Russland auf dem Weg zum Roten Oktober

Workers Power, Die Taktiken der Bolschewiki in der Revolution, Einleitung, Revolutionärer Marxismus 38, Oktober 2007

Vor neunzig Jahren stürzten russische ArbeiterInnen zuerst den verhassten Zaren und dann die bürgerliche Regierung, die ihn ersetzt hatte. Damit veränderten sie die Geschichte der Menschheit grundlegend. Erstmals wurde die Staatsmacht direkt von den arbeitenden Massen ausgeübt.

Die russischen ArbeiterInnen zeigten der Welt die revolutionäre Macht der organisierten Arbeiterklasse. Nicht nur, dass sie die Industrie zum Stillstand bringen und die Regierung lähmen konnte. Ihr Widerstand führte zugleich auch zur Festigung der Bande der Solidarität und der kollektiven Organisation in ihren Reihen.

Das Subjekt des Sozialismus war und ist die Arbeiterklasse. Es waren die in eigenen Strukturen organisierten ArbeiterInnen, welche die Macht des Kapitals zerschlugen und eine Alternative dazu aufbauten. Die Revolution von 1917 legte die Nutzlosigkeit bürgerlicher Parlamente oder paternalistischer Lokalverwaltungen für diese Aufgabe offen. Sie legte zugleich den Verrat jener Führer innerhalb der Arbeiterbewegung offen, die sich weigerten, diese Lehre zu beachten.

Die russischen ArbeiterInnen erhoben sich unter Bedingungen extremen Elends, größter Ausbeutung und Unterdrückung. Die reformistische „sozialistische“ Intelligenz verachtete den dunklen Aufruhr dieser „dumpfen Masse“. Doch aus diesen Kämpfen wurde eine neue Welt geboren. Es gab eine neue, viel höhere Form von Demokratie, die Räteherrschaft, die nicht mehr einer Minderheit von Ausbeutern diente, sondern den Massen ermöglichte, direkt den Reichtum der Gesellschaft für ihre eigenen Interessen zu nutzen und die Schalthebel der Macht selbst in die Hand zu nehmen.

Eine revolutionäre Klasse

Mittels der Sowjets (Räte) wählten und kontrollierten die ArbeiterInnen direkt ihre Delegierten am Arbeitsplatz und stellten so sicher, dass jede Veränderung ihrer Stimmung registriert wurde. In diesen Sowjets – zusammen mit der bewaffneten Miliz, den Roten Garden – begann die Keimform eines völlig neuartigen Staates zu wachsen. Es sollte ein Staat sein, der auf den Organen der Ausgebeuteten und Unterdrückten gründete und ihnen direkt verantwortlich war. Die Funktion dieses Staates war die Ausmerzung jeglicher Ausbeutung und Unterdrückung.

Als sich die Krise im Herbst 1917 vertiefte, flüchteten die Privilegierten, und die Intellektuellen verbargen sich. Die Arbeiterklasse jedoch versammelte unter ihrer revolutionären Fahne die Millionen, die unter dem Joch der Unterdrückung im Russischen Reich litten. Den Frauen des Proletariats zeigte sie die Hoffnung auf Emanzipation. Den nationalen Minderheiten bot sie die Chance, den großrussischen Chauvinismus, der ihre Nationalkultur erstickte und erwürgte, zu zerstören.

Der großen Mehrheit der Bevölkerung, den armen Bauern, garantierte sie die Verteidigung ihres jüngst erst errungenen Landes gegen die Großgrundbesitzer. Den Soldaten – den Bauern in Uniform – sicherte sie zu, dass der blutige Weltkrieg und die erniedrigende Tyrannei der Offiziere beendet wurden. Nur unter der Führung des Proletariats konnten die am meisten Entwürdigten und Unterdrückten eine Aussicht auf Befreiung haben.

