Frauenbefreiung: Welche Organisation brauchen wir?

Anne Moll, Frauenzeitung Nr. 3, Arbeitermacht/REVOLUTION, März 2015

Frauen, die gegen Kapitalismus und Unterdrückung politisch aktiv sind, sind oft besonders sensibel für die besondere Unterdrückung von Frauen. Viele haben nicht nur einmal diese Mechanismen selbst zu spüren bekommen. So z.B. in der Familie, wo der Vater das letzte Wort hat – und dies „letzte Wort“ auch nicht selten körperlich zu spüren ist. Mädchen stehen oft unter dem „besonderen  Schutz“ ihrer Eltern. Sie müssen früher zu Hause sein oder dürfen erst gar nicht nach 20.00 Uhr aus dem Haus, im Unterschied zu Jungen. Ihre Freunde, besonders die des anderen Geschlechts, werden viel genauer überprüft und den Mädchen oft nahegelegt, sich nicht auf „falsche“ Freunde einzulassen.

So geht es weiter: in der Schule, in der Ausbildung, im Studium. Im Freizeitbereich und in der Lohnarbeit sind wir Frauen immer wieder mit Diskriminierung, Abwertung, Sexismus und männlicher Gewalt konfrontiert.

Frauen werden daher oft v.a. aus diesen Gründen politisch aktiv. Nicht mehr Opfer sein, sondern aktiver Teil im Kampf für eine sozialistische Gesellschaft, in der eine Auseinandersetzung über Geschlechterunterschiede und der Kampf gegen die Abwertung von Frauen (gesellschaftlich verankerter Chauvinismus) mehr nötig sein werden.

Linke Organisationen

Leider verschwinden frauenunterdrückerische Strukturen nicht automatisch in linken Gruppen und Organisationen, selbst wenn sich diese der Emanzipation verpflichten. Und so kommt zu den alltäglichen Angriffen manchmal auch noch die Auseinandersetzung mit den eigenen männlichen Genossen hinzu. Dass auch in der ArbeiterInnenbewegung und linken Organisationen sexistisches und frauenfeindliches Verhalten oder Stereotype anzutreffen sind, ist an sich nicht verwunderlich, schließlich leben auch die „kritischsten“ oder „revolutionärsten“ Gruppierungen nicht außerhalb der Gesellschaft und die vorherrschenden Ideen dieser Gesellschaft haben auch auf sie einen Einfluss – v.a., wenn dieser nicht bewusst bekämpft wird.

Die Antworten auf diese Anfeindungen von Frauen, sexistisches oder diskriminierendes Verhalten sind vielfältig, führen aber oft auch zu einer Abwendung von den Strukturen der männlich dominierten Organisationen. Das ist ein wichtiger Grund, warum in den 80er Jahren die Frauenbewegung völlig unabhängig von Männern ihre eigenen Gruppen und Treffen organisierte. Aber anstatt sich das Ziel zu setzen, den Chauvinismus in den linken Organisationen zu überwinden, gab es eine Gesamtverurteilung aller Männer und eine Abwendung von Strukturen, die diesen Chauvinismus reproduzieren, hin zu einem „alle Männer sind frauenfeindlich“ und die einzige Lösung ist, sich von ihnen zu distanzieren.

Das führte vordergründig zu mehr Selbstbewusstsein ganzer Generationen von Frauen, und es wurden auch viele Fortschritte erkämpft. Bis heute ist die Enttabuisierung von Themen wie selbstbestimmte Sexualität, Gewalt in der Ehe und Abtreibung eine wesentliche Errungenschaft dieser Periode. Aber wir müssen auch sehen, dass sich die gesellschaftliche Realität insgesamt kaum geändert hat. Diskriminierung, Sexismus und Gewalt sind nach wie vor Alltag von Mädchen und Frauen. Die ökonomische Abhängigkeit hat sogar seit den Hartz-Gesetzen und der globalen Krise stark zugenommen. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit und die Aufteilung der Reproduktionsarbeit auf beide Geschlechter liegen nach wie vor in weiter Ferne.

Frauenunterdrückung und Kapitalismus

Wir, das Frauenkollektiv der Gruppe Arbeitermacht, betrachten deshalb die struktuellen Unterdrückungsmechanismen der Gesellschaft als das zentrale Problem. Die tieferen Ursachen der Frauenunterdrückung liegen im Kapitalismus und früheren Klassengesellschaften. Im Kapitalismus können zwar durch den Druck des Klassenkampfes einzelne Verbesserungen erreicht werden, er wird aber niemals eine vollständige Gleichberechtigung der Geschlechter ermöglichen. Der Kapitalismus braucht die Spaltungen in der Gesellschaft zwingend, um sein System aufrecht zu erhalten. Wir könnten viele Beispiele nennen, in denen fortschrittliche Gesetze, Maßnahmen und struktuelle Änderungen immer sofort wieder in Frage gestellt werden und Gegenmaßnahmen erfolgen, die mehr Gleichberechtigung wieder einschränken oder verhindern.

