Leninistische Partei und demokratischer Zentralismus

Dave Stockton

„Die Partei ist keine Arena für die Entfaltung der freien Individualität, sondern ein Instrument der proletarischen Revolution“. Diese Worte Trotzkis von 1939 bilden den Hintergrund, vor dem Lenin sich der Frage der Demokratie in der revolutionären Partei näherte. Wir wollen zeigen, wie Lenins Ansichten über das Gleichgewicht zwischen Zentralismus und Demokratie in der Partei im Kampf für ein revolutionäres Programm gegen den russischen Zarismus entstanden.

Nach dem Zusammenbruch des Stalinismus wurde es in der „extremen Linken“ modern, die Prinzipien des demokratischen Zentralismus in Frage zu stellen. Die radikalsten Kritiken schlagen vor, dass die Arbeiterklasse keine zentralistische Partei braucht, sondern vielmehr eine dezentralisierte amorphe Bewegung, von der Art einer „Bewegungen der Unterdrückten“. Andere meinen, dass, sogar wenn eine demokratische zentralistische Partei auf lange Sicht wünschenswert wäre, es unmöglich ist, sie jetzt aufzubauen. Was heute gebraucht werde, ist ihrer Ansicht nach die Neuformierung der großen Zahl linker Gruppen in ein wechselseitig tolerantes Forum für Diskussion und gemeinsame Aktion.

Den Sozialdemokraten und Liberalen folgten reumütige Stalinisten, die viele der Probleme hinsichtlich der Degeneration der Russischen Revolution den angeblichen demokratischen Unzulänglichkeiten der Bolschewistischen Partei in die Schuhe schoben. Sie behaupten, dass die Wurzeln des Sowjettotalitarismus in der leninistischen Partei und ihrem organisatorischen Grundsatz – dem demokratischen Zentralismus – zu finden wären.

Auch wenn ein Kritiker den demokratischen Zentralismus der Bolschewiki ehrlicherweise nicht mit dem stalinistischen bürokratischen Zentralismus in einen Topf wirft, wird er doch oft als eine Art Mittäter dargestellt – dem die Kontrollen und das Gleichgewicht fehlen, die föderalen und dezentralisierenden Elemente, die die Verbürokratisierung verhindern hätten können. In dieser Sichtweise müsse der Leninismus mit linksreformistischen oder liberalen Traditionen ergänzt werden, oftmals verkleidet als Feminismus.

In den Augen der Kritiker muss das Zentrum einer solchen Gruppierung per Definition von der lebendigen Erfahrung im Kampf und der Praxis abgeschnitten sein. Diese ergäbe sich nur in den lokalen Basiseinheiten, in der Peripherie. Anweisungen „von oben“ würden den demokratischen Selbstausdruck unausweichlich verkrüppeln. Sie würden die Spontaneität und das Selbstvertrauen behindern; ein Zentrum würde aus seiner Natur heraus dazu neigen, zu dominieren und zu unterdrücken.

Dieser Artikel versucht die Frage zu beantworten, ob Lenins Bolschewismus in irgendeinem Sinn für die Verbürokratisierung der Russischen Revolution und des ersten Arbeiterstaats verantwortlich war. Natürlich liegt ein wesentlicher Teil der Antwort in der Analyse der Degeneration dieses Arbeiterstaates. Doch ein gewichtiger Teil liegt auch in der Untersuchung des demokratischen Zentralismus in der bolschewistischen Praxis und wie er sich während der Geschichte der russischen Sozialdemokratie und des Bolschewismus entwickelt hat.

Das ist keine abstrakte historische Frage. Die Bolschewiki sind bis jetzt die einzige Partei, die eine Arbeiterrevolution erfolgreich geführt und die Macht in die Hände direkter Organe der Arbeiterdemokratie – der Sowjets – gelegt hat.

Eine Untersuchung der wichtigsten Stufen der Entwicklung der leninistischen Partei und des demokratischen Zentralismus ist notwendig, denn Beispiele bolschwistischer Praxis und Zitate Lenins werden oft als entscheidendes Argument aus dem Zusammenhang gerissen. Das geschieht sowohl bei übereifrigen Verteidigern des demokratischen Zentralismus wie bei seinen Kritikern.

Erstere verleihen ihnen eine bürokratische und sektiererische Interpretation, letztere einen opportunistischen, spontaneistischen und liberalen Drall. Ihre Gemeinsamkeit liegt darin, dass sie beide glauben, dass es eine stehende Formel für den demokratischen Zentralismus gibt, die gleichermaßen auf die kleine Propagandagruppe, die für ihre Ideen in einer Situation grundlegender ideologischer Konfusion kämpft, wie auch für eine Massenpartei, die die ArbeiterInnenorganisationen in eine revolutionäre Situation führen will, gilt.

Die klarste und prägnanteste Stellungnahme der Methode, die angewendet werden muss, um zu verstehen, was demokratischer Zentralismus heißt, ist Trotzkis kurzer Artikel „Über den demokratischen Zentralismus: Einige Worte über die Parteiordnung“:

„Eine Partei ist ein aktiver Organismus. Sie entwickelt sich in der Auseinandersetzung mit äußeren Hemmnissen und inneren Widersprüchen. (…) Die Ordnung einer Partei fällt nicht fertig vom Himmel, sondern wird allmählich im Kampf gebildet. Eine politische Linie beherrscht die Ordnung. Zuallererst ist es nötig, strategische Probleme und taktische Methoden zu deren Lösung korrekt zu definieren. Die organisatorischen Formen sollen mit der Strategie und der Taktik übereinstimmen. Nur eine korrekte Politik kann eine gesunde Ordnung garantieren.“

Und später: „Demokratie und Zentralismus finden nicht in unveränderlichem Verhältnis zueinander. Alles hängt von den konkreten Umständen, von der politischen Situation im Land, von der Stärke der Partei und ihrer Erfahrung, vom allgemeinen Niveau ihrer Mitglieder und der Autorität, die die Führung vor einer Konferenz gewonnen hat, ab. Wenn das Problem das der Formulierung der politischen Linie für die nächste Periode ist, triumphiert die Demokratie über den Zentralismus. Wenn das Problem die politische Aktion ist, unterwirft der Zentralismus die Demokratie. Die Demokratie setzt ihre Rechte durch, wenn es für die Partei notwendig ist, ihre Aktionen kritisch zu betrachten. Das Gleichgewicht zwischen Demokratie und Zentralismus bildet sich im realen Kampf, in gewissen Momenten ist es gestört und dann wieder hergestellt (1).“

Die Fundamente für eine revolutionäre Partei in Russland

Eine Partei ist ein Teil einer Klasse, die die Notwendigkeit versteht, sich zu organisieren, um ins politische Geschehen zu intervenieren, um die Politik oder sogar den Charakter des Staats zu formen. Sie muss daher ein paar klar definierte Ziele haben, die das Programm bilden. Sie muss auch über Taktiken zur Erreichung dieser Ziele verfügen. Sie muss Prinzipien aufweisen, die ihre Konflikte oder die Zusammenarbeit mit anderen Parteien regeln.

Eine Partei der Arbeiterklasse muss das historische Interesse des Proletariats verfolgen, seine unmittelbaren oder begrenzten Interessen verstehen sowie die Taktiken zur Erlangung der strategischen Ziele. Keine marxistische Partei kann ohne programmatische Basis gegründet werden. Das Lebenswerk von Marx und Engels war der Entwicklung eines solchen Programms und seines organisatorischen Ausdrucks gewidmet. Ihre Arbeit in der Ersten Internationale fand ihren Höhepunkt am Londoner Kongress im September 1871, der erklärte, dass „die Arbeiterklasse gegen diese Gesamtgewalt der besitzenden Klassen nur als Klasse handeln kann, indem sie sich selbst als besondere politische Partei konstituiert, im Gegensatz zu allen alten Parteibildungen der besitzenden Klassen (2).“

Marx und Engels erarbeiteten kein Konzept der Form, die eine solche Partei annehmen sollte und auch keinen Ausblick auf die Beziehung zwischen Demokratie und Disziplin in der Partei. Das blieb dem russischen Marxismus und hier vor allem Lenin überlassen. Doch die Theorie und Praxis der leninistischen Partei bildet eine Kontinuität zu Marx‘ und Engels‘ Ausblick und gleichzeitig einen Sprung nach vorn.

Eine wichtige Übergangsfigur zwischen Marx und Engels einerseits und Lenin andererseits war Plechanow. 1883 war er bei der Gründung der Gruppe „Befreiung der Arbeit“ dabei gewesen. Diese winzige Gruppierung konzentrierte sich über eineinhalb Jahrzehnte lang auf die Anwendung des Marxismus auf Russland. Mit der Produktion einer Reihe von Büchern, Pamphleten und Übersetzungen der wichtigsten marxistischen Texte legte sie die theoretische Basis für den russischen Marxismus und die zukünftige Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (RSDAP).

Die Ausarbeitung der allgemeinen Perspektive, Strategien und Schlüsseltaktiken dieses Programms ist notwendigerweise die Aufgabe eines kleinen Kerns politischer Kader, Intellektueller oder proletarischer Intellektueller. Ein neues Programm, eine neue Partei kann nur im Kampf gegen bereits bestehende Parteien oder Bewegungen und deren Ideen und Programme entstehen und ihren Weg finden. Ein solcher Gründungskern muss daher die größtmögliche Homogenität entwickeln, um seine Ideen siegen zu sehen. Polemische Konflikte sind in diesem Gründungsstadium unvermeidlich.

Viele solche Kerne werden während dieser ersten Schritte untergehen. Jene, deren Ideen mit den fundamentalen Strömungen und Aufgaben der ArbeiterInnenklasse übereinstimmen, werden triumphieren – wenn sie von einer entschlossenen und kreativen Gruppe von Kämpfern getragen werden. In diesem frühen Stadium des Parteiaufbaus ist der Zentralismus zuerst vor allem programmatisch, d.h. alle Arbeit hat die mögliche Schaffung einer revolutionären Strategie zum Mittelpunkt. Die Demokratie ist die Freiheit der Ideen und Diskussion innerhalb einer solchen Organisation.

Dieses Stadium ist weit davon entfernt, unbeschränkt offen für alle Ideen und Theorien zu sein, die die kleinbürgerliche Intelligenzia umtreiben. Es ist hart, voller Konflikt, gegen jeden Fehler unduldsam; systematische Fehler zeigen den Einfluss der Bourgeoisie. Die ersten Jahre des russischen Marxismus waren von solchen Kämpfen geprägt.

Agitation und der Kampf gegen den Ökonomismus

Doch es war Vladimir Uljanow Lenin, der für die praktische und theoretische Ausarbeitung der Art und Weise des Aufbaus einer Arbeiterpartei unter russischen Umständen von zentraler Bedeutung war. 1890 war er Sozialdemokrat geworden. Seit Herbst 1893 war er in marxistischen Propagandazirkeln in St. Petersburg aktiv. Diese Entwicklung erforderte einen Bruch mit den Narodniki, den russischen Populisten, deren Politik eine Mischung aus revolutionärer Demokratie und utopischem Sozialismus war und deren Taktiken sich auf illegale Konspiration und den Gebrauch des individuellen Terrors konzentrierten.

