Die Vierte Internationale

Richard Brenner, November 2013

1923 erhob Trotzki erstmals das Banner der Revolte gegen Stalin. In den nächsten 10 Jahren ermunterte er die kommunistischen ArbeiterInnen der ganzen Welt zum Engagement für eine vollständige Reform der Kommunistischen Internationale, die Beseitigung der Stalin-Führung und eine Rückkehr auf den Pfad der Weltrevolution.

Wo kommunistische Gruppen Trotzki zur Seite standen, organisierte er sie als Fraktionen innerhalb der offiziellen KPen. Wo immer sie ihren Kopf erhoben, wurden sie schnell als „Trotzkisten“ aus der Partei ausgeschlossen und von den Stalinisten mit allen nur erdenklichen Verdächtigungen und Verleumdungen überhäuft.

Doch den verfolgten Sektionen, zusammengeschlossen in der Internationalen Linksopposition, die 1930 gegründet wurde, um die Fraktionen länderübergreifend zu organisieren, gelang es, die Ideen des revolutionären Marxismus in kleine, aber bedeutende Abteilungen von KommunistInnen vieler Länder hineinzutragen.

Am Vorabend von Hitlers Machtergreifung in Deutschland erklärte Trotzki die Rolle der Internationalen Linksopposition: „die Linke Opposition sieht das von der stalinistischen Bürokratie errichtete organisatorische Regime nicht als endgültig an. Im Gegenteil, ihr Ziel ist, der unrechtmäßig herrschenden Bürokratie das Banner des Bolschewismus aus den Händen zu entreißen und die Kommunistische Internationale zur Rückkehr zu den Prinzipien von Marx und Lenin zu bewegen.”

Trotzki hoffte, dass sich die Fehlschläge des Stalinismus mit jedem neuen geschichtlichen Ereignis immer stärker enthüllen würden, so dass sich Gräben in den Kommunistischen Parteien und der Komintern auftun würden und der Kampf gegen Stalin an Kraft gewinnen würde. Zugleich war Trotzki sich bewusst, dass Stalins ruinöse Politik die Internationale selbst vernichten konnte.

„Obgleich die besonderen Bedingungen der Entwicklung in Russland den Bolschewismus bereits 1912 zum endgültigen Bruch mit dem Menschewismus führten, gehörte die bolschewistische Partei bis Ende 1914 weiterhin der Zweiten Internationale an. Es bedurfte der Lehren des Weltkriegs, um die Frage einer neuen Internationale aufzuwerfen, und es bedurfte der Oktoberrevolution, um die neue Internationale ins Leben zu rufen.

Eine historische Katastrophe wie der Zusammenbruch des Sowjetstaats würde natürlich auch die Dritte Internationale mit sich reißen. Auch nach einem Sieg des Faschismus in Deutschland und der Zertrümmerung des deutschen Proletariats könnte die Komintern diese Folgen ihrer verhängnisvollen Politik kaum überleben. Aber wer im Lager der Revolution würde jetzt die Behauptung wagen, der Zusammenbruch der Sowjetmacht oder der Sieg des Faschismus in Deutschland seien unvermeidlich und unabwendbar?” (Trotzki, Die Internationale Linke Opposition und ihre Aufgaben, in: Schriften 3.3., S. 359)

Diese Zeilen wurden Anfang 1933 verfasst. Innerhalb von Monaten wurde die Niederlage der deutschen Arbeiterklasse zur ebenso schrecklichen wie unwiderlegbaren Gewissheit. Die sektiererische Politik der stalinistischen KPD hatte die mächtigste Arbeiterbewegung der Welt in die Katastrophe geführt. Rasch erkannte Trotzki, dass die KPD nicht mehr reformierbar war:

„Die KPD ist heute ein Leichnam. (…)

Die Zeit ist gekommen, wo man offen die Frage stellen muß, wie man die Schaffung einer neuen Partei vorbereiten kann.” (Trotzki, KPD oder neue Partei, Brief an das Internationale Sekretariat, 12. März 1933, in: Schriften über Deutschland, S. 480)

Die Niederlage und Zerstörung der KPD stellte auch die Komintern vor die einfache Wahl: entweder Anfang einer nachhaltigen Debatte in der ganzen Bewegung über die Gründe dieser Katastrophe oder Verhinderung jeglicher Diskussion. Die Komintern-Führer wählten den zweiten Weg.

