diese Klassen in „Nischen“ des Kapitalismus, in denen die Individualarbeit nicht durch fortschreitende Vergesellschaftung und Akkumulation von Mehrwert auf immer höherer Stufenleiter geprägt ist – in denen sich also das Kapitalverhältnis nur beschränkt entwickelt. Im Unterschied zur Mittelbourgeoisie, deren untere Teile es nicht einmal zur vollentwickelten industriellen Arbeitsteilung gebracht haben müssen, ist die ökonomische Tätigkeit von Kleinhändlern, Gastwirten, kleinen Handwerksbetrieben oder dem bäuerlichen Familienbetrieb nicht primär auf die ständige Ausweitung des eigenen Betriebes auf der Grundlage der Mehrwertaneignung gegründet. Wo dies der Fall ist, zeigt sich zumeist schon der Übergang zum akkumulierenden Kapitalisten.

Das Interesse am Schutz des Privateigentums vereinigt diese Schichten mit der Bourgeoisie, so wie sie auch wichtige Träger der Ideologie vom auf eigene, private Leistung begründetem Reichtum sind. Andererseits ist ihre gesellschaftliche Stellung durch die Entwicklung der Akkumulation, besonders durch die voranschreitende Vergesellschaftung und Industrialisierung aller Produktions- und Zirkulationsarbeiten wesentlich bedroht. Das kleinbürgerliche Eigentumsverhältnis definiert daher eine eigene Klassenlage, die durch den Behauptungskampf ihrer Träger gegen die existentiellen Bedrohungen durch die beiden gesellschaftlichen Hauptklassen zu speziellen Klassen geformt wurden.

Sowohl Bauern, wie auch städtisches Kleinbürgertum entwickelten dabei feste Milieus, politische Organisationen und Ideologien, die diesen Klassen lange Zeit eine gegenüber den anderen Mittelschichten getrennte Ausdrucks- und Erscheinungs-form gaben. Diese Deutlichkeit, in der diese beiden Schichten als gesellschaftlich handelnde Subjekte auftraten, liefert auch die Rechtfertigung für ihre Bezeichnung als „Klassen“, im Unterschied zu bloß an sich bestehenden Schichten. Ihre feste materielle Fundierung bewirkte dabei auch eine führende ideologische Rolle dieser Klassen in den Mittelschichten.

Zu den wesentlichen klassensoziologischen Veränderungen dieses Jahrhunderts gehört der Rückgang dieser zentralen Bedeutung des traditionellen Kleinbürgertums in den Mittelschichten in den imperialistischen Ländern. Dies ist einerseits bedingt durch die fortschreitende Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche, die sich sowohl in der Ausweitung der industriellen Produktion als auch der Ausdehnung von kommerziellem Kapital und Finanzkapital äußert. Damit werden viele Bereiche, die früher von Kleinstbetrieben geprägt waren, von mittlerem oder großem Kapital dominiert (z.B. Entwicklung von Großkaufhäusern).

Dies ist weiters bedingt durch die damit zusammenhängende starke Ausdehnung des öffentlichen Sektors, der viele ehemals kleinbürgerliche Schichten in sich aufsog. Schließlich bedeuten Produktivitätsfortschritte in der Lebensmittelproduktion, Ausdehnung des Welthandels mit Agrarprodukten und die zunehmende Bedeutung von Finanzkapital und öffentlichem Sektor in der Landwirtschaft, daß die Bauernschaft extrem geschrumpft ist, sich zunehmend differenziert und ihre früheren politischen Spielräume mehr und mehr verliert.

In Zahlen drückt sich das in einer Abnahme der „selbständig Beschäftigten“ an der Gesamtbevölkerung aus (waren in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts noch über 30% der Bevölkerung in Deutschland unter der Kategorie „Selbständige und mithelfende Familienangehörige“ zu finden, so sind dies heute knappe 10%). Insgesamt sind daher das städtische Kleinbürgertum und die Bauern sich in Auflösung befindliche Klassen, die ihre zentrale Stellung unter den Mittelschichten an andere, zahlenmäßig größere Schichten (z.B. Staatsbedienstete) verloren haben.

Auswirkungen des Kapitalismus als Weltsystem auf das Klassengefüge

Der Kapitalismus ist ein ökonomisches System, das sich seinem Wesen nach innerhalb von Nationalstaaten entwickelt. Sowohl die Wirkung der interdependenten Zirkulationssphären (Aufteilung der Welt in verschiedene Währungsbereiche) als auch der Zusammenhang nationaler Bourgeoisien mit ihrem speziellen bürgerlichen Staat bedingen, daß sich die kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten auf dem Weltmarkt in modifizierter Weise durchsetzen. Dies gilt insbesondere in der imperialistischen Epoche des Kapitalismus, in der sich die kapitalistische Entwicklung verschiedener Weltregionen nach dem Gesetz der ungleichzeitigen und kombinierten Entwicklung durchsetzt, beherrscht von dem in imperialistischen Metropolen konzentrierten Finanz- und Monopolkapital.

Dies bedeutet klassenmäßig einerseits eine weitere Differenzierung auf der Seite von Bourgeoisie und Mittelschichten. In der Bourgeoisie verstärkt sich die Trennung von reinen Eigentümern, Rentiers, Dividendenkassierern etc. auf der einen Seite und Leitungsfunktionen ausführenden Kapitalfunktionären andererseits, genauso wie die Herausbildung einer mächtigen Teilschicht von Großfinanz- und Monopolkapitalisten gegenüber einer zurückfallenden Mittelbourgeoisie. Dies geht allerdings nicht so weit, daß man, wie bei einigen Theoretikern des Staatsmonopolkapitalismus von einer tatsächlichen Klassenspaltung reden könnte. Beide Teile der Bourgeoisie bleiben im wesentlichen denselben Gesetzmäßigkeiten (Akkumulationsgesetz, Ausgleich der Profitraten, Tendenz zum Fall der Profitrate) ausgesetzt, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Genauso eint sie letztlich die Gegnerschaft zur Arbeiterklasse und die gemeinsamen Interessen gegenüber anderen nationalen Bourgeoisien.

Der Parasitismus des Imperialismus, wie in Lenin in seiner „Imperialismus-Broschüre” (95) analysierte, und der sich auf der Grundlage einer durch imperialistische Weltmarktstellung ergebenden Ausdehnung der Revenue des Großkapitals ergibt, äußert sich aber auch in einer Ausdehnung der Staatsfunktionen und der davon lebenden Schichten und Kasten, z.B. Militärapparate, Rüstungsindustrie, Institutionen der kolonialen oder halbkolonialen Politik. Auch in den Betrieben selbst muß es Auswirkungen haben, da die Verwaltung weltweit agierender Konzerne weiterhin in den imperialistischen Metropolen konzentriert bleibt, während minder wichtige Teile der Produktion in größerem Maßstab in (halb-)koloniale Länder ausgelagert werden können.

Die imperialistische Weltmarktstruktur ist daher ein weiterer Grund für das relative Wachstum von Verwaltungs- und Vertriebstätigkeiten gegenüber unmittelbarer industrieller Produktion. Weiters bedingt der Versuch der Verstetigung des technischen Fortschritts zur Minimierung von Risiken von Monopolkapitalien die Industrialisierung von Forschung und Entwicklung, die ebenfalls in den imperialistischen Metropolen konzentriert bleibt. Schon Lenin zitierte spöttisch einen deutschen Professor, der besorgt meinte, daß Europa „die Arbeit überhaupt – zunächst die landwirtschaftliche und montane, sodann auch die gröbere industrielle Arbeit – auf die farbige Menschheit abschiebt und sich selbst auf die Rentnerrolle zurückzieht…“. (96)

Doch auch die Arbeiterklasse ist von der Wirkung des Imperialismus betroffen: „Der Imperialismus hat die Tendenz, auch unter den Arbeitern privilegierte Kategorien auszusondern und sie von der großen Masse des Proletariats abzuspalten“ (97). Die Faktoren, die Lenin hierbei anführt, sind: die mit den imperialistischen Extraprofiten möglich gewordene „Bestechung einer Oberschicht des Proletariats“ und die Immigration von Arbeitern aus rückständigeren Ländern, die eine besonders unterdrückte Unterschicht der Arbeiterklasse bilden, die oft von den einheimischen „Arbeiteraristokraten“ überwacht und angeleitet werden.

D.h. der Imperialismus ermöglicht es, in den Metropolen eine Schicht von Arbeitern zu schaffen, die lange Zeit über der Mehrwertrate bezahlt werden, gegenüber einer Unterschicht v.a. von Arbeitsimmigranten die systematisch unterhalb der Mehrwertrate bezahlt werden. Die Tätigkeit der Arbeiteraristokraten ist meist mit höherer Qualifikation und einem gewissen Umfang an Aufsichts- und Anleitungsfunktionen verbunden, was in Deutschland zumeist mit dem Begriff „Facharbeiter“ verbunden ist. Aber auch in die Arbeiterklasse abgesunkene Techniker und Ingenieure gehören hier wohl ebenso dazu, wie andere ehemals ständisch privilegierte Lohnabhängigenschichten, z.B. im Finanzsektor. Zumindest die traditionelle Arbeiteraristokratie, deren Kern in vielen imperialistischen Ländern die Facharbeiterschaft ist, bildet auch die soziale Grundlage für die meisten reformistischen Organisationen der Arbeiterbewegung und ist eine der Hauptquellen der Verbürgerlichung derselben in den imperialistischen Metropolen.

Arbeiterbürokratie

Mit der Entwicklung des Klassenkampfes und der darauf basierenden Arbeiterbewegung wird auch der Staat zu einem Kampffeld der funktionalen Hauptklassen der kapitalistischen Produktionsweise. Es ist daher klar, daß – obwohl der bürgerliche Staat natürlich vor allem ein Instrument der Klassenherrschaft der Bourgeoisie ist – sich auch Interessen der Arbeiterklasse in ihm vergegenständlichen können. Das widersprüchliche Verhältnis der Arbeiterbewegung zum bürgerlichen Staat wird z.B. bei Arbeitsgesetzen deutlich, um deren Durchsetzung Marxisten durchaus kämpfen. So bemerkte Marx zum gesetzlichen Verbot von Kinderarbeit:

„Er [der Arbeiter] weiß, daß vor allem die Kinder und jugendlichen Arbeiter vor den verderblichen Folgen des gegenwärtigen Systems bewahrt werden müssen. Das kann nur erreicht werden durch die Verwandlung gesellschaftlicher Einsicht in gesellschaftliche Gewalt, und unter den gegebenen Umständen kann das nur durch allgemeine Gesetze geschehen, durchgesetzt durch die Staatsgewalt. Bei der Durchsetzung solcher Gesetze stärkt die Arbeiterklasse keineswegs die Macht der Regierung. Im Gegenteil, sie verwandelt jene Macht, die jetzt gegen sie gebraucht wird, in ihren eigenen Diener. Sie erreicht durch einen allgemeinen Gesetzesakt, was sie durch eine Vielzahl isolierter individueller Anstrengungen vergeblich erstreben würde“. (98)

Der widersprüchliche Charakter des Lohnkampfes

Mit dieser Notwendigkeit, dem bürgerlichen Staat Zugeständnisse abzuringen, ihn zu gewissen Teilen auch in den Dienst der Arbeiterklasse zu stellen, wächst auch der Boden für bürgerliche Politik im Rahmen der Arbeiterbewegung, sobald sich das taktische Verhältnis zum bürgerlichen Staat in ein strategisches wandelt. Dies wird noch verstärkt durch rein-gewerkschaftliche Tendenzen in der Arbeiterklasse, die die Auseinandersetzung mit dem Kapital in den Grenzen des Lohnarbeitssystems und der Warenlogik selbst austragen. Beides ist Quelle einer eigenen Art von Bürokratenkaste, die als verbürgerlichte Schicht in das kapitalistische System integriert ist, andererseits ihre Position jedoch als „Vertreter“ der Arbeiterklasse in der Antinomie Lohnarbeit/Kapital gewinnt.