Lenin zog aus dem revolutionären Populismus von 1880 eine Lehre: Ohne ernsthafte, professionelle, illegale Organisation würde die Sozialdemokratie in Russland keinen Fuß in die Tür setzen können. Für Lenin war es nur mit einer solchen Organisation möglich, Verbindung zu den russischen Arbeitern herzustellen. Und mit einer solchen Organisation, die in der Arbeiterklasse verwurzelt wäre, könnte und würde der Zarismus überwunden werden.

Lenin hatte eine aktive, kämpferische Vorstellung von der revolutionären Partei – eine, die sich in die aktuellen Tageskämpfe einlassen und sie entfachen sowie sie mit dem Ziel der Zerstörung des Zarismus und darüber hinaus der sozialistischen Revolution verbinden würde.

Doch in der zweiten Hälfte der 1890er führte der Erfolg der frühen Marxisten zu Konflikten innerhalb und zwischen den bestehenden Propagandazirkeln, Konflikte, die Fragen des Programms und der Organisation betrafen. In Bezug auf das Programm wurde die Frage gestellt: Braucht die Arbeiterklasse überhaupt ein Programm? Reicht es nicht, dass die spontane Bewegung der Arbeiterinnen und Arbeiter in Richtung Kampf geht?

Wenn das die Grundlage der Politik ist, ist eine Partei entweder gar nicht notwendig oder sie hat lediglich die Rolle inne, Spontaneität zu ermutigen oder Verbindungen zwischen bestehenden Gruppen herzustellen. Wenn es aber die Aufgabe ist, den unmittelbaren Kampf der Arbeiter mit dem Kampf um die Macht zu verbinden, muss eine organisatorische Form entwickelt werden, die den Alltagskampf mit dem revolutionären Ziel verknüpft. Eine solche Partei wird, im jeweils möglichen Ausmaß, intern und in ihren Beziehungen zu anderen Massenorganisationen der Arbeiter demokratisch sein, doch in der Verfolgung ihrer Ziele wird sie zentralisiert und diszipliniert sein müssen.

Die Diskussion konzentrierte sich auf eine neue Methode sozialdemokratischer Arbeit, die kürzlich unter jüdischen (jiddisch sprechenden) Arbeitern um Vilna in Litauen entstanden war. Dort hatte Arkadi Kremer zusammen mit einem anderen jungen Intellektuellen, Julius Martov, ein kurzes Pamphlet geschrieben, „Über Agitation“

Dieses befürwortete einen entschlossenen Bruch mit der alten Methode der marxistischen Studierzirkel zu Gunsten der Produktion und Verteilung von Flugblättern vor den Betrieben, die die unmittelbaren Ärgernisse der Arbeiter aufarbeiteten. Das würde eher die kämpferischsten Proletarier als jene, die nur theoretisch interessiert waren, an die sozialdemokratischen Zirkel heranziehen. Die Aufnahme dieser Methode war ein größerer Schritt vorwärts und der junge Lenin begrüßte sie und wandte sie an.

Die „Agitatoren“ meinten, dass Marxisten nicht nur die Aufgabe hätten, einzelne Arbeiter im Marxismus zu unterweisen und auf die Revolution zu warten, sondern diesen Tag tatsächlich herbeizuführen, indem eine Massenbewegung der Arbeiterklasse mitaufgebaut wurde. Das ging über die illegale Verteilung von Schriften hinaus bis zur Werbung für direkte Aktionen durch die Arbeiter in den Fabriken. Dass das Sache einer sozialdemokratischen Organisation (im Gegensatz zu einer Gewerkschaft) war, war eine neue Idee.

Die neue Agitationsmethode breitete sich nach St. Petersburg aus. Martov brachte Kopien von „Über Agitation“ in die Hauptstadt. Hier traf er erstmals Lenin und beide stimmten über die neue Arbeitsweise überein. Im Herbst 1895 gründeten sie die “St. Petersburger Liga des Kampfes für die Emanzipation der Arbeiterklasse.”

Dieser Schwenk verursachte notwendigerweise organisatorische Probleme. Er schloss Aktivitäten mit ein, die für das Spionagenetzwerk der Ochrana leicht zu entdecken waren. Die Frage war, wie sollte man sich geheim organisieren, um öffentlich zu intervenieren. Der Propagandazirkel allein konnte die Antwort darauf nicht geben. Tatsächlich war die Liga des Kampfes gerade dabei, ihre erste Zeitungsnummer herauszugeben, als die gesamte Führung verhaftet wurde. Lenin führte das später auf den eigenen Mangel an Professionalität in der konspirativen Arbeit zurück.

Nichtsdestotrotz zeigte das Wachstum der Massenkämpfe, dass die neue Methode funktionieren konnte. 1896/97 überschwemmte eine Streikwelle der Textil- und anderer Arbeiter für Neuregelung der Löhne und der Länge des Arbeitstags St. Petersburg, Moskau und andere Fabrikstädte. Die Sozialdemokraten wurden in den Fabriken freudig begrüßt.

Das verleitete einige der „Agitatoren“ wie Arkadi Kremer dazu, falsche einseitige Schlüsse zu ziehen, die von einer revolutionären Strategie wegführten. Begeistert von den Arbeitskämpfen um Löhne, Länge des Arbeitstags und Arbeitsbedingungen kamen sie zu dem Schluss, dass nur solche unmittelbaren ökonomischen Forderungen die Basis der Agitation sein könnten. Zumindest eine Zeit lang sollte der politische Kampf gegen den Zarismus den bürgerlichen Liberalen und den Intellektuellen der Narodniki überlassen werden. Die Arbeiter sollten sich darauf konzentrieren, „offenkundige Errungenschaften“ zu erzielen. Plechanow und dann Lenin nannten diesen Richtung „Ökonomismus“.

Im Sommer 1900, nach Diskussionen mit Martov in St. Petersburg, verließ Lenin Russland mit dem Projekt, Übereinstimmung mit Plechanow und Axelrod dahingehend zu erzielen, eine anti-ökonomistische Zeitung zu produzieren, die die programmatischen und organisatorischen Grundlagen für eine wirklich sozialdemokratische Partei in Russland schaffen würde. Diese Zeitung war die Iskra.

Lenin, Iskra und Was tun?

Die Iskra wollte sowohl ein Programm und taktische Prinzipien erstellen als auch die Untergrundkomitees und -zirkel quer durch das Russische Reich für ihr Projekt gewinnen. Das Ziel war ein Schritt vorwärts zu einer zentralisierten, notwendigerweise illegalen Partei. Die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (RSDAP) war 1898 gegründet worden, doch die Polizei hatte den größten Teil der Führung verhaftet und um 1900 war sie nur noch fragmentarisch vorhanden.

Die Iskra war in Wirklichkeit eine offene Fraktion innerhalb der RSDAP und nach außen hin homogen – wie Fraktionen es sein müssen, denn sie kämpfen, um an die Führung der Partei zu kommen. Lenin stellte fest, dass die Leserschaft kaum erkennen konnte, wer welchen Artikel in der Iskra geschrieben hatte, so geschlossen und homogen arbeitete die Redaktion. Von Ende Dezember 1900 bis zum Juli 1903 führten 44 Nummern der Iskra den Kampf für eine einheitliche zentralisierte Partei für das gesamte Russische Reich auf Grundlage eines gemeinsamen Programms, mit einem zentralen, im Ausland produzierten, Parteiorgan, das der ganzen Partei die politische Richtung vorgeben sollte.

Die Zeitung verfolgte sowohl eine ideologische wie auch eine organisatorische Absicht. Sie startete eine wilde Schlacht gegen alle programmatische Konfusion, Heterogenität und Opportunismus. In der vierten Nummer der Iskra schrieb Lenin einen Artikel mit dem Titel „Womit beginnen (3)?“, der den Ökonomismus der Emigranten-Zeitung Rabochaja Mysl („Arbeitergedanke“) als „sehr bemüht, die Arbeit der politischen Organisation und Agitation zurückzustutzen und einzuengen“ definierte und attackierte.

Doch die halb-ökonomistische Zeitung Rabocheje Delo („Arbeitergrund“) greift er wegen ihrer Praxis des „prinzipienlosen Eklektizismus in organisatorischen und taktischen Fragen“ noch schärfer an und zeigt auf, dass sie „es nicht versteht, die Erfordernisse des Tages von den Grundaufgaben und den ständigen Bedürfnissen der Bewegung in ihrer Gesamtheit zu unterscheiden (4)“.

Lenin scheute sich nicht davor, offen für eine politische Organisation einzutreten, die vom Zentrum nach außen hin oder „von oben her“ strukturiert war, und die dazu imstande ist, jedes lokale Komitee zu mobilisieren und zu dirigieren und die notwendigerweise aus Parteikadern besteht. Als Zusammenfassung des gesamten Anspruchs der Iskra ist die berühmte Broschüre „Was tun?“, die 1902 erschien.

Hier griff Lenin den Kern der ökonomistischen Methode an, die Idee, dem spontanen Bewusstsein der ArbeiterInnenklasse hinterher zu hinken. Lenin argumentierte, dass das sozialistische Bewusstsein nicht spontan und allmählich bei den Arbeitern wuchs. Wir wollen hier betonen, dass Lenin dabei nicht über den allgemeinen Klasseninstinkt, das Bewusstsein allgemeiner Interessen der Arbeiter als Arbeiter spricht, sondern vom sozialistischen Bewusstsein. Er beharrt, dass dieses von außen in die Arbeiterklasse hineingebracht werden muss – d.h. von außerhalb des alltäglichen, partikularen ökonomischen Kampfes.

Lenin geht natürlich davon aus, dass die Arbeiterklassse durch ihre jeweiligen Umstände der sozialen Existenz in den Kampf gegen das Kapital gezogen wird und dass solche Kämpfe mit dem Staat zusammenprallen und politische Fragen aufwerfen.

Seine Ansicht war, dass „das spontane Element nicht mehr und nicht weniger repräsentiert als Bewusstsein in einer embryonischen Form“, dass es „den Klassenkampf als Embryo. aber nur als Embryo“ repräsentierte, d.h. noch kein sozialdemokratisches Bewusstsein. Es ist keine Beleidigung oder Geringschätzung der Arbeiter und ihres Kampfes, dass sie „sich des unversöhnlichen Antagonismus ihrer Interessen zum gesamten modernen politischen und sozialen System nicht bewusst waren und nicht sein konnten“.

