Kapitalismus und Umweltkrise: Nach mir die Sintflut!

Jürgen Roth, Neue Internationale 224, November 2017

Mit Umweltkrise meinen wir den langlebig gestörten Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur. Der Umwelt ist scheißegal, ob der Mensch oder überhaupt Leben auf dem Globus existieren. Natur schlechthin kann gar nicht zerstört werden. Dem Kosmos ist selbst die Existenz der Erde gleichgültig. Der Menschheit kann es aber nicht schnuppe sein, ob sie so wirtschaftet, dass sie durch ihr Einwirken auf die äußere Natur ihr eigenes Überleben mutwillig verkürzt.

Kapitalismus: Herrschaft des Mehrwerts

Unter dieser Produktionsweise bekommt der abstrakte Reichtum erstmalig eine eigene materielle Gestalt in Form des Geldes. Die Vermehrung des abstrakten Reichtums wird zum das gesamte Wirtschaften bestimmenden Ziel. Geld verwandelt sich in Kapital, das aus den LohnarbeiterInnen Mehrwert herauspresst, der es wiederum vermehrt. Darum ist Kapitalismus Profitproduktion, diese Antrieb und Schmierstoff der Produktionsweise.

Dadurch wird das Kapital, ein gesellschaftliches Verhältnis zwischen Produktionsmittelbesitz und eigentumslosen NichtbesitzerInnen an Produktionsmitteln (ProletarierInnen), das aber als Verhältnis zwischen Sachen (Geld-, Kapitalfetisch) erscheint, zur Schranke seiner eigenen Entwicklung. Je größer der Kapitalstock anschwillt, desto schwieriger werden seine Verwertungsbedingungen, was sich im tendenziellen Fall der Durchschnittsprofitrate ausdrückt.

Verelendung der ArbeiterInnen und der Umwelt

Die kapitalistische „Markt“wirtschaft wird darum immer wieder von Konjunktur- und noch schlimmeren Krisen (Depression, Krieg, Finanzcrash) heimgesucht, die Anhäufung von Mehrwert (Akkumulation) unterbrochen. Für die Lohnabhängigen, die aufs Pflaster geworfen werden, bedeutet dies allerdings nicht nur weniger Reichtum, sondern Verelendung.

Die Akkumulation bedeutet für die außermenschliche Natur aber auch, dass von ihr immer mehr in Wert verwandelt wird. Mit steigender Arbeitsproduktivität, die im Kapitalismus die Regel ist, verwandelt sich aber Natur in eine noch größere stoffliche Gebrauchswert- als Wertmasse. Damit wächst aber auch der Umfang an Stoffen (Abfall), die nach ihrer Vernutzung keinen Gebrauchswert (Residuen) oder sogar einen negativen besitzen (Schadstoffe). Atommüll und CO2-Ausstoß sind Beispiele für letztere.

Hieran kann man sehen, dass eine Produktion nur für den Wert, die also nicht ihren Maßstab in der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse besitzt, sondern im abstrakten Reichtum des Kapitals, grundsätzlich die Reproduktion der natürlichen Lebensbedingungen für die Menschengattung unterminieren muss (Produktion um der Produktion willen).

Die Firma, die eine Ware verkauft, interessiert grundsätzlich nur der Gewinn daraus, nicht was sie dem/r KäuferIn nutzt, geschweige was von ihr nach Gebrauch stofflich übrig bleibt. Letzteres interessiert auch diese kein Stück. So wie der Kreislauf des Verwertungsprozesses (siehe oben) durch die kapitalistischen Bewegungsgesetze regelmäßig unterbrochen wird (Krisen), so erst recht der materielle Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur in dieser Produktionsweise. In einer kommunistischen Produktionsweise würde die Produktion wieder der Reproduktion von Mensch und Natur dienen und folglich die Frage der Reintegration aller Erzeugnisse in ihren Stoffwechsel eine von höchster Bedeutung werden: Recycling wäre ein selbstverständliches, von vornherein bei jeder Produktion bedachtes und universelles System und keine skurrile Lachnummer wie Jürgen Trittins Dosenpfand.