Erfolgreich geführte Kämpfe führen zu einer Verbesserung der Lage von Teilen der Arbeiterklasse und zur Entstehung einer Arbeiteraristokratie, die, grob gesprochen, eine Voraussetzung für die Entstehung einer Arbeiterbürokratie ist. Diese Position der Bürokratie verstärkt sich noch durch die mit dem Imperialismus verstärkt auftretende Integration von Organen der Arbeiterbewegung in den bürgerlichen Staat selbst. D.h. der Imperialismus kann sich nicht bloß eine besser bezahlte Oberschicht von Arbeitern leisten, sondern auch eine ausgeprägtere „Sozialpolitik“, die ein wichtiges Instrument zur Abmilderung von Klassengegensätzen ist.

Die oben angedeutete Dienstbarmachung des Staates für Arbeiterinteressen wird ausgedehnt durch Institutionen wie Sozialversicherungen, kommunale Masseneinrichtungen, ein umfangreicheres System der Massenbildung, soziale Wohnbaueinrichtungen etc. Alle diese Institutionen bieten einer großen Zahl von Arbeiterbürokraten (aus Gewerkschaften und reformistischen Parteien) die Möglichkeit des Aufstiegs in staatliche oder halbstaatliche Verwaltungsposten und hauptamtliche politische Tätigkeiten (z.B. als Kommunalpolitiker).

Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, mit der Aufschwungphase des „fordistischen“ Akkumulationsmodells, das auch auf einer Revolutionierung der Kosten des Massenkonsums beruhte, setzte eine neue Welle der Verbürgerlichung der Arbeiterklasse in den imperialistischen Metropolen ein. In noch nicht gekannter Weise wurde sowohl der „Wohlfahrtsstaat“ ausgebaut, die Austragungsformen von Klassenkonflikten reguliert und die Arbeiterbürokratie noch weiter in den bürgerlichen Staat integriert. Trotzdem bleibt die Arbeiterbürokratie ein widersprüchlicher Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft: Einerseits ist sie in wachsendem Ausmaß abhängig vom bürgerlichen Staat und milieumäßig immer mehr verknüpft mit allen anderen Elementen von Ober- und Mittelschicht dieser Gesellschaft.

Andererseits bezieht sie ihre Stellung aus ihrem Verhältnis zur Arbeiterklasse und kann diese nur behalten, solange einerseits der Druck der Arbeiterklasse die Bourgeoisie überzeugt, daß diese parasitäre Schicht weiter nötig ist, und andererseits die Arbeiterklasse noch irgendein Vertrauen darin setzt, durch diese Schichten vertreten zu werden, oder zumindest keine Alternativen dazu sieht. Jedenfalls muß die Arbeiterbürokratie als eigene gesellschaftliche Kaste betrachtet werden, auch „getrennt“ von der sonstigen Bürokratie, da sie sich auf eine andere Einkunftsquelle – nämlich die freiwilligen Beiträge der Arbeiter – stützt.

Wesentlich für ihren Zusammenhang als Kaste sind reformistische Parteien und die Gewerkschaftsbürokratie, die heute zum wesentlichen Transmissionsriemen des Zusammenhangs zur Arbeiterklasse geworden sind (während kulturelle und sonstige Arbeitervereine immer mehr an Bedeutung verlieren). Dabei sind die Übergänge zur Arbeiterklasse, besonders der Arbeiteraristokratie, fließend: Einfache Gewerkschaftsfunktionäre oder -angestellte oder nicht freigestellte Betriebsräte, die noch nicht systematisch durch ihre Tätigkeit und Lebensweise korrumpiert und in das Klassenverratssystem integriert sind, können an sich noch nicht der mittelschichtigen Arbeiterbürokratie zugerechnet werden. Erst der Aufstieg in der bürokratischen Kaste dieser Organisationen läßt sie mit ihrer ursprünglichen Klassenherkunft im Proletariat brechen, sofern sie überhaupt aus dieser Klasse hervorgingen.

Zusammengefaßt stellt sich die Klassenstruktur in den imperialistischen Ländern heute wie im Schaubild auf Seite 33 dar.

Ausgehend von Deutschland (z.B. den Untersuchungen von Wrigth, bzw. „Projekt Klassenanalyse“) kann für die Klassenaufteilung daher grob folgendes gesagt werden: Die Nicht-Produktionsmittelbesitzer machen heute zumeist über 90% der Bevölkerung aus. Davon sind etwa 2/3 zur Arbeiterklasse zu rechnen und 1/3 zu den Mittelschichten. Dabei ist etwa ein Viertel der Arbeiterklasse zur Arbeiteraristokratie zu rechnen. Die an sich herrschende Großbourgeoisie selbst macht weniger als 1% der Gesellschaft aus.

Die Dynamik der Klassenstruktur in imperialistischen Ländern heute

Die marxistische Klassenanalyse gibt nicht nur eine statische Beschreibung einer auf Jahrzehnte hin angeblich festliegenden sozialen Strukturierung. Sie gibt vor allem ein dynamisches Bild einer sich verändernden gesellschaftlichen Struktur. Diese Dynamik vor allem wird durch den Charakter der dialektischen Grundwidersprüche erfaßt, läuft sie doch letztlich auf die Aufhebung der ganzen kapitalistischen Klassenstruktur selbst hin. Als Motor der Veränderungen wird die Wechselwirkung von Kapitalakkumulation und Klassenkampf gesehen, auf allen gesellschaftlichen Ebenen, von der Ökonomie bis zu Politik und Kultur.

Es sind Ursachen wie Überakkumulation, verstärkte Konzentration- und Zentralisation des Kapitals, Regulierungen des Klassenkonflikts, allgemeine Versuche ein neues Akkumulationsregime zu begründen etc., die in den letzten Jahrzehnten ziemliche Bewegung in die sozialen Strukturen gebracht haben. Einerseits ist die industrielle Fabrikarbeiterschaft in ihrer Zahl geschrumpft, auch wenn sie – gemessen an ihrem ökonomischen Gewicht – durch enorme Produktivitätssteigerungen weiterhin die zentrale Kernschicht der Arbeiterklasse geblieben ist. Andererseits ist die Anzahl der Beschäftigten in kommerzieller Lohnarbeit und anderen Dienstleistungsbereichen nicht nur gestiegen, auch ihre Organisierung und Beteiligung an Klassenkämpfen hat wesentlich zugenommen. Weiters hat ein Deklassierungsprozeß bei breiten Teilen der Mittelschichten eingesetzt, der auch solche Berufsgruppen wie Techniker und Lehrer in zunehmendem Ausmaß in Arbeiterklassenpositionen bringt, was sich ebenfalls – wenn auch geringer – in Organisierung und Klassenkämpfen ausdrückt. Schließlich hat die Auflösung der „fordischen Produktionsapparate“ eine breitere Schicht an schlecht bezahlten Arbeitern hervorgebracht, die aus den regulierten Arbeitsbedingungen herausfallen, in enger Wechselbeziehung mit dem enorm gewachsenen Heer der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger stehen, und dem pauperisierten Proletariat des 19. Jahrhunderts immer ähnlicher werden.

Diese Veränderungen in der Klassenstruktur des Proletariats haben sich in den Strukturen der traditionellen Arbeiterbewegung (Gewerkschaften, Parteien) wenig niedergeschlagen. Ihre einzige Antwort, sich noch mehr an die Mittelschichten anzupassen, geht an den eigentlichen Veränderungen meilenweit vorbei. Ihr eigentliches Problem ist, daß sie die Privilegien ihrer Arbeiterbürokratie und die undemokratische Struktur ihrer Organisationen gegenüber den neu zu Klassenauseinandersetzungen stoßenden Schichten nicht so einfach rechtfertigen können, wie dies bei der traditionellen Arbeiterschaft ist, aus der das historisch gewachsen ist. Gerade auch deswegen bedeuten diese Veränderungen der Klassenstruktur auch eine Chance für Oppositionsbewegungen, die sich sowohl für konsequente Klassenkampfführung als auch für Demokratisierung der Strukturen und Abschaffung von privilegierten Bürokratien einsetzen. Andererseits können sich die pauperisierten Arbeiterschichten immer weniger durch die stark an den Mittelschichten und besser gestellten Arbeiter orientierte Politik der traditionellen reformistischen Parteien vertreten fühlen. Auch dies bedroht diese mit Spaltungen, öffnet neue Möglichkeiten der Parteibildung. Einerseits sind es linksreformistische, z.B. post-stalinistische Gruppierungen, die heute davon zu profitieren hoffen, andererseits sind es neue Strömungen, die aus Deklassierungsprozessen der Mittelschichten erstarkt sind (z.B. „neue Rechte“, Grüne). Aber genauso weckt diese Lockerung der bisher engen Bindung an die Organisationen der traditionellen Arbeiterbewegung das Interesse an revolutionären Antworten auf diese neue Situation.

Die politische Bedeutung der Mittelschichten

Auch wenn die Mittelschichten nur in geringem Ausmaß funktional für die kapitalistische Produktionsweise sind, so sind sie doch wesentlich für die konkrete Form der bürgerlichen Klassenherrschaft. Aufgrund ihres Ursprungs in historisch relativen Zugeständnissen der Kapitalistenklasse gegenüber staatstragenden Kasten oder überkommenen Berufsständen, ihrer Abhängigkeit im wesentlichen von Kapitalrevenue, ist ihre Klassenposition schwankend, unsicher und durch Hin- und Herpendeln zwischen den Hauptklassen geprägt.

Daher ist es auch klar, daß sie nur schwer abstrakt-allgemein charakterisierbar sind, und daß es in verschiedenen konkreten kapitalistischen Gesellschaftsformatio-nen (sowohl regional als auch periodenmäßig gemeint) sehr unterschiedliche Ausprägungen geben kann, die auch jeweils der konkreten Analyse bedürfen. Andererseits sind diese konkreten Ausprägungen jeweils auch sehr wichtig, um die tatsächliche Form zu verstehen, in der jeweils die Bourgeoisie ihre Herrschaft in den Betrieben, im Staat und ideologisch befestigt.