Lenins Anfangspunkt bei der Verteidigung einer Organisation „professioneller Revolutionäre“ sind die Bedingungen tiefer Illegalität, die in Russland herrschten. Organisierungsversuche waren während des gesamten vorangegangenen Jahrzehnts gescheitert, hatten Aktivisten zu langen Gefängnisstrafen, Exil oder in einigen Fällen zum Tod verdammt. Viele mehr wurden demoralisiert und verließen die aktive Politik. Nur Menschen, die ihr gesamtes Leben dieser Arbeit widmeten, konnten das angepeilte Ziel der Partei, die sogar unter Bedingungen der Illegalität und Repression überleben und wachsen konnte, erreichen.

Lenin dachte keine Minute daran, dass dieser Apparat ein eigenständiger, selbstgenügsamer „Repräsentant der Arbeiterklasse“ wäre. Seine Aufgabe war, sich auf die spontanen Kampfausbrüche zu beziehen, auf die zeitweilige Organisation des Kampfes, auf das Wachstum der halböffentlichen oder öffentlichen Körperschaften, die die Arbeiterbewegung bildeten oder in Zukunft bilden würden. Lenin verwechselte diese geheime Untergrundpartei niemals mit der Arbeiterbewegung. Ein wichtiger Teil ihrer Aufgabe war es, dieser Bewegung zu dienen, sie so weit wie möglich vor Störung durch die Polizei zu schützen:

„Die Zentralisation der konspirativsten Funktionen durch eine Organisation der Revolutionäre wird den Umfang und den Inhalt der Tätigkeit vieler anderer Organisationen, die auf ein breites Publikum berechnet und darum möglichst lose und möglichst wenig konspirativ sind, nicht vermindern, sondern vergrößern; dazu gehören sowohl die Gewerkschaftsverbände der Arbeiter als auch die Arbeiterzirkel für Selbstbildung und die Lesezirkel für illegale Literatur, ferner die sozialistischen und auch demokratischen Zirkel in allen übrigen Bevölkerungsschichten usw, usf. (5).“

Die „professionellen Revolutionäre“ wurden fast sofort ein Ziel der Angriffe professioneller Opportunisten und Karrieristen. Das wäre, sagten sie, ein bürokratisches Konzept, das die Massen von der Kontrolle ihrer eigenen Organisation ausschließen würde.

Trotz der Tatsache, dass „Was tun?“ für die russischen Bedingungen von der Revolution von 1905 geschrieben wurde, bleibt es ein Hauptwerk, sogar der Grundstein für die leninistische Partei. Sogar die Kapitel, die sich am stärksten auf den „illegalen Zusammenhang“ beziehen, sind weit davon entfernt, irrelevant in einer Epoche zu sein, in der Legalität für eine revolutionäre Partei auf dem Weg zur Ergreifung der Macht höchst unwahrscheinlich ist und in der nur kleine und höchst privilegierte Teile der Welt mehrere Jahrzehnte lang demokratische Freiheiten genießen können. Die Fähigkeit, sich geheim zu organisieren, bleibt in vielen Ländern und für alle internationalen Organisationen, die Kader in Ländern mit wenig verbürgten Rechten haben, zentral.

Das Konzept der professionellen Revolutionäre ist ein breiteres als das des Kampfes in der Illegalität. Es wurde, wie wir sehen werden, durch Lenins Entwicklung der Theorie des Parteikampfes unter halb- oder volllegalen Bedingungen, die volle interne Demokratie auf allen Parteiebenen erlauben, ausgeweitet und ergänzt.

Der Zweite Kongress und die Spaltung von 1903

Der zweite Kongress der RSDAP versammelte sich am 30. Juli 1903 in Brüssel. Der Kongress war das einzige voll demokratische Element, das in einer Untergrundpartei möglich war und es war klar, dass die Fraktion der Iskra unter den 70 Delegiertenstimmen die überwiegende Mehrheit hatte. Gegen die Iskra standen die ökonomistischen „öffentlichen Fraktionen“ um die Zeitungen Rabocheye Delo und Rabochaya Mysl, die mächtige jüdische Arbeiterorganisation „Der Bund“ und die Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens (SDKPLi).

Die Iskra schlug eine Einheitspartei vor, jedoch mit drei, nicht einer, zentralen Körperschaft: ein Zentralkomitee in Russland, eine Zeitungsredaktion im Ausland und einen Parteirat bestehend aus Repräsentanten dieser zwei Kreise.

Natürlich war das ein Kompromiss, viele Zentren statt eines einzigen. Doch das war unter den Umständen tiefgreifender Illegalität notwendig. Die zentralisierte Lenkung der lokalen Parteieinheiten musste innerhalb Russlands stattfinden. Doch die Freiheit und Freimütigkeit eines illegalen Parteiorgans konnte nur im Ausland erzielt werden. Diese zwei Gremien mussten jedoch koordiniert werden – daher der Parteirat. Die Iskra schlug also die Auflösung aller Emigranten-Zeitungen und Organisationen außer jener, die vom Kongress anerkannt würden, vor.

Doch von beiden Seiten völlig unerwartet zerfiel die Fraktion der Iskra im Laufe des Kongresses. Eine scheinbar kleinere Formulierungsfrage bei der Definition der Mitgliedschaft in den Parteistatuten wurde später durch einen schärferen Konflikt über die Zusammensetzung der Redaktion und des Zentralkomitees zum Streitpunkt.

Martov gewann mit Hilfe der Stimmen des Bundes und Rabocheye Delo bezüglich der Parteistatuten. Es gelang ihm, eine Mehrheit für die Definition der Parteimitgliedschaft als „persönliche Zusammenarbeit unter der Führung einer der Parteiorganisationen“ zu gewinnen, die Lenins Formulierung von „persönlicher Teilnahme in einer der Parteiorganisationen“ gegenüberstand.

Lenin und Plechanow kämpften hart gegen die zu weit gefasste und lockere Formulierung Martovs. Lenin bestand nicht darauf, wie einige Autoren immer noch behaupten, dass ein Parteimitglied ein Vollzeitrevolutionär sein müsse, geschweige denn, dass solch „professionelle Revolutionäre“ ausschließlich aus der Intelligenz kommen und keine Arbeiter sein dürften. Lenin und Plechanow argumentierten, dass unter den gegenwärtigen russischen Bedingungen ein Mitglied die Risiken und Gefahren der illegalen Parteiarbeit auf sich nehmen müsste: Produktion, Transport und Verteilung der Zeitungen und Flugblätter, Agitation in den Fabriken und Universitäten. Ohne diese Arbeiten hätte ein Mitglied kein Recht, an den Entscheidungen der Partei mitzuwirken.

Natürlich würde bei Bestehen legaler Rechte und einer Verfassung in Russland die Beengtheit einer illegalen Partei einer breiteren Massenorganisation weichen – wenngleich immer noch einer, die auf aktive Teilnahme an der Parteiarbeit bestand. Als Lenin die Abstimmung verlor, dachte er nicht, dass irgendeine Spaltung durchgeführt werden müsste. Er glaubte, dass der Kampf zeigte, das Martov und seine Unterstützer dem Opportunismus in der Frage der Organisation nachgegeben hätten.

Nach der Debatte über den Rest der Statuten verlangte „Der Bund“ mit den Worten des Hauptsprechers Lieber, „als einziger Repräsentant des jüdischen Proletariats in der Partei“ anerkannt zu werden. „Der Bund“ wollte völlig freie Hand in der Organisation und Repräsentation der jüdischen Arbeiter im zaristischen Reich. Die Iskra stellte sich dem entgegen, darauf beharrend, dass „Der Bund“ eine Organisation der RSDAP sein sollte und keine quasi nationale Organisation aller einzelnen jüdischen Arbeiter.

Die gesamte Iskra-Fraktion war in der Zurückweisung dieser föderalistischen Konzeption der Partei vereint. Martov und Trotzki sprachen beide sehr leidenschaftlich in der Diskussion. Als die Abstimmung stattfand, gingen „Der Bund“ und Rabocheye Delo hinaus.

Ihr Abgang verschuf Lenin und Plechanow eine Mehrheit ( auf russisch „bolschewik“). Sie konnten auf 24 Iskra-Anhänger gegen 20 Martov-Unterstützer (genannt „Menschewiki“ oder Minderheit) zählen. Lenin war entschlossen, aus politischen wie praktischen Gründen die Redaktion der Iskra und das Zentralkomitee auf je drei Personen zu beschränken. Die praktischen Gründe waren klar. Axelrod, Potresov und Zasulic hatten trotz ihrer bis dahin gegebenen Mitgliedschaft in der Redaktion außer der Verfassung einiger Artikel keine aktive Rolle gespielt und nie beim Herausgeben mitgemacht.

Martov wollte in der Redaktion eine Mehrheit. Lenin und Plechanow, die nur in der Frage der Parteimitgliedschaftsdefinition durch die Stimmen der nun abwesenden Bündler und Ökonomisten unterlegen waren, wollten eine geschlossene Linie. Sie kämpften für eine Mehrheit in der Iskra-Redaktion und im Zentralkomitee. Martov, Axelrod, Potresov und Zasulic opponierten dagegen mit dem Vorschlag, die alte Redaktion mit sechs Mitgliedern zu erhalten und erhoben außerdem der Forderung, bei Zwei-Drittel-Mehrheit neue Vollmitglieder kooptieren zu können.

Tatsächlich hätte das der Kongressminderheit eine Zwei-Drittel-Mehrheit über die Redaktion gegeben und die Macht, diese sogar durch Kooptierung anderer – wahrscheinlich Trotzki, der sie unterstützte, den Plechanow jedoch stark verabscheute – zu vergrößern. Die Lenin-Plechanow-Mehrheit wählte schließlich ordnungsgemäß ihre Drei-Personen-Variante (sich selbst und Martov) in die Iskra-Redaktion.

Der Protest, mit dem die Menschewiki Lenin als Diktator, Bonaparte, Robespierre verunglimpften, geschah in böser Absicht und verschleierte die ihrerseits beschämend undemokratischen Aktionen der Minderheit am Ende des Kongresses und danach. Als sie unterlagen, verweigerten sie jede weitere Teilnahme. Martov wies die Beteiligung an der Iskra-Redaktion zurück, wenn nicht drei seiner Unterstützer kooptiert würden. Er verweigerte auch die Beteiligung am Zentralkomitee. Somit erhielten Lenins und Plechanows Unterstützer alle drei Sitze im Zentralkomitee. Später boykottierten die Menschewiki die am Kongress gewählten Führungs- und Exekutivorgane. Dies war, wie Lenin sagte, „der Generalstreik der Generäle“.

Dieses Verhalten zeigte den kleinbürgerlichen, intellektualistischen Charakter der Menschewiki, ihre Entschlossenheit, am Zirkelgeist jener Tage vor der Parteiorganisation festzuhalten, als persönliches Engagement, persönliches Vertrauen und persönliche Beziehungen verständlicherweise eine zentrale Rolle gespielt hatten. Doch es war nötig, zur Stufe einer wirklichen Partei mit einem Programm, souveränen Kongressen, gewählten Führungen, einer regelmäßig erscheinenden illegalen Propagandazeitung zu gelangen. Unter diesen Umständen war der alte Personalismus fehl am Platze. Der konnte nur zur Amateurhaftigkeit, Ineffizienz und Nachgiebigkeit gegenüber dem Opportunismus führen – wie Martov es am Zweiten Kongress gezeigt hatte.

