Der Knast schließt nicht nur meinen Körper ein

Interviews mit Miftar und Ahmed, Gefangene Geflüchtete in der JVA-Waldheim

Wir wollen den Unterdrückten an dieser Stelle eine Stimme geben, wollen gemeinsam mit ihnen unsere Wut über das Unrecht in die Welt schreien. Daher wurden in der JVA-Waldheim zwei Geflüchtete von Pat interviewt. Miftar, 23, aus Pristina im Kosovo und Ahmed, 32 (Name geändert), aus Tunesien sprechen über ihren langen Weg nach Deutschland und, wie es ihnen im Gefängnis ergeht.

 

Miftar, 23, aus Pristina im Kosovo. Nach dem Zerfall Jugoslawiens fanden eine Reihe von Kriegen in der Region statt. 1999 beteiligte sich auch die Bundeswehr an der NATO-Intervention im Kosovokrieg. Bis heute sind rund 500 deutsche Truppen in dem Land stationiert. Daneben ist es eines der ärmsten Länder in Europa. Die Bundesregierung erkennt Flüchtlinge aus dem Kosovo nicht an, da sie das Land als „sicher“ einschätzt.

Wann und warum bist du nach Deutschland gekommen, Miftar?

Das war im März 2015. Ich kam mit meinem älteren Bruder, der inzwischen wieder im Kosovo ist. Ich wollte ein neues Leben anfangen, studieren und ein gutes Leben führen.

Und hast du in Deutschland die Chance auf ein Studium oder einen Arbeitsplatz bekommen?

Nein, keine Chance, das war relativ schnell klar.

Wann kamst du ins Gefängnis?

Das war im Juli 2015. Ich kam zuerst in Untersuchungshaft nach Dresden. Später wurde ich dann nach Waldheim verlegt. Besonders die Zeit in Dresden war furchtbar. Das Essen war schlecht, die Wärter sehr grob und es gab kaum Unterstützung in der Anstalt. Über meine Rechte wurde ich nur ausreichend informiert, weil mein Anwalt Englisch sprach.

Und wie empfindest du die Situation im Gefängnis?

Sowohl in Dresden als auch hier in Waldheim haben mich die Beamten, gerade im Verhältnis zu anderen Gefangenen, relativ normal behandelt. Bei den Gefangenen gibt es solche und solche. Viele behandeln mich normal, weil ich helle Haut habe. Wenn sie dann aber erfahren, dass ich kein Deutscher bin, zeigen manche schon, dass sie Rassisten sind. Und das sind nicht wenige.

Wie sieht es mit Integration aus?

Es gibt zwar Sprachkurse, aber das meiste habe ich mir selber beigebracht. Doch die Isolation war und ist auch hier im Gefängnis grauenhaft. Wie sollte ich mir denn hier ein soziales Umfeld aufbauen, wenn überall zwischen Deutschen und Ausländern unterschieden wird? Jetzt bin ich zu 100 % von Abschiebung bedroht. Ich habe keine Chance auf ein Bleiberecht. Wenn ich Glück habe, muss ich nur 2/3 meiner Strafe absitzen und werde dann abgeschoben. Mit Pech sitze ich komplett ab und muss dann zurück.

 

Ahmed, aus Tunesien. Nach dem Sturz des Diktators Ben Ali, der auch maßgeblich jahrzehntelang Unterstützung durch die deutsche und französische Regierung genoss, kam es verstärkt durch ökonomische Krise und politische Unsicherheit zu Fluchtbewegungen. Trotz anerkannter Menschenrechtsverletzungen gelten die Maghreb-Länder, zu denen auch Tunesien gehört, seit 2016 für die Regierung als „sicher“.

Wie kamst du nach Deutschland?

Ich kam im Jahr 2010. Das war das Jahr, in dem die Revolution in Tunesien ausbrach. Ich wollte dem Elend in der Heimat entkommen, gewaltfrei leben, eine Familie gründen und von meiner Arbeit leben können. Deshalb bin ich nach Deutschland gegangen.

Wie erging es dir nach deiner Ankunft?

Zuerst kam ich in eine Asylunterkunft. Dort bekam ich 15 Euro Bargeld die Woche. Frühstück, Mittag und Abendessen gab es in der Unterkunft. Nach drei Monaten wurde ich dann in eine WG gesteckt. Ich bekam Lebensmittelgutscheine im Wert von 120 Euro und 40 Euro „Taschengeld“. Damit musste ich den ganzen Monat auskommen. Trotz aller Probleme lernte ich schnell Deutsch. Einen Job hat mir das allerdings nicht eingebracht. Daher mussten wir uns Kleidung und Hygieneartikel illegal besorgen. Wir waren dementsprechend frustriert und die Stimmung wurde Woche für Woche angespannter. Später heiratete ich, mittlerweile habe ich ein kleines Kind. Wir sind eine Familie. Wir müssen versorgt werden. Aber eine Arbeit konnte ich nicht finden. Irgendwann wurde ich beim Klauen erwischt und so kam ich im Juni 2017 ins Gefängnis.

Wie erging es dir in der Haft?

Zuerst war ich in der JVA Dresden. Dort wurde ich bereits am zweiten Tag vom Hausarbeiter rassistisch beleidigt. Es gab Streit, ein Beamter kam und schrie mich an. Ich wurde ebenfalls laut und er löste den Alarm aus. Die Beamten beschimpften mich als „Kanakenschwein“, schlugen mich zusammen und sperrten mich zwei Tage in den Bunker. 24 Stunden davon war ich gefesselt. Einer von ihnen schlug mir auf mein Ohr. Noch heute habe ich dort Schmerzen. Im November wurde ich nach Waldheim verlegt. Hier ist es ruhiger. Auch ich selbst versuche, immer freundlich zu sein und niemandem eine Angriffsfläche zu bieten.

Wirst du durch die JVA unterstützt?

Der Sozialarbeiter in Dresden hat mir immer geholfen. Die Cops allerdings nicht. In Waldheim hilft mir ein Mitgefangener auf meiner Station (vielen Dank).

Und die Situation mit anderen Gefangenen?

Ich will keinen Ärger und bin daher meistens alleine. Der Knast schließt nicht nur meinen Körper, sondern auch meinen Geist ein. Ich habe Probleme, länger als eine Stunde mit mehr als drei Leuten abzuhängen.

Was muss deiner Meinung nach passieren, damit die Situation hier besser wird?

Es bräuchte mehr kreative Freizeitangebote. Klar, ich weiß, dafür fehlt denen das Personal. Und ich glaube, man sollte uns Refugees nicht wegen jeder Kleinigkeit wegsperren. Dann wären die Knäste auch nicht so überfüllt. Es kann nicht sein, dass ein Araber wegen 2 Gramm Hasch in U-Haft landet und ein Deutscher für 10 Gramm plus Waage nicht einmal eine Geldstrafe bekommt. Bei Lockerung etc. stehen wir immer hinten an. Gleiches gilt für Arbeit und für Freizeitgruppen. Wir werden ganz offensichtlich diskriminiert. Als Nicht-Deutsche und als Muslime. Das kotzt mich an.

 

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