Hilflosigkeit nichtrevolutionärer Umweltkonzepte

Durchaus als antikapitalistisch verstehen sich viele Ausstiegs„programme“. Ein Klimacamp im Hambacher Forst, eine Hippie-Landkommune in den USA, ein Ökodorf bei Gorleben sind genauso wenig kapitalistisch wie Omas Gartenlaube. Doch verschwindet der Kapitalismus damit nicht um sie herum, sondern wird trotzdem immer mächtiger. Das Modell der Rückkehr zum nichtkapitalistischen kleinen Privateigentum bzw. zur Genossenschaft ist eine letztlich ebenso hoffnungslose wie reaktionäre Spielart des kleinbürgerlichen Antikapitalismus. Im Kapitalismus wird jede Genossenschaft, jedes „Alternativprojekt” ein Laden wie jeder andere oder geht pleite. In der sozialistischen Planwirtschaft kann sie dagegen eine wichtige, ergänzende Rolle spielen. Wie zudem 7 Mrd. Menschen durch Rückkehr zur Parzelle ernährt werden können, bleibt ein ewig ungelöstes Rätsel.

Den Kapitalismus dabei stören, die Erde wie eine Speisekammer zu plündern, vermag auch die andere nichtrevolutionäre Spielart von Umweltschutz nicht: die sozial-ökologische Flickschusterei nach dem Rezept des „grünen“ Kapitalismus.

Die neoliberale Spielart beruht auf dem Pigou’schen Divergenztheorem, demzufolge Umweltschäden Ausdruck eines Versagens des Marktmechanismus seien. Mittels Schadstoffzertifikaten (Emissionshandel) soll das Verursacherprinzip Anwendung finden, die Lücken zwischen privaten und vorgeblich allgemeinen Interessen geschlossen und ein Anreiz zur Schadstoffausstoßvermeidung geschaffen werden. Der Widerspruch wird nicht in dem zwischen Gebrauchswertproduktion und Kapitalverwertung gesehen, sondern mittels eines kapitalimmanenten subjektiven Lohn-Strafe-Systems aufzuheben versucht. Die Umwelteffekte des CO2-Emissionshandels sind bisher durchschlagend unsichtbar. Beim EEG und seinem Vorläufer (Stromeinspeisegesetz) kommen neokeynesianische Methoden zum Einsatz in Form von Subventionen (Einspeisevergütung) zwecks Aufbau einer ganzen Ökoenergiebranche.

Diese gegen die Marktpreise eingeschlagene Marschroute lässt sich jedoch nur länger durchhalten, wenn die Staatsverschuldung sie nicht verhindert oder die werktätigen Massen dieses Flickschusterkonzept bezahlen. Letzteres ist bei der vielgepriesenen deutschen Energiewende der Fall. Trotzdem geht auch beim EEG die Reise rückwärts zu Neoliberalismus (Strombörse, Kappung der festen Vergütungen und des Ausbaus der Photovoltaik) und Sozialabbau (prekäre Arbeitsbedingungen in der EE-Branche bei Windrad- und Solarzellenfirmen).

Nur der Kommunismus kann das Verhältnis zwischen Produktion und Reproduktion wieder vom Kopf auf die Füße stellen, weil er nicht auf dem Wachstum stofflichen Outputs über Gebühr beruht, sondern auf dem der Arbeitsproduktivität, auf dem Stillen der Bedürfnisse der breiten Masse, auf Minimierung von Verschwendung, auf der Senkung der unmittelbaren Arbeitszeit und Ausdehnung der wirklich freien Zeit für die Entfaltung der wahrhaft menschlichen Anlagen in Bildung, Kultur, Sport und Beschäftigung mit der Gesellschaft.

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