Abtreibung – Wir müssen anders darüber reden

Joy Macready, Frauenzeitung Nr. 3, Arbeitermacht/REVOLUTION, März 2015

Rezension des Buchs von Katha Pollitt – Pro: Reclaiming Abortion Rights – [Pro: Einforderung von Abtreibungsrechten] Oktober 2014

“Wir müssen die Beendigung einer Schwangerschaft als ein gängiges, sogar normales Ereignis im reproduktiven Leben von Frauen betrachten… Wir müssen Abtreibung als eine dringende praktische Entscheidung ansehen, die genauso moralisch zu werten ist wie die, ein weiteres Kind zu bekommen – manchmal sogar moralisch höher stehend.“

Endlich hat einmal jemand den Mut, die quasi allgemeingültige Darstellung von Abtreibung als Tragödie für jede einzelne Frau an jedem Punkt in ihrem Leben zurückzuweisen. Für viele Frauen kann ein Schwangerschaftsabbruch eine lebensrettende Handlung bedeuten und der Selbsterhaltung dienen. Aber es ist noch mehr als das.

Mutige Darstellung

Wie Katha Pollitt schreibt: „Legale Abtreibung stellt die Frage von Frauenemanzipation in besonders krasser Form. Sie trägt den Körper der Frau aus dem Bereich der Öffentlichkeit und stellt ihre Person, nicht Männer und nicht Kinder, in den Mittelpunkt ihres eigenen Lebens.“

Durch ihr Buch „Pro: Reclaiming Abortion Rights“ versucht Pollitt die Debatte um Abtreibung neu zu gestalten und weist die gängige Sichtweise zurück, dass Abtreibung etwas ‚Schlechtes‘ wäre, „worüber wir traurig den Kopf schütteln und uns dann über den Grad der Schlechtigkeit auslassen, uns in unserem Gerechtigkeitssinn sonnen und unsere moralische Ernsthaftigkeit hervorkehren können, wenn wir über Einschränkungen für die eine oder andere  Frau diskutieren.“

Abtreibung finden statt, egal ob per Gesetz legalisiert, durchgeführt von medizinischen Fachkräften und abgesichert durch allgemeine Krankenversicherungen, oder illegal in schmutzigen Kliniken oder gefährlichen Seitengassen.

Millionen Frauen sind überall auf der Welt gezwungen, gegen Gesetze zu verstoßen und eine Schwangerschaft abzubrechen. Erst vor kurzem wurde die Leiche einer jungen Brasilianerin, Jandyra Magdalena, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt aufgefunden, einen Tag, nachdem sie eine Abtreibung vornehmen ließ. Dies ist ein grausamer Beweis dafür, dass Frauen immer noch lebensgefährliche Risiken eingehen, um eine Schwangerschaft zu beenden.

Vom Beginn des Buches an, verweist Pollitt auf den Kern der materiellen Notwendigkeit von Abtreibungen: die Knappheit an Mitteln für den Lebensunterhalt von alleinstehenden Müttern und sogar Familien mit zwei Elternteilen und  den widersprüchlichen Druck auf junge Frauen, gleichzeitig verführerisch wirken zu sollen und enthaltsam zu sein -„heiße Jungfrauen“.

Ihr Hauptargument ist, dass Abtreibung als normaler Teil der Gesundheitsvorsorge bei Frauen nicht nur in einem biologisch-körperlichen, sondern auch in gesellschaftlichem Zusammenhang anerkannt werden muss. Sie erklärt: „.. Zugang zu legaler Abtreibung ist gut für die Gesellschaft und Frauen dazu zu verhelfen diese wahrnehmen zu können, ist eine gute Tat. Anstatt Frauen bei einem Schwangerschaftsabbruch zu ächten, sollten wir ihren Realismus  und ihre Selbsteinschätzung würdigen. Die Gesellschaft profitiert davon, wenn Frauen sich Bildung, Arbeit und ihre Träume verwirklichen können, ohne dass sie immer in Sorge leben müssen, dass dies nur vorübergehend sein könnte, weil jeden Moment eine versehentliche Schwangerschaft ihr ganzes Leben aus den Gleisen werfen könnte. Es ist gut für Menschen, sexuelle Erfahrungen genießen zu können und nicht ständig das Versagen von Verhütungsmitteln fürchten zu müssen.“

