Russland auf dem Weg zum Roten Oktober – Die Bolschewiki: Massenpartei der Arbeiterklasse

Workers Power, Die Taktiken der Bolschewiki in der Revolution, Kapitel 6, Revolutionärer Marxismus 38, Oktober 2007

Die russischen ArbeiterInnen hatten – v.a. in Petrograd – im Juli eine herbe Niederlage erlitten. Die bolschewistische Führung war in Haft oder im Exil. Die Auflage der Parteipresse war nach dem Juli halbiert; das Zentralorgan erschien im August nur in einer Auflage von 5o.ooo. Die Stimmung in den Fabriken war schlecht.

Doch im September und Oktober hatte sich das Blatt entschieden zugunsten der Bolschewiki gewendet. Nach Jahren des Exils oder Untergrunds, nach Monaten eines Daseins als unbeugsame linke Minderheit in den Sowjets und nach den Verfolgungen im Juli hatten sich die Bolschewiki schließlich als Partei der russischen Arbeiterklasse bewiesen. Ihre unbestrittene Führerschaft befähigte sie, das spontane Bewusstsein der Arbeiterklasse in eine bewusste politische Kraft umzuformen. Ihre Methoden, die Führung zu erringen und die reformistische n Hindernisse aus dem Weg zu räumen, sind ein kostbares Vermächtnis für heutige RevolutionärInnen.

Unter Kerenskis Regentschaft mobilisierten weiter die Kräfte der bürgerlichen Konterrevolution. Der Druck von Seiten der Armeeführung verstärkte sich. Der Oberbefehlshaber Brusilow forderte von Kerenski: „Es kann keine Doppelautorität in der Armee geben. Die Armee muß einen Kopf und eine Autorität haben.“ Er forderte die vollständige Wiederherstellung der militärischen Disziplin. Kerenski, dessen eigene Rolle als Möchtegern-Bonaparte auf dem Drahtseilakt zwischen Sowjets und Konterrevolution fußte, wollte Zeit gewinnen, indem er Brusilow entließ und ihn durch Kornilow ersetzte. Kerenski gab diesem Balanceakt Gestalt durch die Einberufung einer „Staatskonferenz“ in Moskau vom 12. bis 15.August. Im Bolschoi-Theater versuchte Kerenski zwischen den gegensätzlichen Kräften – Unternehmern, Offizieren auf der rechten sowie den Sowjetabordnungen von Menschewiki und Sozialrevolutionären auf der linken Seite – den Starken Mann zu geben. Doch der offene Hass und die Angst zwischen den verschiednen Kräften machte das unmöglich. Letztlich untergrub Kerenski so seine schwache Autorität.

Eine Offensive der Konterrevolution sollte ihm dann den Rest geben. Indem sie sich an Kerenski, Zereteli und Tschernow orientierte, beging die Konterrevolution einen Riesenfehler. Sie glaubte, in diesen ausgelaugten Bankrotteuren den Kräfteschwund und Bankrott der Arbeiterklasse und Revolution zu erblicken. Dieser Fehler sollte sie aber bald teuer zu stehen kommen.

Vor dem Juli hatten sich die Bolschewiki als Führung in mehreren Kampfeinheiten der Arbeiterklasse mit Schlüsselfunktion etabliert. In den Petrograder Stadtratswahlen vom August verzeichneten sie Mehrheiten in den Arbeitervierteln von Peterhof und Wyborg. Ihr Einfluss in den Fabrikkomitees war angewachsen; 82% der Delegierten auf der allrussischen Fabrikkomitee-Konferenz im August unterstützten ihre Forderung nach Sowjetmacht. Die Bolschewiki führten einen Generalstreik in Moskau gegen die Staatskonferenz. Die versöhnlerische Führung des Moskauer Sowjets war gegen diesen Streik. Eine Resolution von jungen Putilower ArbeiterInnen belegt, dass sie nicht bereit waren, ihren Frieden mit der Bourgeoisie oder der provisorischen Regierung zu schließen: „Wir, die Jugend, haben aus der Erfahrung unserer Väter gelernt, wie gefährlich es ist, sich mit der Bourgeoisie zu verbrüdern; wir erklären, daß eine furchtbare Stunde kommen wird, wenn wir, die Jugend, uns zur Rettung der Revolution auf die Straße begeben werden, um mit unseren jungen Händen jene Schmarotzer zu zermalmen, die vom Blut und Schweiß der Fronenden leben. (Wir geben) unserer tiefen Verachtung für die Sozialrevolutionäre und Menschewiki (Ausdruck), die weiterhin mit der Bourgeoisie unter einer Decke stecken und sich von Kerenski und Zereteli an der Nase herumführen lassen.“

