Pakistan – Lynchmord an studentischem Aktivisten

Hassan Raza, Infomail 944, 6. Mai 2017

Am 13. April erlebte Pakistan einen weiteren Fall, der die tief sitzende Gesellschaftskrise verdeutlicht. Hunderte von Studenten der Abdul Wali Khan-Universität in Mardan haben einen Kommilitonen gelyncht, den sie der Gotteslästerung und der Verbreitung von blasphemischen Äußerungen in den sogenannten sozialen Medien beschuldigten. Mashal Khan, ein 23-jähriger Journalistikstudent, hatte in der studentischen Unterkunft Zuflucht gesucht, wurde jedoch von dem ihn verfolgenden Mob herausgezerrt, angeschossen und anschließend brutal zu Tode gefoltert.

Videoaufnahmen in den „sozialen Medien“ zeigten, wie er sogar noch nach seiner Ermordung vom Mob gesteinigt wurde und dabei Slogans gegrölt wurden. Als ob dies nicht genug gewesen wäre, wurde auf dem Video auch die Untätigkeit der umstehenden Polizisten sichtbar, die nichts gegen diese barbarischen Akte unternahmen. Berichten zufolge beteiligten sich sogar Polizeioffiziere an den mörderischen Attacken.

Khan war nicht das einzige Opfer, auch zwei seiner Freunde wurden angegriffen und einer von ihnen schwer verletzt. Es ist zudem klar geworden, dass die Beschuldigung der Gotteslästerung, auf die nach pakistanischem Recht die Todesstrafe steht, völlig aus der Luft gegriffen war. Die Polizei hat Berichte von Mashal Khans Freunden bestätigt, dass die Universitätsdirektion zur Gewalt aufgestachelt hat, weil er eine Kampagne gegen Korruption, Gebührenerhöhungen und andere universitäre Themen mitgestartet hat.

Mashal Khan war Marxist. Polizei und Medien fanden in seiner Studentenwohnung Bilder von Karl Marx, Che Guevara und des nationalistischen Belutschenführers Akbar Khan Bugti, der unter der Diktatur von Musharraf zu Tode kam. An der Wand standen Parolen wie „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

Videos und Berichte über den Mord zeigten, dass die Islami Jamiat-e-Talaba, ein studentischer Flügel der Jamaat-e-Islami (Islamische Gemeinschaft) den Überfall angeführt haben, doch Führer der studentischen Organisation Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI) unter Leitung von Imran Khan und, noch schwerwiegender, ebenso Mitglieder der vermeintlich weltlichen und fortschrittlichen Awami-Nationalpartei ANP waren in diesen Lynchmord verwickelt. Eine lokale Allianz hat sich gebildet, soweit ist seitdem klar, um die kriminellen Subjekte zu schützen, die die Ermordung von Mashal Khan zu verantworten haben. Als Teil dieser Allianz zeigt die ANP ihr wahres Gesicht.

Imran Khan, dessen PTI die Provinz Khyber Pakhtunkhwa regiert, verurteilte erst nach 18 Stunden diesen Mord, der Premierminister Nawaz Sharif sogar erst 2 Tage danach. Diese Verurteilungen kamen erst, als sich nach Polizeiberichten herausstellte, dass an den Blasphemievorwürfen nichts Wahres dran war und die Universitätsdirektion in die ganze Angelegenheit verwickelt war.

Der Lynchmord offenbart die schwere gesellschaftliche und staatliche Krise. Sie enthüllt den Charakter der Epoche und den Grad der Repression und des Unmuts in Pakistan. General Zia-ul-Haqs Militärregime hatte das reaktionäre Gotteslästerungsgesetz in die Verfassung eingeführt. Nach 11 langen, dunklen Jahren dieser Regierung brachte die Nawaz Sharifs weitere Klauseln ins Strafgesetzbuch von 1992 ein.

Diese Gesetze werden heute vom Staat benutzt, um jegliche oppositionelle Kritik unter dem Vorwand, sich der Gotteslästerung schuldig zu machen, zu unterdrücken. Insbesondere werden sie gegen MedienbloggerInnen angewendet, die den chinesisch-pakistanischen Wirtschaftskorridor, militärische Operationen und die Außenpolitik kritisieren. Der Staat schafft eine Situation, in der kritisches Denken und abweichende Ansichten automatisch mit Hochverrat und Gotteslästerung in Verbindung gebracht werden.

In den vergangenen Monaten sind Aktionen von reaktionären Bürgerwehren von Regierung und Justiz ermuntert und unterstützt worden. Ein Richter am obersten Gerichtshof von Islamabad, der selber unter Anklage der Korruption stand, ist besonders berüchtigt auf diesem Gebiet, aber seine Anschauungen werden auch vom Innenminister geteilt. Die Zustände haben sich verschlimmert, weil die kriminalpolizeiliche Behörde FIA, unterstützt von richterlicher und innenministerieller Seite, Menschen zur Mithilfe aufgerufen hat, gotteslästerliche Beiträge in den „sozialen Medien“ zu melden. Diese Kampagne hat mit dem Lynchmord an Mashal Khan und ähnlichen Vorfällen an anderer Stätte nun ihre ersten bitteren Früchte getragen.

Unmittelbar nach dem scheußlichen Verbrechen gab es Demonstrationen und Versammlungen im ganzen Land. Obschon sie nicht sehr zahlreich waren, bedeuten sie doch, dass viele Leute gegen solche Barbarei, die das gemeinschaftliche Gefüge des Landes zu zerstören droht, einzuschreiten bereit sind.

Der einzige Weg, dieses bedrohliche Ungeheuer zu bekämpfen, ist ein gemeinsames Handeln in den Schulen, Universitäten und Betrieben, um sich zu organisieren und zur Selbstverteidigung zu wappnen gegen die wachsende Zahl solcher faschistischen Attacken. Wir rufen alle fortschrittlichen Organisationen, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen zu einer landesweiten Konferenz auf, um dort eine gemeinsame Strategie in dieser Frage auszuarbeiten und einen Aktionstag zum Widerstand gegen Lynchjustiz und die sie begünstigenden reaktionären Gesetze zu organisieren.

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