Wie wir gesehen haben, segnete die Komintern-Spitze die Linie der KPD nachträglich in jeder Hinsicht ab. Aber sie wusste, wie schwierig dies zu verteidigen war. Die Stalinisten verboten allen Sektionen der Komintern eine Erörterung dieses Themas und zeigten damit ihre bürokratische Feigheit in vollem Ausmaß. Das Blut der deutschen Kommunisten sollte praktisch kommentarlos fließen. Trotzki war außer sich:

„Die Moskauer Leitung bezeichnete nicht nur die Politik, die Hitlers Sieg gesichert hatte, als fehlerfrei, sondern verbot, über das Geschehene zu diskutieren. Und diese schmachvolle Verteidigung wurde weder zurückgewiesen, noch auch nur angegriffen. Kein nationaler Kongreß, kein internationaler Kongreß, keine Diskussion in den Parteiversammlungen, keine Polemik in der Presse!” (Trotzki, Man muß neue kommunistische Parteien und eine neue Internationale aufbauen, in: Schriften über Deutschland, S. 604)

Er schloss daraus unausweichlich: „Eine Organisation, die der Donner des Faschismus nicht geweckt hat und die demütig derartige Entgleisungen von seiten der Bürokratie unterstützt, zeigt dadurch, daß sie tot ist und nichts sie wiederbeleben kann.” (Ebenda, S. 605)

Die Möglichkeiten zur Reform der Komintern waren dahin. Das Fehlen jeglicher kritischen Bezugnahme auf die deutsche Katastrophe – mit der kleinen Ausnahme einiger tschechoslowakischer Kommunisten – bewies, dass zwar zweifellos ehrliche ArbeiterInnen aus den KPen gewinnbar waren, aber die Parteien als ganze nicht mehr in Werkzeuge der Revolution rückverwandelt werden konnten.

Eine Schlussfolgerung musste allerdings noch gezogen werden. Am 15. Juli 1933 verfasste Trotzki einen Artikel zur Zusammenfassung dieser Lehren und als Wegweiser für die künftige Bewegung. Seine Überschrift hätte nicht einfacher lauten können: “Man muß neue kommunistische Parteien und eine neue Internationale aufbauen.”

Eine neue Internationale?

Nach dem Verrat der Zweiten Internationale an der Arbeiterbewegung durch ihre Unterstützung des Kriegsmassakers der Bourgeoisie 1914 unterzogen sich Lenin und die Bolschewiki in Russland im Verein mit Luxemburg und Liebknecht in Deutschland sowie einer Handvoll von InternationalistInnen anderer Länder der langwierigen Aufgabe der Schaffung einer neuen Internationale. Der Erfolg der Revolution in Russland im Oktober 1917 gab ihrem Werk einen mächtigen Schub.

Während die Sozialdemokratie die Rettung des Kapitalismus in den stürmischen Nachkriegsjahren ermöglichte,  strömten Millionen ArbeiterInnen in die neuen Kommunistischen Parteien, die offen die russische Revolution verteidigten. 1919 wurde die dritte, die Kommunistische Internationale gegründet, um einen Vorteil aus der tiefen Krise des Kapitalismus seit 1914 zu ziehen – als Führung der Weltrevolution.

Bedeutete Hitlers Machtübernahme und der Zusammenbruch der KPD, dass die Dritte Internationale nun ihren 4. August (1914, dem Tag des Verrats der Zweiten Internationale am internationalen Sozialismus) erreicht hatte? Trotzki bejahte dies. Dennoch gab es einen Unterschied zwischen 1914 und 1933. Damals hatte die II. Internationale die Arbeiterklasse bewusst verraten, die Auswirkungen beider Ereignisse waren jedoch ähnlich.

Trotzki beharrte darauf, die deutschen Ereignisse lieferten den endgültigen Beweis, dass die Komintern für ihren ursprünglichen Zweck, die Weltrevolution voranzutreiben, unrettbar verloren war. Es bedurfte einer neuen Internationale! Nach langer und demokratischer Diskussion innerhalb der Internationalen Linksopposition wurde der Aufbau einer solchen neuen Internationale beschlossen.

