Sexismus: Prominente Vergewaltiger

Joy Macready, Frauenzeitung Nr. 3, Arbeitermacht/REVOLUTION, März 2015

Der britische Fußballprofi Ched Evans ist ein Vergewaltiger. Er wurde im April 2012 von einem Gericht schuldig gesprochen, zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt und steht auf unbestimmte Zeit im Register für Sexualstraftaten.

Aber noch schlimmer ist: er ist ein reueloser Vergewaltiger. Er leugnet die Taten nicht, die zu seiner Verurteilung führten, sondern meint sogar, unschuldig zu sein, indem er behauptet, Sex mit einer Frau zu haben, die derart „außer Gefecht“ gesetzt ist, dass sie keinerlei Erinnerung mehr daran hat, was in der Nacht passiert ist, wäre keine Vergewaltigung.

Aber genau das ist die Definition von Vergewaltigung: Sex ohne beiderseitige Einwilligung.

Evans Urteil sollte in dem Kontext betrachtet werden, wie schwer es für Vergewaltigungsopfer in Britannien ist, Gerechtigkeit zu erreichen. Sie müssen nicht nur die Qual der Vergewaltigung übestehen. Sie müssen auch unter dem prüfenden Blick auf Kleidung und Verhalten im Detail bei der Polizei berichten. Und die Mehrheit der Vergewaltigungsfälle kommt ohnehin nicht vor Gericht.

2012/13 hat die Polizei nur 31% aller eingegangenen Vergewaltigungsanzeigen an die Strafverfolgungsbehörden zur Anklage weiter geleitet (insgesamt 5.400 Fälle) – und dies trotz einer Zunahme von 30% an Vergewaltigungsanzeigen. Nur 60% der Fälle, die vor Gericht kamen, endeten mit einer Verurteilung.

Als Evans im Oktober nach Absitzen der halben Strafe entlassen wurde, sollte er seine hochkarätige Fußballkarriere wieder aufnehmen. Die Vereinigung der Profifußballer PFA hieß seine Rückkehr und “Rehabilitierung” willkommen und fragte bei seinem alten Klub, Sheffield United, an, ob er dort weiter trainieren könne.

Dies führte zu viel Empörung in der Öffentlichkeit. Die Leichtathletik-Olympiasiegerin Jessica Ennis-Hill war die erste, die sich klar aussprach, indem sie drohte, die Verbindungen zu diesem Verein zu kappen. Eine Online-Petition auf Change.org gegen Evans Wiedereinstellung bei Sheffield United bekam 170.000 Unterschriften.

Eine weitere Petition gegen die Anstellung beim Fußballverein Oldham hat ebenfalls bereits 71.000 Unterschriften erreicht. Die Sponsoren Verlin und Mecca Bingo kündigten an, ihre Beziehungen zu dem Club zu beenden, sollte dieser Evans einstellen.

Diese Reaktion in der Öffentlichkeit hat nichts mit der ‚Herrschaft des Mobs’ zu tun, wie Evans es abtun möchte, sondern ist Teil einer sich entwickelnden sozialen Bewegung gegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch – und gegen den Kult um Prominente, der die Augen verschließt vor den strafbaren Handlungen einstiger und jetziger Größen des Showgeschäfts wie Jimmy Savile, DJ Ray Teret, Bill Cosby und Rolf Harris.

Evans ist nicht der erste Fußballer, der seine Berühmtheit missbraucht, um eine Vergewaltigung zu begehen. Fußballer sind bekannt dafür, in Nachtklubs Frauen zu suchen, um mit ihnen Sex zu haben, was sie „ernten“ nennen. Dort existiert eine groteske Sexkultur, mit sog. „roasting“, der Verführung junger Frauen zu degradierendem Gruppensex, wo sie von einem Spieler zum nächsten gereicht werden und dabei meist noch gefilmt werden – ein verbreitetes und akzeptiertes Verhalten. Das Verfahren gegen Evans machte deutlich, dass er und seine Kumpane genau diesen üblen Praktiken nachgingen, als die junge Frau vergewaltigt wurde.

Wenn die Kampagne gegen Evans hilft, solches Verhalten sozial untragbar zu machen, hat sie große Dienste geleistet.

Aber was ist mit dem Opfer? Sie musste ihren Namen ändern und aus ihrer Heimatstadt wegziehen, nachdem ihr Name auf Twitter veröffentlicht wurde und sie das Ziel von Online-Angriffen wurde.

Vergewaltigungsopfer können nie zu ihrem alten Leben zurückkehren. Sie leben in Angst vor weiteren Übergriffen, können Panikattacken und sexuelle Beklemmung erleiden – in einigen Fällen haben sie versucht, Selbstmord zu begehen.. Es kann Jahre dauern, um zu etwas zurückzukehren, was von außen wie „Normalität“ aussieht.

Der öffentliche Aufschrei kommt zu einem Zeitpunkt, da die Regierung aufgrund von Sparprogrammen starke Angriffe auf die Unterstützung von Vergewaltigungsopfern durchführt, indem sie Vergewaltigungs-Krisenzentren und Zufluchtsorte schließt und Gelder für lokale Dienste kürzt.

Die Verherrlichung von berühmten Persönlichkeiten hat ein Klima geschaffen, in dem der Lebensstil der Reichen und Berühmten als erstrebenswert erscheint. Materieller Reichtum ist ein Aspekt dieses Strebens, ein weiterer aber ist, den Grenzen und moralischen Standards zu entfliehen, der das Leben der meisten Menschen beherrscht. Prominente kommen oft ungesühnt für Verhaltensweisen davon, wofür andere Menschen bestraft würden. Die Leute haben Recht, diese widerliche Manifestierung von Klassenungleichheit übel zu nehmen.

SozialistInnen sollten sich positiv auf diesen wachsenden Ärger über die Immunität beziehen, mit welcher die Elite alle Formen des Missbrauchs begeben kann und ihren Einfluss und ihre Macht nutzt, um den Konsequenzen zu entgehen.

Wenn es gelingt, Ched Evans Rückkehr in eine Fußballkarriere zu verhindern, kann dies zu einer kleinen Portion Befriedigung führen, aber das Schicksal eines Individuums ist ein Tropfen im Ozean. Wir müssen die Aufmerksamkeit, die sein Fall auf das Vergewaltigungsproblem in Britannien gelenkt hat, nutzen und in eine Bewegung wandeln, welche die systemischen Ursachen aufgreift – die sexistische Unterwerfung von Frauen in einer Gesellschaft, in der eine reiche Minderheit über eine unfreie und unterdrückte Mehrheit herrscht.

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