Den klassenbewußtesten ArbeiterInnen war offenbar klar, dass weitere Schlachten bevorstanden. Aber nach dem Juli hatten sie gelernt, wie notwendig Disziplin und Organisation sind, dass verfrühte und sporadische Kämpfe zu vermeiden sind. In dieser Situation begann die Bourgeoisie ihre Offensive sowohl gegen die provisorische Regierung wie gegen die Errungenschaften des Proletariats. Die Julitage hatten ihr das Zutrauen eingeflößt, ihren Angriff durchstehen zu können.

Am 22. Juli wurde der rechte General Kornilow zum Oberbefehlshaber ernannt. Er erklärte, dass er nur „seinem Gewissen und dem ganzen Volk“ verantwortlich sei. Auf der Moskauer Staatskonferenz wurde er von Kerenski und den bürgerlichen Ministern als „erster Soldat der Revolution“ umschmeichelt. Kornilows Aufstieg fiel zeitlich zusammen mit dem lauter werdenden Geschrei der Unternehmer nach vollständiger Wiederherstellung ihres Rechts auf Einstellung und Entlassung von Personal, worüber die Fabrikkomitees nun verfügten. Es gab ausgeklügelte Pläne zur Errichtung einer Militärdiktatur, um die Ordnung herzustellen, welche die provisorische Regierung offenkundig nicht herbeizuführen vermochte.

Die Schwäche von Kerenskis Regierung trat klar zutage. Er versuchte, der organisierten Arbeiterschaft einen Schlag zu versetzen. Am 24.August verbot er erneut die bolschewistische Presse. Doch zur selben Zeit bereitete sich die Bourgeoisie darauf vor, ihn und seine Regierung des Amtes zu entheben. Nach dem Juli schien es den Unternehmern, dass sie ganz einfach keine Verwendung mehr für die provisorische Regierung hätten. Wie auf Verabredung traten die bürgerlichen Kadetten aus der Regierung zurück, und General Kornilow kündigte einen Marsch zur Wiederherstellung der Ordnung in der Hauptstadt am 27. August an. Die lange tief stehende Aktienbörse stieg steil an, da die Kapitalisten Zuversicht über den Sieg der Konterrevolution ausstrahlten.

Die Voraussagen der Bolschewiki treffen ein

Alles, was die Bolschewiki über die menschewistischen Versöhnler und Kerenski vorausgesagt hatten, sollte sich durch den Lauf der Ereignisse bewahrheiten. Diese Arbeiterverräter gaben den Kräften der Konterrevolution Gelegenheit, neue Energien zu schöpfen und zurückzuschlagen. Die Partei wurde nun einer Prüfung im Kampf gegen die Konterrevolution unterzogen. Kornilows Marsch auf Petrograd erschütterte die Ordnung, die sich nach den Julitagen in den Fabriken etabliert hatte. Auf Zusammenkünften schworen die ArbeiterInnen, die Stadt zu verteidigen und forderten dafür von der Sowjet-Exekutive Waffen. Die Arbeiter der alten Baranowski-Maschinenbau-Fabrik beschlossen:

„Wir fordern, daß der zentrale Exekutivausschuß (TsIK) den Arbeitern Waffen aushändigt. Die Arbeiter werden ihr Leben nicht schonen und wie ein Mann die gerechte Sache der revolutionären Demokratie verteidigen und werden zusammen mit unseren soldatischen Brüdern eine unpassierbare Schranke gegen die Konterrevolution aufrichten und der Schlange, die es gewagt hat, die große russische Revolution mit ihrem tödlichen Biß zu vergiften, die Giftzähne herausbrechen.“

Tausende Petrograder ArbeiterInnen warfen sich in den Kampf, um Kornilow Einhalt zu gebieten. Mindestens 25.ooo meldeten sich bei den Roten Garden, die vom revolutionären Militärausschuss der Sowjets aufgestellt wurden. Von Putilow wurden 8.000 entsandt, um Verteidigungs- und Agitationsaufgaben zu übernehmen. Die im Werk Verbliebenen erzielten in drei Tagen einen Produktionsausstoß an Kanonen, zu dem sie sonst drei Wochen benötigten, um die Revolution zu verteidigen!