Dabei entspricht es dem Charakter der Mittelschichten, daß ihre ideologischen und politischen Ausdrücke jeweils verschiedene Formen sind, den grundlegenden Klassengegensatz der Gesellschaft zu leugnen, ihn hinter angeblich zentralen Menschheits- oder Nationsfragen in den Hintergrund zu drängen, um damit ihre soziale Existenz in der einen oder anderen Form zu verhimmeln und vor der Zuspitzung des Klassenwiderspruchs zu bewahren. Allgemein sind verschiedene Formen von Kleineigentum, Delegierung von Kapitalfunktionen an Lohnabhängige, staatliche Kasten (Verwaltungsbeamte, Polizei, Armeekader, etc.) und privilegierte Berufsstände (Ärzte, Rechtsanwälte, Architekten, etc.) in fast allen Kapitalformatio-nen die zentralen Elemente, um die sich Mittelschichten bilden.

Ihre Abhängigkeit von Kapitalrevenue oder vom Kapital zugestandenen Privilegien macht sie meist in hohem Ausmaß von der Bourgeoisie abhängig und vor allem gegen jeden radikalen proletarischen Klassenkampf in natürlicher Weise feindlich. Allerdings liegt es im Wesen der Kapitalakkumulation, daß solche „Nebenkosten der Produktion“ für das Kapital mit der Zeit lästig werden, und Gruppe für Gruppe schweren Attacken zum Abbau dieser Privilegien ausgesetzt sein kann. So werden durch neoliberale Umstrukturierungen des Staatssektors in den letzten Jahren, besonders durch Privatisierungen, auch eine ganze Reihe von Mittelschichten mit sozialem Abstieg bedroht. Außerdem kann der Fortgang des Industrialisierungsprozesses der Arbeitsbeziehungen und die Durchdringung des Kapitalverhältnisses von bisher wenig davon betroffenen Bereichen bisher den Mittelschichten zugeordnete Berufe proletarisieren. Dies trifft in den letzten Jahrzehnten insbesondere auf Techniker und Lehrer zu.

Zwiespältiger Charakter der Mittelschichten

Schon Marx und Engels sprachen im „Kommunistischen Manifest“ den Doppelcharakter der Reaktion von Mittelschichten auf diese Bedrohung durch sozialen Abstieg an: „… sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Sind sie revolutionär, so sind sie es nur im Hinblick auf den ihnen bevorstehenden Übergang ins Proletariat, so verteidigen sie nicht ihre gegenwärtigen, sondern ihre zukünftigen Interessen, so verlassen sie ihren eigenen Standpunkt, um sich auf den des Proletariats zu stellen“. (99)

Eine der reaktionären Erscheinungsformen, mit denen die Deklassierung von Mittelschichten und Kleinbürgertum in diesem Jahrhundert verbunden war und ist, ist die von faschistischen Bewegungen oder reaktionären Nationalisten, Anti-Demokraten und Rassisten aller Art. Besonders Trotzki hat in diesem Zusammenhang eine tiefgehende Analyse der politischen Bedeutung von Mittelschichten geleistet.

Faschismus

„Vorwiegend auf das Beispiel der ‚industriellen Revolution‘ in England gestützt, stellten sich die Verfasser des ‚Manifests‘ den Liquidierungsprozeß der Mittelklassen allzu geradlinig als eine restlose Proletarisierung von Handwerk, Kleinhandel und Bauernschaft vor. In Wirklichkeit haben die Elementarkräfte der Konkurrenz diese ihre zugleich fortschrittliche und barbarische Arbeit bei weitem nicht beendet. Das Kapital hat das Kleinbürgertum viel schneller ruiniert als proletarisiert. Außerdem richtet sich die Politik des bürgerlichen Staates schon längst bewußt darauf, die kleinbürgerlichen Schichten künstlich zu erhalten. Das Wachstum der Technik und die Rationalisierung der Großproduktion erzeugen eine chronische Arbeitslosigkeit und verhindern so ebenfalls die Proletarisierung des Kleinbürgertums. Gleichzeitig damit bewirkt die Entfaltung des Kapitalismus eine außerordentliche Zunahme des Heers der Techniker, Verwalter, Handelsangestellten, mit einem Wort, des sog. ’neuen Mittelstands‘. Infolgedessen bilden die Mittelklassen, deren Verschwinden das ‚Manifest‘ so kategorisch behauptet, selbst in einem so hoch industrialisierten Lande wie Deutschland rund die Hälfte der Bevölkerung. Doch die künstliche Erhaltung der längst überlebten kleinbürgerlichen Schichten lindert keineswegs die sozialen Gegensätze, sondern gibt diesen umgekehrt einen besonders bösartigen Charakter. Zusammen mit dem permanenten Arbeitslosenheer ist das die bösartigste Fäulniserscheinung des Kapitalismus“. (100)

Die Wiedererstarkung der faschistischen Erscheinungen ist nicht einfach ein Indiz dafür, daß die Bourgeoisie wiederum zu anderen Formen ihrer Herrschaftssicherung greifen könnte. Sie ist momentan vor allem ein Zeichen für die Krise des Herrschaftssystems, durch das die Großbourgeoisie mit Kompromissen mit der Arbeiterbürokratie seit Ende der revolutionären Phase nach 1945 eine relativ stabile Regulierung des Klassenwiderspruchs erzielen konnte.

Schließlich muß bemerkt werden, daß die reformistischen Parteien in den imperialistischen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt unter den Einfluß von Mittelklassen geraten sind. Inzwischen werden selbst die traditionellen Arbeiteraristokraten in vielen Ländern in der aktiven Parteimitgliedschaft von Mittelschichten überholt (Beamte aller Art, Kommunalpolitiker, Verbandsfunktionä-re, Lehrer, Rechtsanwälte etc.). Der wachsende Einfluß von Mittelschichten in den Parteien und die Verbürgerlichung breiter Arbeiterschichten führten oft bereits zu einer wesentlichen ideologischen Abkehr vom „klassischen Reformismus“ hin zur Ideologie von der „neuen Mitte“.

Die organische Beziehung zur Klasse an sich ergibt sich mehr und mehr nur noch durch den Einfluß der Gewerkschaften in diesen Parteien, der ihr noch gewisse politische Schranken auferlegt. In den Zeiten der Krise, in der diese Parteien oft selbst wesentliche Angriffe auf die Arbeiterklasse zu führen haben, kann es zu einem endgültigen Einsturz dieser Schranken kommen. Es gibt bereits in kleinerem (z.B. kommunalem) Maßstab nicht wenige Beispiele für die Abspaltung kleinerer, liberal-demokratischer Mittelschichtsparteien aus reformistischen Parteien. Dies könnte in größerem Maßstab das Schicksal auch ganzer Parteien werden, vor allem da auf der anderen Seite die pauperisierten Arbeiterschichten mit dieser Politik immer weniger vertreten werden können und sich daher dort die Tendenz zu „neuen“ Linksparteien eröffnet.

Neue Mitte – eine Mittelschichtsideologie

Diese „neuen“ Mittelschichten haben sich zum Teil im Rahmen der Arbeiterbewegung organisiert und artikuliert, zum Teil außerhalb, z.B. in den Grünen. Für sie erscheint die soziale Frage oft tatsächlich als gelöst. Die Demontage des Sozialstaates trifft sie nur zum Teil, da sie – das Weiterbestehen ihrer Existenzmöglichkeit vorausgesetzt – diese Leistungen auch oder gar kostengünstiger über private Versicherungen bekommen können.

Während neoliberale Ideologen wie von Hayek den Standpunkt bestimmter Fraktionen des Großkapitals unverhüllt zum Ausdruck bringen, so fühlen sich die Mittelschichten von der „sozialen Kälte“ des Neoliberalismus selbst bedroht. Die neuen Mittelschichten befürworten durchaus die „Verschlankung“ des Sozialstaates, die Privatisierung staatlicher und halbstaatlicher Dienstleistungen und Deregulierung. So sehr sie die verstärkte Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche durch die Profitmacherei befürworten, die Dynamik der kapitalistische Marktwirtschaft loben, so wenig wollen sie die den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdenden Auswirkungen des Kapitalismus wahr haben. Daher auch das Klagen über den „Zerfall der Gesellschaft“, die „zunehmende Kriminalität“, die „Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen“.

Mit der Arbeiteraristokratie und -bürokratie teilen diese Gesellschaftsschichten ein Interesse am Erhalt eines gewissen „sozialen Ausgleichs“. Für sie sind die „alten“ Formen des Kampfes, wie Streiks, Besetzungen, Massendemos (aber auch Aussperrung und Polizeieinsatz) bedrohliche Zeugnisse ihrer gesellschaftlichen Schwäche, ihrer Abhängigkeit von einer der beiden Hauptklassen der Gesellschaft, auf deren Seite sie sich schließlich schlagen müssen.

Wie allen anderen bürgerlichen Ideologien vor ihr gelingt es natürlich auch der „Neuen Mitte“ nicht, den Klassenkampf abzuschaffen – wohl aber versuchen ihre Ideologen, dieses Scheitern durch rosiges Ausmalen der Gesellschaft zu versüßen.

Wo sich die „Neue Mitte“ oder der „Dritte Weg“ in den Arbeiterorganisationen zu Wort melden, drücken diese Ideologien den Einfluß nichtproletarischer Mittelschichten aus. Im Partei- aber auch im Gewerkschaftsapparat finden diese eine recht breite Anhängerschaft (nicht zuletzt, da die Bürokratie selbst eine sich über das Proletariat erhebende Kaste darstellt, die den Lebensbedingungen der Arbeiter und Arbeiterinnen weit entrückt ist).

Das Dilemma besteht allerdings darin, daß die lohnabhängigen Mittelschichten selbst eine dünne, heterogene und vielfach von der Proletarisierung bedrohte Schicht darstellen.

Die Grünen

Ein interessantes Beispiel mit derselben Ursache aber einer anderen Wirkung stellen hier die grünen Parteien in Mittel- und Nordeuropa dar. Das ideologische Kernelement der Grünen ist sicherlich zutiefst konservativ-utopisch, indem sie der sie bedrohenden Kapitalakkumulation die „Wachstumsbremse“ und einen alle beschützenden ökologisch-sozialen-demokratischen Superstaat entgegenstellen, der mit der Methode des Parlamentarismus erreichbar sein soll. Ihr politisches Konzept ist es, eine Reihe „klassenübergreifender“ Menschheitsbedrohungen (Umweltzerstörung, allgemeine Kriegsgefahr etc.) zum Ausgangspunkt einer „allgemein-menschlich vernünftigen“ Reform zu machen, die kapitalistische Marktwirtschaft und Mittelstandsidyll wieder harmonisch vereint.

Dieses Beispiel zeigt, daß die Mittelschichten in bestimmten Situationen durchaus zur Bildung eigener politischer Gruppierungen und Parteien in der Lage sind. Dies insbesondere in Krisen, die auch Mittelschichten mit sozialem Abstieg bedrohen. Solche Bildungen sind dann ein Zeichen der politischen Legitimationskrise der bürgerlichen Herrschaft, da die Dominanz über die Mittelschichten ein wesentliches Moment der bürgerlichen Herrschaftssicherung selbst ist. Es ist daher durchaus wichtig, Taktiken gegenüber solchen Phänomenen zu entwickeln in ähnlicher Weise, wie es notwendig ist, Widersprüche und Risse im Staatsapparat und im Militär auszunützen bzw. zu erweitern.