Diese Internationale musste einen Namen finden, der ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen widerspiegelte. Auf Grundlage der Politik ihrer Vorgängerinnen in deren jeweiligen revolutionären Perioden musste sie vor allen ArbeiterInnen offen aussprechen, dass die Zweite und Dritte Internationale den Weg der Revolution verlassen hatten. Nach einer kurzen Phase der Abwägung von Alternativen entschieden sich Trotzki und die Linke Opposition für den Namen, der ihre geschichtliche Erfahrung zusammenfasste und eher nach vorn denn rückwärts blicken ließ. Für den Rest seines Lebens setzte sich Trotzki für den Aufbau der Vierten Internationale ein.

Der „Block der Vier“

Die Kräfte der Internationalen Linken Opposition (ILO) waren gering, etwa 6.000 Mitglieder weltweit. Deshalb verbot sich die bloße „Ausrufung“ der IV. Internationale und ihre Errichtung allein auf den Formationen der ILO. Neue Kräfte mussten für das Vorhaben gewonnen werden.

Auf einer Reihe von internationalen Zusammenkünften änderte die ILO 1933 ihren Namen in Internationale Kommunistische Liga (IKL) ab und widmete sich der Umgruppierung von revolutionären Kräften der Weltarbeiterklasse unter dem Banner der neuen Internationale. Als ersten Schritt wandte die IKL sich an jene ArbeiterInnen, die nicht an Sozialdemokratie, Stalinismus oder die rechte „kommunistische“ Opposition gebunden waren. Drei Parteien rückten dabei in den Blickpunkt: die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) aus Deutschland, sowie die RSP (Revolutionäre Sozialistische Partei) und die OSP (Unabhängige Sozialistische Partei) aus den Niederlanden, alle entweder aus der Komintern oder der Sozialdemokratie hervorgegangen. Die Bedeutung dieser Gruppen lag in ihrer Unabhängigkeit von der II. und III. Internationale und ihrem politischen Neuorientierungsprozess.

Nach breiter Debatte unterzeichneten die drei Parteien am 26. August 1933 eine gemeinsame Erklärung mit der IKL. Sie enthielt alle Grundelemente der IKL-Politik. Die „Erklärung der Vier“ stellte fest, dass der Kapitalismus sich in einer tiefen Krise befand, die nur durch Revolution und Arbeitermacht lösbar war. Sie wies die Hauptfehler des Stalinismus zurück: die Theorie vom Sozialismus in einem Land und das bürokratische Regime in der Komintern und der UdSSR.

Außerdem lehnte sie den parlamentarischen Reformismus der 2. Internationale ab und beharrte auf der Notwendigkeit, die Errungenschaften der russischen Revolution trotz der Stalinschen Verbrechen zu verteidigen. Sie rief zur Bildung einer neuen, IV. Internationale auf und verpflichtete die vier Gruppen auf die Ausarbeitung und Erörterung eines Programms für die Vierte, auf eine Kritik an den anderen Strömungen der Arbeiterbewegung sowie auf die Erarbeitung klarer Antworten auf alle wesentlichen Fragen der Arbeiterklasse im Kampf für die Revolution.

Das war ein gewaltiger Schritt vorwärts in dem Bemühen der IKL, diese Parteien von Sozialdemokratie und Stalinismus hin zum revolutionären Marxismus zu bringen. Allerdings stand die Bewährungsprobe für SAP, RSP und OSP erst noch bevor: Würden sie die gemeinsame Erklärung auch wirklich umsetzen oder blieb sie nur ein Stück Papier?

Die drei Parteien waren sämtlich Mitglieder des Londoner Büros, einer losen Ansammlung von Parteien mit wenig politischer Übereinstimmung. Auf dem linken Flügel stand die niederländische RSP, die der IKL in allen Hauptpositionen nahe stand, im Zentrum befanden sich die Schwedische KP und die Independent Labour Party aus Großbritannien, aus deren Reihen Trotzki einige Mitglieder zu beeinflussen und herüberzuziehen hoffte. Den rechten Flügel repräsentierte die Norwegische Arbeiterpartei. Sie war die einzige Partei des Londoner Büros mit Massenanhang, aber in ihrer Politik völlig reformistisch. Eine solche Partei musste die norwegische Arbeiterklasse zwangsläufig in den Untergang führen. Im März 1935 übernahm sie tatsächlich die Regierung in Norwegen und setzte die Arbeiterklasse im Sinne des Kapitals unter Druck.

