Julitage 1917 – Rückschlag und Treibmittel

Bruno Tesch, Neue Internationale 221, Juli/August 2017

Die erste Woge der Revolution hatte Russland im Februar 1917 überflutet. Im Strudel der Ereignisse war das morsche zaristische Regime untergegangen. Die Regierungsgeschäfte übernahm eine Koalition aus parlamentarischen Parteien. Sie stellte jedoch keinerlei Demokratisierung der Gesellschaft dar, denn das Kabinett kam zu 100 Prozent aus VertreterInnen des Bürgertums und der Adelskaste, die dem alten System verhaftet waren. Im Grunde fand nur ein Austausch in der Befehlshaberschaft statt. Staatstragende Machtapparaturen wie Verwaltung und Armee blieben unangetastet.

Die Revolution ging von der ArbeiterInnenklasse aus. Sie schuf sich ihre eigenen Machtorgane, die Räte, die sich neben der Regierung aufstellten. Die arme Bauernschaft stand ihr als wichtigster Bundesgenosse zur Seite. Dennoch ließen die Sowjets die erzkonservativen Kräfte im Regierungsamt mit dem Versprechen auf freie Wahlen gewähren, auch wenn sie sich die Kontrolle der Entscheidungen vorbehielten.

Binnen kurzem stellte sich heraus, dass die neue provisorische Regierung weder willens noch fähig war, die Forderungen der Bevölkerungsmassen nach besseren Lebensbedingungen, ausreichender Ernährung – die Forderung nach Lebensmittelversorgung war Ausgangspunkt der Revolution gewesen -, nach Landreform und Frieden zu erfüllen. Der Druck vonseiten der Massen führte schließlich im Mai 1917 zu einer Regierungsumbildung, die nun auch die Menschewiki, die einflussreichste Organisation in den ArbeiterInnensowjets, umfasste.

Rückschläge

Diese Umbildung gab zwar den veränderten Kräfteverhältnissen Ausdruck, aber die Doppelmachtsituation löste sich damit nicht auf, sondern spitzte sich eher zu.

Mit ihrer entschlossenen Politik hatten die Bolschewiki, die nun dem Kurs Lenins in seinen berühmten „Aprilthesen“ folgten und die Theorie der unumgänglichen bürgerlichen Etappe in der Revolution ablehnten, insbesondere in der ArbeiterInnenschaft und bei den Matrosen der Flotte viele neue AnhängerInnen gewonnen. Hier formte sich eine neue revolutionäre Vorhut, die unter den Losungen „Alle Macht den Räten! Bruch mit der Bourgeoisie! Hinaus mit den 10 Kapitalisten-Ministern!“ eine Lösung der Doppelmacht zugunsten der ArbeiterInnenklasse und der armen Bauerschaft anstrebte.

Der schnelle Zuwachs dieser Elemente zeigte zum einen eine Radikalisierung innerhalb der Klasse an, verführte andererseits aber auch zu einer Überschätzung der eigenen Kräfte, was aufgrund ihrer Unerfahrenheit verhängnisvoll war.

So demonstrierten in den Tagen des Rätekongresses Anfang Juli 1917 bewaffnete Einheiten aus Heer und Marine zusammen mit ArbeiterInnen, um Druck auf die Räte zur Machtübernahme auszuüben und den Aufstand ins Visier zu nehmen. Ihre starke Stellung in der Hauptstadt Petrograd ließ jedoch die Lage in den übrigen Teilen des riesigen Landes verkennen. Dort beherrschten die Menschewiki das Terrain der ArbeiterInnenstädte, während sich die bäuerlichen Gebiete in der Hand der SozialrevolutionärInnen befanden.

Die Führung der bolschewistischen Partei warnte deshalb auch vor vorschnellen Aufstandsaktionen der eigenen GenossInnen, weil sie das Kräfteverhältnis überblickte und realistisch einschätzte. Dennoch gab es in den eigenen Reihen linksradikale Tendenzen, v. a. in der Militärabteilung und in der Wyborger Ortsgruppe, die die bewaffneten Auseinandersetzungen befeuerten. Aber bald mussten auch sie einsehen, dass sie den regulären Truppen, die von der Regierung gerufen wurden, militärisch nicht gewachsen waren und auch die Konzeption, die unwilligen Räte durch Einzelfanale zur Machtübernahme zu bewegen, ein Fehlgriff war.