Die Spaltung der Partei selbst wurde von den Menschewiki, nicht den Bolschewiki, durchgeführt. Die Menschewiki wollten eine Mehrheit in der Redaktion der Iskra trotz der Entscheidungen des Kongresses, der die Repräsentanten der Partei in Russland wie im Ausland zusammengebracht hatte. Das war durch und durch undemokratisch und Lenin wies das richtigerweise zurück. Ein oder zwei Monate unterstützte ihn Plechanow, dann gab er Martovs Ruf an den Parteirat im Herbst 1903 zur Kooptierung der Primadonnen nach.

Das war eine klare Verletzung der Entscheidungen des Zweiten Kongresses und Lenin wollte unter diesen Umständen der Iskra nicht mehr länger angehören. Er organisierte daher eine öffentliche Fraktion und zog die Untergrundorganisationen in Russland, wo er auf eine Mehrheit zählen konnte, auf seine Seite.

Der Menschewismus wurde nach der Verabschiedung der alten Iskra-Arbeit der Sammelpunkt für alle früheren Ökonomisten, der Sozialdemokraten, die für den Föderalismus waren oder verschiedene Formen des Nationalismus anhingen. Ihre allgemeine Entwicklung ging nach rechts. Lenin zweifelte seit dieser Zeit niemals, was immer seine Sicht bezüglich einer einheitlichen oder zweier getrennter Parteien war, dass die Menschewiki einen opportunistischen Trend verkörperten, der bekämpft und niedergeschlagen werden musste und mit dem keine Kompromisse geschlossen werden oder Versöhnung stattfinden durfte. Hier unterschied er sich von zwei Personen, denen er in Bezug auf Ergebenheit an das Ziel der Arbeitermacht und revolutionäre Taktik am nächsten stand – Leo Trotzki und Rosa Luxemburg.

Ihr Zugang wies aktiven Spontanismus oder Objektivismus auf und zeigt zu jener Zeit ihr Versagen, die Beziehung zwischen dem Konzept der demokratisch zentralistischen Partei und der Erfüllung der revolutionären Strategie zu verstehen. Sie glaubten, dass das militante Vorwärtsdrängen des Proletariats in revolutionären Situationen opportunistische und sektiererische Abweichungen der Revolutionäre hinwegfegen würde. Sie teilten allerdings Martovs und Axelrods wachsende Tendenz nicht, die demokratische Revolution der Bourgeoisie zu überlassen, was eine Spaltung zwischen ihnen und den Menschewiki unausweichlich machte, als sich die revolutionäre Krise verschärfte. Doch sie verstanden Lenins Entwicklung des Konzepts einer aktiven Rolle der Partei als Sektierertum und Bürokratismus. Sie konnten sein spezifisches und zeitweiliges Beharren, dass Demokratismus (nicht Demokratie im Allgemeinen) unter illegalen Bedingungen „ein gefährliches Spielzeug“ für diktatorische undemokratische Grundsätze war, nicht verstehen.

Im Juli 1904 gelang es den Menschewiki, Rosa Luxemburg in den Disput zu verwickeln. Sie schrieb einen ausgedehnten Artikel, der in der Iskra wie im theoretischen Journal der Deutschen Sozialdemokratie Neue Zeit erschien. In den „Organisatorischen Fragen der russischen Sozialdemokratie“ attackierte sie Lenins vielbesprochenes Zitat, dass der Sozialdemokrat „der unauflöslich mit der Organisation des klassenbewussten Proletariats verbundene Jakobiner“ sei. Sie charakterisierte Lenins Position als Rückfall in den Blanquismus.

„Tatsächlich ist die Sozialdemokratie aber nicht mit der Organisation der Arbeiterklasse verbunden, sondern sie ist die eigene Bewegung der Arbeiterklasse. Der sozialdemokratische Zentralismus muß also von wesentlich anderer Beschaffenheit sein als der blanquinistische. Er kann nichts anderes als die gebieterische Zusammenfassung des Willens der aufgeklärten und kämpfenden Vorhut der Arbeiterschaft ihren verschiedenen Gruppen und Individuen gegenüber sein, es ist dies sozusagen ein ‚Selbstzentralismus‘ der führenden Schicht des Proletariats, ihre Majoritätsherrschaft innerhalb ihrer eigenen Parteiorganisation (6).“

Luxemburg lag falsch: die Tatsache, dass Opportunismus in Fragen der Organisation zu Opportunismus in Fragen der Taktik und später in Fragen des Programm führen kann, wurde in den Jahren 1904 und 1905 klarer. Die neue Iskra passte sich für Kampagnen und Aktivitäten der Linie der Liberalen an, was die Differenzen verstärkte. Die Iskra vertrat eine Position der Vermeidung des Verschreckens der liberalen Kampagnenführer, die sich um die Protestbanketts um die lokalen Regierungsorgane des Semstvo im Herbst 1904 versammelten.

In scharfem Kontrast dazu verbreiteten die Bolschewiki eine deutliche Warnung vor der Feigheit und der reaktionären Natur der liberalen Bourgeoisie und versuchten, das Maximum an politischer Unabhängigkeit der Arbeiterklasse von den bürgerlichen Bankettiers sicherzustellen. Innerhalb eines Jahres nach der Spaltung wurden, wie Lenin sagte, „die taktischen Differenzen unüberbrückbar (7)“.

Im Frühling 1905 organisierten sich die zwei offenen Fraktionen getrennt, jede mit ihren eigenen Organen: die Menschewiki mit der Iskra und die Bolschewiki mit Vperyod (Vorwärts). Zu dieser Zeit hielten sie beide Kongresse, auf denen sie für sich beanspruchten, die RSDAP zu sein. Für die Menschewiki lag die Rolle des Proletariats darin, die Bourgeoisie zu ermutigen, ihre eigene Revolution durchzuführen. Das war klarerweise ein stillschweigender Verrat der alten „Emanzipation der Arbeit“ und der Iskra-Perspektive der hegemonischen Rolle des Proletariats in der bürgerlichen Revolution. Die Polemiken der bolschewistischen Zeitung Vperyod in den frühen Monaten von 1905 waren offen dagegen gerichtet. In einem Brief an Alexander Bogdanov und Sergej Gusev, zwei wichtige bolschewistische Führer in Russland, schrieb Lenin:

„Wir haben die Spaltung verkündet, wir rufen zu einem Kongress der Vperjod-Anhänger, wir wollen eine Partei im Sinne des Vperyod organisieren… (8)“

Lenins Versuch, die Bolschewiki als RSDAP neu zu beleben, war völlig gerechtfertigt. Wenn die russischen Arbeiter in der nahenden Revolution eine aktive Führungsrolle spielen sollten, eine, die nicht die unabhängige Aktion der Arbeiterklasse zu Gunsten der Reformbewegung zurückhielt, dann war Freiheit der Aktion und der Kritik essenziell.

Die Revolution von 1905 – von scharfen Trennungen zur Wiedervereinigung

Am 22. Jänner 1905 entfesselten die von den Regimentswachen auf zehntausende friedliche Demonstranten abgefeuerten Geschosse die Revolution. Diese Revolution sollte kurz gesagt die organisatorischen Pläne sowohl der bolschewistischen wie der menschewistischen Fraktion durcheinander wirbeln und sie auf den Weg der Wiedervereinigung führen. Warum? Weil die Perspektive der Menschewiki widerlegt und die der Bolschewiki bestätigt wurde.

Die Illusionen der Menschewiki in eine liberale Führung der Revolution wurden ganz einfach sehr rasch hinfällig, während die Ansicht der Bolschewiki über den revolutionären Charakter und das Potenzial der Arbeiter und Bauern bestätigt wurde. Im Sommer 1905 war der Menschewismus immer noch eine Form des Zentrismus – kleinbürgerliche Opportunisten oder in Lenins zeitgenössischer Terminologie Wendehälse. Sie konnten unter dem Druck der revolutionären Ereignisse nach links schwenken und taten es auch.

Einige der menschewistischen Führer wie Dan und Martinov waren fast so weit, Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution anzuerkennen. Im Oktober unterstützten die Menschewiki Aufrufe zum Aufstand. Die de facto vorhandene revolutionäre Legalität brachte ein „spontan“ revolutionäres Proletariat in Form der Sowjets, bei deren Errichtung die Menschewiki eine wichtige Rolle gespielt haben, auf die Bildfläche. Der Bolschewismus in Form der professionell revolutionären „Komiteeleute“ andererseits legte für kurze Zeit eine einseitige, möglicherweise sektiererische Feindseligkeit gegenüber den Sowjets an den Tag. Lenin musste einen politischen Kampf zur Korrektur des Bolschewismus durchführen.

Während des Sommers und Herbstes 1905 änderte Lenin seine Position zur Möglichkeit der Wiedervereinigung mit den Menschewiki. Als Ergebnis des Wirkens des revolutionären Proletariats auf die Fraktionen und wegen der Notwendigkeit einer möglichst großen Avantgardepartei zur Führung eines landesweiten Aufstands gelangte Lenin zu der Überzeugung, dass Einheit und voller demokratischer Zentralismus nötig und möglich waren.

Das bedeutete keine Verweichlichung seiner Linie gegenüber den opportunistischen Positionen der Menschewiki. Eine mit den Menschewiki vereinte Partei war weder absolut gut noch absolut schlecht. Es war ein Mittel zur Gewinnung der Arbeiterklasse für die revolutionäre Linie der Partei. Wenn es auch nur eine Minute die Unterordnung der revolutionären Kräfte unter die Strategie der Akzeptanz der Hegemonie der Liberalen in einer demokratischen Revolution bedeutet hätte, hätte er dies niemals unterstützt.

Im Oktober gab es einen landesweiten Eisenbahnerstreik und in Moskau und St. Petersburg wurden Sowjets gebildet. Am 17. Oktober war Nikolaus II. als Ergebnis eines von den Sowjets organisierten Generalstreiks gezwungen, ein Manifest herauszugeben, das eine öffentlich gewählte Duma und eine Reihe von demokratischen Rechten, Presse- und Parteifreiheit versprach.

Als Ergebnis der Fehleinschätzung ihrer Perspektive befanden sich die Menschwiki in einem Zustand fortgeschrittener politischer Verwirrung. Im Herbst 1905 wurde das Hauptorgan der Menschwiki, Nachalo, von Trotzki und Parvus, den Theoretikern der Permanenten Revolution, herausgegeben.