Taktik gegenüber Mittelschichten

Wo sich diese Schichten in der Arbeiterbewegung artikulieren, diese weiter nach rechts und bürgerliche Arbeiterparteien womöglich zum Bruch mit der organischen Bindung an das Proletariat treiben wollen, müssen sie politisch bekämpft werden und Revolutionäre sind zu diesem Zweck auch zur Bildung von Einheitsfronten mit reformistischen Arbeitern und Führern bereit.

Darüber hinaus kann es auch zulässig sein, zeitlich begrenzte Aktionseinheiten um progressive Ziele mit den Mittelschichten einschließlich ihrer politischen Vertreter zu schließen: z.B. gegen rassistische Gesetze, gegen bestimmte ökologisch unsinnige Projekte. In diesen Aktionseinheiten muß allerdings der klassenmäßig beschränkte und daher letztlich perspektivlose Ansatz dieser Gruppierungen, wie auch ihre ungenügenden Kampfmethoden aufgezeigt werden, um Illusionen von Arbeitern in diese Gruppierungen, die durchaus bestehen mögen, zu brechen. Andererseits können durch Erfolge in solchen Aktionen die Spaltungen in den Mittelschichten selbst weiter befördert und die Probleme bürgerlicher Herrschaftssicherung vergrößert werden. Allerdings sind langfristige Bündnisse mit solchen Gruppierungen unmöglich und schädlich, da sie nur selbst Illusionen in sie befördern können und den Klassencharakter der Fragen, um die es geht, verwischen würden. Insbesondere lehnen wir Regierungsbündnisse mit ihnen ab, auch in Form der kritischen Wahlunterstützung z.B. für rot-grüne Koalitionen.

Die Veränderung der Zusammensetzung der Arbeiterklasse, darunter die Proletarisierung von Teilen der Mittelschichten, hat auch zu Veränderungen der gewerkschaftlichen und betrieblichen Interessensorganisationen des Proletariats geführt. Die vom sozialdemokratischen oder stalinistischen Reformismus dominierten Gewerkschaften blieben in der Regel Organisationen der industriellen Kernschichten des Proletariats.

Gewerkschaften und Mittelschichten

Die Gewinnung von sich proletarisierenden Mittelschichten gelang teilweise erfolgreich in den 1970er Jahren – besonders im öffentlichen Dienst – und war oft von sozialstaatlichen Maßnahmen und bewußten Anstrengungen zur Gewinnung dieser Schichten begleitet (teilweise mit speziellen Rekrutierungsmaßnahmen zur Gewinnung sozial Unterdrückter, v.a. von Frauen).

Zugleich zeigten sich die Gewerkschaften kaum in der Lage, neu entstehende Arbeiterschichten – darunter hochqualifizierte produktive Arbeiter in bestimmten Industrien – zu gewinnen. Ebenso fallen die unteren, schlecht organisierten und von prekären Arbeitsverhältnissen getroffenen Schichten des Proletariats zunehmend aus den gewerkschaftlichen Organisationen. Eine wesentliche Aufgabe revolutionärer Intervention in den Gewerkschaften besteht deshalb darin, die gewerkschaftliche Organisierung dieser Schichten wie der Arbeitslosen zu ermöglichen bzw. zu erhöhen.

Diese Entwicklung findet in den meisten imperialistischen Ländern auf der Basis eines historisch außergewöhnlich hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrades, wie er in den ersten Jahrzehnten nach 1945 erreicht wurde, statt. Auch wenn die politischen Strömungen, die sich auf die Sonderinteressen der Arbeiteraristokratie stützten, in dieser Periode die Gewerkschaften politisch und organisatorisch dominierten, so wurden massenhaft breite Schichten der Lohnabhängigen in die gewerkschaftlichen und betrieblichen Strukturen hineingezogen. Der Niedergang der gewerkschaftlichen Organisierung geht zu wesentlichen Teilen mit einem tendenziellen Rückzug auf die traditionelle Arbeiteraristokratie in der Industrie einher. Seine Ursache ist jedoch primär in der klassenkollaborationistischen Politik der Gewerkschaftsführungen zu suchen, nicht in einer geschichtlichen Unvermeidlichkeit.

Ohnedies darf aus dem Schwund vieler Gewerkschaften nicht vorschnell auf ein „Ende der Bedeutung der Gewerkschaften“ geschlossen werden. Erstens ist dieser Prozeß keineswegs irreversibel. Allein schon erfolgreiche gewerkschaftliche Abwehrkämpfe können zu einer zumindest zeitweiligen Umkehr des Prozesses führen. Zweitens ist ein rein quantitativer Rückgang der Gewerkschaften nicht identisch mit dem Verlust ihres Einflusses in der Arbeiterklasse. Drittens sind die Arbeiter in den „prekären“ Arbeitsverhältnissen, sozial Unterdrückte usw. nicht prinzipiell unorganisierbar. Die Erfolge mancher new-directions-Gewerkschaften in den USA im Dienstleistungssektor wie der Streik bei UPS zeigen das. Viertens sind auch die lohnabhängigen Mittelschichten bzw. neu proletarisierte, hochqualifizierte und relativ privilegierte Teile der Arbeiterklasse in der Privatwirtschaft in kämpferischen Gewerkschaften organisierbar.

Gerade die zunehmende Proletarisierung ihrer Lebenslage macht sie offener für die Notwendigkeit kollektiver ökonomischer Verteidigungsorganisationen der Lohnabhängigen. So erreichten die Angestellten von Digital Equipment in Deutschland einen gewerkschaftlichen Organisationsgrad von 90%, da der Betriebsrat und die IG Metall in einem längeren Konflikt und mit mehreren Streiks die Übernahme des Tarifvertrages für die Metall- und Elektroindustrie erzwang.

Revolutionäre Kommunisten und Kommunistinnen treten daher aktiv für die Organisierung möglichst aller Lohnabhängiger einschließlich großer Teile der lohnabhängigen Mittelschichten in den Gewerkschaften (aber auch anderen Massenorganisationen der Arbeiterbewegung) ein. D.h. wir argumentieren beispielsweise für die Organisierung auch relativ privilegierter beamteter Lehrerschichten oder von Beamten im einfachen Staatsdienst (Finanzverwaltung) in den Gewerkschaften. Die Rekrutierung solcher Mittelschichten (besonders natürlich jener, die sich gerade am Übergang in die Reihen des Proletariats befinden) ist nicht nur ein wichtiger Teil zur zahlenmäßigen Stärkung der Arbeiterbewegung, sondern erleichtert den Mittelschichten auch den Übergang zur Arbeiterbewegung und hilft, den politisch-ideologischen Einfluß der Bourgeoisie auf diese Schichten zurückzudrängen.

Darüber hinaus kann die Gewinnung dieser Schichten auch die Überwindung des Konservativismus großer Teiler der Kernschichten der Arbeiterklasse begünstigen, wo sie sich auf eine kämpferische Bewegung gegen Staat und/oder Unternehmer stützt. Gleichzeitig muß jeder Sonderstellung oder Privilegierung dieser Schichten in den Gewerkschaften – ähnlich wie der Vormachtstellung der Arbeiteraristokratie – politisch und, wo notwendig, auch mit besonderen organisatorischen Maßnahmen entgegengetreten werden.

Die Abschaffung spezieller rechtlicher Privilegierung und materieller Bindungen mancher Teil der Mittelschichten an den bürgerlichen Staat (z.B. Beamtenstatus) ist keine Vorbedingung für deren gewerkschaftliche Organisierung dieser Schichten. Wir treten jedoch von Beginn an für die Abschaffung aller rechtlichen und materiellen Bindungen an den Staat und sonstige Sonderrechte ein.

Das ist ein Element, um diese Berufsgruppen aus der Bindung an den bürgerlichen Staat zu reißen und ihren kastenhaften Charakter zu durchbrechen. Revolutionäre können daher niemals den Beamtenstatus verteidigen, sondern nur Kämpfe, die sich in der bornierten Form der Forderung nach Beibehaltung des Beamtenstatus z.B. gegen Entlassungen usw. richten. In Zeiten von Angriffen und Kürzungen verteidigen wir verbleibende materielle Errungenschaften wie Kündigungsschutz oder Versicherungen und fordern deren Ausweitung auf alle Beschäftigten, wobei wir gegenüber den Beamten betonen, daß nur die Solidarität mit der gesamten Arbeiterklasse sie vor dem Kern der Angriffe beschützen kann. Auch dann muß jedoch immer in der Agitation und Propaganda unsere Forderung der Abschaffung des Beamtenstatus deutlich gemacht werden.

Es gibt außerdem einige wichtige Ausnahmen, wo wir gegen die Organisierung bestimmter Mittelschichten in den landesweiten gewerkschaftlichen Verbänden sind bzw., wo das der Fall ist, für den Ausschluß dieser Berufsgruppen aus den Gewerkschaftsdachverbänden eintreten (z.B. der Gewerkschaft der Polizei/GdP in der BRD). Das betrifft die Angehörigen der Repressivorgane des Staates (Polizei, Berufssoldaten, Justiz, Nachrichten- und Geheimdienste) und privater Ordnungsdienste (Werkschutz, Sicherheitsdienste).

Wir unterstützen zwar demokratische und soziale Forderungen dieser Berufsgruppen (z.B. das Recht auf politische Betätigung oder sich zu organisieren), wo sie sie in einen fortschrittlichen Konflikt mit dem bürgerlichen Staat oder den Unternehmern bringen. Ein Betritt (oder Verbleib) dieser Berufsgruppen in die nationalen oder regionalen Gewerkschaften oder anderen proletarischen Massenorganisationen kann von uns jedoch nur unter der Voraussetzung akzeptiert werden, daß sie mit dem Kommando des bürgerlichen Staates oder ihres Bosses gebrochen haben.

Nicht zuletzt sind wir auch gegen die gewerkschaftliche Organisierung der obersten Teile der Mittelschichten, die schon in die Bourgeoisie hineinreichen bzw. sehr eng mit dieser verbunden sind, z.B. führende Manager, leitende Angestelle, aber auch Spitzenbeamte im Staatsdienst (Abteilungsleiter in Ministerien z.B.). Diese Mittelschichtsangehörigen können überhaupt nur durch den individuellen politischen Bruch mit der bürgerlichen Ordnung, analog zum Klassenverrat von Angehörigen der Kapitalistenklasse selbst, den Weg in die Arbeiterbewegung finden.

VI. Veränderung der Klassenstruktur und revolutionäre Perspektive

Die Kategorie „Mittelklasse“ ist ein wesentliches Element der bürgerlichen Soziologie und Ideologie. In ihr drückt sich die – interessensbedingte – Unfähigkeit aus, die Bedeutung der ökonomischen Grundwidersprüche des Kapitalismus in ihrer Auswirkung auf die sozialen Gegensätze dieser Gesellschaft zu erfassen. Statt dessen wird eine Vielheit von Kriterien (Einkommenskategorien, Berufsgruppen, Qualifikationsniveaus, Lebensstile, Milieus etc.) angeführt, um eine immer „differenziertere“ und „unüberschaubarer“ werdende gesellschaftliche Struktur zu behaupten.

