Frauenbild im Nationalsozialismus: Frau gleich Mutter

Elise Hufnagel, Frauenzeitung Nr. 3, Arbeitermacht/REVOLUTION, März 2015

Wenn wir an Frauen im Nationalsozialismus denken, drängen sich uns Bilder von fröhlich turnenden BDM-Mädchen, von Frauen, die den „Führer“ verehren, von fleißigen Arbeitsbienen in der Kriegsmaschinerie, aber auch von unsäglichem Terror bis zu Frauen-KZs, Menschenversuchen und Zwangssterilisationen auf.

Welche Strategien verfolgte die faschistische Ideologie gegenüber den Frauen? Welcher Stellenwert wurde ihnen zugeschrieben, mit welchem Ziel?

Es ist bekannt, dass die faschistische Ideologie von Anfang an auf Eroberungskriege ausgelegt war. Das „Volk ohne Raum“sollte sich auf militärischem Weg ausbreiten und letztendlich Europa unter seine Macht bringen. Die Schmach des verlorenen Ersten Weltkrieges, die Reparationskosten, die Arbeitslosigkeit und der wirtschaftliche Zusammenbruch waren feste Bestandteile der Nazi-Propaganda, ebenso die „Dolchstoßlegende“, der angebliche Verrat der Arbeiter- und demokratischen Parteien an ihren „Soldatenbrüdern“, der zur Niederlage im Weltkrieg geführt haben soll.

Die Mutterrolle

Es sollte also in jedem Fall von Anfang an ein „moralisches“ Fundament in der Gesellschaft gelegt, das Aufkommen von Zweifel an der imperialistischen Politik der Faschisten im Keim erstickt werden. Zu diesem Zweck wurde der Frau die Bestimmung zum Mutterdasein als oberstes Ziel auferlegt (zur zahlenmäßigen Vermehrung des Volkes), in Verbindung mit einer Rassenideologie, die alles „nicht-arische“ Erbgut ausmerzen sollte und die bekannte Propaganda-Maschinerie angeworfen, die jedes Mädchen spätestens ab dem zehnten Lebensjahr auf die ihr zugewiesene Rolle im Staat vorbereitete.

Als Lohn für die Pflichterfüllung gegenüber der „Volksgemeinschaft“ wurde das „Mutterkreuz“ in drei Stufen (ab 4 Kindern aufwärts) am 1943 eingeführten „Muttertag“ verliehen, nach Prüfung durch Partei und Gesundheitsamt auf „Deutschblütigkeit“ und „Würdigkeit“ der Mutter – als Pendant zum „Ehrenkreuz“ für Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg.

Das Idealbild der Frau gründete auf Opferbereitschaft, also der Fähigkeit, die Interessen des Volkes und des Mannes vor die eigenen zu stellen. Sie wurde nicht nur dem Mann untergeordnet, sondern als vom Wesen her völlig „andersartig“ als der Mann definiert. Damit war der Frau einerseits jede Illusion in persönliches Glück in Form von Partnerschaft innerhalb der Familie genommen – zwei völlig „andersartige“ Wesen können sicher nur begrenzt in Diskussion treten, also ist die Hierarchie von Anfang an klar.

Und: Mit diesem Rollenbild konnte jede Emanzipationsbestrebung im Keim erstickt werden:

Die eher „gefühlsbetonte“ Frau ohne Fähigkeit zum rationalen Denken war somit nicht in der Lage, aktiv an der Politik teil zu haben (weshalb die NSDAP auch keine Frauen zur Wahl aufstellen ließ).

Jede Form von Intelligenz wie zum Beispiel das Frauenstudium, die Tätigkeit im akademischen Bereich, erst recht das Ausüben höherer Ämter, beispielsweise im Rechtswesen, wurde als „schädlich“ für das „natürliche Wesen“ der Frau und als Einschränkung ihrer Gebärfähigkeit erklärt.

Damit konnten alle Verordnungen zur Vertreibung von Frauen aus höheren Stellungen ideologisch unterlegt und natürlich Arbeitsplätze für Männer freigesetzt werden.

Aber nicht nur Heim und Herd wurden der Frau als Beschäftigungsfeld angeboten, schließlich musste ja auch eine ideologisch passende Beschäftigung für allein lebende Frauen gefunden werden, damit sie nicht auf staatsfeindliche Gedanken kommen. Alle Arten sozialer Berufe, von der Haushaltshilfe bis zur Lehrerin (vorzugsweise in der Volksschule, also den unterer Klassen) wurden als „wesensgemäß“ deklariert, ebenso wie die Fürsorge für Verwandte in der Freizeit.

