Vorwort: Revolutionärer Marxismus 42

Redaktion, Revolutionärer Marxismus 2010, Oktober 2010

Die Befreiung der ArbeiterInnen kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein. Diese Aussage steht im Zentrum jeder marxistischen, jeder revolutionären Politik seit dem „Kommunistischen Manifest“.

Doch wie kommt die Arbeiterklasse zum Bewusstsein ihrer historischen Rolle? Wie kann sie von einer Klasse Ausgebeuteter und Unterjochter zu einem selbstbewussten Subjekt werden, das seine und der Menschheit Geschicke in die eigenen Hände nimmt? Wie kann sie zu einer Klasse werden, die in der Lage ist, die bestehende kapitalistische Ordnung zu Fall zu bringen, die Ausbeuter zu enteignen und die Gesellschaft bewusst auf Grundlage rationaler Planung zu reorganisieren, die den Bedürfnissen der ProduzentInnen und der Erhaltung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen dient. Wie kann sie den bürgerlichen, bürokratischen Staatsapparat zerschlagen und durch einen proletarischen Halbstaat, die Räteherrschaft ersetzen, die das Absterben des Staates wie aller anderen Organe der Klassenunterdrückung vorbereitet?

All diese Fragen berühren Grundprobleme revolutionärer Politik. Die Arbeiterklasse ist nicht einfach aufgrund der Erfahrung eigener Ausbeutung, Entrechtung, Unterdrückung „spontan“ revolutionär – und sie kann es auch nicht sein.

Es erhebt sich also die Frage, warum das so ist. Warum ist das spontane Bewusstsein der Arbeiterklasse – selbst wenn sie sich in Gewerkschaften oder reformistischen Parteien zur Sicherung ihrer Interessen in der bestehenden Gesellschaft organisiert – nicht proletarisch, sondern bürgerlich. Warum reichen selbst die Teilnahme und das Lernen im Klassenkampf allein nicht aus, um die Fesseln der bestehenden Gesellschaft zu sprengen?

Warum also nimmt die revolutionäre Partei, die bewusste Organisierung der politisch fortgeschrittensten Elemente, der Avantgarde der Klasse eine Schlüsselrolle im Befreiungskampf ein?

Um diese Fragen kreisen die in dieser Ausgabe versammelten Texte. Sämtliche Beiträge wurden schon in früheren Publikationen unserer Organisation veröffentlicht, teilweise vor 10 bis 15 Jahren und sind inzwischen leider vergriffen.

Wir veröffentlichen sie hier daher erneut. Auch wenn sie natürlich ältere Beispiele zur Illustration ihrer grundsätzlichen Aussagen verwenden, tragen sie zum Grundverständnis revolutionären Aufgaben und Politik heute wie damals entscheidend bei.

Der Artikel „Arbeiterklasse und Revolution“ von Markus Lehner wurde zuerst im Herbst 1999 veröffentlicht. Er legt erstens dar, warum der Klassenbegriff für den Marxismus so zentral ist und die verschiedenen Formen bürgerlicher Kritik wie des Revisionismus immer auch mit einem Angriff auf den Klassenbegriff einhergingen und einhergehen mussten. Zweitens demonstriert der Beitrag, was den marxistischen Klassenbegriff von jenem der bürgerlichen Wissenschaft (sofern sie überhaupt einen solchen verwendet) unterscheidet. Für den Marxismus ist der Klassenbegriffen nämlich immer einer, der sich auf ein gesellschaftliches Verhältnis bezieht, er ist kein Begriff, der nur auf eine mehr oder weniger zufällige Zusammenfassung von „Eigenschaften“ einer Gruppe von Individuen wie Einkommen, Status, Verhalten etc. zielt. Drittens zeigt der Artikel, warum Proletariat und Bourgeoisie, oder die Klasse der LohnarbeiterInnen und die Klasse der KapitalistInnen die beiden Hauptklassen der modernen bürgerlichen Gesellschaft bilden und auch nur bilden können – und welche Rolle umgekehrt den kleinbürgerlichen Klassen und Schichten u.a. Gruppierungen zukommt, die zwischen diesen Hauptklassen der Gesellschaft stehen. Insbesondere untersucht der Artikel dabei die lohnabhängigen Zwischenschichten. Viertens befasst sich der Artikel mit der revolutionären Perspektive der Klasse und der zentralen Rolle der revolutionären Partei für den Befreiungskampf.