Kerenski hockte ängstlich hinter der proletarischen Mauer, die das rote Petrograd verteidigte – er hatte keine Alternative. Bolschewistische Führer wurden aus dem Gefängnis entlassen, die bolschewistische Presse wurde wieder zugelassen. Bolschewistische Militante befanden sich in vorderster Linie bei allen Mobilisierungen, um Kornilow aufzuhalten. Das Problem der Bolschewiki war, wie man diese Mobilisierungen zu einer Abkehr der Arbeitermassen von ihrem Vertrauen in die Menschewiki und Kerenski nutzen konnte und wie man die Widersprüche zwischen den Menschewiki und den Sozialrevolutionären an der Basis und ihren kompromittierten Führern verschärfen konnte.

Für Lenin lag der Schlüssel dazu in einer „indirekten“ Kampagne gegen Kerenski mit der Forderung nach einem immer aktiveren wahrhaft revolutionären Krieg gegen Kornilow. Die aufgebrachten ArbeiterInnen mussten mobilisiert  werden, um Kerenski mit Teilforderungen unter Druck zu setzen, die die Stimmung und das Selbstbewusstsein an der Basis heben sowie die Schwäche und die Schwankungen ihrer Führungen bloßstellen. Ihre Forderungen mussten die Gefangennahme des Kadettenführers Miljukow und des Duma-Vorsitzenden Rodsjanko, die beide Kornilow unterstützten, enthalten. Enthalten waren auch Forderungen nach Landübergabe an die Bauern sowie die Arbeiterkontrolle über die Fabriken und über die Verteilung von Brot.

Die Bolschewiki forderten auch die Bewaffnung der Petrograder Arbeiter und die Verlegung der militanten Kronstädter, Wyborger und Helsinkier Garnisonen nach Petrograd. Die Arbeiter im Kampf für ihre Forderungen in der revolutionären Verteidigung von Petrograd – das war für Lenin das Mittel, sie politisch voranzubringen. Darum beharrte er darauf, die Forderungen nicht nur Kerenski, sondern v.a. auch den ArbeiterInnen, Soldaten und Bauern, die durch den Verlauf des Kampfes gegen Kornilow mitgerissen worden waren, vorzulegen. Indem er Kornilow das Recht zum Sturz Kerenskis bestritt, schaufelte Lenin Kerenski und seinen Kompromißlern das politische Grab.

Dazu Lenin: „Wir ändern die Form unseres Kampfes gegen Kerenski. Ohne im mindesten in unserer Feindschaft nachzulassen, ohne ein einziges Wort zurückzunehmen, ohne auf die Aufgabe seines Sturzes zu verzichten, sagen wir, daß die gegenwärtige Lage berücksichtigt werden muß. Wir werden Kerenski nicht auf der Stelle stürzen. Wir werden die Aufgabe des Kampfes gegen ihn auf andere Art anpacken.“

Die Brücke zu den Massen

Diese Kampfmittel gegen Kornilow und Kerenski erwiesen sich als voller Erfolg. Kornilows Vormarsch wurde gestoppt, da seine Armee sich um ihn herum unter dem Druck der bolschewistischen Agitatoren und durch die Sabotage durch die militanten Eisenbahnarbeiter auflöste. Die Lage der Bolschewiki und ihr Einfluss in den Massen verbesserten sich nach der Niederlage Kornilows rasant. Ihre Anwendung der Einheitsfronttaktik, die sich auch an Kerenski und die Menschewiki und nicht nur an die Basis wandte, sicherte den Bolschewiki den Erfolg. Das Ziel war auf die Niederlage Kornilows beschränkt und wurde gerade darum von Tausenden ArbeiterInnen und Soldaten begeistert umgesetzt. Aber durch die Kombination aus Einheit in der Aktion und schonungsloser Kritik an Kerenski und der versöhnlerischen Sowjetführung bewiesen die Bolschewiki den Massen, dass sie die einzige konsequent revolutionäre Kraft waren.

