Russland auf dem Weg zum Roten Oktober Alle Macht den Sowjets!

Workers Power, Die Taktiken der Bolschewiki in der Revolution, Kapitel 3, Revolutionärer Marxismus 38, Oktober 2007

Die Oktoberrevolution wurde in Russland von der Bolschewistischen Partei unter der Losung „Alle Macht den Sowjets!“ geführt. Im Verlauf der Revolution von 1905 und – noch deutlicher – von 1917 hatten Lenin, Trotzki und die Bolschewiki die historische Bedeutung der Sowjets als Organisationsform zu verstehen gelernt.

Der Sowjet, ein Rat, der alle ausgebeuteten und unterdrückten Gruppen vertrat und sie auf dem Prinzip direkter Wahl, jederzeitiger Abwählbarkeit und der Abschaffung bürokratischer Privilegien gründete, wurde von den Bolschewiki zurecht als der beste und direkteste organisatorische Ausdruck der Macht des Proletariats und seiner Verbündeten angesehen. Er war die bestmögliche Grundlage für die Diktatur des Proletariats – für den Rätestaat.

1938 schrieb Trotzki im Übergangsprogramm: „Die Losung der Sowjets krönt daher das Programm der Übergangsforderungen.“ Er erklärte, dass im Kampf um die Macht die Sowjets das Mittel sind, um alle gegen den Kapitalismus kämpfenden Kräfte zu vereinigen. Nach Lenins und Trotzkis Ansicht gab es keinen Ersatz für die Sowjets als Organe der Arbeitermacht. Was sie zu dieser Ansicht gebracht hatte, waren die Sowjets selbst.

Repräsentation

Die Organisationsform der Sowjets entsteht, wenn die täglichen Kämpfe der Massen im Moment einer revolutionären Krise stattfinden. Sowjets sind eine außergewöhnliche Organisationsform, um mit außergewöhnlichen Problemen, die eine revolutionäre Krise aufwirft, fertig zu werden. Gerade deswegen reagieren sie viel unmittelbarer auf die Bedürfnisse und Wünsche der Massen, als die etablierten und oft bürokratisierten Organisationsformen. Sie sind Vertretungen der ArbeiterInnen und ihrer Verbündeten im Kampf. Ein Mitglied des örtlichen Sowjets von Wyborg 1917 vermittelt einen Eindruck vom wahrhaft repräsentativen Charakter der Räteform:

Die „Massen des Wyborger Rayons brachten alle ihre Bedürfnisse und Erwartungen vor den Sowjet; für sie war er das bedeutsame und greifbare Organ der Macht. Vom Morgen bis zum Abend kamen Arbeiter, Jugendliche, Soldaten mit verschiedenen Problemen. Keiner ging ohne Antwort wieder weg.“

Man vergleiche diese Nähe des Sowjets zur Basis mit der Distanz, welche die Gewerkschaftsbürokraten zwischen sich und ihren Millionen Mitgliedern errichtet haben!

Dank dessen, dass er die Massen im Kampf repräsentiert, ist er einzigartig gut  dazu geeignet, ein Instrument für den revolutionären Kampf zu sein. Da er eine wirkliche Repräsentation der Massen ist, kann er sie am einfachsten und effektivsten auch zu  den Waffen rufen. 1905 und 1917 war der Petrograder Sowjet imstande, Zehntausende in allen Industriezweigen zu Streikaktionen zu mobilisieren, um den Achtstundentag zu sichern. Seine Aufgabe war es, den Kampf jener, denen er verantwortlich war, zu koordinieren und zu führen. Über den Petrograder Sowjet von 1905 bemerkte Trotzki, dass er mehr einem Kriegsrat, als einem Parlament ähnelte.