1917 offenbarte alle Eigenschaften, die das Proletariat zur einzig konsequent revolutionären und befreienden Klasse dieser Epoche machen. Aber es zeigt auch, dass für sich allein die spontane Stärke der Klasse nicht für den Sieg ausreicht. Was den Sieg des Oktober 1917 garantierte, war, dass die russischen ArbeiterInnen in den Bolschewiki eine organisierte Avantgardepartei besaßen, die tief in jeder Sektion der Massen verwurzelt war, die deren Kämpfe politisch und organisatorisch zentralisieren und führen konnte. Diese Lehre von 1917 darf nicht dabei vergessen werden, wenn wir uns mit der russischen sozialistischen Revolution beschäftigen.

Die verratene Revolution

Jene, die die Revolution machten, handelten in der Überzeugung, dass sie nur der erste Akt des Sturzes des Kapitalismus auf der ganzen Welt ist. Russland erlebte den ersten Schlag der Weltrevolution der ein Sechstel der Erde den Händen der Kapitalisten entriss.

Sie erwarteten, dass andere ihnen folgen würden – und zwar bald. Und die ArbeiterInnen Europas reagierten auf das Signal der russischen Revolution. In ganz Zentraleuropa fanden Aufstände statt. Aber sie wurden gebremst und zerschlagen – von den „Sozialisten“ der II. Internationale auf Geheiß der Kapitalisten und der imperialistischen Generalstäbe. Die Internationalisierung der Revolution wurde so blockiert.

Doch die Existenz der späteren UdSSR und des späteren Ostblocks – selbst unter der Degeneration durch den Stalinismus – war eine Herausforderung für den Weltkapitalismus. Sie war ein Hindernis bei seiner Suche nach Märkten und Rohstoffen. Sie barg zudem immer die Gefahr einer politischen Revolution gegen die herrschende Bürokratie und damit die neuerliche Anfachung des revolutionären Prozesses in der Welt.

Heute wissen wir, dass die Revolution jedoch – isoliert im rückständigen Russland – degenerierte. Eine Bürokratenkaste, geführt von Stalin, eroberte die politische Macht und erstickte jede Spur wirklich proletarischer Demokratie in der Sowjetunion.

Unter der Losung des „Sozialismus in einem Land“ kehrten sie der internationalen Revolution den Rücken und boykottierten sie aktiv mittels der stalinisierten Komintern. In der UdSSR und deren „Bruderländern“ standen die Bürokraten-Kasten dem Übergang zum Sozialismus als reales Hindernis im Weg. Michail Gorbatschow war der letzte Steuermann dieser Kaste bürokratischer Usurpatoren.

Heute befinden wir uns in einer vorrevolutionären Periode, einer Periode, die von heftigen Krisen, von Kriegen, Konflikten und Angriffen auf die Massen, aber auch von deren Widerstand gekennzeichnet ist. Vorrevolutionäre und offen revolutionäre Situationen, in denen die Machtfrage steht, häufen sich.

Daher ist die genaue Beschäftigung mit der russischen Revolution und der Politik der Bolschewiki um Lenin und Trotzki von eminenter Bedeutung, um politisch für die kommenden Klassenschlachten gewappnet zu sein.

Diese Broschüre zieht entscheidende Lehren aus den Ereignissen der Revolution von 1917. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, einige Schlüsselereignisse und Entwicklungen der Periode zwischen Februar und Oktober 1917 zu untersuchen, um die Art und Weise zu illustrieren, in der die Bolschewiki ihre Politik prüften und korrigierten und den Sieg erringen konnten. In diesem Sinn ist diese Broschüre nicht einfach eine Geschichte der russischen Revolution, sondern eine Analyse.

Dieses Herangehen ist entscheidend, da so viele, die den neunzigsten Jahrestag der Revolution feiern, schuld daran sind, dass die Lehren des Oktobers systematisch vergessen, ignoriert oder entstellt werden. Für jene, die diese Lehren als Anleitung für die Strategie von Revolutionären heutzutage benutzen wollen, wird diese Broschüre wichtig sein.

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