Alles, was dann nicht in die Kategorien „Industriearbeiter“ und „Großkapitalisten“ fällt, wird damit in der einen oder anderen Form zur „Mittelklasse“. Es ist dann kein Wunder, daß diese den Großteil der Gesellschaft umfaßt, und daß mit dem „Fahrstuhleffekt“ (die Hebung des gesellschaftlichen Reichtums in der Nachkriegsperiode habe zu einem entsprechenden sozialen Aufstieg aller Schichten in der Gesellschaft geführt) ein Verschwinden der Arbeiterklasse bzw. der Bedeutung der Klassenlage für Bewußtsein und Handeln der Angehörigen dieser Klasse prognostiziert wurde.

Nachdem seit einigen Jahrzehnten eine Stagnation der Einkommen und des Lebensstandards weiter Teile der Bevölkerung eingetreten ist, ja sogar eine direkte Verelendung ihres unteren Teils, kann von einem Fortschreiten dieser „Vermittelklassung“ auch in der bürgerlichen Soziologie eigentlich nicht mehr gesprochen werden. Es ist daher nur logisch, daß stattdessen von einer Auflösung von „Klassenverhältnissen“ an sich, von einer Auflösung „traditioneller Milieus“ in unüberschaubar werdende „soziale Lagen“ und Lebensstile (z.B. post-materialistische, hedonistische, alternative, aufstiegsorientierte etc.) die Rede ist. Hiermit erscheinen dann endgültig nur noch „vereinzelte Einzelne“ als gesellschaftliche und politische Akteure, die Soziologie löst sich auf in Psychologie und Medienkunde.

Das gegenteilige Extrem bildet die „scholastische“ marxistische Soziologie, wie sie besonders durch den Stalinismus hervorgebracht wurde. Bedeutsame soziologische Schulen (z.B. das IMSF und seine Lehrmeister in der offiziellen DDR-Soziologie) vertraten die Ansicht, daß die marxistische Antwort auf die Kriterienvielfalt der bürgerlichen Soziologie die Vereinfachung auf eigentlich ein einziges Kriterium ist: Eigentum oder Nicht-Eigentum an Produktionsmitteln. Die reine Form der „Lohnabhängigkeit“ reichte somit aus, um 90% der Bevölkerung westlicher Länder zu Mitgliedern der Arbeiterklasse zu erklären – der Sieg des Sozialismus schien unausweichlich. Die Bedeutung der Marxschen Analysen zu produktiver/unproduktiver Arbeit für die Klassenanalyse wurde beharrlich geleugnet und die entsprechenden Marxwerke (Theorien über den Mehrwert, Rohentwurf des Kapitals) auf rein scholastische Diskussionen um Theoriengeschichte reduziert.

Andere Strömungen wiederum, die diese beharrliche Ignoranz der Analyse des Mittelschichtenphänomens aus marxistischer Sicht überwinden wollten, verabsolutierten wiederum die Bedeutung des Marxschen imaginären produktiven Gesamtarbeiters zu einer konkreten Klassendefinition (z.B. Projekt Klassenanalyse, Strukturalismus, analytischer Marxismus). Sie endeten damit wie die bürgerliche Soziologie bei einer Form von „Mittelklasse“, die den Großteil westlicher Gesellschaften ausmachen solle.

Für eine dialektisch entfaltete Klassentheorie!

In diesen Thesen wurde versucht zu zeigen, daß eine marxistische Gesellschaftsanalyse nur auf der Grundlage einer dialektischen Entwicklung soziologischer Kategorien beruhen kann. Daß also die gesellschaftliche Wirklichkeit und ihre Veränderung als Totalität ökonomischer, politischer, ideologischer, kultureller etc. Widersprüche verstanden werden muß, die sich alle aus dem grundlegenden Klassenwiderspruch von besitzender und ausgebeuteter Klasse begründen. Gesellschaftliche Erscheinungen lassen sich nur im konkreten Zusammenhang der genannten Faktoren verstehen, die sich  in einer Folge dialektischer Ableitungen aus dem Verhältnis der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu den Produktionsmitteln herleiten lassen.

Die Eigentumsverhältnisse begründen zwar die sozialen Klassenlagen und ihre subjektiven Äußerungen, aber sie sind nicht mit ihnen identisch. Die beständige Reproduktion und gleichzeitige Negation der bestehenden ökonomischen Verhältnisse ist es, die ein Verhältnis zwischen handelnden Subjekten hervorbringt, das auf gesamtgesellschaftlicher Ebene als Klassenverhältnis erscheint. Die Grundstruktur der Gesellschaft ist daher nicht durch die statische Festlegung bestimmter sozialer Grundtypen erkennbar, die in Interaktion treten. Umgekehrt, die grundlegende Veränderungsdynamik der Gesellschaft, die in Richtung Aufhebung der bestehenden Eigentumsordnung geht, ist es, die die gesellschaftlich handelnden Subjekte erst hervorbringt.

In kapitalistischen Gesellschaften leiten sich aus der ökonomischen Struktur nur noch zwei für die gesellschaftliche Produktion notwendige Klassen ab: Kapital und Lohnarbeit. In ihrer revolutionären Epoche bekämpft die Bourgeoisie die Privilegien und den Parasitismus nicht-produktiver Klassen. Je mehr das Kapitalverhältnis durch den Klassenkampf mit dem Proletariat bedroht ist und selbst zu einer Schranke der Produktivkraftentwicklung wird – also selbst immer parasitäreren Charakter annimmt -, um so mehr schließt sie Kompromisse mit reaktionären, konservativen und parasitären Klassen bzw. integriert sie in ihr Herrschaftssystem.

Insbesondere die imperialistische Epoche wird zu einer Blütezeit dieser gesellschaftlichen Degeneration der bürgerlichen Revolution: Während das traditionelle städtische und ländliche Kleinbürgertum sich in einem langsamen Auflösungsprozeß befindet, werden die Kapitalfunktionen in den monopolkapitalistischen Apparaten in Großindustrie und staatlichen Verwaltungen genauso zur Quelle unproduktiver Mittelschichten, wie die Bestechung gewisser Teile der Arbeiterklasse in Form der Arbeiterbürokratie und die generelle Tendenz zur Zunahme unproduktiver Wirtschaftssektoren.

Diese Mittelschichten sind wesentliches Element der Bestandssicherung bürgerlicher Herrschaft im Sinne ökonomischer Aufsichtsfunktionen genauso wie politischer Legitimations- und Exekutivfunktionen. Veränderungen in der Sozialstruktur dieser Schichten gehen daher einher mit Erschütterungen der konkret-historischen Herrschaftsform der Bourgeoisie. Diese Herangehensweise kann erklären, warum breite Teile der Arbeiterklasse auch noch in Zeiten erhöhter Krisenhaftigkeit des Gesamtsystems weiterhin die „Mittelklasse“-Erscheinungsform annehmen (in soziologischer, politischer, ideologischer Weise).

Im Unterschied jedoch zu ökonomistischen – sich auf Marx beziehenden – Klassentheorien, die die produktive Arbeiterklasse im Schrumpfen sehen und daraus die Schlußfolgerung ziehen, daß „neue strukturelle Widersprüche“ den alten Klassenwiderspruch ersetzen würden, beinhaltet unsere Herangehensweise die Notwendigkeit einer Neuformation einer heterogener, differenzierter und von einer politischen Führungskrise betroffenen, größer gewordenen Arbeiterklasse. Die objektiven Widersprüche, der sich verschärfende Klassenwiderspruch bietet dafür nur die Möglichkeit, die sich erst im konkreten, letztlich revolutionären Klassenkampf verwirklichen kann.

Kampf gegen politischen Einfluß der Mittelschichten

Der Kampf gegen die verschiedenartigen Einflüsse der Mittelschichten auf die Arbeiterklasse bildet dabei ein wesentliches Moment dieses Herausbildungsprozesses, wie die Erkenntnis der Klassenposition von Mittelschichten auch die Grundlage für die Entscheidung ist, wer für den konsequenten Klassenkampf gewonnen werden kann, und wer systematisch mit dem bestehenden System verbunden ist, und daher letztlich auf der anderen Seite der Barrikade steht.

Theorien, die die Klassenposition rein an der Form der Lohnabhängigkeit festmachen, für die also die Klassenwirklichkeit im wesentlichen nur noch auf Kapital und Lohnarbeit und ein immer kleiner werdendes Kleinbürgertum beschränkt ist, müssen bei einer idealistischen Auffassung vom Charakter der bestehenden bürgerlichen Herrschaftsordnung und ihrer Überwindung enden. Die systematische Konstanz der Mittelklasse-Erscheinungsform kann hier nur durch politisch-ideologische Phänomene erklärt werden: z.B. die verräterische Politik des Reformismus, die Bestechung bestimmter Teile der Arbeiterschaft, die Wirkung der „Hegemonie“ der staatsmonopolistischen Apparate, die Wirkung verschiedener ideologischer Agenturen, z.B. Massenmedien, die enorm gesteigerten militärischen Gewaltapparate etc. Sobald also diese politisch-ideologischen Hindernisse beseitigt wurden (z.B. durch Verschärfung anti-monopolistischer Widersprüche, bestärkt durch anti-monopolistische Bündnisse) steht die ungeheure Masse der Bevölkerung geeint gegen das bestehende System und ist zu seiner Überwindung in der Lage.

Die genannten politisch-ideologischen Momente sind zwar wesentlich, sie sind jedoch nur im Zusammenhang mit einer Analyse der zugrundeliegenden sozialen Umstrukturierungen in Arbeiterklasse und Mittelschichten verstehbar. Es sind nicht nur ein paar Führungspersonen der Arbeiterbewegung auszuwechseln, ihre Organisationen „umzupolen“, der Einfluß kleinbürgerlicher Ideologien in der Arbeiterklasse zurückzudrängen oder der Klassenkampf „nur konsequenter“ zu führen: Die Arbeiterklasse, die sich heute in ihrer sozialen, ideologischen und politischen Gestalt wesentlich gegenüber den 20er Jahren geändert hat, muß auch völlig neu zur Klasse für sich formiert werden.

Dabei werden es keineswegs die angesprochenen 90% der Bevölkerung sein, die in einen konsequenten Klassenkampfprozeß eintreten werden, sondern nur jene Schichten, die von einer systematischen Ausbeutung und Entfremdung ihrer Arbeitsbedingungen betroffen sind und von ihrer Stellung im Arbeitsprozeß die Perspektive einer selbstverwalteten Ökonomie unter Arbeiterkontrolle entwickeln können. Dieser Prozeß erst wird die Masse der Lohnabhängigen in Proletarier und offene Funktionäre der Bourgeoisieherrschaft polarisieren.