Gerade dieser Wesenszug ließ Trotzki 1917 optimistisch sein, dass die Sowjets für den bolschewistischen Einfluss empfänglich wären. Die Probe in der Aktion selbst konnte nicht einfach durch eine schwerfällige bürokratische Maschine verzögert werden. Jede Stunde warf für die Sowjets ein neues Problem auf, das in der Praxis zu lösen war. Das Programm revolutionärer Aktion kann rasch – und oft dramatisch – den Massen seine Überlegenheit enthüllen. Trotzki bemerkte dazu: „Von allen Formen revolutionärer Vertretung ist der Sowjet die flexibelste, unmittelbarste und durchlässigste. Aber er ist noch bloß eine Form. Er kann nicht mehr geben, als die Massen imstande sind, zu einem bestimmten Moment hineinzubringen. Jenseits davon kann er den Massen nur dabei helfen, die Fehler, die sie begangen haben, zu verstehen und zu korrigieren. In dieser Funktion der Sowjets liegt eine der wichtigsten Garantien der Entwicklung der Revolution.“

Das dritte zentrale Element der Sowjetform, das Lenin und Trotzki dazu brachte, sie derart hoch für die Zwecke der Revolution zu bewerten, war, dass sie ein embryonales Organ der Macht – der Arbeitermacht – darstellten. Dies zeigte sich 1905 wie 1917. Die Sowjets entwickelten sich aus Streiks heraus, aber sie übernahmen die Funktionen der Verwaltung, der Organisation von Versorgung und die Organisation einer proletarischen Miliz.

In den Streiks von 1905 entstand der erste Sowjet in Russland – im Mai in Iwanowo-Wosnessensk. Während eines Streiks der 40.000 ArbeiterInnen in dieser Textilstadt, trafen sich 110 von ihnen gewählte Delegierte. Die Bedeutung dieser Versammlung bestand darin, dass sie alle ArbeiterInnen des Distrikts auf einer stadtweiten Grundlage, ohne Unterschied ihres Berufes oder ihrer Qualifikation, vereinte.

Das Petrograder Proletariat – die Vorhut im Jahre 1905 wie auch 1917 – ahmte seine Brüder und Schwestern in Iwanowo-Wosnessensk rasch nach. Während des Generalstreiks im Oktober trafen sich 40 Delegierte im Technischen Institut und errichteten einen Sowjet zur Organisierung des Streiks – aber nicht nur dazu. Sie erklärten: „Die Versammlung der Delegierten aus allen Fabriken wird ein Allgemeines Arbeiterkomitee in St. Petersburg bilden. Das Komitee wird unsere Bewegung stärken und vereinheitlichen, es wird die Arbeiter von St. Petersburg in der Öffentlichkeit repräsentieren und über Aktionen während des Streiks ebenso entscheiden, wie über seine Beendigung.“

Eine „zweite Regierung“

Dies war nicht nur ein Streikkomitee. Im November 1905 hatte es 562 Delegierte. Es gab die „Iswestija“ als Tageszeitung heraus, indem es die Druckereien der bürgerlichen Zeitungen besetzte, um zu garantieren, dass sie regelmäßig und professionell produziert würde. Unter Trotzkis Führung legte es ein gegen die Macht der zaristischen Autokratie gerichtetes Programm politischer Forderungen vor. Es untersagte die Verbreitung von Zeitungen, die vom Staat zensiert waren. Nur jene, die den Stempel des Sowjets „Unzensiert“ trugen, wurden ausgeliefert.

Noch bezeichnender ist, dass seine Existenz und seine Kämpfe auch nach dem Streik anhielten. Der Petersburger Polizeichef war über den Sowjet so in Sorge, dass er prophetisch warnte, er drohe, eine „zweite Regierung“ zu werden. Sein Potential als ein Organ der Arbeitermacht enthüllte sich im Herbst 1905. Sein wahres Potential sollte sich im Oktober 1917 entfalten.

Anfänglich standen die Bolschewiki 1905 den Sowjets argwöhnisch gegenüber. Sie sahen sie als eine menschewistische List an, um eine konkurrierende, parteilose Körperschaft aufzubauen, mittels derer sie dann die Bolschewiki ausmanövrieren konnten. Dieser Argwohn rührte von der Weigerung des Sowjets her, sich allein auf Gewerkschaftsfragen zu beschränken. Der wichtige bolschewistische Agitator. P. Mendelew erklärte: „Der Sowjet der Arbeiterdeputierten hat kein Recht, als eine politische Organisation zu existieren und die Sozialdemokraten müssen von ihm zurücktreten, da seine Existenz der Entwicklung der sozialdemokratischen Bewegung schädigt. Der Sowjet mag als eine Gewerkschaftsorganisation existieren – oder er sollte überhaupt nicht existieren!“

Die Absichten der Menschewiki

Der Argwohn, den die Bolschewiki gegenüber dem Sowjet verspürten – genauer, gegenüber den Menschewiki, von denen sie annahmen, dass diese hinter dem Sowjet stünden – war jedoch alles andere als unbegründet.