Die Einheitsfront war eine Brücke zu den Massen und eine Waffe gegen die reformistischen Führer. General Kornilows Niederlage durch die Petrograder Arbeiter läutete die letzte Phase der russischen Revolution ein. Die ArbeiterInnen hatten wieder Waffen. Die Roten Garden hatten sich drastisch vergrößert. Ein neuer zuversichtlicher Ton prägte die Fabrikversammlungen überall in der Hauptstadt. Fabrik um Fabrik ersetzte ihre menschewistischen und sozialrevolutionären Sowjetdeputierten durch Bolschewiki. Resolution um Resolution auf den Massenversammlungen Anfang September machte sich die bolschewistische Forderung nach Machtergreifung der Sowjets und die Angriffe auf die Kollaboration der Sowjetführung mit der Kerenski-Regierung zu eigen. Die ArbeiterInnen von Langesiepen brachten dies sehr klar zum Ausdruck: „Wir vermuten, daß die Kornilow-Revolte euch eure schläfrigen Augen geöffnet hat und nun die Lage überblicken läßt, wie sie wirklich ist. Wir erklären, daß ihr lange für uns gesprochen habt, aber nicht unsere Meinung wiedergegeben habt; wir fordern: fangt an, die Sprache des Proletariats zu sprechen, sonst behalten wir uns die Freiheit der Aktion vor.“

Aber Kornilows Putschversuch hatte den Führern der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre nicht die Augen geöffnet, sondern sie sogar noch mehr verkleistert. Kerenski versuchte, seine Macht durch die Einrichtung eines fünfköpfigen Direktoriums zu stärken, aber die Sowjetführung unterstützte ihn weiter für ein Versprechen, ein Vorparlament einzuberufen.

Die Spannung zwischen den Ansprüchen der proletarischen Massen und den Absichten derjenigen, die sie einst als ihre Vertreter delegiert hatten, wuchs dramatisch. Im September nahm der Petrograder Sowjet zum ersten Mal eine eindeutig bolschewistische Entschließung für eine Regierung der „revolutionären Arbeiter- und Bauernschaft“ an. Der menschewistische Gegenantrag zugunsten der provisorischen Regierung konnte nur 15 von 1.ooo Delegiertenstimmen auf sich vereinen! Der Moskauer Sowjet verabschiedete vier Tage später eine bolschewistische Entschließung.

Menschewistische Spaltungen und Instabilität

Die anderen Konkurrenten um die proletarische Führung schrumpften oder waren, wie die Menschewiki, im Niedergang. Die Partei der Sozialrevolutionäre (SR) spaltete sich; ihr linker Flügel unterstützte die Forderung nach Sowjetmacht gegen ihre ehemaligen Führer. Die Mehrheit der Petrograder SR-Organisation stand hinter den Linken, die die Stimmung des roten Petrograd widerspiegelten. Dieser bedeutsame Stimmungsumschwung im Proletariat war geprägt durch die wachsende Identifizierung der aktivsten ArbeiterInnen mit der bolschewistischen Partei.

Die nimmermüde Agitation und Propaganda zur Aufdeckung des Verrats der Sowjetführung begann nun zu fruchten. In Petrograd zählten die Bolschewiki 43.000 Mitglieder, darunter 28.250 ArbeiterInnen und 5.8oo Soldaten. Die überwiegende Mehrheit der Partei war proletarisch. Das Gros der Intellektuellen jedoch ließ das Banner der Arbeiterklasse im Stich, je näher die Stunde der Entscheidung heranrückte. Jene Intellektuellen, die zur Arbeiterklasse hielten, gehörten zur Parteiintelligenz. Ihre Talente stellten sie in den Dienst der proletarischen Partei.

