#MeToo-Kampagne: Erschreckende Spitze des Eisbergs

Svenja Spunck, Neue Internationale 225 Dezember 2017

Mag es auch nur die Spitze des Eisbergs sein, so ist sie schon erschreckend genug. Am 15. Oktober 2017 startete die US-amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano mit folgendem Satz die internationale #Metoo-Kampagne über Twitter: „Wenn alle Frauen, die sexuell belästigt oder angegriffen wurden, ‚Ich auch‘ als Status schrieben, könnten wir den Menschen ein Gefühl für das Ausmaß des Problems geben.“ Daraufhin folgten über 12 Millionen Beiträge in allen möglichen sozialen Netzwerken, in denen sexuelle Gewalt gegen Frauen, oft mit sehr privaten Erlebnissen verbunden, thematisiert wurde.

Milano verbreitete diesen Hashtag, nachdem viele Missbrauchsskandale über den Hollywood-Filmproduzenten Harvey Weinstein und andere Männer aus der Filmbranche bekannt wurden. Diese Verbrechen reichen bis in die 80er Jahre zurück und waren ein offenes Geheimnis, das jahrelang nicht thematisiert wurde.

Ursprung

Ursprünglich wurde die #MeToo-Kampagne schon 2006 von der sozialen Aktivistin Tarana Burke ins Leben gerufen. Hierbei ging es in erster Linie um eine Vernetzungsmöglichkeit von afroamerikanischen Frauen wie Burke selbst, die sexuellen Missbrauch erfahren hatten. Die Aufmerksamkeit, die durch bekannte Hollywood-Darstellerinnen ausgelöst wurde, hatte die ursprüngliche Kampagne jedoch bei weitem nicht. In einem Interview mit der Washington Post erklärt Burke, dass sie aber weitaus mehr erreichen wollte, als auf das Problem aufmerksam zu machen.

Es ging auch um weitergehende Unterstützung der Betroffenen, um Selbstorganisierung und Ermutigung für alle, die ihre Erlebnisse zuvor niemandem mitteilen konnten. Sie bezweifelt jedoch, dass die aktuelle Kampagne dies leisten kann. Diese Kritik ist berechtigt, denn der Fokus der aktuellen Kampagne liegt auf dem Sensationscharakter, auf der kurzzeitigen und mutigen Stellungnahme vieler Frauen im virtuellen Raum. Vereinzelte Demonstrationen und Kundgebungen schlossen sich an, doch in der Realität überwiegen die Maßnahmen, die alle erkämpften Frauenrechte erneut in Frage stellen. Eine weitergehende Organisierungsperspektive besteht nicht.

Reaktionen

Ausgehend von dem Weinstein-Skandal zeigten unzählige Betroffene in sozialen Netzwerken, wie „normalisiert“ sexuelle Grenzüberschreitungen im Alltag sind. Der entscheidende Grund hierfür ist nicht individuelle Bösartigkeit einzelner Männer, sondern dass Frauen sich nach wie vor in sozialen und ökonomischen Abhängigkeitsverhältnissen befinden.

Ein Beispiel hierfür ist die Verurteilung der Frauenärztin Dr. Kristina Hänel aus Gießen Ende November 2017 zu einer Geldstrafe von 6000 Euro, da sie online über die Möglichkeiten der Abtreibung in ihrer Praxis informierte. Abtreibung ist in Deutschland unter bestimmten Bedingungen bis zum dritten Schwangerschaftsmonat nicht strafbar – diese zwölf Wochen werden jedoch vielen Frauen mit einer schlechten Beratung, familiärem oder religiösem Druck zur Hölle gemacht. In Berlin ziehen jedes Jahr bei dem „Marsch für das Leben“ tausende christlich-fundamentalistische AbtreibungsgegnerInnen durch die Straßen und bilden dabei einen Schulterschluss mit der AfD. Frauke Petry meint zur #MeToo-Kampagne, sie würde „von einer Minderheit instrumentalisiert, die im Stande ist, viel Vernünftiges und Liebgewordenes an Gewohnheiten und Traditionen in diesem Land zu beseitigen.“ Frauen seien objektiv anders als Männer und deshalb habe sie „nichts dagegen, dass Frauen das schwache Geschlecht sind“. In solchen Momenten fragt man sich, wo genau der Pfeiler steht, gegen den diese Person gerannt ist, die ohne die Rechte, die Frauen für sich erkämpft haben, heute nicht da wäre, wo sie ist.

Es ist nach wie vor in polizeilichen Behörden gang und gäbe, dass Frauen, die sexuelle Gewalt anzeigen wollen, nach ihrer Kleidung zum Tatzeitpunkt gefragt werden, ihnen vorgehalten wird, dass sie sich ihren Freund oder Ehemann selbst ausgesucht hätten, oder auch Hartnäckigkeit (= Stalking, Bedrohung etc.) doch eigentlich etwas wäre, worüber die Frau sich freuen solle. Den Großteil der sexualisierten Gewalt erleben Frauen in ihrem familiären Umfeld oder bei Bekannten und „Freunden“. Umso schwieriger ist es, Gehör zu finden und sich mitzuteilen, wenn den Täter alle bisher als den netten Typen von nebenan gekannt haben. Für viele Frauen ist die #MeToo-Kampagne ein emotionaler Befreiungsschlag, mit dem sie zum ersten Mal eine distanzierte, aber konkrete Aufmerksamkeit erhielten. Dennoch sollte bedacht werden, dass sich nicht alle Betroffenen äußerten und somit die Veröffentlichungen nur die Spitze des Eisberges darstellen, der kurzzeitig sichtbar wurde. Außerdem ging es im Großteil der Posts um die Ängste, die Schuldgefühle, die Wut der Frauen. Nur sehr wenige konnten ihre Täter direkt adressieren, einen #YouToo-Hashtag gibt es nicht.