Die Menschewiki begeisterten sich daran, Sowjets als „Arbeiterkongresse“ zu schaffen. Diese Kongresse könnten, in den Worten Martynows, als Mittel dienen, „revolutionären Druck auf den Willen der liberalen und radikalen Bourgeoisie auszuüben“. Die Menschewiki glaubten, dass die Rolle des Proletariats nur darin bestünde, die Bourgeoisie während der demokratischen Revolution zu ermutigen. Der Sowjet, als eine Form lokaler Regierung und eines Arbeiterkongresses, wurde nicht als Machtorgan, sondern nur als Druckmittel gegenüber der Bourgeoisie gesehen. Mehr noch, die Menschewiki glaubten, dass innerhalb eines solchen Forums eine Massenpartei der Arbeiterklasse – eine, die verschiedenste politische Tendenzen ausdrücken würde – aufgebaut werden könnte. Daher war der Sowjet für Martynow „abnormal“, aber er konnte dazu gebraucht werden, um die Norm der internationalen Sozialdemokratie, eine Massenpartei, zu erreichen, „die breit genug ist, um Organisationen nach dem Muster des Sowjets der Arbeiterdeputierten einzuschließen oder überflüssig zu machen.“

Lenin verstand das wirkliche Wesen der Sowjets – ihren repräsentativen Charakter, ihre Befähigung zum revolutionären Kampf und ihr Potential als Machtorgane – trotz des Einflusses des Menschewismus in ihnen. Indem er die Sowjets nicht als eine Alternative zu den Bolschewiki, sondern als ein Mittel zur Erfüllung der bolschewistischen Regierungslosung, der Provisorischen Revolutionären Regierung, darstellte, gewann er die Partei für die Notwendigkeit des Kampfes um die Führung innerhalb der Sowjets. Für ihn waren Sowjets zugleich auch „Instrumente des Aufstandes“ und „Zellen der neuen revolutionären Macht“. 1906 schrieb er über den Petrograder Sowjet: „Das war das Gesicht der neuen Macht – oder besser, ihre Keimform, da der Sieg der alten Macht die jungen Sprossen sehr bald zerstörte.“

Im Februar 1917, nach dem Sturz der Autokratie, begannen die jungen Keime erneut zu sprießen. Diesmal führten die Bolschewiki, nach Lenins Rückkehr und nach dem Triumph seiner „Aprilthesen“, die die sozialistische Revolution und die Schaffung einer Sowjetregierung als eine Arbeiter- und Bauernregierung unmittelbar auf die Tagesordnung setzten, einen Kampf, um die Sowjets zu den einzigen Machtorganen in ganz Russland zu machen.

Die Menschewiki, eng an die Bourgeoisie gekettet, versuchten, die Sowjets auf eine überwachende und beratende Rolle gegenüber der kapitalistischen Provisorischen Regierung zu beschränken. De facto war nach dem Februar die Macht zwischen der Bourgeoisie und den Sowjets aufgeteilt: eine Situation der Doppelmacht herrschte.

Arbeiter- und Soldatendelegationen

Am Nachmittag des 27. Februar 1917 gründete eine Gruppe von Petrograder Arbeiterführern im Taurischen Palais das „Provisorische Exekutivkomitee des Sowjets der Arbeiterdeputierten.“ Sie beschlossen, Abgeordnete auf der Basis von einem Deputierten pro 1.000 ArbeiterInnen zu wählen. Als sie sich am Abend versammelten, waren zwischen 40 und 50 Deputierte anwesend. Bei der Versammlung waren Soldaten ebenso wie ArbeiterInnen vertreten. Die von den Armeekompanien, die an der Revolution teilgenommen hatten, gewählten Deputierten waren entscheidend daran beteiligt, den Petrograder Sowjet in eine Organisation der ArbeiterInnen und Soldaten umzuwandeln.