Der rasante Aufstieg der Bolschewiki

Der proletarische Kern der Partei wurde von der Mehrheit der ArbeiterInnen als ihre Vertretung in den Sowjets und Fabrikkomitees gewählt. Die Roten Garden bestanden im Oktober zu 44 % aus Mitgliedern der bolschewistischen Partei. Lenins Vorhutpartei umfasste nun die Massenavantgarde des russischen Proletariats. Der kometengleiche Aufstieg der Partei festigte sich im September und Oktober. Bei den Moskauer Duma-Wahlen holten die Bolschewiki 52 %, während die Menschewiki praktisch ins Nichts abstürzten. Im Oktober hatten die Bolschewiki im Moskauer Sowjet eine Mehrheit von 68 %, Menschewiki und SR kamen nur auf 16 bzw. 4 %. Die Bolschewiki waren zu einer nationalen Partei der gesamten russischen Arbeiterklasse geworden. Im September erlangten sie in Saratow die Mehrheit, in den folgenden Wochen auch in anderen Industriezentren.

Diese Tatsachen, die von bürgerlichen Historikern niemals widerlegt werden konnten, entlarven den Vorwurf, die Bolschewiki hätten als Minderheit über einen Putsch die Macht errungen, als Lüge und Verleumdung. Im Gegenteil: als Mehrheit leiteten sie eine Massenrevolution.

Die Bolschewiki hatten jene Schicht von ArbeiterInnen gewonnen, von der der Großteil des russischen Proletariats die Führung in ihren Kämpfen erwartete. Im Anschluss daran war es Aufgabe der Partei, diese Führungsposition zu nutzen, um zum Schlussangriff überzugehen gegen die Provisorische Regierung und die versöhnlerischen Arbeiterführer, die es sich in den Sesseln der Sowjet-Exekutiven bequem gemacht hatten.

Für jene ArbeiterInnen, die sich in die Partei eingereiht hatten, war es keine Frage, dass die sich verschärfende Krise nur durch die Machtergreifung der Sowjets gelöst werden konnte. Doch selbst nach dem Kornilow-Putsch lehnten die reformistischen Spitzen der Sowjets Lenins Angebot zur loyalen Opposition in den Sowjets im Falle ihrer Machtübernahem ab. So konnte die Machtübernahme durch die Sowjets nur noch in der Form einer von den Bolschewiki organisierten und geführten Machteroberung stattfinden. Eingedenk der Inbesitznahme von Land durch die armen Bauern, der Handlungsunfähigkeit der Kerenski-Regierung und angesichts der veränderten Stimmungslage in den  Sowjets beschloß die 3. Petrograder Stadtkonferenz der Bolschewiki Anfang Oktober, dass der entscheidende Augenblick zum Handeln gekommen war. Die versammelten Abgeordneten der Arbeiterführung des roten Petrograd erklärten: „All diese Umstände machen klar, dass der Augenblick für die letzte Entscheidungsschlacht, die über das Schicksal nicht nur der russischen, sondern sogar der Weltrevolution bestimmen muß, da ist.“

Erinnerungen an den Juli

Zwischen der bolschewistischen Vorhut und der Masse der ArbeiterInnen bestand eine letzte Differenz. Die Mehrheit war für Sowjetmacht. In Petrograd stimmte lediglich eine einzige Fabrik-Massenversammlung gegen die Forderung, daß der bevorstehende 2. Allrussische Sowjjetdeputierten-Kongress die Macht übernehmen solle. Dieser Streit war entschieden.

Aber noch war nur eine Minderheit der ArbeiterInnen, vornehmlich jüngere, bereit zu einem „offenen Vorgehen,“ um das Ziel zu erreichen. Die Erinnerung an den Juli war noch lebendig. Ein Rotgardist aus der Petrograder Rohrfabrik beschrieb seine böse Vorahnung, als sein Kommando die letzte Nacht vor der Revolution in der Fabrik zubrachte: „Aber mir war nicht nach Schlafen zumute. Viele Gedanken schwirrten mir im Kopf herum; vieles, was jetzt so klar ist, verstand ich noch nicht. Die Julitage standen mir noch zu lebhaft vor Augen. Das Gezisch der kleinbürgerlichen Menge erschütterte meine Gewißheit.“

Seit Juli hatte aber eine einschneidende Verschiebung im Kräfteverhältnis der Klassen stattgefunden. In den anderen Industriezentren herrschte inzwischen auch die Stimmung von Petrograd vor. Auch die Bauernschaft regte sich. Die Bolschewiki erkannten dies und waren bereit, jetzt den entscheidenden den Kampf um die Macht zu führen. Alle Bedingungen für die Machtergreifung durch die Arbeiterklasse waren vorhanden.