Lenin erkannte, dass nun Einheit möglich war, basierend auf den revolutionären Handlungen der Klasse. In einer Periode des Massenkampfes pflegt Druck auf die Menschewiki sie vor die Wahl zwischen Revolution und Opportunismus zu stellen – vorausgesetzt, die Bolschewiki würden nicht die Waffen abgeben, sondern nach der Führung in der vereinten Partei streben:

„Die Taktik der Epoche des ‚Wirbelsturms‘ hat die beiden Flügel der Sozialdemokratischie nicht voneinander entfernt, sondern einander näher gebracht. Anstatt der einstigen Meinungsverschiedenheiten kam es zu einer einheitlichen Auffassung in der Frage des bewaffneten Aufstands (9).“

Außerdem eröffnete sich eine nie dagewesene Periode der Legalität und unter solchen Bedingungen war es möglich, eine sozialdemokratische Partei mit Massenbasis aufzubauen, in der linke und rechte Flügel vertreten waren, wobei die Revolutionäre im Aufsteigen begriffen waren. Die Partei sollte sich den Massen sozialdemokratischer revolutionärer Arbeiter öffnen, die durch die Revolution „spontan“ zum politischen Leben gestoßen waren und mit eigenen Augen die Arbeit der Revolutionäre erlebt hatten. Um das umzusetzen, musste das demokratische Prinzip auf allen Ebenen der Partei angewendet werden.

Bereits im September 1905 stellte Lenin die Frage der Ausweitung des demokratischen Prinzips in Bezug auf Wahlen innerhalb der Partei. Wenn die Partei junge militante Arbeiter und Arbeiterinnen an sich und in den Kampf ziehen wollte, musste sie demokratische Strukturen mit fortgesetzter zentraler Führung verbinden. Lenin musste sich an die im Untergrundkampf angelernten sektiererischen Zweifel und Ängste der bolschewistischen Kader gegen die Menschewiki wenden:

„Eine Gefahr könnte man darin sehen, dass mit einem Mal Massen von Nichtsozialdemokraten in die Partei strömen. Dann würde die Partei in der Masse aufgehen, sie würde aufhören, der bewusste Vortrupp der Klasse zu sein, sie würde in den Nachtrag geraten. (…) Und diese Gefahr könnte zweifelsohne höchst ernste Bedeutung erlangen, wenn bei uns die Neigung zur Demagogie vorhanden wäre, wenn die Grundlagen des Parteilebens (Programm, taktische Regeln, organisatorische Erfahrung) völlig fehlten oder schwach und brüchig wären. Aber der springende Punkt ist eben, dass dieses ‚Wenn‘ gar nicht vorhanden ist. Bei uns Bolschewiki hat es nie keinerlei Neigung zu Demagogie gegeben, im Gegenteil, wir haben die ganze Zeit entschieden, offen und direkt selbst die geringsten Ansätze zu Demagogie bekämpft, von den in die Partei Eintretenden Klassenbewusstsein verlangt, die gewaltige Bedeutung der Kontinuität in der Parteientwicklung stets unterstrichen, Disziplin und Erziehung aller Parteimitglieder in einer Parteiorganisation propagiert (10).“

Ein Ausdruck des menschewistischen Schwenks nach links 1905 zeigte sich darin, dass sie nach über einem Jahr der Sabotage gegen die legitime Führung und die organisatorischen Strukturen, die am Zweiten Kongress beschlossen worden waren, nun wieder zur Einheit bereit waren. Tatsächlich waren es die Menschewiki, im Speziellen Axelrod, die den Terminus „demokratischer Zentralismus“ prägten. Auf einer gesamtrussischen menschewistischen Konferenz am 20. November 1905 verabschiedeten sie eine Resolution, die diese Worte beinhaltete:

„Die RSDAP muss in Übereinstimmung mit dem Prinzip des demokratischen Zentralismus organisiert werden. Alle Parteimitglieder nehmen an der Wahl von Parteieinrichtungen teil (11).“

Nur drei Wochen später verabschiedete eine bolschewistische Konferenz eine ähnliche Reolution „Über die Neuorganisierung der Partei“.

„In Erkenntnis der Unbestreitbarkeit des Prinzips des demokratischen Zentralismus betrachtet die Konferenz die weite Umsetzung des Wahlprinzips als notwendig, und unter Gewährleistung der vollen Macht der gewählten Zentren in ideologischen und praktischen Führungsangelegenheiten sind diese gleichzeitig abwählbar, ihre Handlungen stehen unter breiter Beobachtung und sie sind für ihre Taten streng rechenschaftspflichtig (12).“

Die Geschehnisse in Russland erreichten einen Höhepunkt und zwangen die Menschewiki und Bolschewiki zu gemeinsamer revolutionärer Aktion. In St. Petersburg geriet der Sowjet unter die Führung Trotzkis, der mit den Menschewiki gebrochen hatte und sich selbst als „fraktionsloser Sozialdemokrat“ betrachtete. Ihm zur Seite stand Parvus, bislang Mitglied des linken Flügels der deutschen SPD und Co-Autor Trotzkis in Bezug auf die Theorie der Permanenten Revolution.

Mitte November musste ein weiterer Generalstreik in St. Petersburg abgebrochen werden, der Acht-Stunden-Tag konnte nicht gewonnen werden. Am 3. Dezember beschloss die Regierung, angesichts der Abnahme der Anzahl der Streikenden, die den Aufrufen der Sowjets zu Aktionen folgten, den gesamten Sowjet zu verhaften – und seine Mitglieder der Vorbereitung eines bewaffneten Aufstands anzuklagen.

Die Nachricht der Verhaftung des St. Petersburger Sowjet veranlasste den Moskauer Sowjet, den Generalstreik, der vom 7.- 11. Dezember dauerte, auszurufen. Er ging in einen bewaffneten Aufstand über, der Kontrolle über den Arbeiterbezirk Presnaya erlangte und ihn abriegelte und die Hauptbahnhöfe der Stadt eroberte. Aus St. Petersburg gesandte Truppen machten dem schließlich ein Ende.

Ohne dass es die Revolutionäre erkannten, war das der Höhepunkt der Revolution, wenngleich es weitere 18 Monate dauern sollte, bis der Zar wieder die Autokratie, die er vor dem Oktober 1905 ausgeübt hatte, erlangte. Die Jahre 1905-07 waren wesentlich für die Geburt und das Wachstum des vollen demokratischen Zentralismus. Ausgehend vom Zustrom der revolutionären Arbeiter in die Partei dehnte er sich auf Wahlen und Absetzbarkeit aller Führungsorgane der Partei, vom Lokalkomitee bis zum Zentralrat, aus. Grundlage waren jährliche souveräne Kongresse. Das demokratische Prinzip erlaubte die Existenz von Gruppierungen innerhalb der Partei, die Lenin „Tendenz“ nannte, die sich aber auch verhärten und verschärfen konnten, um Fraktionen zu bilden. Die Grundlage des demokratischen Zentralismus blieb jedoch die Disziplin in der Aktion.

Diese sehr demokratische Struktur wurde durch die revolutionäre Situation, die weitgehende de facto-Legalität, die Existenz legaler täglicher Zeitungen, großer öffentlicher Treffen und Debatten in den Fabriken und anderen Arbeitsstätten möglich und notwendig. Einige Kommentatoren – wie Marcel Liebmann – haben diese Situation zur ewig gültigen Norm idealisiert (13). Andere – wie die „Spartakist Arbeiterpartei“ – beharrten darauf, dass Lenin in Wirklichkeit eine Entrismustaktik in eine nicht-bolschewistische, nicht-leninistische Massenpartei durchführte und daher der demokratische Zentralismus dieser Periode überhaupt kein wahrer Leninismus war (14).

Beide liegen falsch. Wenn sich Lenins Ansichten über den Bereich der Parteidemokratie, die Möglichkeit des Austragens offener Parteikonflikte, verändert hatten und wieder verändern sollte, lag das in den Jahren 1908 – 1914 nicht an einem Rückfall ins Sektierertum oder den Bürokratismus (Liebmann) und auch nicht daran, dass sich der ausgereifte Bolschewismus erst 1912 entfaltete (Spartakisten). Der unvoreingenommene Beobachter wird unschwer erkennen, dass die bolschewistische Partei 1917 mit ihren heftigen internen Polemiken, die sich wiederholt in der Parteipresse wiederfanden, den häufigen Konferenzen, den Änderungen in der Strategie und Taktik, eine Partei umreißen, die sehr nahe an dem war, was Lenin in seinen Schriften über demokratischen Zentralismus 1905-06 dargestellt hatte.

Wenn es widersprüchliche Positionen gab, lag das daran, dass die Handhabung des demokratischen Zentralismus mit Trotzkis Worten vom „Kampf mit äußeren Hindernissen und inneren Widersprüchen“ abhängt. Natürlich kann das Modell von 1906 nicht für alle Zeiten gültig sein. Es „fiel nicht fertig vom Himmel“, sondern war selbst das Produkt des Kampfes und sollte sich im Kampf weiterentwickeln.

1906-1908: eine vereinte Partei mit zwei Fraktionen

Im April/Mai 1906 wurde die RSDAP wiedervereint, die Menschewiki hielten die Mehrheit der Mandate. Nichtsdestotrotz wurde Lenins umstrittene Formulierung von 1903 über die Mitgliedschaft in der Debatte über die Parteistatuten ohne Opposition angenommen!

„1. Ein Mitglied der Partei ist jemand, der das Parteiprogramm akzeptiert, die Partei finanziell unterstützt und zu einer Parteiorganisation gehört;

2. Alle Parteiorganisationen werden auf dem Prinzip des demokratischen Zentralismus errichtet (15).“

Die Statuten fassten die neuen Grundsätze des demokratischen Zentralismus zusammen und sie blieben die des Bolschewismus bis zur und nach der Russischen Revolution. In einem Aufruf an die Partei durch Delegierte zum Einheitskongress kommentierten die „ehemaligen Bolschewisten“ speziell die Minderheitenrechte:

„Alle waren wir einig über das Prinzip des demokratischen Zentralismus, über die Wahrung der Rechte jeder Minderheit und jeder loyalen Opposition, über die Autonomie jeder Parteiorganisation, über die Anerkennung der Wählbarkeit, Rechenschaftspflicht und Absetzbarkeit aller Parteifunktionäre. In der praktischen Einhaltung dieser Organisationsprinzipien, in ihrer aufrichtigen und konsequenten Verwirklichung sehen wir eine Garantie gegen Spaltungen, als Garantie dafür, dass der ideologische Kampf in der Partei mit der strengsten organisatorischen Einheit, mit der Unterordnung aller unter die Beschlüsse des allgemeinen Parteitags durchaus vereinbar sein kann und muss (16).“

Als kurz nach dem Kongress das Zentralkomitee versuchte, die Kritikfreiheit auf die Parteipresse und Parteitreffen zu beschränken und sie in öffentlichen Treffen zu verbieten, hielt Lenin dem entgegen:

„Das Prinzip des demokratischen Zentralismus und der Autonomie für lokale Organisationen umfasst universelle und volle Freiheit der Kritik, solange das nicht die Einheit einer bestimmten Aktion stört: das schließt alle Kritik aus, die die Einheit einer von der Partei beschlossenen Aktion stört oder erschwert … Kritik innerhalb der Grenzen des Parteiprogramms muss frei sein … nicht nur auf Partei-, sondern auch auf öffentlichen Treffen (17).“

Für Lenin schloss der demokratische Zentralismus während dieser Periode und unter diesen Umständen das Recht mit ein, Differenzen in den Parteipublikationen zu veröffentlichen, dass Minderheiten ihre eigenen Publikationen herausgeben, auf öffentlichen Treffen gegen die Partei zu sprechen. Doch es war nicht gestattet, sich einem beschlossenen Aktionsplan entgegenzustellen. Beispielsweise sollte kein Mitglied in der Öffentlichkeit zur Wahlenthaltung aufrufen dürfen, wenn eine Parteientscheidung zur Teilnahme an Wahlen getroffen worden war, „noch soll Kritik an der Entscheidung toleriert werden, bis alles vorbei ist“.