Die Bedeutung dessen war ungeheuer. Nicht nur, dass dies militärische Unterstützung und Waffen für den Sowjet bedeutete; es brachte die Bauernschaft – denn die Soldaten waren hauptsächlich „Bauern in Uniform“ – in Kontakt mit dem Proletariat. Es half, das Bündnis zu schmieden, das schließlich in der revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung nach dem Oktober vollendet werden sollte.

Nach der Abendsitzung am 27. Februar wurde der Sowjet stärker und stärker. In Petrograd wurden Ende März elf größere lokale Sowjets aufgebaut. Der zentrale Petrograder Sowjet wuchs im März zu einer Körperschaft von 3.000 Delegierten an. Im gesamten Zarenreich entstanden Sowjets. Im Mai gab es 400, Im Oktober schon 900.

Auf dem ersten Allrussischen Sowjetkongress im Juni 1917 versammelten sich in der Hauptstadt 1.090 Delegierte, welche 20 Millionen ArbeiterInnen, Soldaten und Bauern vertraten.

Doch die Sowjets entwickelten sich nicht nur zahlenmäßig. Zur Verblüffung ihrer anfänglichen menschewistischen Führer mischten sie sich andauernd in Regierungsgeschäfte ein. Im Flottenstützpunkt Kronstadt, wo die Bolschewiki und die linken Sozialrevolutionäre von Beginn an die Mehrheit hatten, erklärte der Sowjet im Mai: „Die einzige Macht in der Stadt Kronstadt ist der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten, der mit dem Petrograder Sowjet in Regierungsangelegenheiten zusammen handelt.“

Der Sowjet entließ den Vertreter der Provisorischen Regierung und erklärte Kronstadt sogar zur Republik. Dies erschreckte die Kompromißler im Petrograder Exekutivkomitee bis ins Herz. Zeretelli und Skobelew wurden ausgesandt, um die Kronstädter zu überreden, von solchen Aktionen Abstand zu nehmen. Aber beide waren angesichts der steigenden Flut hilflos. Überall war es die Dynamik der Sowjets selbst, die sie in eine ähnliche Richtung wie Kronstadt trieb.

In Wyborg, der bolschewistischen Bastion in Petrograd, der Heimat der großen Fabriken, überwachte der Sowjet die Arbeiterkontrolle in den Fabriken und übernahm die Gefängnisbäckerei des Kresty, um die Brotversorgung der ArbeiterInnen zu sichern.

Die Fabriken von Wyborg standen im Kampf um die Sowjetmacht von Anfang an in vorderster Front. Im April war der bürgerliche Minister Miljukow gezwungen, die Provisorische Regierung nach der Bekanntmachung seiner Note an die Alliierten, welche die Treue Russlands zu den Kriegszielen des Zaren erklärte, zu verlassen.

Als Antwort darauf gab Wyborg die lautstärksten Aufrufe zur Beendigung der Doppelmacht heraus. Die Resolution der Konstruktionsfabrik für optische Geräte ist typisch für die Stimmung in Wyborg: „Daher meinen wir, daß die Miljukow, Gutschkow und Co. nicht ihrer Ernennung entsprechen und wir erkennen, daß die einzige Macht im Land die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten sein müssen, die wir mit unserem Leben verteidigen werden.“

Widersprüche der Doppelmacht

Bis zum Juni waren Wyborg und Kronstadt bei ihren Aufrufen zur Lösung der Doppelmacht relativ isoliert. Die Bourgeoisie war sich des Problems, dem sie sich gegenübersah, wohl bewusst, wenn sie mit der Macht der Sowjets koexistieren musste. Gutschkow drückte sein Verständnis des Problems schon so früh, wie am 9. März, aus:

„Die Provisorische Regierung besitzt keine reale Macht. Ihre Befehle werden nur von den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten unterstützt (…) offen gesagt, die Provisorische Regierung existiert nur auf Erlaubnis der Sowjets.“