Pollitt bestreitet zu Recht die „Abwertung von Abtreibung“, wo selbst die BefürworterInnen negative Ausdrücke verwenden, wie traurig, tragisch, hart, quälend, komplex, schwierig usw. Es wird allgemein angenommen, dass Abtreibung eine schreckliche Tragödie sei und keine Frau dies mit reinem Gewissen tun könne.

Eine Schwangerschaft zu beenden, muss als eine freie Entscheidung ebenso wie alle anderen Entscheidungen in unserem Leben angesehen werden, argumentiert sie. „…es mag in manchen Fällen nicht leicht sein, aber für viele Frauen ist Abtreibung eine unglaublich gute Sache und erlaubt ihnen, ein aktives Leben zu führen, statt an Haus und Herd gefesselt zu sein.“

Sie fordert kostenlose Abtreibung auf  Wunsch und stellt klar, dass es zentral  für die Emanzipation von Frauen ist, über ihre eigene Fruchtbarkeit und wann und ob sie überhaupt eine Familie haben wollen, selbst bestimmen zu können. „Ohne dieses Recht scheint für jede Frau von der ersten Periode bis zur Menopause Mutterschaft die Grundbestimmung zu sein, und sie muss ja zu jeder befruchteten Eizelle sagen, die bei ihr anklopft.“ Gleichzeitig fordert Pollitt auch bessere Sexualaufklärung und freien Zugang zu Verhütungsmitteln.

Reaktionäre Welle in den USA

Als amerikanische Feministin schreibt Katha Pollitt v. a. über die Lage in den USA, wo die Republikanische Partei, die nun im Kongress und im Senat über die Mehrheit verfügt, ihren letzten Versuch, die Abtreibung nach der 20. Woche zu verbieten, wieder fallen gelassen hat und stattdessen jetzt den Geldhahn bundesstaatlicher Mittel für Abtreibungen zudrehen will nach 42 Jahren des obersten Gerichtsentscheids gegen staatliche Eingriffe in das Recht auf Abtreibung (Präzedenzfall Roe gegen Wade).

Selbst dieser Meilenstein in der Rechtssprechung von 1973 räumte Frauen nur das Recht auf Abtreibung bis zur Überlebensfähigkeit bzw. 24 Wochen nach Schwangerschaftsbeginn ein. Der Entscheid sprach dem Fötus ab der Überlebensfähigkeit begrenzte Rechte zu. Aber was er amerikanischen Frauen immerhin gab, war eine Wahl.

Wie Pollitt sagt: „Die Legalisierung von Abtreibung schützt Frauen nicht nur vor Tod, Verletzung oder Furcht vor Haftstrafe, und sie ermöglicht es Frauen auch nicht nur, sich Ausbildung und Arbeit zu widmen oder sie vor Zweck-Ehen und zu vielen Kindern zu bewahren: Sie änderte, wie Frauen sich selbst wahrnahmen: als Mütter aus Entscheidung, nicht durch Schicksal.“

Heute gewinnt die reaktionäre Anti-Abtreibungsbewegung, die von den Republikanern und der religiösen Rechten geführt wird, in den USA an Boden. Zwischen 2011 und 2013 haben US-Staaten dem Zugang zu Abtreibung 205 neue gesetzliche Einschränkungen auferlegt.