Die Hauptaufgabe der Frau im fürsorgerischen Bereich wurde auch in der Weimarer Republik in der bürgerlichen Frauenbewegung so proklamiert. Der Nationalsozialismus entwickelte dies nur insofern weiter, dass er die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung als zentralen Punkt in sein Parteiprogramm aufnahm. Wo der Kapitalismus die Trennlinie zwischen den Geschlechtern aufrechterhält – die private Reproduktionsarbeit einerseits und weibliche Lohnarbeitskraft zu kostengünstigen Bedingungen andererseits, die er zum Fortbestehen dringend benötigt – wird im Faschismus daraus ein religionsgleiches Mantra, das durch beständiges Eindringen in die Privatsphäre felsenfest verankert wird.

Erziehung und Bildung

Als eine Erfindung von Männern zur Rekrutierung der Frauen fand der „Bund deutscher Mädel“ (BDM) lange nicht die geforderte Aufmerksamkeit. Die Mädchen sollten bewusst vom politischen Kampf ausgeschlossen und auf ihre Rolle als „Frau und Mutter“ vorbereitet werden. Defacto unterstand der BDM auch der Hitlerjugend, also der Organisation für die Jungen.

Die jungen Mädchen lernten vorwiegend hauswirtschaftliche Fähigkeiten, wurden zu karitativen Zwecken herangezogen, in gemütlichen „Heimabenden“ zum „wesensgemäßen“ Denken erzogen – nie gleichwertig mit der männlichen Jugend, immer gemäß ihrer Rolle als dienende Unterstützung der Männer.

Durch eine immer ausgefeiltere Verknüpfung mit den Freizeitbedürfnissen der Mädchen kamen sie um eine Mitgliedschaft im BDM nicht herum, wenn sie Sport treiben wollten oder auch das Abitur anstrebten. Und die Eltern übergaben ihre Töchter auch widerstrebend der staatlichen Lenkung durch die Hitlerjugend, da sie ihnen anders kaum eine „normale“ Jugend gewähren konnten.

Besonders hart wurde gegen Studentinnen vorgegangen. Sie wurden in einer parteieigenen Studentenorganisation zwangsvereinigt und an vorderste Front gegen die Ideen der “alten“ Frauenbewegung gestellt. Ihnen war die Aufgabe zugedacht, die Frauenbewegung „auszumerzen“, wobei sie andererseits nie den Stellenwert männlicher Studenten erreichen konnten. Die Berufe, die ihnen zugedacht waren, gingen über „Erzieherinnen der Jugend“ nicht hinaus. Sie konnten sehen, dass promovierte Frauen kaum eine Chance auf eine Anstellung hatten. Es wurde nach politischen und „rassischen“ Merkmalen aussortiert und einem Großteil der Akademikerinnen wurde im Rahmen der „Doppelverdiener-Kampagne“ gekündigt, wenn sie heirateten. Folglich ging also die Zahl der Studentinnen zurück, jedenfalls bis Kriegsausbruch.

Frauen und Arbeit

Ein faschistischer Staat wäre nicht so weit gegangen, Frauen die Lohnarbeit prinzipiell zu verbieten.

Es ging um systematische Dequalifizierung im Zusammenhang mit der Indoktrination „weiblicher Eigenschaften“. Um die anfangs hohe Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, wurden Frauen aus für Männer attraktiven Berufen gedrängt, auch mit Anreizen wie einem Ehekredit. Die Spaltung der Arbeiterklasse zwischen denen, die das „Hirn“ und denen die das „Gemüt“ haben, bot vielen Frauen tatsächlich erstmal eine scheinbare Erleichterung im Hafen der Ehe. Ihnen wurde eine besondere Geduld und Leidensfähigkeit angedichtet, die sie gerade für monotone Tätigkeiten prädestinierte. So manche junge Frau war sicher auch erleichtert, nach jahrelanger eintöniger Tätigkeit am Fließband oder in einer Telefonzentrale, stets die in ihrer Stellung aufsteigenden Männer vor Augen, das Handtuch schmeißen zu können.

Hausangestellte

Gleichzeitig wurde das Hausangestelltenwesen weiter unterstützt, natürlich vorrangig zugunsten der besser gestellten Haushalte, denn mit dem Großkapital und den „gehobenen“ kleinbürgerlichen Schichten wollte man es sich ja nicht verderben, so dass junge Frauen in privaten Haushalten immer eine Anstellung finden konnten. Dass ihr Lohn gering blieb und unterprivilegierte Großfamilien kaum in den Genuss eines Hausmädchens kamen, ist selbstverständlich. Zeitweise wurde sogar darauf gedrängt, sich weiter einzuschränken, um noch eine Haushaltsarbeiterin mit „durchfüttern“ zu können. Technischer Fortschritt im Haushalt, beispielsweise der Staubsauger, wurde im Zuge der kriegsvorbereitenden Produktion nicht gefördert.