Der springende Punkt der Doppelmacht war, dass das Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets – welches in ganz Russland als Führung angesehen wurde – bis zum September diese Erlaubnis erteilte. Das Exekutivkomitee schloss einen Handel mit den bourgeoisen Überbleibseln des Staatsduma-Komitees und sagte dann den ArbeiterInnen und Soldaten: „Solange das Übereinkommen zwischen dem Petrograder Arbeiter- und Soldatensowjet und der Provisorischen Regierung nicht gebrochen wird, muß die Provisorische Regierung als die einzige gesetzmäßige Regierung für ganz Rußland angesehen werden.“

Nach dem Rücktritt von Gutschkow und Miljukow und dem Eintritt von Sowjetvertretern in die Provisorische Regierung zog Zeretelli die logische Schlussfolgerung – vom Standpunkt der Menschewiki und rechten Sozialrevolutionäre aus gesehen – und argumentierte: „Jetzt wird alle Macht der Provisorischen Regierung überantwortet werden. (Der Sowjet darf) sich nicht in Verwaltungsgeschäfte einmischen. Wir sollten eine nationale Regierung nicht hindern, sondern im Fall von Fehlern Alarm schlagen.“

Warum waren die Kompromissler während so vieler Monate lang imstande, der Masse der ArbeiterInnen und Bauern Achtung vor der Provisorischen Regierung einzuflößen? Zuerst einmal, weil die Menschewiki und die rechten Sozialrevolutionäre bei Ausbruch der Februarrevolution in Russland stärker als die Bolschewiki waren. Sie waren besser in der Lage als die Bolschewiki, Führungspositionen in den Sowjets zu besetzen. So waren sie fähig, die realen Ängste der ArbeiterInnen vor der Konterrevolution auszuspielen, die Rolle der Sowjets auf eine Überwachung der Regierung zu beschränken. In Erinnerung an die Verfolgungen, die dem Jahr 1905 folgten, waren viele ArbeiterInnen nicht darauf vorbereitet, die alleinige Verantwortung für das Schicksal der Revolution zu übernehmen. Die menschewistische Ansicht, die Regierung der Bourgeoisie zu überlassen, passte zu solchen Befürchtungen.

Ein Delegierter zur Stadtkonferenz der Bolschewiki im April stellte fest: „Als das Proletariat noch immer fürchtete, die Macht in seine Hände zu nehmen, machte sich die Bourgeoisie in die Duma auf und begann, Proklamationen herauszugeben und Deputierte zu wählen. Unsere besten Arbeiter erleichterten aus Angst vor der Konterrevolution die zufällige Zusammensetzung des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten.“

Kritische Unterstützung für die Regierung

Bis zur Rückkehr Lenins befürwortete keine Partei der Revolution den Aufbau der Sowjetmacht als unmittelbares Ziel der Revolution. Die bolschewistische Formel lautete: „Für eine revolutionäre Provisorische Regierung!“ Sogar führende Personen in der Partei, z.B. Kamenew, vertraten die kritische Unterstützung für die im Februar geschaffene Provisorische Regierung. Es ist daher nicht überraschend, dass auch die Masse der Arbeiterklasse und der Armee ihre Aufgabe darin erblickte, die Regierung auf demokratischem Kurs zu halten. Typisch für diese Auffassung war die Resolution der Baltischen Schiffswerft, die erklärte: „Volles Vertrauen in den Sowjet – und wir sind sicher, daß der Sowjet, indem er selbst auf unser Vertrauen und auf die Unterstützung der organisierten revolutionären Demokratie gründet, fähig sein wird, die Provisorische Regierung zu zwingen, die Wünsche der revolutionären Armee und des Volkes in Betracht zu ziehen.“

Von Ende April bis zum Juli betonten die Bolschewiki – anfänglich eine schwache Fraktion in den meisten Sowjets (40 Deputierte von insgesamt 3.000 in Petrograd Ende März) – die Losung „Alle Macht den Sowjets!“ Ihr Ziel war, der probürgerlichen Politik der Kompromissler zu entkommen und in einer Sowjetrepublik die Führung, wenn möglich mit friedlichen Mitteln, zu gewinnen. Ab Juni machten sie dabei beträchtliche Fortschritte.