Dazu zählen erhöhte Wartezeiten, ‚Beratungen‘ und 24stündige ‚Bedenkzeiten‘, fragwürdige Dokumente, die Ärzte ihren Patientinnen vorlesen müssen, worin bspw. steht, dass Abtreibungen Brustkrebs, Geisteskrankheiten und Anstieg von Selbstmordraten verursachen würden; weitere Einschränkungen sind Verbote von Bezahlungen durch die staatliche Grundkrankenversicherung Medicaid, Begrenzungen von Versicherungskostenübernahmen sowie elterliche Benachrichtigung und Zustimmungsgesetze.

Mindestens 73 Kliniken sind in dieser Zeit geschlossen worden oder haben aufgehört Abtreibungen durchzuführen.

Arbeiterinnen und Frauen in Armut sind am stärksten von den neuen Abtreibungs-Beschränkungen betroffen, da die verbleibenden Kliniken meist entweder zu weit entfernt, zu teuer oder zu belastet mit Einschränkungen, Vorschriften und Erniedrigungen sind.

Bis Mai 2014 hatten 23 US-Staaten Gesetze erlassen, die den Einsatz von Ultraschallgeräten vor der Abtreibung betrafen. Drei Staaten fordern, dass die Bilder den Schwangeren gezeigt werden müssen und in den anderen müssen diese angeboten werden. Viele Staaten haben auch in den Verfassungen ‚personenbezogene‘ Änderungen vorgeschlagen, wonach die Begriffe ‚Mensch‘ und ‚Person‘ sich auf Lebewesen ‚in jedem Stadium der menschlichen Entwicklung‘ beziehen müssen. Diese Verfassungsänderungen kamen jedoch nicht durch.

Im vergangenen Sommer hat das oberste Gericht die Ladenkette Hobby Lobby davon freigesprochen, Spiralen und bestimmte Verhütungsmittel für ihre Mitarbeiterinnen unter Obamacare zahlen zu müssen, weil dies ‚Abtreibungsmittel‘ seien, die dem religiösen Glauben des Firmenchefs widersprächen. Ein Boss hat demnach mehr Rechte und Kontrolle über den weiblichen Körper und dessen Fruchtbarkeit als wir selbst.

Abtreibung ist eine Klassenfrage

Pollitt argumentiert, dass Frauen das Recht zu verweigern, eine Schwangerschaft zu beenden, effektiv auch heißt dagegen zu sein, Frauen ihre Unabhängigkeit und volle Partizipation in der Gesellschaft zuzusprechen. Fortpflanzung und Reproduktion sind eine finanzielle Frage, sagt sie, und ohne die Möglichkeit Schwangerschaften zu begrenzen oder den Zeitpunkt zu planen, werden Frauen im Erwerbsleben immer im Nachteil sein und den Männern untergeordnet sein müssen.

Ein Mann, der aus Versehen eine Frau schwängert, ist nicht gezwungen, alles aufzugeben; er wird nicht der Schule verwiesen, wird nicht wegen angeblicher Promiskuität/häufigem Partnerwechsel geächtet und muss als Zweitelternteil nicht ein Leben in Schwierigkeiten und düsteren Zukunftsaussichten akzeptieren.

Zu Recht verortet Pollitt den Ursprung von Frauenunterdrückung in der Bindung an Haushalt und Familie. Sie deckt auf, wie das System weltweit darauf basiert, dass Frauen unbezahlte oder krass unterbezahlte Arbeit verrichten. „Wannimmer diese Arbeit eine Tätigkeit ähnlich der weiblichen Rolle im Haushalt ist, wie Kinderversorgung, Pflege, Essenszubereitung, Putzarbeit, so ist sie schlecht bezahlt, Niedrig qualifiziert und schlecht angesehen“, schreibt sie. „Und sollten Frauen doch einmal die Arbeit in der Familie ablehnen, müsste die Gesellschaft enorme Summen aufwenden, um diese zu ersetzen.“

Sie versäumt es jedoch, die Verbindung zum alles umfassenden System herzustellen, in dem die gesellschaftlichen Normen bestimmt werden. Kapitalismus beruht auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln und der Aneignung des von der ArbeiterInnenklasse erzeugten Mehrwerts durch die Kapitalistenklasse.