Das war z.B. so beim Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz. Als Antwort darauf haben die regierenden Parteien, welche die Interessen des Kapitals vertreten, das Elterngeld, durchgesetzt, was nichts anderes als eine „Herdprämie“ ist. Frauen werden damit motiviert, zu Hause zu bleiben und für Kinder, Küche und Ehemann die Pflege- und Versorgungsarbeit zu übernehmen.

Ebenso steht es um die Diskussion des Mindestlohns. Besonders Frauen profitieren vom Mindestlohn und haben dadurch bis zu 100% Lohnerhöhung. Dieser auf den ersten Blick beeindruckende Anstieg ist allerdings nur die Kehrseite extremer Hungerlöhne von tw. Nur 3-4 Euro. Auch der Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde deckt aber letztlich nicht die aktuellen Reproduktionskosten.

Wir sind der Meinung, dass bei den derzeitigen Lebenskosten der Mindestlohn bei 1.600 Euro/Monat liegen muss. Es ist ein großer Unterschied für die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit für Frauen, ob sie z.B. 800 Euro im Monat erhalten, 1.360 Euro oder 1.600! Für Unternehmen ist das oft nicht nur ökonomisch ein Problem, weil ihre Profite geschmälert werden. Ein deutlicher Anstieg des Mindestlohns würde auch die Spaltung unter den Lohnabhängigen verringern und damit ihre Widerstandskraft erhöhen.

Etwas länger zurück liegt der Kampf um die selbstbestimmte und bedingungslose straffreie Abtreibung. Bis heute kämpfen reaktionäre Parteien sogar für eine Einschränkung der sowieso weit von wirklicher Selbstbestimmung entfernten Abtreibungsgesetze. Dazu gehört ganz aktuell die Einschränkung für die freie Verfügbarkeit der „Pille danach“.

Auch die Einführung des Rechts auf Teilzeitarbeit zählt dazu. Ursprünglich wurde sie eingeführt, um v.a. Frauen zu ermöglichen, in ihren erlernten Berufen trotz Mutterschaft zu bleiben – aber eben nicht mehr in Vollzeit, sondern in Teilzeit, damit sie die Doppelbelastung von Lohnarbeit und Reproduktionsarbeit schaffen können. Diese neue „Freiheit“ (die wir durchaus kritisch sehen) wurde so „populär“, dass etliche Eltern das Modell auch nutzen, um gleichberechtigt Lohnarbeit und Reproduktionsarbeit aufzuteilen. In den 90er Jahren waren die Zeitschriften voll von Artikeln über die neue Emanzipation und v.a. über Männer, die gleichberechtigt auf Lohn verzichten, um für ihre Kinder mehr Zeit zu haben.

Erstaunlich schnell wurde von den Unternehmen gegengesteuert. Als erstes ideologisch: „Mit Teilzeitarbeit ist eine Karriere nicht mehr möglich!“, tönte es landauf, landab. Entsprechende Gesetzesänderungen folgten. Das Gesetz berechtigt heute die Arbeit“geber“, darüber zu entscheiden, wer Teilzeit arbeiten darf oder ausschließlich Teilzeitarbeit bekommt. Die Firma hat jederzeit das Recht, Teilzeitarbeit abzulehnen, geforderte Begründungen, wie zu hohe Kosten oder Probleme bei der Arbeitsorganisation wirken immer und können kaum überprüft werden. Die Lohnabhängigen haben kaum Möglichkeiten, ihre Arbeitszeit-Wünsche gegen den Willen der Unternehmer durchzusetzen. So ist das Teilzeitarbeit-Gesetz heute ein Mittel, um die Schlechterstellung der Frauen zu verfestigen. Etwa 60% aller berufstätigen Frauen arbeiten in einem oder mehreren Teilzeitarbeitsverhältnissen, weil sie gar keine Vollzeitstellen mehr angeboten bekommen (vgl. dazu http://www.arbeitermacht.de/ni/ ni192/frauenundkrise.htm).

Warum sind diese Beispiele so wichtig? Weil sie zeigen, dass die Ursachen der Frauenunterdrückung wesentlich struktueller Natur sind und letztlich in den Eigentumsverhältnissen wurzeln. Daher kann im Kapitalismus niemals volle Gleichberechtigung erreicht werden. Diese Beispiele zeigen deutlich, dass der Kapitalismus selbst die kleinsten Fortschritte zu wirklicher Emanzipation mit viel Aufwand rückgängig zu machen versucht, weil er nur durch Unterdrückung und die Spaltung der Arbeiterklasse überleben kann. Daraus entwickeln sich patriachale Strukturen bzw. verfestigen sich – nicht umgekehrt, wie große Teile des bürgerlichen Feminismus behaupten.