Die Arbeiter beschuldigen die Kapitalisten

Die Provisorische Regierung war unfähig, die großen Probleme der wirtschaftlichen Produktion, der Landfrage oder des Krieges zu lösen. Mehr und mehr gelangten die ArbeiterInnen dahin, den Kapitalisten die Schuld zu geben, dass sie die Lösung dieser brennenden Probleme verhinderten. Mehr und mehr blickten sie auf ihre eigenen Organisationen, um diese Aufgabe für sie zu erledigen.

Als die Sowjetführung im Juni eine bolschewistische Demonstration aus Angst verbot, war sie genötigt, einen offiziellen Protestmarsch, um Dampf abzulassen, einzuberufen. Der Marsch vereinte über 400.000 und bestand aus ArbeiterInnen und Soldaten. Die „Demokratie“ versteckte sich in den Cafes und Salons. Trotz des „offiziellen“ Charakters des Marsches spiegelten seine Stimmung und Losungen den rasch wachsenden Einfluss des Bolschewismus wider. Suchanow, ein Augenzeuge, bemerkte: „Und wieder und wieder, wie der unablässige Ruf aus dem tiefsten Inneren der revolutionären Hauptstadt, wie das Schicksal selbst, wie der verhängnisvolle Burnhamwald, kamen sie zu uns: ‚Alle Macht den Sowjets!‘, ‚Nieder mit den zehn kapitalistischen Ministern!'“

Der konterrevolutionäre Trend nach den Juli-Tagen brachte die Bolschewiki dazu, einen Wechsel der Losungen bezüglich der Sowjets zu debattieren. Die Illegalisierung der bolschewistischen Partei, die Verhaftung vieler ihrer Führer und die Repression gegen die fortschrittlichsten ArbeiterInnen und Soldaten – alles von der damaligen Sowjetführung, also den Sozialrevolutionären und den Menschewiki, unterstützte Maßnahmen – brachte die Bolschewiki dazu, die Losung „Alle Macht den Sowjets!“ fallen zu lassen. Die Hoffnung der Bolschewiki auf eine friedliche Entwicklung der Revolution verpuffte.

Trotz der Repression, die auch die bolschewistische Zeitung „Prawda“ verboten hatte und zeitweilig das Gros der Führung in den Untergrund getrieben hatte, überlebte die bolschewistische Partei die Wochen der Spionagehysterie, die nach den Juli-Tagen durchs Land ging und besagte, dass Lenin ein deutscher Agent sei.

Lenin und Sinowjew schickten aus ihrem Versteck in Rasliw, unmittelbar jenseits der finnischen Grenze, Briefe und Dokumente. Schon am 13. Juli war die Partei fähig, eine zwei Tage dauernde strategische Konferenz der Militär-Organisation, des Zentralkomitees und der Komitees des Petrograder und Moskauer Distrikts abzuhalten.

Die Menschewiki und die Konterrevolution

Lenin bereitete dafür ein Dokument vor: „Die politische Situation“. Es bestand aus vier Thesen. These I erklärte, dass „die Konterrevolution tatsächlich die Staatsmacht in ihre Hände genommen hat“ und dass „Rußland tatsächlich eine Militärdiktatur ist“, deren Politik „die Vorbereitung der Auflösung der Sowjets ist“.

These II brandmarkte die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre dafür, dass sie „die Sache der Revolution, indem sie sie in die Hände der Konterrevolution legten, (vollständig) verraten haben“, für die sie nun als „bloßes Feigenblatt“ tätig wären.

These III proklamierte, dass alle Hoffnung auf einen friedlichen Übergang verschwunden sei und nun ein bewaffneter Arbeiteraufstand notwendig sei. Konsequent argumentierte Lenin, dass die Losung „Alle Macht den Sowjets!“ zurückgenommen werden müsste. Der Grund, den Lenin dafür angab, war, dass „es eine Losung für die friedliche Entwicklung der Revolution war“ und dass „die Macht in andere Hände übergegangen ist“ und die Menschewiki und Sozialrevolutionäre die Revolution „vollständig verraten“ hätten.