An dem Punkt, wo die menschliche Gesellschaft ein Mehrprodukt erzeugte, d. h. mehr als die Mittel zur Selbstversorgung des täglichen Verbrauchs, musste jemand dieses kontrollieren. Das war die Geburtsstunde der Klassengesellschaft. Das Privateigentum an Produktionsmitteln untermauert die Unterordnung der Frauen. Sie wurden zum Werkzeug für die Weitergabe des aus dem Mehrprodukt resultierenden Reichtums an legitime Erben. Von daher wurde die Fruchtbarkeit und Sexualität von Frauen  im Rahmen der patriarchalen monogamen Familienstruktur kontrolliert.

Der Industriekapitalismus revolutionierte den Charakter der menschlichen Produktion und zementierte die Familienstruktur und die Rolle der Frau im Privathaushalt und sorgte dafür, dass ihre Arbeitskraft unbezahlt für die Reproduktion der nächsten Generation von Arbeitskräften verwendet wurde.

Darum ist nur durch den Sturz des Kapitalismus und des Klassensystems die wirkliche Befreiung der Frauen zu erreichen. Aufgrund des Mangels einer Klassenanalyse bleibt Pollitts Antwort nur der Aufbau einer Bewegung für die freie Wahl in der Abtreibungsfrage mit Hilfe von feministischen Organisationen und Kampagnen für Wahlfreiheit und Gerechtigkeit im Bereich der Reproduktion, die mit kommunalem Aktivismus vernetzt sein sollen. Sie berichtet von Gegeninitiativen auf Gesetzgebungsebene. 51 Gesetzesänderungen für die Wahlfreiheit bei Abtreibungen habe es 2014 in 14 US-Staaten gegeben.

Politische Alternative

Aber ohne eine politische Alternative zum Kapitalismus ist dies zu Sisyphusarbeit verdammt, wo die Fortschritte, die die Bewegung für die Wahlfreiheit bei Abtreibung erzielt, in dem Moment wieder zurückgenommen werden, wo die reaktionären rechten Kräfte im Zuge von Sparprogrammen wieder an Macht gewinnen.

Deshalb müssen wir die Debatte im Sinne der Kernaussage von Pollitts Buch in den Kontext einbetten, wie unsere Gesellschaft aussehen soll. Wir müssen eine Gesellschaft aufbauen, die auf den Bedürfnissen der Menschen aufbaut, nicht auf den materiellen Vorteilen für eine Minderheit, eine Gesellschaft, wo Frauen gleichen Zugang zu Arbeit und Bildung, Wohnung und Gesundheitsfürsorge haben sowie in die Lage versetzt werden, wo sie entscheiden können, ob sie Kinder haben wollen ganz nach ihren Wünschen und nicht aufgrund von ökonomischem und sozialem Druck. Deshalb muss unser Ziel der Sturz des Kapitalismus sein.

Um dies zu verwirklichen, brauchen wir ArbeiterInnenorganisationen, die den Kampf für Frauenrechte aufnehmen. Die Schwäche in Pollitts Argumentation, selbst wo sie von armen Frauen, ArbeiterInnen und farbigen Frauen redet, liegt darin, dass sie nicht die Selbstorganisation entlang von Klassengrenzen erwähnt. Sie setzt sich nicht dafür ein, dass Gewerkschaften diese – für Arbeiter und Arbeiterinnen  – brennende Frage in der Mitgliedschaft aufwerfen und gemeinsame Streikmaßnahmen gegen beispielsweise die Geschäftsführung von Hobby Lobby ergreifen, statt ein bürgerliches Gericht über das Schicksal von Arbeiterinnen entscheiden zu lassen.

Um den Wandel herbei zu führen, brauchen wir eine proletarische Frauenbewegung, die die Frauenunterdrückung in allen Lebensbereichen wirklich angreift und das unterdrückerische System zerschlägt, das die gesamte Menschheit unter seiner Tyrannei hält.

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