Die Verwischung der Unterscheidung von Arbeiterklasse und lohnabhängigen Mittelschichten führt daher zu einer Verharmlosung der Probleme des revolutionären Klassenkampfes: D.h. entweder zu einer Anpassung des Programms der Systemüberwindung an die Gewinnbarkeit der lohnabhängigen Mittelschichten für dieses Programm – und damit auf dem geraden Weg zum Reformismus – oder zu einer gefährlichen Blindheit gegenüber den Schwierigkeiten sowohl des völligen Umbaus der Arbeiterbewegung gegenüber, wie des notwendigen Ausmaßes des revolutionären Bürgerkrieges gegen die Klassenkräfte des Bestehenden.

Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung, Partei und Klasse

Wir haben gesehen, daß die abstrakt allgemein bestimmte Klasse des produktiven Gesamtarbeiters und die tatsächliche, konkret historisch gegebene Klasse in keinem unmittelbaren, unvermittelten Verhältnis stehen. Wesen und Erscheinung fallen auseinander: Die produktive Industriearbeiterschaft zergliedert sich in verschiedene Schichten, von denen einige sogar Kapitalfunktionen ausführen; die Arbeiterklasse umfaßt weit mehr Schichten, als nur die Fabrikarbeiterschaft, und dies in immer größeren Umfang; darunter fallen auch verschiedene Schichten, die im ökonomischen Sinn gar keine produktiven Arbeiter umfassen (Handelsangestellte, Personal in gewissen Staatsbetrieben etc.). Das Bewußtsein der Arbeiterklasse wird vom herrschenden Bewußtsein geprägt; die Wirkung der Mittelschichten auf weite Teile der Arbeiterklasse, sowohl ideologisch, als auch durch Aufstiegshoffnungen und Vorbildwirkungen, führt ebenso zu einer Verbürgerlichung breiter Teile der Arbeiterklasse, wie Phänomene wie Arbeiteraristokratie und Integration der Arbeiterbürokratie in das bürgerliche System. Einhergehend mit den Niederlagen der Arbeiterbewegung in diesem Jahrhundert und der Bürokratisierung und Verbürgerlichung aller hegemonialen politischen Strömungen in ihr (Sozialdemokratie wie Stalinismus) ist es daher kein Wunder, daß das Bewußtsein von der eigenen Klassenlage bei einem großen Teil der Arbeiterklassen kaum entwickelt ist und viele Teile der Klasse sich nicht einmal mehr als „Arbeiter“ sehen, sondern sich lieber der „Mittelklasse“ zuordnen.

Natürlich ist das Bewußtsein von der eigenen Klassenlage kein wesentliches Kriterium für die Klassenzugehörigkeit, die sich aus den objektiven Zwängen der Produktionsweise ergeben (die also den einzelnen Proletarier, ob er es will oder nicht, immer wieder ins Verhältnis der Negation zum Gesamtkapital bringen): „Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat, als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird“. (101)

Doch ist dies reine Abstraktion, bloße Darstellung objektiv herleitbarer, widersprüchlicher sozialer Phänomene, solange aus dieser Grundlage nicht ein wirklich handelndes gesellschaftliches Subjekt, eine tatsächlich als solche handelnde Klasse entsteht. Doch zum handelnden Subjekt wird die Klasse nicht, wenn dieser oder jener gesellschaftliche Konflikt als „subjektiver Ausdruck“ eines „gesellschaftlichen Widerspruchs“ interpretiert werden, gar radikal als „Klassenkampf“ bezeichnet werden könnte.

Lenin hat das Problem in scharfer Weise so formuliert: „Was aber ist Klassenkampf? Wenn die Arbeiter einer einzelnen Fabrik, eines einzelnen Berufs den Kampf gegen ihren Unternehmer oder ihre Unternehmer aufnehmen? Nein, das sind erst schwache Ansätze dazu. Der Kampf der Arbeiter wird erst zum Klassenkampf, wenn alle fortschrittlichen Vertreter der gesamten Arbeiterklasse des ganzen Landes sich bewußt werden, eine einheitliche Arbeiterklasse zu sein, und den Kampf nicht gegen einzelne Unternehmer, sondern gegen die ganze Klasse der Kapitalisten und gegen die diese Klasse unterstützende Regierung aufnehmen. Erst dann, wenn der einzelne Arbeiter sich bewußt ist, ein Teil der ganzen Arbeiterklasse zu sein, wenn er in seinem tagtäglichen Kleinkampf gegen einzelne Unternehmer und einzelne Beamte den Kampf gegen die ganze Bourgeoisie und die ganze Regierung sieht, erst dann wird sein Kampf zum Klassenkampf. ‚Jeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf‘ – diese berühmten Worte von Marx dürfen nicht in dem Sinne verstanden werden, jeder Kampf der Arbeiter gegen die Unternehmer wäre stets ein politischer Kampf. Sie müssen so verstanden werden, daß der Kampf der Arbeiter gegen die Kapitalisten notwendigerweise in dem Maße ein politischer Kampf wird, als er zum Klassenkampf wird“. (102)

Der frühe Lukacs, der das hier angesprochene Verhältnis von Klassenbewußtsein und an sich bestehender Klasse theoretisch zu erfassen suchte (103), bemerkt zurecht, daß wer das „konkret gegebene Arbeiterbewußtsein“ zum Ausgangspunkt nimmt, einer Abstraktion aufsitzt: „Ihr [der bürgerlichen Wissenschaft] Irrtum besteht darin, daß sie im empirischen historischen Individuum … und in seinem empirisch gegebenen … Bewußtsein jenes Konkrete zu finden meint. Wo sie jedoch das allerkonkreteste gefunden zu haben glaubt, hat sie es gerade am weitesten verfehlt: die Gesellschaft als konkrete Totalität; die Produktionsordnung auf einer bestimmten Höhe der gesellschaftlichen Entwicklung und die durch sie bewirkte Gliederung der Gesellschaft in Klassen“. (104)

Es ist Lukacs Verdienst, die Bedeutung der Totalitätskategorie in dieser Diskussion wieder in den Marxismus eingeführt zu haben (Marx verwendete sie, wie oben gezeigt, in den Grundrissen). Die gesellschaftliche Totalität von ökonomischen, wesentlichen Kategorien und ihren konkreten Erscheinungsformen bedeutet, daß das Einzelne, Konkrete nur aus seiner Beziehung auf das Ganze zu verstehen ist, aus den Vermittlungsschritten vom ökonomischen Grund zur konkreten Klassenwirklichkeit. Doch Lukacs geht einen Schritt weiter (den er allerdings in seinem Spätwerk richtig hinterfragt hat): Indem er Hegels Methode übernimmt, von der „erscheinenden Wirklichkeit-an-sich“ zu ihrem Wesen fortzuschreiten, aus diesem als ihren Grund die Wirklichkeit wiederum herzuleiten, um in beider Einheit dann die selbst-reflektierte „Wirklichkeit-an-und-für sich“ zu finden, definiert er ebenso das Klassenbewußtsein als reflektiertes Bewußtsein der „Klasse-an-und-für-sich“:

„Indem das Bewußtsein auf das Ganze der Gesellschaft bezogen wird, werden jene Gedanken, Empfindungen usw. erkannt, die die Menschen in einer bestimmten Lebenslage haben würden, wenn sie diese Lage, die sich aus ihr heraus ergebenden Interessen sowohl in Bezug auf das unmittelbare Handeln wie auf den – diesen Interessen gemäßen – Aufbau der ganzen Gesellschaft vollkommen zu erfassen fähig wären; … Die rationell angemessene Reaktion nun, die auf diese Weise einer bestimmten typischen Lage im Produktionsprozeß zugerechnet wird, ist das Klassenbewußtsein“. (105)

Die Gefährlichkeit dieser hegelianisch- idealistischen Auffassung von Klassenbewußtsein, die im linken Stalinismus und Voluntarismus eine bedeutende Rolle gespielt hat, ist, daß Klassenbewußtsein hiermit zu einem Erkenntnisproblem wird: Klassenbewußtsein existiert als abstrakt richtige Auffassung von der objektiven Klassenlage, kann von der Partei, die die richtige Methode anwendet, vollständig erfaßt werden und muß der Arbeiterklasse nur noch verkündet werden, um wirksam zu werden. In dem erwähnten Artikel von Lukacs wird die Verbreitung von Klassenbewußtsein so tatsächlich zum Erziehungsproblem, etwas was sich hauptsächlich „innerhalb des Bewußtseins des Proletariats“ abspielt. Dagegen wird der praktisch, aktive, ökonomische Klassenkampf zwar als unvermeidlich dargestellt, aber vor allem zur Quelle von Opportunismus. In diesen Konflikten zeige sich zumeist nur, daß die Bourgeoisie besser organisiert ist (106).

Das einzig positive Resultat ist, wenn diese Erfahrung eine weitere Erziehung zum proletarischen Klassenbewußtsein ermöglicht, damit das Proletariat erkennt, daß nur „sein Bewußtsein“ (von dem es bisher noch keine Ahnung hatte) einen Ausweg aus der Krise des Kapitalismus zeigt. Der frühe Lukacs wurde hier exemplarisch angeführt, da er der theoretisch durchdachteste Ausdruck stalinistischer Klassentheorie ist. Der Stalinismus bekümmert sich wenig um die Differenz von konkreter Klasse und objektiv-ökonomisch bestimmter Klasse. Was irgendwelche konkreten Proletarier zu denken oder zu tun haben, ergibt sich aus den objektiven Bedingungen, diese werden von der Partei erkannt, die dann den Proletariern erklärt, was sie denken und daher tun müssen (meistens eher nicht tun dürfen).

Lukacs idealistischer Arbeiterklassenbegriff entspricht nicht der dialektisch-materialistischen Methode: Auch wenn es richtig ist, daß die konkrete Klassenwirklichkeit nur aus den zugrundeliegenden allgemeinen ökonomischen Bestimmungen ableitbar ist, heißt dies nicht, daß die „allgemeinen Kategorien“ die eigentlich konkret Handelnden der gesellschaftlichen Wirklichkeit seien: Wie oben aus den Grundrissen zitiert, führt die theoretische Analyse von den „abstrakten Bestimmungen zur Reproduktion des Konkreten im Weg des Denkens. Hegel geriet daher auf die Illusion, das Reale als Resultat des in sich zusammenfassenden, in sich vertiefenden und aus sich selbst sich bewegenden Denkens zu fassen, während die Methode, vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen, nur die Art für das Denken ist, sich das Konkrete anzueignen. (…) Keineswegs aber der Entstehungsprozeß des Konkreten selbst. (…) Das reale Subjekt bleibt nach wie vor außerhalb des Kopfes in seiner Selbständigkeit bestehen; solange sich der Kopf nämlich nur spekulativ verhält, nur theoretisch“. (107)

Hiermit wird klar, daß sich auch Klassenbewußtsein nur in konkreten Kämpfen der wirklich bestehenden Klasse entwickeln kann. Daß das Bewußtsein von den gemeinsamen Interessen in den verschiedenen Teilkämpfen, aus dem Zusammenwachsen verschiedenster, schicht-, regional-spezifischer und ihnen entsprechender politischer Strömungen ergeben kann. Daß diese Vereinheitlichung ein wesentlich politischer Prozeß ist, in dem aus den Tageskämpfen heraus strategische Ziele entwickelt werden, in dem die verschiedenen Strategien und Taktiken diskutiert und geklärt werden müssen. Erst in diesem Vereinigungs- und Vereinheitlichungsprozeß entsteht die ihrer Aufgaben bewußte Klasse-an-und-für-sich, entwickelt sich Klassenbewußtsein, als ein Bewußtsein vom politischen Gesamtcharakter des Klassenkampfes, also der konkreten Form, in der der Kampf zur Abschaffung des Lohnarbeitssystems geführt werden muß.