Die vierte These besagte, dass die Partei legale und illegale Arbeit mit dem Ziel eines Aufstandes kombinieren müsse – dessen Ziel sein würde, „die Macht dem von den armen Bauern unterstützten Proletariat zu übergeben; mit der Perspektive, unser Parteiprogramm in die Tat umzusetzen.“

Unzutreffende Taktiken und Losungen

Lenins Thesen wurden heftig diskutiert. Unter anderem wurden sie von Wolodarsky, Nogin und Rykow angegriffen. Sogar Sinowjew, der Lenins Exil teilte, sandte eine Note, dass er nicht damit übereinstimme. Neben anderen unterstützten Swerdlow und Stalin Lenins Ansicht.

Die Diskussionen kreisten darum, ob die Konterrevolution triumphiert hätte oder nicht – das heißt, ob die Doppelmacht zugunsten der Bourgeoisie gelöst wäre, ob die Menschewiki und Sozialrevolutionäre sich nun definitiv als Konterrevolutionäre erwiesen hätten, ob eine friedliche Evolution innerhalb der Sowjets noch stattfinden könne, die es einer Sowjetregierung erlauben würde, an die Macht zu gelangen und ob ein Aufstand tatsächlich notwendig sei und ob der Sowjet nicht länger mehr der Mittelpunkt der Aktivität der Bolschewiki sei.

Ordshonikidse erinnerte sich später, dass Lenin in dieser Periode argumentiert hätte, dass die Fabrikkomitees – und nicht die Sowjets – die Organe des Aufstands werden würden.

In ihrem Wesen war Lenins Position strategisch, das heißt programmatisch, korrekt. Aber hinsichtlich einer Einschätzung der Situation und hinsichtlich der Taktik und der Losungen war sie unzutreffend. Die Parteidiskussion korrigierte diese Unzulänglichkeiten und die Taktik der Bolschewiki im August und September, überwand die Probleme, denen die Partei sich gegenübersah. Lenin überschätzte die Totalität der Konterrevolution.

Insoweit es eine Konterrevolution nach dem Juli gab, so blieb sie eine demokratische Konterrevolution und nicht die Durchsetzung einer Militärdiktatur. Das Armeekommando, die bürgerlichen „Konstitutionellen Demokraten“ und die rivalisierenden Möchtegern-Bonapartes – Kerenski und Kornilow – hatten die Doppelmacht nicht gelöst. Eher führten die reformistischen Führer die Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte dazu, „Notstandsmaßnahmen“ gegen die proletarische Avantgarde zu erlauben. Aber die Etablierung einer Militärdiktatur hätte die Zerschlagung der Sowjets, der Soldatenkomitees und die vollständige Entwaffnung der Arbeiter erfordert. Um dies zu erreichen würde ein zweiter Coup notwendig sein.

Der taktische Irrtum Lenins bestand in der völligen Aufgabe der Losung „Alle Macht den Sowjets!“, die notwendigerweise mit der „friedlichen Entwicklung“ verbunden war. Lenin sah sie zu dieser Zeit allein als eine Losung an, die synonym wäre mit „Menschewiki und Sozialrevolutionäre, nehmt die Macht!“

Beide Irrtümer waren miteinander verknüpft. Lenin meinte, dass es keine weitere Periode legaler Sowjets, in der die Bolschewiki fortfahren könnten, immer mehr Delegierte in den Sowjets und schließlich sogar die Mehrheit darin zu gewinnen, geben werde. Dies war jedoch nicht der Fall und nach ein paar Wochen setzten die Bolschewiki ihren Aufstieg in den Sowjets fort.