In dieser Situation konnte nur ein entschiedener Vorstoß der Vorhut den Massen die von der Mehrheit ersehnte entscheidende Auseinandersetzung herbeiführen, auch wenn viele davor zurückschreckten. Lazis, der Organisator des Wyborg-ßezirks, drückte dies treffend aus: „Der organisierte Apparat muß beim Vorstoß die vorderste Linie bilden; die Massen werden folgen. Es ist ganz anders als früher.“

Die Bolschewiki hatten im Juli gelernt, dass der Aufstand nicht nach dem Muster der bürgerlichen Revolution von 1789 in Frankreich ablaufen konnte, wo sich die große Masse des Volkes wie ein Mann gegen das alte Regime erhob. In der modernen kapitalistischen Gesellschaft bedarf die Kunst des Aufstands einer überaus sorgfältigen Planung. Die technische Vorbereitung muss sich an die politische Vorbereitung anschließen. Mit der Eroberung der Massen waren die Bolschewiki verpflichtet, die zum Sieg im Aufstand nötige geheime Vorbereitungsarbeit aufzunehmen. Die Partei musste die Waffen für den Aufstand schmieden. Trotzki bemerkte dazu: „Genau wie ein Schmied nicht das glühende Eisen mit der bloßen Hand ergreifen kann, so kann das Proletariat nicht direkt die Macht ergreifen; es muß über eine Organisation verfügen, die dieser Aufgabe angemessen ist. Die Koordination des Massenaufstands mit der Verschwörung zum Aufstand sowie die Organisation der Aufstände durch die Verschwörung bilden jenen vielschichtigen und verantwortungsvollen Teil revolutionärer Politik, den Marx und Engels ‚die Kunst des Aufstands‘ nannten. Sie setzt eine korrekte allgemeine Führung der Massen, eine wendige Orientierung unter sich wandelnden Bedingungen, einen durchdachten Angriffsplan, Vorsicht bei der technischen Vorbereitung und einen wagemutigen Schlag voraus.“

Die Führung des Proletariats hatten die Bolschewiki errungen – nun bereiteten sie sich darauf vor, diesen „wagemutigen Schlag“ zu führen und die Staatsmacht für die Sowjets zu erobern. Am 22. Oktober kamen die Petrograder ArbeiterInnen auf einer Reihe von Veranstaltungen zusammen, um den „Tag des Petrograder Sowjets“zu feiern. Arbeiter aus der Partei sprachen auf Versammlungen in Fabrikhallen, um Provokation und Konfrontation zu vermeiden. 30.000 wohnten einer Veranstaltung im zentralen Volkshaus bei, auf der Trotzki die Zuhörerschaft mit der Forderung, die Revolution bis zum Ende zu führen, elektrisierte. Ein Sozialrevolutionär beschrieb, dass auf Fabrikversammlungen jener Zeit „unsere Reden zum Scheitern verurteilt schienen.“ Der Menschewist Suchanow verließ das Volkshaus ganz benommen: „Außergewöhnlich schweren Herzens beobachtete ich diese wahrhaft majestätische Szenerie. In ganz Petrograd spielte sich dasselbe ab. Überall letzte Rückblicke und Schwüre. Streng genommen war das schon der Aufstand. Er hatte bereits begonnen.“

Diejenigen, die  die Brücken, Postämter und Bahnhöfe einnehmen und die die Provisorische Regierung gefangen nehmen sollten, wussten: die Masse der ArbeiterInnen stand hinter ihnen. Dies flößte den Bolschewiki das Vertrauen und den Mut zum Handeln und die Siegesgewissheit ein.

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