Den Bolschewiki wurden nach der Niederlage insgesamt die Unruhen angelastet, sie wurden zu Hunderten verhaftet oder mussten untertauchen. Die Partei verlor wieder schnell an Anhang und Rückhalt. Sie war gezwungen, sich zu reorganisieren und konnte sich erst im September wieder erholen.

Die Konterrevolution fühlte sich durch den militärischen Erfolg im Juli gestärkt und hatte gleichzeitig die Massen eingeschüchtert. Dies hatte auch zur Folge, dass nicht nur die Bolschewiki, sondern auch die Organe und die Selbsttätigkeit der Klasse attackiert wurden. Entwaffnungen von ArbeiterInnenmilizen, Einschränkung von Soldatenrechten bis hin zur Wiedereinführung der Todesstrafe wurden erlassen. Die Reaktionäre, v. a. aus der Armee, waren entschlossen, die Gunst des Siegs zu nutzen, um die Doppelmacht zugunsten der herrschenden Bourgeoisie zu beseitigen. Die Ernennung Kornilows zu ihrem Oberbefehlshaber und dessen Ausstattung mit diktatorischen Vollmachten war ein Fingerzeig nicht nur für die Verschärfung der Unterdrückung der Massen, sondern auch auf bonapartistische Tendenzen, die sich letztlich sogar gegen die bürgerlich-parlamentarische Ordnung richten konnten.

Treibmittel

Ein entscheidender Umstand, der diese Pläne durchkreuzte, lag nicht in Russland selbst, sondern in der weltpolitischen Verwicklung des Landes in den 1. Weltkrieg. Sowohl die offen bürgerlichen Organisationen wie auch die Parteien der Menschewiki und SozialrevolutionärInnen hatten nicht die Lehren aus den Erfahrungen der Februarrevolution gezogen. Zwar war der Zar gestürzt worden, aber der von seinen Generälen begonnene Krieg wurde als Vaterlandsverteidigung für die eigenen imperialistischen Zielsetzungen gegen die Kriegsmüdigkeit der Massen fortgeführt. Zu diesem Zweck eröffnete der neue Kriegsminister und spätere Regierungschef Kerenski eine militärische Offensive an der Westfront gegen die Mittelmächte. Souffliert wurde dies von rege tätigen Emissären aus dem Lager der imperialistischen Alliierten Frankreich und Britannien. Sie erinnerten an die russischen Bündnisverpflichtungen, behaupteten, der Gegner, die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn, sei derzeit erheblich geschwächt und versprachen Entsendung von Truppen und Material zur Unterstützung der Offensive.

Die Offensive geriet zum Desaster und das nicht nur militärisch. Mangelnde Ausrüstung, Kompetenzstreitigkeit unter den Offizieren und die ausbleibenden versprochenen Einsätze und Nachschublieferungen der Verbündeten sorgten dafür, dass die Offensive in kaum koordinierte Teiloperationen zerfiel. Dies förderte die Kampfesunlust in den eigenen Reihen und steigerte erneut die Friedenssehnsucht bei den russischen Massen.

Die einzige Kraft, die von Anfang an sich gegen den Krieg stellte und dessen verheerende Auswirkung auch auf die Verschlechterung der Lebenslage gebrandmarkt hatte, waren die Bolschewiki. Alle übrigen, einschließlich der Menschewiki, waren dem Gift des Chauvinismus erlegen. Die Bolschewiki sprachen auch klar aus, dass die russischen Soldaten für die Ziele der ImperialistInnen Englands, Frankreichs, Italiens, Japans und Amerikas ins Feuer gejagt worden waren. Solange die Geheimverträge nicht revidiert worden waren, die Russland mit den ImperialistInnen anderer Länder verbanden, war und blieb die Offensive der russischen Truppen ein Dienst, der den ImperialistInnen erwiesen wurde.

Wiedererholung

Mit dieser Propaganda und Agitation erreichten sie die Soldaten im Einsatz und die Massen zuhause und konnten ihren Einfluss wieder stärken.