Es war sicher korrekt, die Agitation für „Alle Macht den Sowjets!“ in der bislang gebräuchlichen Weise zurückzuziehen, sobald die Parteien der Mehrheit darin ihre totale Komplizenschaft mit den Konterrevolutionären bloßgelegt hatten. Aber sie besaß noch immer Bedeutung als ein Ausdruck der Notwendigkeit eines Arbeiterstaates, statt einer bürgerlichen Demokratie – und als die Bolschewiki dabei waren, eine Mehrheit zu erlangen, sollte sie eine neue konkrete agitatorische Bedeutung erlangen: „Alle Macht den (bolschewistischen) Sowjets!“

Der Kampf um eine bolschewistische Führung

Lenin war sich der Gefahr bewusst, die organisatorische Form von ihrer politischen Führung zu trennen. Unter einer reformistischen Führung können Sowjets eine reaktionäre Rolle spielen – wie tatsächlich im Juli 1917 oder in der deutschen Novemberrevolution unter Führung der SPD. Mit einer revolutionären Führung würden die Sowjets jedoch eine revolutionäre Rolle spielen. Der Kampf um neue Sowjets wurde de facto im August 1917 ein Kampf um eine bolschewistische Führung darin.

Die existierenden Sowjets wurden erneuert und ihre reaktionären Führungen verdrängt. In der Debatte auf dem bolschewistischen Kongress im Juli hatte Bucharin vorausschauend gewarnt: das „Kind wird mit dem Badewasser ausgeschüttet, wir dürfen nicht der Form der Sowjets die Schuld geben, weil ihre Zusammensetzung sich als unpassend erwiesen hat.“

Bucharins Ratschlag wurde, besonders in den lokalen Sowjets, stark beachtet. Ab September begannen die Bolschewiki, quer durch ganz Russland in den Sowjets Mehrheit um Mehrheit zu erlangen.

Aus diesem Grund wurde die Losung „Alle Macht den Sowjets!“ nicht ein zweites Mal von der Tagesordnung abgesetzt, sondern ihr wurde eine neue Bedeutung verliehen: „Alle Macht den bolschewistischen Sowjets!“ In dieser Formulierung hörte die Losung schließlich auf, ein Aufruf zu einer friedlichen Entwicklung zu sein. Die Partei nähert sich der bewaffneten Erhebung durch die Sowjets und im Namen der Sowjets.

Auf dem VI. Parteikongress, der am 26. Juli begann und acht Tage dauerte, wurde Lenins Position entwickelt und erweitert. Die programmatisch korrekten Elemente in Lenins Thesen wurden beibehalten – insbesondere, dass die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre sich als Werkzeuge der Konterrevolution erwiesen hatten. Im Wesentlichen und in später entwickelten Begriffen, waren diese Parteien nicht zentristisch, sondern konterrevolutionär. Keine Fusion oder Verhandlung war mit ihnen zu erlauben. Der Juli hatte das entscheidend bewiesen! Nur die Anhänger von Martow, die Menschewiki-Internationalisten und die linken Sozialrevolutionäre waren noch zögernde Elemente (Zentristen) geblieben.

Auf diesem Kongress fusionierten die Meschrajonzi und Trotzki endgültig mit den Bolschewiki, so dass nun alle konsequent revolutionäre Elemente in einer Partei vereint waren. Zusätzlich erkannte der Kongress an, dass die Provisorische Regierung um Kerensky und die Generäle nicht mit friedlichen Mitteln entfernt werden konnten, wenn auch die Gewinnung einer Mehrheit in den Sowjets und deren Verteidigung gegen die Konterrevolution weiterhin zentral bleiben würde. Die Richtigkeit dieser Marschrichtung bewies sich am Tag nach dem Putschversuch Kornilows.

Am 9. September fand eine Debatte über die Zusammensetzung des Präsidiums des Petrograder Sowjets statt. Trotzki, jetzt Bolschewik, führte den Angriff gegen die Kompromissler an. Er sprach für die Mehrheit des Petrograder Proletariats. Die Kompromissler wurden mit 519 zu 414 Stimmen geschlagen. Bolschewistische Mehrheiten in anderen Sowjets im ganzen Land gab es zur gleichen Zeit überall. Am 25. September wurde Trotzki wiederum Vorsitzender des Petrograder Sowjets. 1905 war er gezwungen gewesen, die Niederlegung der Waffen und die Unterwerfung unter die zaristische Polizei anzuordnen. 1917 gab es keine derartige Notwendigkeit zur Aufgabe.

Am 25. 0ktober wurde auf dem II. Allrussischen Sowjetkongress nach dem in der Nacht zuvor erfolgten Aufstand die erste Sowjetrepublik der Welt errichtet.

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