Wir halten deshalb den gemeinsamen Kampf aller Lohnabhängigen, männlich wie weiblich, für wesentlich. Nur gemeinsam können wir den Kapitalismus bekämpfen und schließlich stürzen. Wir unterstützen den Versuch unserer Organisationen, der Gruppe Arbeitermacht (GAM) und der Jugendorganisation REVOLUTION, eine neue antikapitalistische Organisation aufzubauen und denken, dass das Potential für den Kampf gegen Frauenunterdrückung damit größer wird. Deshalb halten wir die Diskussion darüber, wie ein gemeinsamer Kampf aussieht und auf welcher Grundlage er geführt wird für wesentlich.

Im Manifest für eine „Neue antikapitalistische Organisation“ (NaO) gibt es zwei Versionen zum  Thema „Frauenbefreiung“. Eines kommt von der GAM und eines von der SIB, weil die NaO sich nicht auf eine Position einigen konnten. Wie ist das zu erklären?

Worin bestehen die grundlegenden Unterschiede?

Der Vorschlag der SIB geht davon aus, dass neben der Klassenunterdrückung mit dem Patriarchat eine zweites fundamentales Unterdrückungsverhältnis die gegenwärtige Gesellschaft prägt – eine Art „dual oppression“-Theorie.

Auch wir von der Gruppe Arbeitermacht gehen davon aus, dass der Kapitalismus andere, oft sehr viel ältere Unterdrückungsverhältnisse einschließt – allerdings nicht als ein weiteres, „separates“ Verhältnis neben der kapitalistischen Ausbeutung -, sondern vielmehr der Frauenunterdrückung eine historisch spezifische Form aufprägt.

Wir sehen die Grundlage der Frauenunterdrückung in der geschlechtspezifischen Arbeitsteilung, die der Kapitalismus von früheren Gesellschaftsformationen übernommen hat. Die Hausarbeit, die Reproduktion der Arbeitskraft erscheint als Privatarbeit, den Kapitalisten „geht sie nichts an“, er findet sie als „Naturbedingung“ vor. Zugleich zeigt sich dabei auch, warum eine Vergesellschaftung der Hausarbeit im Rahmen des Kapitalismus letztlich unmöglich ist. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung stellt unserer Auffassung nach die materielle Basis der Frauenunterdrückung im Kapitalismus dar.

Für die SIB hingegen sind partriarchale Herrschaftsverhältnisse bestimmt durch die Zweiteilung der Geschlechter und deren Organisation in einer Rangordnung. Ihr zufolge werden sie durch geschlechter-hierarchische Arbeitsteilung und vielfältige geschlechter-stereotype Zuschreibungen immer wieder reproduziert.

Die SIB stellt unserer Meinung nach das wirkliche Verhältnis von Frauenunterdrückung und reaktionären Stereotypen, die auf ihr aufbauen, auf den Kopf, vertritt letztlich eine idealistische, keine materialistische Erklärung.

Wir halten das für ein Zugeständnis an den Feminismus. Wir halten es für notwendig, dass diesen Gruppen, die durchaus subjektiv und praktisch sehr ernsthaft gegen Frauenunterdrückung kämpfen, eine klare Position des Klassenstandpunkts entgegen gestellt wird.

So wichtig der Kampf gegen reaktionäre Ideologien ist – so ist es letztlich unzureichend, den Schwerpunkt des Kampfes auf den Kampf um richtige oder falsche Denkweisen über „Geschlechterverhältnisse“ zu konzentrieren. Wir brauchen eine Diskussion über die realen Unterdrückungsursachen in der kapitalistischen Gesellschaft – und einen gemeinsamen Kampf dagegen.

Aktiv gegen Frauenunterdrückung

Die NaO Berlin hat eine Arbeitsgruppe speziell für Frauenarbeit initiiert, was wir sehr begrüßen. In dieser sind auch Männer aktiv, denen die Frauenbefreiung nicht nur als Lippenbekenntnis ein Anliegen ist, sondern die sich aktiv daran beteiligen. Das ist gut und richtig.

Wir sind aber der Meinung, dass diese Zusammenarbeit verbindliche Strukturen braucht, die sich gegen  sexistische Verhaltensweisen aussprechen, Frauen besondere Förderung zukommen lassen und die Frauen in ihrer Selbstbestimmung unterstützen. Es braucht ganz praktische Vorgehensweisen: Frauen als Demoleitung, als Autorinnen für politische Statements und als Referentinnen bei Veranstaltungen.

Außerdem braucht es das festgeschriebene Recht, dass Frauen sich ohne Männer treffen dürfen, um Kritik gegenüber chauvinistischem Verhalten zu äußern, ohne dadurch Nachteile zu erfahren, und Vorschläge zu entwickeln, wie die Aktivität der Organisation verbessert werden kann. Daran muss sich jede linke, emanzipatorische Organisation messen lassen!

Denn nur konkrete Maßnahmen hier und jetzt zur Stärkung der Frauen in linken Organisationen fördern emanzipatorisches Verhalten und werden helfen, die  Spaltung der Arbeiterklasse zu überwinden, und den Weg für Solidarität und gemeinsamen Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung frei machen!

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