Tarifrunde 2017/2018 – Offener Brief von MetallerInnen aus Unterfranken

MetallerInnen aus Unterfranken, Infomail 982, 18. Januar 2018

An die VerhandlungsführerInnen des vbm (Verband der bayerischen Metall- und Elektroindustrie e. V.), Bertram Brossardt und Angelique Renkhoff-Mücke, und die VerhandlungsführerInnen in anderen Tarifgebieten

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wir haben uns entschlossen, Ihre absurden Argumentationen zur laufenden Tarifrunde öffentlich zu entkräften.

Wir wollen damit alle Kolleginnen und Kollegen motivieren, noch aktiver zu kämpfen.

Wir wollen aber auch das Bewusstsein der Vorstandmitglieder, Betriebsräte, Vertrauensleute und Mitglieder der IG Metall sensibilisieren.

Wie eure Kapitalistenfreunde verbreitet Ihr Thesen, welche der Unwahrheit entsprechen und nur darauf abzielen, die bestehenden Machtverhältnisse, welche euch weiterhin garantieren, Gewinner der asozialen Umverteilung zu sein, mit allen Mitteln zu verteidigen. Euch stehen immer die Medien zu Dienste, Ihr nutzt sie immer, aber diesmal doch weit mehr als in den vergangenen Tarifrunden.

Ganz offensichtlich deshalb, weil dieses Mal das Thema Arbeitszeit im Mittelpunkt steht.

Die Forderung der IG Metall nach einer befristeten 28-Stundenwoche mit einem Teil-Lohnausgleich ist noch lange kein Instrument, um die dringend notwendige nachhaltige Umverteilung von oben nach unten einzuläuten (und leider auch nur eine temporäre Entlastung für die MitarbeiterInnen), aber Ihr hegt offensichtlich die Befürchtung, dieses Thema könnte in den Belegschaften an Dynamik gewinnen, wie es glücklicherweise aktuell im Osten geschieht, und eine Forderung nach einer kollektiven Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn und vollem Personalausgleich anstoßen.

Zu Euren absurden Argumentationen

„Die Produktivität ist nur geringfügig gestiegen“, sagt Ihr, und „Die Lohnforderung von 6 % ist zu hoch“

Wie kann es dann sein, dass die deutsche Wirtschaft Exportweltmeisterin ist und seit Jahren einen wahnsinnigen Außenhandelsüberschuss erzielt?

Natürlich sind Euch unsere Löhne immer zu hoch. Ihr konntet erfolgreich die Lohnstückkosten seit Anfang der Jahrtausendwende senken und im europäischen und im internationalen Vergleich drücken, durch massive Rationalisierung, und Flexibilisierung und immer mehr Schichten zur Auslastung der Anlagen. Euch ist die Ausweitung prekärer Beschäftigung zu Gute gekommen. Das habt Ihr Gerhard Schröder zu verdanken und, dass die Gewerkschaften kaum Widerstand gegen seine Agenda organisiert haben.

Kommt uns nicht damit, dass höhere Löhne Euch zwingen würden, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Das macht Ihr eh dauernd. Das habt Ihr auch oft genug gemacht, nachdem Belegschaften auf Lohn verzichtet haben oder umsonst länger gearbeitet haben. Wir wollen nicht nur höhere Löhne für uns, sondern für alle: Keine Niedriglöhne und keine Leiharbeit mehr, weder in Deutschland noch anderswo!

Und überhaupt: Unsere Löhne sind nur ein kleiner Teil der ganzen Werte, die wir schaffen – und die Ihr Euch aneignet!

Euer altes Lied vom Fachkräftemangel

Ja, in manchen Branchen/Berufen besteht wirklich ein Fachkräftemangel, was aber nicht daran liegt, dass es keine Menschen gibt, die nicht in der Lage sind, die notwendige Qualifikation zu erwerben – wie Ihr es behauptet. Das ist eine echte Beleidigung gegenüber den vielen Arbeitslosen, prekär Beschäftigten und Jugendlichen ohne Ausbildung.

Ihr seid nicht bereit, für Qualifizierung, Umschulung und Weiterbildung wirklich zu zahlen. Das sollen die Menschen selbst tun oder die Allgemeinheit. Zudem ist es schon seltsam, dass in vielen Betrieben TechnikerInnen, MeisterInnen aber auch IngenieurInnen am Band stehen. Auch dass Ihr und Eure FreundInnen aus der Politik das Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit verhindert habt, zeigt, dass Ihr gezielt vor allem Frauen aus qualifizierten Jobs heraushalten wollt.

