Yarl’s Wood-Skandal in Britannien: Sexueller Missbrauch im Abschiebeknast

Joy Macready, Infomail 758, 18. Juni 2014

Nach unzähligen Beschwerden, einem Hungerstreik von 80 InsassInnen, Nachweisen durch die Überwachungskameras und einer Gefängnisschwangerschaft, gelangte endlich die Wahrheit über den weit verbreiteten sexuellen und körperlichen Missbrauch im Abschiebegefängnis Yarl’s Wood in die Schlagzeilen.

Es bedurfte eines ehemaligen Angestellten, um das Lügennetz zu zerreißen, das  Serco, „die größte Firma, von der du nie gehört hast”, gesponnen hatte. Diese multinationale Dienstleistungsfirma betreibt nach wie vor Yarl’s Wood, obwohl sie schon im Oktober letzten Jahres zwei Mitarbeiter wegen „Sex mit Insassen“ feuern musste. Ein weiterer Mitarbeiter wurde wegen „unangemessenem Verhalten gegenüber Insassen“ entlassen – vier Jahre, nachdem der Vorfall von der Überwachungskamera aufgenommen worden war.

Der Informant beschrieb den wiederholten sexuellen Missbrauch und den ungezügelten Rassismus der Mitarbeiter. Erst jetzt hat die Labour-Innenministeriums-Kandidatin des Schattenkabinetts, Yvette Cooper, eine unabhängige Untersuchung gefordert und stellt den Bericht der Gefängnisaufsichtsbehörde vom Oktober 2013 in Frage, demzufolge sich die Insassinnen “sicher fühlen” und “wenig Gewalt herrsche“.

Keine neue Entdeckung

Aber der weit verbreitete Missbrauch ist keine neue Entdeckung. Während der sieben Jahre, die Serco Yarl’s Wood betreibt, gab es eine Reihe fundierter Beschwerden von weiblichen Asylsuchenden gegen Mitarbeiter von Serco; doch Serco hat alles getan, um die Opfer zu diskreditieren und zum Schweigen zu bringen.

Die Einwanderungsbehörde (Home Office) zeigt sich in dieser Sache als Komplizin, in dem sie den sexuellen Missbrauch durch Abschiebung deckt. Eine Frau beklagte, dass versucht wurde, sie in neun verschiedene Länder abzuschieben, nachdem sie sich über sexuelle Übergriffe beschwert hatte.

Serco hält nicht einmal das gesetzliche Minimum an Fürsorge für die verletzen Frauen im Gefängnis ein, von denen viele aus ihren Heimatländern gerade deshalb geflohen waren, um Vergewaltigungen und Misshandlungen zu entkommen. Der ehemalige Angestellte sagte aus, dass Frauen abgeschoben wurden, ohne dass ihr psychischer Zustand hinreichend untersucht wurde, obwohl mehr als die Hälfte der Insassinnen – über 200 Personen – entweder auto-aggressiv oder selbstmordgefährdet waren.

Paragraph 35 des Gesetzes für Abschiebegefängnisse untersagt der Einwanderungsbehörde die Abschiebung von Frauen, die misshandelt wurden. Ärzte müssen die Behörde über jede Insassin informieren, die ihrer Meinung nach Opfer von Misshandlung gewesen sein könnte. Trotzdem wurden 2012 nur 6% der Insassinnen auf Grund von Regel 35 entlassen.

Tragischerweise starb im März eine 40jährige Frau aus Jamaica, die seit 14 Jahren in Großbritannien gelebt hatte an Herzstillstand, nachdem sie 45 Minuten vor Schmerzen geschrien hatte. Ein Sprecher von Serco sagte, dass Christine Case einen umfassenden Gesundheitscheck durch eine Krankenschwester und einen Arzt bekommen habe, als sie in Yarl’s Wood ankam. Doch zehn Tage später war sie tot.

Die Verletzlichsten

Fast 90% der in Yarl’s Wood Festgehaltenen sind Frauen, trotzdem sind ungefähr die Hälfte der Beschäftigten männlich.

Diese Frauen sind die Verletzlichsten der Gesellschaft. Viele von ihnen sind vor Kriegen geflohen oder wurden wegen ihrer ethnischen Herkunft, Religion, Nationalität oder politischen Meinung verfolgt. Wenn sie in Britannien Asyl suchen, werden sie von ihren Familien getrennt und in manchen Fällen für bis zu vier Jahre ins Gefängnis gesteckt. Keine von den Frauen in Yarl’s Wood hat eine Ahnung, ob oder wann sie entlassen oder abgeschoben werden.

Diese Frauen haben kein Verbrechen begangen und doch werden sie schlimmer behandelt als verurteilte Kriminelle – doch die wissen wenigstens, wie lange sie eingesperrt werden.

Ein paar Zahlen belegen die katastrophalen Zustände in Yarl´s Wood:

  • 50% der weiblichen Asylsuchenden sind Überlebende von Vergewaltigungen;
  • 70% der eingesperrten Frauen sind Überlebende von Vergewaltigungen;
  • 57% der eingesperrten Frauen haben keinen Anwalt.