Trotzki forderte die SAP auf, die „Erklärung der Vier“ auf der Konferenz des Londoner Büros im August 1933 vorzulegen, aber die SAP zog sich sogleich zurück. Sie stellte das Dokument aus Furcht vor einer Abschreckung der Norwegischen Arbeiterpartei auf der Konferenz nicht zur Abstimmung. Die SAP war bereits an der ersten Hürde hängen geblieben, sie wollte sich nicht entscheiden zwischen ihren reformistischen Verbündeten und den Revolutionären der IKL. Der SAP-Führer Walcher entwickelte zusehends Widerstände gegen Trotzkis Ansinnen, den Bruch mit der norwegischen Arbeiterpartei zu vollziehen und die Politik ihrer reformistischen Führung zu kritisieren.

Anfang 1934 wurde Trotzki klar, dass die SAP ein Hindernis beim Aufbau der IV. Internationale geworden war. Kräfte dieser Art nennt man nach marxistischer Begrifflichkeit zentristisch: sie sind instabile Gebilde und zwischen Reformismus und revolutionärem Marxismus angesiedelt. Unter gewissen Umständen können sich Zentristen weit nach links bewegen, zu anderen Zeiten wiederum nach rechts streben.

Typisch für den Zentrismus sind die Weigerung, der Arbeiterklasse die ungeschminkte Wahrheit zu sagen, eine Neigung, klare Trennungslinien innerhalb der Arbeiterbewegung zu verwischen und wirkliche Differenzen zu verharmlosen. Der Zentrismus will der Arbeiterklasse kein klares Programm vorlegen, sondern wartet auf die „Geschichte“ als Löserin von Problemen, die nur von den Revolutionären selber erledigt werden können.

Die Taktik des „Blocks der Vier“ war ein notwendiger Schritt zur IV. Internationale. Sie brachte die RSP und einen großen Teil der OSP zur IKL. Als die SAP schließlich ihre Linksentwicklung umkehrte und die IKL des Sektierertums beschuldigte, erkannte die IKL, was geschehen war und brach mit der SAP. Trotzki legte die Gründe im Artikel „Der Zentrismus und die Vierte Internationale“ dar: „Das Hinterherjagen der ‚extrem linken‘ Zentristen hinter den gewöhnlichen linken, der linken hinter den mittleren und der mittleren hinter den rechten –  so wie ein Mensch hinter seinem eigenen Schatten, herjagt – kann zu keinerlei stabilen Massenorganisationen führen.” (Trotzki, „Der Zentrismus und die Vierte Internationale“, Schriften, 3.3., .529)

Zwar musste jenen Zentristen, die sich auf revolutionäre Ideen zu bewegten, erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt und ihnen geduldig dabei geholfen werden, Vorbehalte zu überwinden, doch Prinzipien stehen nicht zur Verhandlung, und das revolutionäre Programm darf nicht wie Kleingeld gewechselt werden, als ob es nur einen winzigen Unterschied ausmache. Trotzkis oberste Richtschnur war stets die Treue zu den Gesamtinteressen der Arbeiterklasse: „den historischen Prozess ernstnehmen, nicht Versteck spielen, sondern aussprechen, was ist.” (Ebenda, S. 530)

Die Taktik des „Blocks der Vier“ hatte sich nun erschöpft; von der SAP war nichts mehr zu gewinnen. Von 1934 an lenkte Trotzki sein Augenmerk auf die Geschehnisse, die Frankreich bis in die Grundfesten erschütterten, und feilte an neuen Taktiken, die den Aufbau der Vierten vorantreiben sollten.

Die französische Wende

Ein revolutionäres Programm war unverzichtbar. Ohne ein solches Instrument konnte keine Partei den Anspruch erheben, revolutionär zu sein. Doch ein Programm allein genügte nicht. Revolutionäre wollen es in die Praxis umsetzen. Die Kommunistische Liga stand vor einer weiteren lebenswichtigen Aufgabe, für ihre korrekten Gedanken in der  Massenbewegung der ArbeiterInnen Gehör zu finden und zu einem politischen Faktor zu werden.

Die nur etwa 100 Mitglieder der Kommunistischen Liga in Frankreich waren isoliert. Sie wurden von den Stalinisten derart feindselig verfolgt, dass sie sich kaum Gehör verschaffen konnten. Vorher lag die Schwierigkeit in der Ablehnung der großen Arbeiterparteien, eine Einheitsfront zu bilden, nun bestand sie in den millionenfachen Illusionen der Arbeitenden in die opportunistische Verdrehung der „Einheitsfront“ durch Thorez, die Sozialisten und Radikalen. Die Äußerungen der Trotzkisten dazu waren unmissverständlich, wurden aber übertönt.