Der Kongress bestärkte die meisten revolutionären programmatischen Positionen der alten Partei. Die Menschewiki wagten unter dem Massendruck nicht, ihre opportunistische Position zur Rolle der Bourgeoisie vorzubringen. Dennoch war Lenin während und nach dem Kongress absolut offen bezüglich der fortgesetzten Existenz des Bolschewismus als ideologische Tendenz und drängte auf einen ideologischen Kampf gegen menschewistische Rückfälle weg vom historischen Programm der Partei, insbesondere in Bezug auf die führende Rolle der Arbeiterklasse in der kommenden Revolution.

Das war wichtig, denn die Menschewiki ignorierten von 1906 an zunehmend die Vorbereitung auf den revolutionären Kampf und Aufstand zu Gunsten parlamentarischer Manöver. Lenin rief die Parteimitglieder offen auf, die Entscheidungen des menschewistsich dominierten Zentralkomitees sorgfältig zu beobachten und es zur Ordnung zu rufen, sollte es opportunistisch werden. Im Besonderen warnte er vor der menschewistischen Neigung, prinzipienlose Blocks mit den Kadetten (einer neugegründeten liberalen Partei) zu bilden, während die Trudoviki (eine radikale Bauernpartei) ignoriert wurden.

Lenins begrenztes Vertrauen in die Menschewiki zeigt sich auch in der Tatsache, dass er die Existenz der bolschewistischen Untergrundorganisation samt eigener Führung aufrechterhielt. Trotz der Tatsache, dass die Bolschewiki eine Mehrheit auf dem Londoner Kongress von 1907 und daher eine Mehrheit für sich selbst und ihre polnischen und lettischen Alliierten am Zentralkomitee gewonnen hatten, war die revolutionäre Periode, die sich im Januar 1905 aufgetan hatte, mit dem Putsch vom 3. Juni durch den Premierminister des Zaren, Stolypin, endgültig beendet. Seitdem wurden die Verhältnisse immer schlechter und die RSDAP wurde tiefer und tiefer in die Illegalität zurückgeworfen.

1909 – 1911: Erneute Bildung einer bolschewistischen Fraktion, schließlich einer eigenständigen Partei

Das Streben nach Einheit in der RSDAP dauerte nicht länger als die revolutionäre Periode. Die Menschewiki schwenkten unter den Auswirkungen sich mehrender Niederlagen wieder nach rechts, zurück zu ihren schlimmsten opportunistischen Positionen von 1904, zurück zu Axelrods Idee einer breiten legalen Arbeiterorganisation. Sie konnten die Vorstellung nicht ertragen, ins illegale Leben von Untergrundkomitees zurückgestoßen zu werden. Doch Legalität zu beanspruchen hieß, ausschließlich innerhalb des von Stolypins Gesetzen vorgegebenen Rahmens zu operieren. Axelrod begann von einer Labour Partei, ähnlich der britischen, die 1906 gegründet worden war, zu reden. Das war nicht nur nicht-sozialistisch und nicht- revolutionär, sondern in Russland in Lenins Worten eine „Stolypin-Arbeiterpartei“.

Im Dezember 1908 waren Lenin und fast alle anderen Führer gezwungen, in verschiedene westliche europäische Ländern ins Exil zu gehen. Die Menschewiki begannen in ihrer Verzweiflung, das legale, „normale“ Parteileben aufrechtzuerhalten, wieder politisch zu verkürzen und ihre Losungen abzuschwächen. Da sie die neue legale Organisation der alten Untergrundstruktur – in denen die Bolschewiki viel stärker waren – nicht unterordnen wollten, griffen sie wieder Axelrods alte Losung eines breiten demokratischen Arbeiterkongresses, um „die Partei zu restrukturieren“, auf. Das hätte ihnen eine überwältigende Mehrheit gegeben und hätte sie den „realistischen“ (d.h. pessimistischen) Druck der demoralisierten Nachhut der Arbeiter auf die Partei übertragen lassen.

Die Bolschwisten blieben bei der Position, die sie bei der Parteifusion 1906 vertraten, nämlich, dass ein illegaler Parteiapparat und illegale Publikationen so lange aufrecht erhalten werden mussten, so lange der Zarismus bestand. Doch auch sie bevorzugten legale oder halblegale Arbeit um die Dumaabgeordneten (die parlamentarische Immunität genossen) und versuchten, eine legale Presse, legale Gewerkschaftsarbeit und die Beibehaltung eines Netzwerks sozialdemokratischer Kultur- und Sportvereine zu bewahren.

Der politische Grund dafür war offensichtlich. Nur die illegalen Publikationen und Agitationen konnten das volle revolutionäre Programm und seine Taktik frank und frei verbreiten. Legale oder halblegale Agitation erforderte eine „Sklaven-Sprache“ wie Hinweise auf die „ungekürzten Ansichten aufrechter Demokraten“. Erfahrene Sozialisten konnten das als das interpretieren, was es war, doch die Massen konnten das oft nicht. Die Parteiarbeit dieser Art Agitation zu überlassen, gäbe den Opportunisten einen enormen Vorteil.

Doch die bolschewistisch-menschewistische fraktionelle Polarität wurde nun durch Spaltungen innerhalb der Bolschwisten und Menschenwisten noch verwirrender. Bald gab es vier halblegale Fraktionen plus die von Trotzki geführten Versöhnler (eine Gruppierung linker Menschewiki und einem früheren Bolschewiki).

1905-1907 wurde der Bolschewismus von Lenin, Krupskaya, Alexander Bogdanov und Leonid Krasin geführt. Bogdanov zog Leute wie Anatoly Lunacharsky, Maxim Gorky, M.N.Pokrovsky in die Partei und ihren bolschewistischen Flügel. Bereits im Juni 1907 gab es scharfe Differenzen innerhalb der bolschewistischen Fraktion, ob an den dritten Dumawahlen teilgenommen oder sie boykottiert werden sollten. Eine Mehrheit der von Bogdanov, Krasin und anderen geführten Bolschewiki favorisierten den Boykott. Sie weigerten sich zu akzeptieren, dass die Revolution niedergeschlagen worden war und dass eine konterrevolutionäre Situation bestand, in der die parlamentarische Tribüne (und die Immunität der Dumaabgeordneten) wichtige Verteidigungswaffen waren, so wie die Teilnahme in den Gewerkschaften.

Stattdessen blieben sie bei der Perspektive von 1905/06. Für sie war die Vorbereitung zum Aufstand zentral. Daher ihre Geringschätzung der Arbeit in den Gewerkschaften und ihre Forderung nach dem Boykott der Dumawahlen oder Wiedereinberufung der Dumafraktion. Mitte 1907 eskalierte der Konflikt in der bolschewistischen Fraktion. Eine neue Schicht bolschewistischer Führer trat ans Licht: Grigory Zinoviev, Lev Kamenev, Alexej Rykov und Mikhail Tomsky. Sie alle waren an Lenins Seite. Bogdanov ging in seinem sektiererischen Zynismus über die abgestimmte bolschewistische Linie über die Duma an die Öffentlichkeit, worauf Lenin Bogdanov und seine Unterstützer aus dem bolschewistischen Zentrum ausschloss.

Bogdanov forderte daraufhin eine Generalkonferenz der bolschewistischen Fraktion, was nicht umzusetzen war angesichts der Schwierigkeiten, Repräsentanten aus dem russischen Untergrund hervorzuholen. Statt dessen berief Lenin von 8. – 17. Juni 1909 eine erweiterte Redaktionskonferenz ein. Diese entschied sich gegen Bogdanov. Als Bogdanov sich weigerte, diese Konferenz anzuerkennen, wurde er endgültig aus der bolschewistischen Fraktion ausgeschlossen. Er gründete eine neue Fraktion um die wieder aufgelegte Vperyod. Der Kampf zwischen seiner Gruppe und den Bolschewiki innerhalb der fragmentierten RSDAP war nun ein offener – und drehte sich um fundamentale Fragen der Perspektiven und Taktiken.

Lenin erklärte seine Handlungsweise und bestand auf relativer Einheitlichkeit innerhalb des Bolschewismus, was auf die Differenz zwischen Fraktion und Partei hinweist. In einer Fraktion gab es keinen Raum für öffentliche Diskussionen über essenzielle Fragen über Perspektive und Taktik. Lenin erklärte, dass die Entscheidung nicht übereilt oder ohne ausreichende Debatte innerhalb der Fraktion getroffen wurde:

„Wir haben alle Möglichkeiten und alle Mittel ausgeschöpft, die abweichenden Genossen zu überzeugen, wir haben daran über 18 Monate gearbeitet. Doch als Fraktion, d.h. als Verbindung gleichgesinnter Leute in der Partei, können wir nicht ohne Einheit in fundamentalen Angelegenheiten arbeiten. Sich von einer Fraktion abzuspalten ist nicht dasselbe wie sich von der Partei abzuspalten. Jene, die von unserer Fraktion wegbrechen, sind der Gelegenheit, in der Partei zu arbeiten, in keinster Weise beraubt. Entweder werden sie „freischwebend“, d.h. kein Mitglied irgendeiner Fraktion und werden durch die allgemeinen Umstände der Parteiarbeit angezogen werden, oder sie versuchen, eine neue Fraktion zu gründen – das ist ihr legitimes Recht, wenn sie ihre besondere Sichtweise und Taktik aufrechterhalten und weiterentwickeln wollen (18).“

Im Jänner 1910 wandte sich Lenins Kampf wieder einmal den Menschewiki zu, als die Fünfte Gesamtrussische Konferenz der RSDAP in Paris zusammentraf. Sie verurteilte die Versuche, „die bestehende Organisation der RSDAP aufzulösen und durch eine formlose Verbindung zu ersetzen.“ Mittlerweile argumentierten Axelrod und Potresov offen für die Auflösung der alten RSDAP einschließlich ihres illegalen Untergrundapparats. Axelrod behauptete demagogisch, dass das das Proletariat befähigen würde „…der Revolution das Ziel der Auflösung des Regimes der Vormundschaft der Intelligenzia über die werktätigen Massen zu verleihen und … unser altes Parteiensystem aufzulösen und ein neues Parteiregime in den Reihen der Sozialdemokratie zu begründen (19).“

Lenin war sich zunehmend sicher, dass die menschewistischen Liquidatoren nie wieder als disziplinierte Minderheit zur Partei zurückkommen würden. Der Zugang Trotzkis, alle Fraktionen und Tendenzen zu vereinen und zu hoffen, dass der Klassenkampf, die Revolution sie alle schon das Richtige machen ließe, wie es zwischen Oktober und Dezember 1905 geschehen ist, war ein hoffnungsloser Objektivismus.