Teil–Lohnausgleich

,,Der Teil –Lohnausgleich für manche Beschäftigte würde zu einer Zwei-Klassenbelegschaft führen“, was ja euer Freund und Arbeitsrechtler Clemens Höpfner mit seinem Gutachten bestätigen will.

Eure Aussage ist zynisch, ja zynisch – denn würde es Euch wirklich um Gerechtigkeit in den Belegschaften gehen, hätten wir u. a. keine asozialen Beschäftigungsverhältnisse wie Leih-und Zeitarbeit, Werkverträge, befristete Arbeitsverhältnisse sowie ausufernde Flexibilisierung. Dann würdet Ihr – trotz Tarifverträgen – nicht den Frauen über 20 % weniger bezahlen als den Männern.

Eure Verweigerung des Rückkehrrechts aus Teilzeit schafft schon heute Ungerechtigkeit: Den einen gewährt Ihr die Rückkehr, den anderen nicht.

Eure Vorstellung von Gerechtigkeit ist, dass alle Beschäftigten gleich rechtlos sind und Ihr alle Rechte und alle Macht besitzt.

Gebt doch das Rückkehrrecht und den Teillohnausgleich allen!

Arbeitszeit

Ihr verlangt eine Flexibilisierung der Arbeitszeit noch oben und argumentiert, es gebe schon genügend Regelungen, sowohl gesetzlich, tariflich als auch betrieblich, um den Bedürfnissen der ArbeiterInnen gerecht zu werden. Für einzelne Beschäftigungsgruppen/ArbeiterInnen mag das zutreffen, aber für einen Großteil der Belegschaften sieht die Wahrheit anders aus. Da werden Betriebsvereinbarungen, tarifliche und gesetzliche Regelungen teils dauerhaft missachtet, was größtenteils nicht kontrolliert und folglich nicht sanktioniert wird. Ausufernde Arbeitszeiten in indirekten und direkten Bereichen – besonders Nacht-, Schicht-und Wochenendarbeit sind für viele ArbeiterInnen nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Es ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen, dass solche Beschäftigungen nicht nur krank machen können, sondern auch die Lebenserwartung der betroffenen ArbeiterInnen deutlich verkürzen.

Was Ihr damit anrichtet, ist Euch entweder nicht bewusst oder es ist Euch schlichtweg einfach egal. Ihr seid ja nicht davon betroffen – nein, Ihr profitiert ja noch davon…

An den Vorstand der IG Metall

Die einzige logische Konsequenz kann jetzt nur sein:

Den Arbeit„geber“Innen mit der Gegenforderung einer ,,kollektiven Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und vollem Personalausgleich auf Basis der 30-Stundenwoche“ entgegenzutreten.

So wäre ihre zynische Argumentation entkräftet und alle ArbeiterInnen würden davon profitieren. Zudem würde es die asozialen Beschäftigungsverhältnisse zurückdrängen, die Gewerkschaften auf Dauer stärken, den Druck auf die Politik erhöhen und eine Umverteilung von oben nach unten würde eingeläutet werden, was wiederum den RechtspopulistInnen den Nährboden entziehen würde.

Zudem müssen Arbeitszeitkorridore mit klar definierten Grenzen (die sowohl den gesundheitlichen und sozialen Aspekt beinhalten – Dauer, Lage, Länge, Verteilung, Pausen) für SchichtarbeiterInnen gefordert und durchgesetzt werden, welche auch eine max. Anzahl von Arbeitswochenenden beinhalten müssen: höchstens 1/3 der Jahresarbeitswochen je MitarbeiterIn, also max. 18…

An alle Kolleginnen und Kollegen

Wir sollten die dummen und arroganten Argumente der Arbeit„geber“vertreterInnen zum Anlass nehmen, uns wirklich für unsere Interessen einzusetzen:

  • Arbeitszeitverkürzung ist nötig!
  • Kein Einknicken, kein billiger Kompromiss!
  • Bezahlte 24 Stunden-Streiks in allen Betrieben, die das wollen!
  • Einbeziehung der LeiharbeiterInnen und anderen prekär Beschäftigten!
  • Für eine aktive Basis in der IG Metall!

Schreibt uns, was Ihr darüber denkt!

Kontakt: ufmetaller@gmail.com

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