Eines der Merkmale wahrhaft großer RevolutionärInnen ist ihre Unerschrockenheit auch vor schwierigen Hindernissen und ihre Begabung, neue Wege zu finden. Ohne Prinzipien oder Programm des wahren Marxismus zu verwässern, schlug Trotzki nun eine neue kühne Taktik für die französischen Revolutionäre vor: Eintritt in die Sozialistische Partei und Kampf in ihr für revolutionäre Ideen.

In die Sozialistische Partei eintreten? Aber das ist doch Verrat, Reformismus, Menschewismus! So dachten viele KämpferInnen, sogar AnhängerInnen Trotzkis, damals. Immerhin hatten die Sozialdemokraten die Arbeiterklasse 1914 verraten; Rosa Luxemburg hatte die Zweite Internationale einen „stinkenden Leichnam“ genannt und wurde von den deutschen „Sozialisten“ wegen ihrer revolutionären Bestrebungen schließlich ermordet.

In all diesen Jahren hatte sich die Opposition dafür stark gemacht, den Kommunistischen Parteien Mittel an die Hand zu geben, um die Vorherrschaft des Reformismus zu brechen – und jetzt verlangt Trotzki von seinen AnhängerInnen, dass sie sich einer reformistischen Partei anschließen! Kaum hatte er zum Aufbau der IV. Internationale aufgerufen, da rät er seinen Gefolgsleuten, in die Zweite einzutreten!

Jedoch gingen diese kritischen Anmerkungen am Kern der Sache vorbei. Als Fraktion in der Komintern hätte sich die Opposition enger an die Arbeitermassen heranbewegen und in ihnen verankern können. Der stalinistische Apparat verunmöglichte dies praktisch durch seine bürokratischen Verbote gegen fraktionelle Umtriebe und alle abweichlerischen Gedanken. Die Kommunistische Liga wuchs in der Isolation auf und musste sich auf reine Propaganda beschränken.

Dies verlieh ihr eine starke Seite, nämlich eine Ernsthaftigkeit in bezug auf revolutionäre Theorie und Prinzipien, und sie verfügte über eine Mitgliedschaft, die gut ausgebildet war in der Geschichte der Bewegung und für die Aufgaben der Revolution. Aber die KL besaß auch eine schwache Seite, sie beobachtete die Arbeiterbewegung praktisch von außen. Diese Schwäche musste überwunden werden, wenn eine revolutionäre Partei der Arbeiterklasse entstehen sollte.

Das gemeinsame Treffen der Kommunistischen und Sozialistischen Parteien vom Juli 1934 wurde von der Masse der Arbeiterschaft begeistert begrüßt. Aber die Trotzkisten erhielten keine Gelegenheit, ihre Sicht darzustellen. Die Massen liefen Gefahr, von der Aussicht auf Einheitsfront geblendet, die Politik ihrer Parteioberen kritiklos hinzunehmen. Die Liga musste sich ihren Weg in die Einheitsfront bahnen. Dies konnte nur über die beteiligten Parteien erfolgen. Der Weg in die KP war versperrt.

Die französischen Sozialisten zählten 120.000 Mitglieder. Der Aufstieg des Faschismus in Deutschland hatte viele Arbeitermitglieder nach links getrieben. Daraufhin hatte sich der offen kapitalistische rechte Flügel 1933 abgespalten. Der linke Flügel lud radikalere sozialistische Elemente zum Eintritt in die Partei ein.

Sicher sollte eine revolutionäre Partei unabhängig sein. Aber Trotzki erinnerte seine AnhängerInnen daran, dass „sie noch weit davon entfernt sind, eine Partei zu sei, dass sie bloß eine Propaganda-Zirkel sind, dass die Partei nicht vom Himmel fällt, dass der Propaganda-Zirkel, ehe daraus eine Partei werden kann, eine embryonale Periode durchlaufen muss.” (Trotzki, Die Ligue communiste vor einer entscheidenden Wende, in: Schriften, 3.3., S. 595) Die Liga konnte es sich nicht erlauben, untätig auf Zulauf zu warten, sondern musste ihre Botschaft aktiv in die Massen hineintragen.