Die Liquidatoren hatten deutlich alle Verpflichtungen und Prinzipien der RSDAP hinter sich gelassen. Lenin beharrte darauf, dass die bolschewistische Fraktion der Kern der dem Programm der Partei gegenüber loyalen waren und wenn andere zurückkehren sollten, müsste ein klares Abkommen mit diesen Tendenzen und Fraktionen getroffen werden und keine Schein-Organisation, in der alle sagten und taten , was sie wollten:

„… Einheit mag zur gegenwärtigen Zeit nur durch die Wiederannäherung, die bereits begonnen hat, erreicht werden, zwischen bestimmten Fraktionen, die stark und einflussreich in den aktiv tätigen Arbeiterbewegungen sind und nicht durch moralisierendes Jammern nach ihrer Abschaffung. Mehr noch, diese Wiederannäherung muss stattfinden und sich auf Basis der revolutionären sozialdemokratischen Taktiken und einer organisatorischen Politik, die auf einen entschlossenen Kampf gegen den Liquidationismus sowohl der „linken“ wie der „rechten“ abzielt (vor allem gegen den letzteren, denn der „linke“ Liquidationismus, der bereits geschlagen wurde, ist eine geringere Gefahr), entwickeln (20).“

1912 – die Gründung der Bolschewistischen Partei

Im Herbst 1912 verschärfte Lenin die Kampagne gegen die bolschewistischen Versöhnler und begann mit Vorbereitungen für eine Parteikonferenz, die die Liquidatoren entfernen und die Versöhnler ignorieren sollte. Hunderte streikende MinenarbeiterInnen in den Goldlagerstätten von Lena waren von Soldaten brutal erschossen worden. Solidaritätsstreiks entstanden in allen Industriezentren Russlands, die ein Ende der dunklen Jahre der Konterrevolution (1908-1911) anzeigten. Im Jänner 1912 fand der Sechste Gesamtrussische Kongress der RSDAP in Prag statt. Eine kleine Versammlung von 18 Bolschewiki und zwei Nicht-Liquidatoren-Menschewiki konferierten vom 18. bis zum 30. Januar.

Als ein Kongress der Untergrundarbeiter Russlands war er sehr kritisch der fraktionellen Polemik aus dem Exil gegenüber eingestellt und Lenin musste mehrere Zurechtweisungen für das Versagen, im Ausland „für Arbeiter geeignete“ Literatur herzustellen, einstecken. Gegen seinen Willen entschied die Konferenz, eine Zeitung in Russland erst dreimal pro Woche und später täglich erscheinen zu lassen. Ganz deutlich war das keine Konferenz der Jasager. Doch über eines waren sich alle einig: die Liquidatoren sollten nicht mehr der RSDAP angehören.

Die Prager Konferenz wurde von allen anderen Fraktionen und Tendenzen der alten Partei verunglimpft: von den Versöhnlern, den Liquidatoren und den Vperyiodisten. Die Konferenz musste ihren Vertretungsanspruch gegenüber der Partei rechtfertigen, indem „die extrem dringenden praktischen Aufgaben der Arbeiterbewegung“, das enorme Bedürfnis „ein kompetentes, praktisch orientiertes Parteizentrum, das mit den lokalen Organisationen eng verbunden“ sein sollte, zu errichten, angeführt wurden, nachdem es nicht gelungen war, einen Kongress innerhalb von 2 Jahren einzuberufen.

Die von Trotzki geführten Versöhnler organisierten 1912 die berühmte Konferenz des „Augustblocks“ in Wien – eine buntgemischte Versammlung von Liquidatoren und Versöhnlern, die nur durch ihre Feindseligkeit dem Bolschewismus gegenüber zusammengekommen waren. Die meisten Versöhnler waren Lenin politisch näher, doch weigerten sie sich beharrlich, den Liquidationismus bis zum Ende zu bekämpfen. Daher charakterisierte Lenin sie und Trotzki im Speziellen als „Phrasendrescher“ und „Windbeutel“. Ihr Block gegen die Prager Konferenz war politisch prinzipienlos, daher die spezielle Boshaftigkeit in Lenins Beschuldigungen. Als Tendenz charakterisierte Lenin sie als das, was er später „Zentristen“ nennen sollte:

„Wo es eine Spaltung und im Allgemeinen einen erbitterten Kampf zwischen Tendenzen gibt, ist es unausweichlich, dass Gruppen sich bilden, die ihre Existenz auf fortwährendes Seitenwechseln und kleinliche Intrigen gründen (21).“

Lenin charakterisierte diese zentristische Haltung so: „Ich verurteile den Liquidationismus – doch ich sage nicht offen, wer die unverhohlenen und beständigen Liquidatoren sind. Ich gebe zu, dass der Liquidationismus die Existenz der Partei gefährdet – doch ich sage nicht offen, ob eine solche Gruppe in der Partei sein soll oder nicht (22)!“

Die Dringlichkeit des Bruchs mit dem Liquidationismus (und dem Versöhnlertum 1912) ergab sich aus dem Wiederaufschwung der Arbeiterbewegung und der Notwendigkeit, die illegale Organisation als Vorbereitung auf die bevorstehenden Kämpfe wiederaufzubauen. Bald war klar, dass ein neuer revolutionärer Aufschwung begann. Arbeiter strömten wieder in Massen in die Parteiorganisationen und -fronten. Eine bolschewistisch dominierte Tageszeitung – Prawda – wurde in St. Petersburg herausgegeben. Während der vierten Dumawahlen wurden fünf bolschewistische und sieben menschewistische Abgeordnete gewählt.

Unter den halblegalen Umständen, die in diesen zwei Jahren bestanden, kehrte die Partei zu einem beachtlich Grad der demokratischen Elemente, die in den Parteistatuten 1906 festgelegt worden waren (und sich niemals geändert hatten), zurück Doch in einer Frage waren die Regeln nun strenger. Lenin sagte nun, dass „die Minderheit das Recht haben soll, vor der gesamten Partei Unstimmigkeiten in Programm, Taktiken und Organisation in einem Diskussionsjournal, das eigens für diese Absicht produziert wird, zu diskutieren, doch sie soll nicht das Recht haben, in einer Konkurrenzzeitung Erklärungen, die die Aktionen und Entscheidungen der Mehrheit stören, zu veröffentlichen (23).“

Angesichts des Kampfes mit den Liquidatoren war es einem Mitglied der RSDAP nicht länger zu gestatten, Legalität um jeden Preis zu befürworten, die Losungen des Programms zu missbilligen usw. Offensichtlich war die Partei nach 1912 zentralisierter und disziplinierter als sechs Jahre zuvor. Doch diese Einmütigkeit und Disziplin sollte im Jahr der Revolution – 1917 – nicht bestehen bleiben.

Das Gleichgewicht musste sich einmal mehr der Demokratie zuwenden, um die hunderttausenden jungen revolutionären Arbeiter, die in die Partei strömten und die Revolution unterstützten, zu halten. Aber sie fanden hier einen stabilen Kern von Bolschewiki vor, die das Parteiprogramm und die Taktiken verstanden. Sie fanden auch eine lebendige interne Demokratie vor, die die Partei befähigte, ihr Programm wieder einmal zu überarbeiten, um schließlich auch mit Trotzkis Block, der schließlich die Essenz und Richtigkeit des Bolschewismus verstanden hatte, zu fusionieren.

Nur eine solche Partei, aufgebaut auf solchen Methoden der Organisation, konnte Millionen Arbeiter und Bauern, organisiert in Sowjets, nicht nur in einem Jahr der Revolution, sondern in drei Jahren des Bürgerkriegs führen. Dass dieser Krieg den demokratischen Zentralismus wieder verhärtete und einengte, kann nicht bezweifelt werden. Doch es war schließlich die von diesem Krieg, der Isolation und Blockade und dann der Öffnung für Korruption, die die Neue Ökonomische Politik mit sich brachte, verursachte Bürokratisierung, die die soziale Basis für die Zerstörung dieser Partei schuf.

Der tragische Fehler der Verbannung von Fraktionen in der Partei von 1921, wofür Lenin und Trotzki volle Verantwortung übernehmen müssen, beruhte auf der verfehlten Sichtweise, dass die Gefahr von außen, von den Kulaken, den NEP-Leuten und der Weltbourgeiosie größer war als die von innerhalb der Partei und des Staatsapparats. Der Prozess der Bürokratisierung führte zur Schwächung des selbstregulierenden Mechanismus der inneren Parteidemokratie und hemmte schließlich den Kampf Trotzkis und der Linksopposition dagegen.

Methode, nicht Blaupause

Die gesamte Geschichte der Partei bis 1917, wenn nicht 1921, war nicht nur eine des unerbittlichen Kampfes gegen den Kapitalismus (einschließlich nach 1914 gegen den imperialistischen Krieg), sondern der heftigen internen Debatten. Der Bolschewismus war weder bürokratisch noch monolithisch. Auch war er nicht sektiererisch; er gewann eine Führungsrolle an der Spitze der Massen und führte die Revolution.

Die leninistische Partei und der demokratische Zentralismus entsprang nicht fertig modelliert der Stirn Lenins. Keine einzige Arbeit, nicht einmal „Was tun?“ beinhaltet davon eine Blaupause. Nichtsdestotrotz wäre es falsch, daraus zu schließen, dass es keine leninistischen Organisationsprinzipien gäbe oder dass Lenin ein freischwebender Pragmatiker gewesen wäre – oder noch schlimmer, ein zynischer Manövrist in diesen Fragen. Praxis und Theorie erwuchsen im Klassenkampf und in scharfen internen und externen Schlachten und Polemiken zwischen Möchtegern-Sozialisten und Revolutionären über die drei Jahrzehnte Lenins politischen Lebens. Jedes Stadium trug etwas Wichtiges bei. Er dachte nicht daran, dass er „eine Partei neuen Typus“ erfände. Doch das war es letztlich, was er tat.