Viele glauben, dass die offiziellen Statistiken deutlich unter diesen Zahlen liegen. Vergewaltigungsopfer erwähnen die Übergriffe häufig wegen der abweisenden Haltung der Beamten der UK Border Agency (UKBA) und wegen ihres eigenen Schamgefühls nicht. Die UKBA bietet keine Kinderbetreuung an, was bedeutet, dass viele Frauen gezwungen sind, ihre Vergewaltigung oder Misshandlung vor ihren Kindern beschreiben zu müssen.

Diese Bedingungen der Gefangenschaft haben traumatische Folgen. Die Gefangenschaft in Yarl’s Wood ist, als ob sie ihre schlimmsten Alpträume nochmals durchleben. Viele werden in Folge dessen depressiv oder selbstmordgefährdet. Insassinnen sagen, dass Wärter ihnen den Eindruck vermitteln, sie könnten ihnen, gegen sexuellen Kontakt, bei der Einwanderung helfen. Sie beklagen außerdem, dass sie mit Mitarbeitern flirten müssten, um Zugang zu grundlegenden Gütern wie Toilettenartikeln zu erhalten.

In diesem Machtungleichgewicht kann ein sexuelles Verhältnis von Mitarbeitern mit Gefangenen unter keinen Umständen als auf „gegenseitigem Einverständnis basierend“ betrachtet werden. Daran ändert auch die Untersuchung des Home Office’s Professional Standards Unit nichts, die behauptet, dass eine junge Frau, die dazu gebracht wurde, Oralsex mit einem Wärter zu haben, dies „in gegenseitigem Einverständnis“ getan habe.

Serco

Serco ist seit der Übernahme von Yarl’s Wood 2007 in Skandale verstrickt. 2010 wurde das Einsperren von Kindern nach einer öffentlichen Kampagne gestoppt. Letztes Jahr musste Serco 90,5 Mill. Pfund zurückzahlen, nachdem ans Licht kam, dass sie der Regierung Tagging-Ortungssender in Rechnung gestellt hatten für Menschen, die entweder tot waren, noch im Gefängnis saßen oder nie mit einem Sender ausgestattet wurden.

Nach einer kurzen Sperre beschloss die Regierung im Januar still und heimlich, Serco wieder als Bewerber für Verträge mit Regierungsbehörden zuzulassen. Allein 2012 betrugen die Einnahmen von Serco aus öffentlichen Aufträgen 1,8 Milliarden Pfund. Dies beinhaltet Verträge über 600 Millionen Pfund mit dem Verteidigungsministerium sowie Verträge über je mehr als 200 Millionen Pfund mit dem Justizministerium, dem Verkehrsministerium und dem Gesundheitsministerium.

Im Mai wurde bekannt gegeben, dass Serco laut einem Vorschlag des Bildungsministeriums von Michael Gove unter jenen Firmen sei, welche die privatisierte Kinderbetreuung, inklusive Kinderschutz, übernehmen würden.

Firmen, wie Serco, G4S, Capita und Virgin Care, an die öffentliche Dienstleistungen outgesourct werden, sind praktisch niemandem rechenschaftspflichtig. Diese Unternehmen betreiben in Britannien ehemals staatliche Einrichtungen, wie Schulen, militärische Einrichtungen (inklusive solcher für nukleare Waffen), Gefängnisse, ambulante Behandlungszentren und das Arbeitsprogramm der Regierung für Arbeitslose – nur für den Profit, nicht zum Vorteil der Gesellschaft als Ganzes.

Welche Antwort?

Wir brauchen eine Kampagne der Arbeiterbewegung, geführt von den Gewerkschaften und von AktivistInnen, die bereits gegen Privatisierung kämpfen, um private Firmen aus diesen Bereichen zu vertreiben und öffentliche Dienstleistungen wieder unter Kontrolle der Lohnabhängigen zu bringen. Nur dann ist es möglich jene, welche die Dienste bereitstellen, dazu zu bringen, nicht nur die nötigste, sondern gute Qualität zu garantieren.

Aber die Kampagne muss auch die Rechte der Asylsuchenden und ImmigrantInnen aufgreifen. Sie muss dafür kämpfen, alle Abschiebeeinrichtungen zu schließen und die  Grenzen zu öffnen. Serco, die in 30 Ländern arbeitet, ist ein gutes Beispiel dafür, wie Geld um die Welt fließen kann, ohne dass die Kapitalisten beim Einheimsen von Profiten von irgendeiner Grenze gestoppt werden. Warum sollten Menschen sich nicht mit der gleichen Freiheit bewegen können?

Einige britische Gewerkschaften vertreten bereits die Position der Öffnung der Grenzen, doch sie müssten dies mit realen Aktionen untermauern. Dies bedeutet auch, die Lügen anzugreifen, die alle großen Parteien bezüglich Einwanderung und Asyl gestreut haben. Die rassische Einschränkung der Zuwanderung, die sie alle unterstützt haben, hat die Situation verschlimmert, und dabei die Verzweiflung von Frauen (und auch Männern) verstärkt, welche in Großbritanniens repressiven Asylsystem gefangen sind.

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