Andererseits geht dieser Vereinheitlichungsprozeß, dieser Prozeß der Entstehung von Klassenbewußtsein auch nicht automatisch vor sich, in dem er einfach aus „Konflikten“ zwischen Kapital und Lohnarbeit herauswachsen würde. Wie Lenin oben andeutete, sind einfache, einzelne Konflikte zwischen Kapital und Lohnarbeit nur „bescheidenen Ansätze“ des Klassenkampfes. Das politische Bewußtsein muß erst in sie hineingetragen werden. Dies ergibt sich aus der Natur des Klassenwider-spruchs konkreter kapitalistischer Gesellschaftsformationen selbst:

  • Lohnarbeit und Kapital befinden sich nicht nur im Verhältnis der Negation, sondern sind auch wesentlich identisch: Die Reproduktion des Kapitals ist gleichzeitig Reproduktion der Lohnarbeit und umgekehrt; daher wird jeder Kampf, der sich auf die Verteidigung der Reproduktionsbedingungen der Arbeiterklasse beschränkt zugleich zu einem Kampf der bloß die Reproduktionsbedingungen des Kapitals modifiziert; der Kampf um den „gerechten Lohn“ befestigt zugleich das illusionäre Bewußtsein in der Arbeiterklasse, daß ihre Probleme über eine „gerechtere Verteilung“ der produzierten Waren zu lösen seien, und nicht durch eine radikal andere Verteilung der Kontrolle über die Produktionsmittel. Die identische Seite des dialektischen Verhältnisses von Kapital und Lohnarbeit ist daher die materielle Grundlage für reformistisches Bewußtsein in der Arbeiterklasse.
  • Diese allgemeine Tendenz verkörpert sich in realen Verbürgerlichungs-erscheinungen in der Arbeiterklasse (Arbeiteraristokratie etc.) und im Einfluß, den verschiedene Mittelschichten ideologisch und politisch auf sie ausüben. Dies ist insbesondere verfestigt, sobald sich in der Führung der Arbeiterbewegung eine mit dem bürgerlichen Staat verbundene, opportunistische Arbeiterbürokratie herausgebildet hat, die nach einer gewissen historischen Entwicklung durch systematische Privilegierung und Integration in das bürgerliche Herrschaftssystem zu einer von der Arbeiterklasse getrennten, eigenständigen Kaste in den Mittelschichten wird. Die von ihnen dominierten reformistischen Arbeiterorganisationen sind genauso Instrumente der Befestigung bürgerlichen Bewußtseins in der Klasse, wie der ganze, ausgefeilte ideologische Apparat der Bourgeoisie.
  • Andererseits bedingt die Natur des kapitalistischen Akkumulationsprozesses gleichzeitig eine immer wiederkehrende Zuspitzung des Widerspruchs von Kapital und Lohnarbeit. Insofern müssen die verfestigten Formen des Klassenkompromisses beständig in Konflikt geraten mit der Dynamik des zugrundeliegenden Klassenverhältnisses. Damit entwickelt sich auch die Tendenz, über die bestehenden reformistischen Führungen hinauszugehen, insbesondere durch die fortlaufende Erfahrung ihres Verrats. Dies ist die Grundlage für die Entwicklung einer eigenen Schicht in der Arbeiterklasse, die aufgrund von Klassenkampferfahrungen und Opposition zur Arbeiterbürokratie sporadisch zur Führung von (Teil-)Kämpfen aufsteigen kann. Diese „Arbeiteravantgarde“ zeichnet sich durch ein Bewußtsein aus, das die Konflikte mit dem Kapital zumindest als „Klassenkampf“ sieht, der gegen den Willen der reformistischen Bürokraten geführt werden muß.
  • Allerdings ist die Arbeiteravantgarde für sich genommen nicht in der Lage, von der Negation zur Negation der Negation fortzuschreiten, also ein systematisches Bewußtsein von der Überwindung des Lohnarbeitssystems selbst zu entwickeln. Einerseits entwickelt sie sich nur sporadisch und spontan, um wieder in der reformistischen oder bloß negierenden Masse zu versinken, manchmal auch selbst in die Arbeiterbürokratie aufzusteigen. Andererseits mangelt es ihr an Vereinheitlichung, geistigen und materiellen Möglichkeiten, den Kampf auf allen gesellschaftlichen Ebenen, d.h. vor allem der staatlich/politischen aufzunehmen und dabei insbesondere die reformistischen Massen von ihren opportunistischen Führern wegzubrechen bzw. ihre Isolierung von den reformistischen Massen zu überwinden. Eine solche Aufgabe kann nur eine Partei leninschen Typs erfüllen. D.h. eine Partei, die sich in der Arbeiteravantgarde zu verankern sucht, die die fortwährende Gefahr des Abgleitens in reformistische Handwerkelei und Opportunismus durch die beständige Entwicklung des Programms in seiner Beziehung zur Praxis vermeidet, Taktiken gegenüber Reformismus und Staat entwickelt, die die Kluft zwischen Arbeitermassen und Avantgarde vermindert und sie von den reformistischen Führern wegbricht, und die Vereinheitlichung aller Teilkämpfe um strategische, politische Ziele anstrebt. Es ist also kurz gesagt das Programm – die Totalität dieser Aufgaben, die auf den Begriff gebrachte Negation der Negation – die den Existenzgrund der leninistischen Partei bildet, das in die Klassenkämpfe getragen werden muß, so wie es auch aus ihnen heraus konkrete Gestalt annimmt.

Wenn die Partei ihre programmatische Orientierung in die Klasse trägt, so bringt sie etwas dorthin, das im Keim immer schon vorhanden ist. Das sich einerseits spontan immer wieder zeigt, andererseits durch die Natur des Klassenwiderspruchs stets wieder von Zurückfallen in falsches Bewußtsein bedroht ist und von sich aus keine langfristigen Handlungsperspektive entwickelt. Andererseits bleibt die beste programmatische Orientierung abstrakt und leer, wenn sie sich nicht in realen Klassenkämpfen verwirklicht und verankert. Radikale Klassenkampfaufschwünge, in denen sich die Selbstorganisierung des kämpfenden Proletariats in Wechselwirkung mit der bewußten, programmatisch fundierten Führung der revolutionären Partei entwickelt, sind die besten Bedingungen für das Hineintragen des Klassenbewußtseins ins Proletariat:

„Die Aufgabe der Sozialdemokraten besteht eben darin, durch Organisierung der Arbeiter, durch Propaganda und Agitation unter ihnen ihren spontanen Kampf gegen die Unterdrücker in einen Kampf der ganzen Klasse, in den Kampf einer bestimmten politischen Partei für bestimmte politische und sozialistische Ideale zu VERWANDELN“. (108)

Die Arbeiterklasse um die kommunistische Partei zu einem handelnden gesellschaftlichen Subjekt zu vereinheitlichen – das ist eigentlich auch schon die Perspektive des kommunistischen Manifests: Dort wird einerseits zum Verhältnis von Partei und Klasse betont: „Sie [die Kommunisten] haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen. Sie stellen keine sektiererischen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen… Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung“ (109).

Die revolutionäre Arbeiterpartei ist daher (wie auch die Parteithesen der Komintern wiederholen) ein Bestandteil der Arbeiterklasse und ihrer Kämpfe – kein von außen sie bestimmendes, „über den Klassen stehendes“ Geisteswesen (die Mitgliedschaft in einer revolutionären Arbeiterpartei ist daher auch eine bewußte Entscheidung, sich in die Arbeiterklasse einzufügen).

Doch andererseits:

„Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, daß sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, andererseits dadurch, daß sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets die Interessen der Gesamtbewegung vertreten. Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weiter treibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus. Der nächste Zweck der Kommunisten ist…: Bildung des Proletariats zur Klasse, Sturz der Bourgeoisieherrschaft, Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat“ (110).

Die revolutionäre Partei geht also nicht einfach auf in der Klasse, ist nicht bloß eine einfache „Vernetzung“ aktiver Proletariergruppen. Sie ist der fortgeschrittenste und vorantreibende Teil der Klasse, der es ihr erst ermöglicht sich zur „Klasse für sich“ zu formen, d.h. zum bewußten geschichtlichen Subjekt zu werden, das seinen historische Zweck, Sturz des Kapitalverhältnisses und damit der Klassenherrschaft an sich, erkennt und vollendet.

Diese dialektisch-materialistische Entwicklung des Verhältnisses von objektiven Widersprüchen, Klassenkampf und Klassenbewußtsein wurde nicht nur im stalinistischen Objektivismus (für den Lukacs hier nur als theoretisches Paradepferd angeführt wurde) verkannt, sondern auch in verschiedenen Formen des spontaneistischen Subjektivismus. Hier sei nur stellvertretend der „Operaismus“ angeführt, der vor allem in Italien (Alquanti, Panzieri, Negri etc.) und Deutschland einen beträchtlichen Einfluß auf linke Strömungen in der Arbeiter- bzw. Jugendbewegung seit den späten 60er Jahren gewonnen hat. Kurz charakterisiert kann man unter seinen vielen Strömungen folgende Gemeinsamkeiten finden:

  • Die „inneren Widersprüche“ des Kapitalismus, die sich in Arbeitskämpfen um Löhne und Arbeitsbedingungen äußern, führen letztlich nur zur Verfeinerung des kapitalistischen Ausbeutungssystems und stellen seine Reproduktion nicht in Frage. Die marxistische Hegemonie über die Arbeiterbewegung, die die Konzentration auf diese inneren Widersprüche gelegt habe, führe daher zur langfristigen Integration der Kernarbeiterschichten in das Kapitalsystem.
  • Neben den Kernarbeiterschichten entwickeln sich bestimmte „Randschichten“ der Arbeiterklasse, die in Fundamentalopposition zur ganzen Lohnsklaverei an sich stehen. Diese fanden sich in den 60/70er Jahren in den „Massenarbeitern“ (Immigranten aus ärmeren Regionen, die vor allem unqualifizierte Arbeit mit Massencharakter zu leisten haben), heute in sogenannten „Marginalisierten“, „Pauperisierten“ (Arbeiter, die aus den regulierten Arbeitsbedingungen herausfallen, schlecht bezahlt sind und keine Bindung an ihren Arbeitsplatz entwickeln). Diese Schichten würden spontan zur Revolte neigen und die wirkliche revolutionäre Avantgarde bilden.
  • Die bestehenden Organisationen der Arbeiterbewegung sind durchgängig Instrumente der Herrschenden (z.B. wurden schon in den Auseinandersetzungen bei FIAT in den 60er Jahren die PCI Gewerkschaft CGIL als „gelbe Gewerkschaft“ bekämpft) und das einzige Verhältnis zu ihnen müsse Denunziation, Bekämpfung und Gegengewalt sein.
  • Klassenbewußtsein ist nicht aus ökonomischen Bedingungen oder Kämpfen ableitbar. Auch wenn deren Einfluß gesehen wird, so sei doch das Entscheidende, daß sich revolutionäres Bewußtsein als lange Kette von subjektiven Erfahrungen in Fundamentalopposition zum herrschenden System ergibt, wofür „objektive Widersprüche“ unerheblich seien. Aufgabe der revolutionären Organisierung sei daher die Sammlung und Vernetzung wirklicher Klassenkämpfer, denen keine Perspektive gegeben werden muß, die sich aus irgendeiner Theorie herleitet, sondern die nur ihre praktisch immer schon vorhandene Rebellion koordinieren müssen. Die Organisationsform der Operaisten ist daher die lose Vernetzung kleiner, „autonomer“ Aktivistengruppen.