Er entwickelte eine Theorie und eine Praxis der Partei zur Organisierung der AvantgardekämpferInnen der Arbeiterklasse. Diese Kämpfer wurden an der Front aller Kämpfe der Arbeiterklasse, sowohl der ökonomischen wie der sozialen, gebildet. Sie waren die klassenbewusstesten Elemente, die in den Abschwüngen des Klassenkampfes genauso wie in den Aufschwüngen, zu Zeiten der Niederlagen und des Rückzugs genauso wie in jenen der revolutionären Aufwallung und Siege überleben und sich neu orientieren konnten. Diese Avantgardeelemente mussten während der unvermeidlich rapiden Wechsel im Bewusstsein der Arbeiterklasse stabil bleiben und der Passivität, Rückständigkeit und den reaktionären Ideen des jeweiligen Zeitgeistes widerstehen und die Klasse in Zeiten der militanten Offensive führen.

Lenin entwickelte seine Sicht der Partei in einer Reihe von Stadien des Aufbaus: beginnend bei einer Gründungsperiode von Zirkeln, die zuerst reiner Propaganda und dann der Teilnahme an Agitationen gewidmet waren, dann rivalisierende ideologische Strömungen in einem wilden Kampf beim Versuch der Entwicklung eines Programms, taktischer Prinzipien und einer zentralisierten Organisationsstruktur. Nur eine Organisation, die auf festen programmatischen und taktischen Prinzipien ruht und schließlich Wurzeln unter den AvantgardekämpferInnen der Arbeiterklasse schlägt, verdient die Bezeichnung Partei.

Lenin erlebte durch bittere Erfahrung, dass dieser Kampf ein unaufhörlicher war – in allen Stadien des Parteiaufbaus. Er erkannte, dass diese Stadien nicht eine ununterbrochen aufsteigende Kurve bildeten. Sie sind von Krisen, Zusammenbrüchen, Spaltungen genauso wie von Fusionen, Wiederkehr zu früheren Stadien und rapiden Fortschritten unterbrochen.

Lenin bemerkte, dass die kapitalistische (und vorkapitalistische) Gesellschaft nicht ein passiver Zuschauer in der Geschichte und Entwicklung der Arbeiterbewegung und ihrer Organisationen ist. Durch ihre verschiedenen Schichten, ihre akademische Wissenschaft, ihre Presse wie durch ihre Polizeikräfte, Parteien und Richterschaft übt sie enormen Druck auf die Arbeiterklasse und ihre Organisationen aus. Eine revolutionäre Partei aufzubauen ist nicht nur ein Kampf gegen die Unternehmer und ihre staatlichen Kräfte. Es ist ein Kampf gegen bürgerliche (und kleinbürgerliche) Einflüsse und jene, die diese Einflüsse in die Reihen der Arbeiter tragen – die objektiv oder subjektiv Agenten dieser fremden Klassen sind.

Was Lenin zu jeder Zeit suchte, war die schärfste ideologische Klarheit über die programmatischen Ziele, die taktischen Prinzipien und die Methoden der Organisation, die diese zu Leben erwecken sollten. Aus diesem Grund kritisierte er am schärfsten die Kompromissler, Konfusionisten und Versöhnler, die es den Arbeitern erschwerten zu sehen, wer ihnen Freund und wer ihnen Feind war. Das bedeutete keine Vorliebe für Spaltungen und Polemiken, sondern die Erkenntnis, dass mit passivem Optimismus darauf zu warten, dass die Arbeiter die Erfahrungen schon machen würden, die alles enthüllen, die Gelegenheit für offensichtliche Verräter und hoffnungslose Wendehälse ist, den Arbeiterkampf im wichtigsten Moment in Verwirrung und Niederlage zu stürzen.

Wenn interner Kampf und politische Festlegung eine konstante Komponente des politischen Lebens sind, wenn Spaltungen und Vereinigungen notwendig zur Schaffung einer politischen Führung für die Arbeiterklasse sind, die im entscheidenden Moment die Initiative ergreifen sollte, sollten die Prinzipien des internen Parteileben darauf Rücksicht nehmen.Diese Prinzipien, die 1905 als demokratischer Zentralismus bekannt wurden, ermöglichten die Ausarbeitung einer Strategie, die die Kämpfer vereinen und sie die Umsetzung lehren konnte.

Die LRKI steht auf diesen Grundsätzen. Wir wenden sie in jedem Stadium des Parteiaufbaus an. Wir wissen, dass wir den ersten Stadien des Leninschen Kampfes näher stehen als den letzteren. Daher muss zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine lebendige interne Demokratie mit einem hohen Grad an theoretischer und programmatischer Homogenität kombiniert werden. Wir weisen das gerade so moderne Bild des Parteiaufbaus als „Diskussionsforum“ entschieden zurück. Wir lehnen die Vorstellung, dass die Theorie und die Theoretiker völlige Freiheit im Ausdruck haben müssen, wohingegen die praktischen Anwender, insbesondere die Arbeiter, in Einheit in der Aktion arbeiten sollen, ab.

Für uns ist der Lenin von Iskra und Proletary ein legitimes Modell des Kampfes in der Verwirrung der Sekten und Fraktionen, die heute existieren. Doch wir machen aus der Not keine Tugend, wir bilden uns nicht ein, dass eine Avantgarde einer Massenarbeiterpartei ihr internes Leben wie eine Propagandagruppe, eine kämpfende Propagandagruppe, gestalten kann. Das zu tun, hieße, nicht den demokratischen, sondern den bürokratischen Zentralismus zu befürworten. Und das bedeutete das Ende jeden Versuchs eines Aufbaus einer revolutionären Arbeiterpartei.

Fußnoten

(1) L.Trotzki, „Über den demokratischen Zentralismus: Einige Worte über die Parteiordnung“ in „Writings of Leon Trotsky 1937/38“ (aus dem Engl. übersetzt), S.90

(2) Karl Marx, „Londoner Konferenz der Internationalen Arbeiterassoziation“, MEW 17, S.422

(3) V.I.Lenin, Werke, Band 5, S.5f

(4) ebd., S.5

(5) V.I.Lenin, Werke, Band 5, S.482f.

(6) R.Luxemburg, Werke, Band 1/2, S.429

(7) V.I.Lenin, Werke, Band 7, S.505f

(8) V.I.Lenin, Werke, Band 8, S.144

(9) V.I.Lenin, Werke, Band 10, S.249f

(10) ebd., in: „Über die Reorganisation der Partei“, S.15

(11) Paul LeBlanc, „Lenin und die revolutionäre Partei“, New Jersey 1990, S.128

(12) ebd., S.128/29

(13) Marcel Liebmann, „Leninismus unter Lenin“, London 1975, S.45-61

(14) siehe „Lenin und die Avantgardepartei“, New York 1978, S.49-53

(15) P.LeBlanc, ebd., S.129

(16) V.I.Lenin, Werke, Band 10, S.315f

(17) P.LeBlanc, ebda., S. 131

(18) V.I.Lenin, Band 11, S.361

(19) Abraham Ascher Harvard, „Pavel Axelrod und die Entwicklung des Menschewismus“, Harvard 1972, S.237

(20) V.I.Lenin, Band 16, S.77

(21) V.I.Lenin, Band 18, S. 409

(22) ebd., S.408f

(23) V.I.Lenin, Band 20, S.518f

Print Friendly, PDF & Email

Related Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

3 + 6 =

Aktuelle Veranstaltungen

Okt
19
Do
18:00 Ideen unter Feuer – Diskussionsf... @ Berlin, Humboldt-Universität, Hegelbau, Raum 1.404
Ideen unter Feuer – Diskussionsf... @ Berlin, Humboldt-Universität, Hegelbau, Raum 1.404
Okt 19 um 18:00
Ideen unter Feuer - Diskussionsforum der Gruppe ArbeiterInnenmacht/Berlin @ Berlin, Humboldt-Universität, Hegelbau, Raum 1.404
Ideen unter Feuer ist ein Diskussions- und Lesekreis zur Einführung in den revolutionären Marxismus. Dazu wollen wir uns wöchentlich mit grundlegenden Texten auseinandersetzen. Eine Auswahl klassischer Texte – von Marx über Lenin, Luxemburg zu Trotzki[...]
18:30 100 Jahre Roter Oktober – Die Ak... @ Hamburg, MTZ
100 Jahre Roter Oktober – Die Ak... @ Hamburg, MTZ
Okt 19 um 18:30
100 Jahre Roter Oktober - Die Aktualität der Revolution @ Hamburg, MTZ
Der russische Rote Oktober 1917 jährt sich dieses Jahr zum 100. Mal – ein historisches Ereignis, das unterschiedlicher nicht diskutiert werden könnte. Von bürgerlicher und sozialdemokratischer Seite wird die Russische Revolution bis heute als Putsch[...]
Okt
25
Mi
18:00 1917 – Der wahre Oktober @ Berlin, Kino Krokodil
1917 – Der wahre Oktober @ Berlin, Kino Krokodil
Okt 25 um 18:00
1917 - Der wahre Oktober @ Berlin, Kino Krokodil
Dokumentar- und Legetrick-Film von Katrin Rothe Mit anschließender Debatte mit Internationale Sozialistische Organisation, Gruppe ArbeiterInnenmacht, Revolutionär-Sozialistische Organisation und REVOLUTION Russland, Mitte des ersten Weltkrieges: Massendemonstrationen und Streiks bringen den Sturz des hundertjährigen Zarismus und Räte[...]
Okt
26
Do
18:00 Ideen unter Feuer – Diskussionsf... @ Berlin, Humboldt-Universität, Hegelbau, Raum 1.404
Ideen unter Feuer – Diskussionsf... @ Berlin, Humboldt-Universität, Hegelbau, Raum 1.404
Okt 26 um 18:00
Ideen unter Feuer - Diskussionsforum der Gruppe ArbeiterInnenmacht/Berlin @ Berlin, Humboldt-Universität, Hegelbau, Raum 1.404
Ideen unter Feuer ist ein Diskussions- und Lesekreis zur Einführung in den revolutionären Marxismus. Dazu wollen wir uns wöchentlich mit grundlegenden Texten auseinandersetzen. Eine Auswahl klassischer Texte – von Marx über Lenin, Luxemburg zu Trotzki[...]
Nov
1
Mi
18:00 100 Jahre Oktoberrevolution – Pr... @ Dresden, Riesaer Straße 32, 1. Stock (Seminarraum)
100 Jahre Oktoberrevolution – Pr... @ Dresden, Riesaer Straße 32, 1. Stock (Seminarraum)
Nov 1 um 18:00 – 19:00
100 Jahre Oktoberrevolution - Programm und Aktualität des Bolschewismus @ Dresden, Riesaer Straße 32, 1. Stock (Seminarraum)
Der russische Rote Oktober 1917 jährt sich dieses Jahr zum 100. Mal – ein historisches Ereignis, das unterschiedlicher nicht diskutiert werden könnte. Von bürgerlicher und sozialdemokratischer Seite wird die Russische Revolution bis heute als Putsch[...]