Wie nicht anders zu erwarten, ließen sich auch sexistische reaktionäre Antworten nicht lange bitten. So mussten sich Frauen anhören, dass sie Männern nicht erklären würden, wo die Grenze zwischen Flirten und Belästigung liege, dass das alles ja „nur nett“ gemeint sei, oder ob sie die Reaktionen nicht provozieren würden, wenn sie sich „so“ präsentierten. Besonders verletzend war es für diejenigen, deren Erfahrungen als Lügen verunglimpft wurden, da sie nicht einmal „für eine Vergewaltigung attraktiv genug“ seien. So wurden Betroffene zum zweiten Mal angegriffen und gedemütigt. Die #MeToo-Kampagne allein konnte und kann diesen psychischen Terror nicht auffangen.

Perspektive

Hier kommt auch ein grundlegendes Problem der Kampagne zum Vorschein, deren Erfolg davon abhängt, wie viele Frauen sich individuell entscheiden, extrem persönliche Dinge der Öffentlichkeit mitzuteilen, um dem strukturellen Problem des Sexismus größere Dringlichkeit zu verleihen. Was wäre gewesen, wenn sich niemand getraut hätte, etwas zu erzählen? Oder anders gefragt: Haben sich die sexistischen Verhältnisse geändert, nachdem nun viele wissen, wer aus dem Bekanntenkreis wann, wo und wie genau sexuell belästigt wurde?

Nein, es hat sich nichts verändert. Müssen wir Frauen uns immer erst in die Opferrolle begeben, um ein paar Menschen davon überzeugen zu können, dass wir strukturell unterdrückt werden? Können wir nicht unsere Erlebnisse nur mit den Menschen teilen dürfen, denen wir vertrauen, und trotzdem politische Debatten über Sexismus führen?

Nicht nur die brutalen Geschichten der Betroffenen sind es, die Betroffenheit, Interesse und vielleicht sogar Widerstandsdrang auslösen sollten. Es wären die Geschichten der Täter, die Zahl der Schuldigen, die erniedrigenden Gedanken und die Worte, mit denen sie Frauen peitschen, die etwas in der Gesellschaft auslösen sollten, doch all dies bleibt vage im Hintergrund.

Die #MeToo-Kampagne thematisiert zwar die Unterdrückung, macht Erfahrungen öffentlich. Aber sie bietet keine Handlungsperspektive, benennt nicht ihre unter dem Schutt von Jahrtausende alten Unterdrückungsverhältnissen begrabenen Wurzeln in der geschlechtlichen Arbeitsteilung – den Kern des stummen gesellschaftlichen Zwangs.

Es geht nicht um die Masse an Einzelschicksalen, die bis auf null verringert werden muss, um das Problem der Frauenunterdrückung zu lösen. Es geht um die Struktur, die vollkommen abgetragen werden muss, damit Frauen gleichberechtigt leben können. Frauenunterdrückung beginnt nicht bei der sexualisierten Gewalt. Sie wird vermittelt durch die Einteilung in der Schule in „geschlechterspezifische“ Ausbildung, setzt sich am Arbeitsplatz mit ungleicher Bezahlung fort und an der Uni mit der elitären Manifestierung der Rollenbilder fest, verankert sich im alltäglichen Leben der Kleinfamilie. All dies sind die Orte, an denen man aufstehen, sich organisieren und wehren muss.

Ihre Wurzel hat die Unterdrückung der Frau in der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, die auch in der bürgerlichen Gesellschaft herrscht, die Fesselung der Frau an Familie und private Hausarbeit. Daher nimmt der Kampf um Gleichstellung, Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen, gleiche Entlohnung, gegen Prekarisierung eine wichtige Funktion ein. Der Arbeitsmarkt muss in jeder Hinsicht für Frauen zugänglich gemacht und diese gleich entlohnt werden wie Männer. Schutzmöglichkeiten für Frauen, die Opfer von Gewalt jeglicher Form geworden sind, müssen ausgebaut und zugänglich sein – in verschiedenen Sprachen, in ländlichen Gebieten und anonym. All das zielt auf die Vergesellschaftung der Hausarbeit. Dass dies alles im Kapitalismus umgesetzt werden kann, glaubt wohl niemand. Deshalb ist eine erfolgreiche Bewegung gegen Frauenunterdrückung immer geknüpft an die Bewegung der ArbeiterInnenklasse, die um ihre Macht kämpft und den Kapitalismus überwindet. Kein Sozialismus ohne Frauenbefreiung – keine Frauenbefreiung ohne Sozialismus!

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