Durch Einführung von Pflicht- und Arbeitsjahr wurde die Bedürftigkeit privater Haushalte teilweise kostengünstig gemildert. Aber die Mädchen bekamen auch noch andere soziale Aufgaben zugewiesen wie die Fürsorge, Alten- und Krankenpflege, Wiederverwertung von Sekundärrohstoffen oder die heute seltsam erscheinende Kräuter- und Wildpflanzensammlung und viele andere.

Ein Schwerpunkt des kostenlosen Einsatzes der Mädchen lag auf der Hilfe in der Landwirtschaft. Da die männlichen Hofherren in der Produktion gebraucht wurden, standen die Bäuerinnen mit der Arbeit und den Kindern allein da. Zu Hilfe sollten ihnen die „Arbeitslager“ kommen, die weibliche Hilfskräfte zur Feldarbeit und Hilfe im Haushalt entsandten, damit sich die Bäuerin wieder ihrer eigentlichen Aufgabe, der Mutterrolle, widmen konnte. Da diese Tätigkeiten nicht sehr beliebt bei den jungen Frauen waren, wurden sie nach und nach zwangsweise angeordnet. Ebenso musste eine Landflucht in Stadthaushalte vermieden werden.

Im Zuge der Eroberungen in Osteuropa und Vertreibung der Bevölkerung durch die Nazis wurden Gebiete neu besiedelt von „Deutschstämmigen“, die auch durch den Arbeitsdienst der Mädchen massiv beim Neuanfang in der Landwirtschaft unterstützt wurden. Mit der Blut- und Boden-Ideologie legten die Nazis einen Schwerpunkt auf das Bauerntum (welches diesem selbst erst mal eingetrichtert werden musste). Auch im Rahmen der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft war natürlich eine funktionierende Landwirtschaft unerlässlich.

Selbstverständlich wurden Frauen im beginnenden Krieg auch wieder für die Produktion heran gezogen, als männliche Arbeitskräfte rar wurden. Jedoch war klar, dass dieser Zustand nur als vorübergehender gedacht war, und ihre Tätigkeiten wurden stets auf dem untersten geistigen Niveau gehalten. Das auch noch mit der Begründung, dass die Hausfrau und Mutter ja gedanklich mit anderen Dingen beschäftigt sei. Durch die vorherige Erziehung zur Hausarbeit als oberstem Glück und der Darstellung der Familienarbeit als Erholungszeit für die Frau hatten die Nazis eine gute Voraussetzung für die permanente Doppelbelastung der Frauen geschaffen. Und schließlich gab es die Hoffnung, nach gewonnenem Krieg wieder in die häusliche Ruhe zurückkehren zu können.

Ausblick

Dies kann nur ein kleiner Einblick in die Rolle sein, die der Nationalsozialismus den Frauen zugedacht hatte. Die Wirkung auf das Selbstbild der Frauen war auch noch lange nach Zusammenbruch des Dritten Reichs fatal. Das Bild der dienstbereiten Hausfrau lebte auch in Wirtschaftswunderzeiten in den Köpfen weiter.

Es gab Warnungen genug vor dem Ausmaß der Ideologie des Faschismus, nicht zuletzt von Clara Zetkin, die schon 1923 die vereinigten Arbeiter als einzige wirksame Kraft gegen die Nazis erkannte.

Wir gedenken auch der vielen namenlosen Frauen, die den antifaschistischen Widerstand unter gefährlichen Umständen unterstützten und oft dafür mit dem Leben bezahlten.

Im Dritten Reich wurde der Frauenbewegung erheblicher Schaden zugefügt, zum Teil, weil sie sich auf der Errungenschaft des Wahlrechts ausruhte, weil sie die nächste Generation nicht erreichen konnte, die eine nette Kurzhaarfrisur und eine Zigarettenspitze für Frauenbefreiung hielt und sich zum Teil sehr leicht von der neuen Propaganda vereinnahmen ließ. “Die” Frauen hatten Hitler nicht gewählt, wie ihnen manchmal vorgeworfen wird, aber sie hatten auch keine gemeinsame Perspektive gegen ihre kollektive Unterdrückung.

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