Der Stimmungsumschwung in den Massen zugunsten einer offensiveren Haltung, die sich zunehmend gegen die konterrevolutionäre Armeeführung, aber auch gegen Teile der Regierung wandte, v. a. auch bei den bäuerlichen Massen, war zudem der ungelösten Agrarfrage geschuldet. Die mitregierenden SozialrevolutionärInnen stellten sich gegen illegale Landbesetzungen und untergruben damit ihren großen Einfluss in der Bauernschaft. Wieder waren es allein die Bolschewiki, die diese Landnahmen rückhaltlos unterstützten. Ende Juli kam es auch zu einem Parteitag, auf dem Trotzki und die Meschrajonka-Tendenz der bolschewistischen Partei beitraten. Auch ihr Einfluss in den Räten wuchs wieder, weil viele Mitglieder mit der Politik der Regierungsbeteiligung nicht einverstanden waren. So konnten die Bolschewiki dank ihrer klaren Positionierungen die Rückschläge überwinden und sich relativ rasch politisch wieder stärken.

Einschätzungen

Der Juli 1917 wird von bürgerlichen und reformistischen HistorikerInnen typischerweise meist nur unter Teilgesichtspunkten bewertet. Sie bringen den militärischen Misserfolg in Zusammenhang mit der Stimmung in den Massen, trennen aber die politische Entwicklung davon ab. Den Bolschewiki werfen sie einen missglückten Putschversuch vor, der im Oktober wiederholt worden sei und dort dann günstigere Bedingungen vorgefunden habe. Sie beklagen, dass den bürgerlichen und sozialdemokratischen Kräften nicht genug Zeit geblieben wäre, um eine parlamentarisch gefestigte Ordnung zu entwickeln. Das Grundproblem, dass die wechselnden Regierungen in keiner Phase ihrer Amtszeit die drängenden Bedürfnisse der Bevölkerung nach Besserung der Versorgungslage, nach Eindämmung der Ausbeutung, nach Verteilung des bebaubaren Landes angegangen hatten, wird von ihnen verkannt. Überlagert wurde der Gang der Ereignisse von dem unbedingten Festhalten an der Fortführung des Krieges seitens aller bürgerlichen und reformistischen Parteien. Damit hing die repressive Politik der Regierung schließlich zusammen. Der „demokratische“ Kriegsminister Kerenski musste die Massenfeindlichkeit der Regierungspolitik und die klare Gegenposition sowie die Erfolge der Bolschewiki eingestehen, indem er sagte, es gäbe: „die geringe Bewusstheit der Soldaten, die Leichtigkeit, mit der sich Feigheit und niedere Instinkte hinter den perversen Losungen des Bolschewismus verbergen lassen, die Straflosigkeit bei Anstiftung zur Nichterfüllung von Kampfbefehlen unter dem Deckmantel ideologischer Agitation“.

Die Soldaten reagierten mit einer Desertationswelle auf ihre Weise auf die billigen enttäuschten Siegversprechen von Regierung und Armeeführung. Die Bevölkerung begriff rasch und sah es zunehmend weniger ein, dass sie wieder sinnlose Opfer für einen Krieg bringen sollte, der nicht in ihrem Interesse geführt wurde. Es fehlte aber noch in der ArbeiterInnen- und bäuerlichen Klasse die Entschlossenheit, sich offensiv zum Kampf gegen UnterdrückerInnen und AusbeuterInnen zu rüsten.

Insofern lässt sich sagen, dass der Juli 1917 eine widersprüchliche Stellung im Prozess der Russischen Revolution einnimmt. Die Niederlage der Julitage war für die revolutionäre Bewegung zwar ein Rückschlag, brach sie aber nicht. Sie trug vielmehr zur politischen Reifung der Avantgarde und der Partei bei – und bereitete damit den Oktober vor.

Allerdings musste die Führung ihre Kräfte erst wieder sammeln und reorganisieren. Die Unfähigkeit der bürgerlich geführten Regierungskoalition, den Forderungen der Massen entgegenzukommen, insbesondere durch ihre Kriegspolitik, veränderte die anfänglich eingeschüchterte Stimmung und verlieh ihr gegen Regierung und offen diktatorische Bestrebungen durch die Armeeführung wieder gegenläufigen Aufschwung.

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