Der Artikel „Marxismus und Gewerkschaften“ von Martin Suchanek vom Herbst 2000 knüpft an den ersten Beitrag in mehrfacher Hinsicht an. Erstens wird darin die grundlegende Position von Marx und Engels zu den Gewerkschaften und zum gewerkschaftlichen Kampf rekapituliert. Insbesondere wird darin gezeigt, dass Marx und Engels sehr bald die Wichtigkeit, Unvermeidlichkeit dieser Form des Kampfes der LohnarbeiterInnen, aber auch seine Grenzen erkannten und wie sie versuchten, diese Grenzen zu überwinden, ohne dem tagtäglichen Kampf gegen die Zumutungen des Kapitals sektiererisch den Rücken zu kehren. Zweitens geht der Artikel auf die Entwicklung der Arbeiteraristokratie und Gewerkschaftsbürokratie ein und auf die  Verallgemeinerung dieses Phänomens mit Beginn der imperialistischen Epoche. In den meisten Ländern wurden die Gewerkschaften gewissermaßen zum „Eigentum“ der Bürokratie und verbanden sich zunehmend enger mit dem bürgerlichen Staat. Drittens legt der Artikel zentrale Taktiken dar, um den Kampf gegen diese Gängelung zu führen, um die Gewerkschaften zu Instrumenten des Klassenkampfes zu machen.

Der dritte Text ist eine Resolution aus dem Jahr 1994, die „Thesen zur Einheitsfronttaktik“ des Internationalen Exekutivkomitees der LRKI, der Vorläuferorganisation der Liga für die Fünfte Internationale (LFI). Diese Thesen sind – wie die beiden anderen Texte – noch heute von grundlegender Bedeutung für unsere Organisation, fassen sie doch knapp und prägnant des leninistische und trotzkistische Verständnis der Einheitsfronttaktik zusammen.

Den Abschluss dieser Ausgabe des „Revolutionären Marxismus“ bilden die „Thesen zum Charakter der Frauenunterdrückung“, die 1989 von der BRKI (Bewegung für eine revolutionär-kommunistische Internationale) angenommen und unter dem Titel „Keine Frauenbefreiung ohne Sozialismus, kein Sozialismus ohne Befreiung der Frauen!“ in der ersten Ausgabe des Revolutionären Marxismus (RM) veröffentlicht wurden.

Nachdem zwei Auflagen des RM 1 ausverkauft wurden, werden die Thesen hier zum dritten Mal veröffentlicht. Obwohl sie über 20 Jahre alt sind, so rechtfertigt ihre systematische, thesenhafte Darlegung der Ursprünge der Frauenunterdrückung, der Herausbildung einer proletarischen Frauenbewegung, einer Einschätzung und Kritik des Feminismus sowie des Verhältnisses zwischen dem Kampf für Frauenbefreiung und dem Kampf für die sozialistische Revolution eine neuerliche Veröffentlichung nicht nur, sie erfordern sie geradezu.

Auch wenn alle vier Texte 10 oder mehr Jahre alt sind, so sind wir davon überzeugt, dass sie für den Klassenkampf in der aktuellen stürmischen Kriseperiode des Kapitalismus überaus hilfreich sind. Wie jede Umbruchperiode stellt auch die gegenwärtige historische Krisenperiode enorme Anforderungen nicht nur an die Aufgaben der Organisierung, des praktischen, unmittelbaren Kampfes – sondern auch an des theoretische Verständnis. Seit der Sozialismus eine Wissenschaft geworden ist, so sinngemäß Friedrich Engels, will er auch wissenschaftlich betrieben werden. Zu diesem Verständnis soll gerade auch diese Ausgabe des „Revolutionären Marxismus“ beitragen.

Redaktion, Berlin/Wien, September 2010

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