Auch wenn der radikale Impuls der Operaisten gegen die reformistische Erstarrung der Arbeiterbewegung ein anfänglich gesundes Element, besonders in der italienischen Arbeiterbewegung, ausdrückte, genauso wie der Wunsch nach tatsächlichem, aktiven Klassenkampf gegenüber der Gängelung durch angeblich „objektive Gesetzmäßigkeiten“ und Vertröstung auf „objektive Zukunftsperspek-tiven“, so haben sie den Kern der Mythisierung und Objektivierung der „Arbeiterklasse“, wie sie die Stalinisten betrieben, nicht verstanden. Stattdessen entwickelten sie, wie gesehen, einen neuen Arbeiterklassenmythos, einen Teil der Klasse, der angeblich (wiederum objektiv) an sich „fundamentaloppositionell“ sei. Doch auch die Massenarbeiter oder Marginalisierten entkommen nicht der Wirkungsweise der Kapitalgesetze auf die Klassenbildung. Einerseits ist ihre Reproduktion im Klassengefüge ebenfalls mit der Stabilisierung bestimmter bürgerlicher Ideologiemomente unter ihnen verbunden (z.B. besonders hohe Anfälligkeit für Rassismus, Elemente kleinbürgerlichen Individualismus etc.).

Andererseits sind sie schwerer zu organisieren, da sie eine schwächere Position am Arbeitsmarkt und im Arbeitsprozeß besitzen. Es ist daher nicht verwunderlich, daß in einem Großteil der Arbeitskämpfe doch wieder Arbeiter aus den Kernschichten des Proletariats auch in oppositionellen Führungen die Hauptkräfte darstellen. Wenn sich bei den Operaisten dann die Lösung von dem objektiv bestimmten revolutionären Subjekt ergibt, wechseln sie zum „revolutionären Klassenkämpfer an sich“. Aus irgendwelchen Gründen gibt es in dieser Gesellschaft moralisch hochstehende Individuen, die an sich gegen die herrschende Klasse aufstehen. Hiermit enden die Operaisten oder Autonomisten dann bei einer besonderen, allerdings sehr verbreiteten idealistischen Klassentheorie: es gibt gute und schlechte Menschen.

Schließlich muß erkannt werden, daß der Reformismus nichts “künstlich” in die Arbeiterklasse Hineingetragenes ist, sondern wesentliche Wurzeln in ihr hat wenn auch in anderer Weise wie revolutionäres Bewußtsein. Daß der „Marxismus“ in seiner degenerierten (z.B. stalinistischen) Form zum Element der Verbreitung reformistischer Organisierung und Bewußtseinsbildung geworden ist, ist ein tragisches Ergebnis der Geschichte dieses Jahrhunderts, das ein wesentliches Hindernis natürlich auch für den notwendigen Kampf um wirkliches revolutionäres Bewußtsein in der Arbeiterklasse geworden ist.

Doch wesentlich ist es zu erkennen, daß dieses revolutionäre Bewußtsein nicht spontan in der Klasse (oder in irgendeiner Schicht in ihr) entsteht, oder durch bloße Vernetzung von Aktivisten aufrecht erhalten werden kann. Daß es also einer Organisation bedarf, die um dieses revolutionäre Bewußtsein in der Klasse kämpft. Und hierbei ist bisher in der Arbeiterbewegung noch nichts besseres gefunden worden als eine Partei leninschen Typs, die sich auf den authentischen revolutionären Marxismus, befreit von seinen reformistischen Degenerationen, begründet.

Fußnoten und Anmerkungen

(1) K. Marx, „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“; MEW Band 1, S.391

(2) ebd., S.390

(3) ebd.,S.385

(4) ebd., S.391

(5) G. Lukacs, „Die moralische Sendung der kommunistischen Partei“(1920); aus: ,“Taktik und Ethik“, Darmstadt, 1975; S.222

(6) siehe: „Sozialismus und Demokratisierung“, FfM, 1987; S.97

(7) Unter „Partei neuen Typs“ verstehen wir hier die Bolschewistische Partei Lenins. Keineswegs meinen wir die anti-revolutionären bürokratischen Gebilde, die Stalinisten und Maoisten als „Parteien neuen Typs“ bezeichneten, die jedoch das genaue Gegenteil der leninschen Partei darstellen.

(8) Trotzki, Weitere Diskussionen über das Übergangsprogramm, in: Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der IV. Internationale, S. 62

(9) L. Trotzki, „Was nun?“, aus: Schriften über Deutschland, S.202f

(10) ebd., S.204f.

(11) T. Adorno, Spätkapitialismus oder Industriegesellschaft, Stuttgart 1969, S.21.

(12) ebd., S.21.

(13) R. Kurz, „Die letzten Gefechte“, in: krisis18, Bad Honnef 1996, S.45

(14) K. Marx / F. Engels, Die Heilige Familie, MEW Band 2, S.37.

(15) R. Kurz, „Die letzten Gefechte“, in: krisis18, Bad Honnef 1996, S.49

(16) K. Marx / F. Engels, Die deutsche Ideologie, MEW Band 3, S.75f.

(17) M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Köln/Berlin 1956, S.177

(18) ebd., S.531

(19) P. Bourdieu, „Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft“, FfM 1987, S.103

(20) U.Beck, Die Erfindung des Politischen, Ffm., 1993; S.41

(21) ebd.,S.151

(22) U.Beck, Die Risikogesellschaft – Auf dem Weg in eine andere Moderne, Ffm., 1983; S.51)

(23) ebd., S.63

(24) aus: M. Koch, Vom Strukturwandel einer Klassengesellschaft, Münster 1994, S.78f.

(25) N. Poulatzas, Politische Macht und gesellschaftliche Klassen, FfM 1980, S.61

(26) Hegel Werke Band 5, S.184

(27) ebd.

(28) K. Marx, „Ökonomische Manuskripte 1857/1858“, MEW Band 42, S.20

(29) ebd., S.395f

(30) Hegel Werke Band 5, S.155

(31) ebd., S.193

(32) ebd., S.49f.

(33) F. Engels, „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“, in: MEW Band 20, S.264

(34) siehe auch: K. Marx / F. Engels, Deutsche Ideologie, MEW Band 3,S.28f

(35) ebd.

(36) ebd., S.30

(37) ebd., S.32

(38) ebd.

(39) ebd.

(40) ebd. S.53

(41) ebd. S.54

(42) F. Engels, „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“, in: MEW Band 21, S.111

(43) ebd., S.106

(44) ebd., S.112

(45) ebd., S.116

(46) ebd., S.68

(47) ebd., S.76

(48) Marx an Engels, 2. April 1858, in: MEW 29, S. 317

(49) K. Marx, Das Kapital, Band 1, MEW Band 23, S.100

(50) ebd., S.182

(51) ebd., S.791

(52) ebd., S.531

(53) ebd., S.532

(54) ebd., S.603

(55) ebd., S.249

(56) MEW Band 42,S.35

(57) Ebenda

(58) ebd.,S.35f

(59) G.W.F. Hegel, Wissenschaft der Logik, Band 2, HW Band 6,S.154

(60) Ebenda

(61) G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, Band 1, HW Band 8,S.253

(62) K. Marx, Das Kapital, Band 3, MEW Band 25, S.886f.

(63) K. Marx, Theorien über den Mehrwert, MEW Band 26.2, S.148

(64) ebd., MEW Band 26.3, S.486

(65) Ebenda

(66) K. Marx, Das Kapital, Band 1, MEW Band 23, S.446

(67) ebd., S.443

(68) ebd., S.446

(69) ebd., S.444

(70) K. Marx, Das Elend der Philosophie, in: MEW, Bd. 4, S. 91 f.

(71) K. Marx, Das Kapital, Band 3, MEW Bd. 25, S.303f. – nebenbei bemerkt werden hier noch einmal klar die zentralen Definitionspunkte für Lohnarbeit angeführt!

(72) ebd., S.304f.

(73) ebd., S.311f

(74) K. Marx, Theorien über den Mehrwert, MEW Bd. 26.2, S.576

(75) ebd., S.563

(76) ebd., S.564

(77) ebd., S.564

(78) K. Marx, Das Kapital, Band 2, MEW Bd. 24, S.359

(79) K. Marx, Das Kapital, Band 3, MEW Bd. 25, S.890

(80) K. Marx, Theorien über den Mehrwert, MEW Bd. 26.2, S.148

(81) ebd., S.39

(82) ebd., S.273

(83) ebd., MEW Bd. 26.1, S.274

(84) F. Engels, „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“, MEW Bd. 21, S.166

(85) K. Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, MEW Bd. 17, S.336

(86) M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S.128

(87) ebd.

(88) L. Trotzki, Die verratene Revolution, in: Schriften 1.2, Hamburg 1988, S.952f.

(89) MEW Bd. 42, S.550f.

(90) R. Rosdolski, Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen ‚Kapitals‘, Bd. 1, FfM 1974, S.62

(91) MEW Bd. 42, S.551

(92) MEW Bd. 23, S.532

(93) MEW Bd. 3, S.46

(94) Ebenda

(95) W.I. Lenin, „Der Imperialismus. Das letzte Stadium des Kapitalismus“, LW Bd. 22, S.280f.

(96) ebd., S.286

(97) ebd., S.288

(98) K. Marx, Beiträge zur Internationalen Arbeiterassoziation, MEW Bd.16, S.194f.

(99) K. Marx / F. Engels, Manifest der kommunistischen Partei, MEW Bd. 4, S.472.

(100) L.Trotzki, Neunzig Jahre „Kommunistisches Manifest“, in: Denkzettel, Ffm. 1981, S.335.

(101) K. Marx / F. Engels, Die heilige Familie, MEW Bd. 2, S.38

(102) W.I. Lenin, Unsere nächste Aufgabe, LW Bd.4, S.209f.

(103) G. Lukacs, Geschichte und Klassenbewußtsein, Darmstadt 1968, S.119f.

(104) ebd., S.119f.

(105) ebd., S.126

(106) ebd., S.161

(107) MEW42,S.35f.

(108) LW4, S.210

(109) MEW4, S.474

(110) Ebenda, Kritik der kritischen Kritik“

 

 

 

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