Trotzki betonte, dass die Liga in die Sozialistische Partei eintreten sollte, um dort für revolutionäre Ideen intervenieren zu können. Die TrotzkistInnen sollten von Anfang an eine Fraktion formieren, um die reformistischen Führer ohne Abstriche an der revolutionären Programmatik anzugreifen: „Eine Kampforganisation ist notwendig; Bataillone aus Stahl sind notwendig; Instrukteure und Offiziere sind notwendig. Es ist notwendig, den Feind zu entwaffnen, ihn von der Straße zu fegen, ihn zu terrorisieren. Die Aufgabe der Liga, gleich ob sie unabhängig bleibt oder sich einer der Einheitsfrontparteien anschließt, erfordert gebieterisch eine Erklärung für die Arbeiter, so unverblümt, klar und ehrlich wie es der Ernst der Lage und die sich daraus ergebenden Aufgaben erfordern.” (Trotzki, The League Faced with a Turn, Juni 1934, in: Writings, 1934-35, S. 37, unsere Übersetzung)

Das war kein Absturz in den Reformismus. Der Eintritt der Kommunistischen Liga in die Sozialistische Partei stellte eine revolutionäre Tat dar.

Entrismus in der Praxis

Nach ausgiebiger Debatte nahmen die französischen Trotzkisten die neue Taktik des „Entrismus“, also des Eintritts in eine nichtrevolutionäre Arbeiterorganisation, an. Am 29. August 1934 wurde die Kommunistische Liga aufgelöst, und ihre Mitglieder traten in die Sozialistische Partei Frankreichs (SFIO) ein. Sie konstituierten sich sogleich als legitimierte Fraktion, die Bolschewistisch-Leninistische Gruppe (GBL).

Eine Gruppierung in der KL unter Führung von Pierre Naville lehnte die französische Wende zunächst mit der Begründung ab, sie erfolge ohne Not und stelle eine Anpassung an die Sozialdemokratie dar. Sie weigerten sich zunächst, sich der SFIO anzuschließen; bald aber änderten sie ihre Auffassung und vereinigten sich wieder mit der GBL. Trotzki glaubte, der wahre Grund für ihren Widerwillen zum Eintritt sei in einer „literarisch-konservativen“ Einstellung zu suchen, die lieber auf Beobachterposten verblieb.

Diese Neigung sollte sich später in ihre gegenteilige Form verkehren; einige von denen, die sich anfangs gegen den Entrismus gesträubt hatten, versuchten dann, die Politik der GBL zu entschärfen, um ihren Verbleib in der Partei auf unbestimmte Zeit ausdehnen zu können. Beide Irrtümer hatten eine Gemeinsamkeit: sie vermieden einen unnachsichtigen Kampf gegen die Parteispitze der Sozialisten. Das war gemeint, wenn Trotzki von Sektierertum und Opportunismus als zwei Seiten ein und derselben Medaille sprach.

Die GBL machte rasche Fortschritte in der SFIO und bewies damit den Wert von Trotzkis Taktik. Gerüstet mit einem klareren Programm als die übrige Linke steigerte die GBL ihre Mitgliedschaft auf über 300 im Sommer 1935. Der Feldzug für den Aufbau einer Arbeitermiliz zeigte Wirkung im linken Parteiflügel, der die TPPS (Allzeit bereit zum Dienst)-Schutztruppe der SFIO gründete.

Sie schützte Arbeiterversammlungen gegen faschistische Überfälle und unternahm Aktionen, die Faschisten von der Straße zu vertreiben. Die Mitgliedschaft in einer Massenpartei verschaffte der GBL Zugang zur Gewerkschaftsbewegung und führte dem Trotzkismus mehr ArbeiterInnen zu. 1935 erhielt die GBL einen erheblichen Stimmenanteil für ihre Vorschläge auf der nationalen Parteikonferenz.

In der Jugendarbeit schnitt die GBL am erfolgreichsten ab. Ihre Zeitung „Revolution“ verkaufte sich mit jeder Ausgabe 80.000 mal, weit mehr als das offizielle Parteiorgan. Fred Zeller, ein Jugend-Führer der SFIO, erhielt offiziellen Besuch aus Moskau, aber statt für den Stalinismus wurde er für den Trotzkismus gewonnen.

Aber der Entrismus sollte und konnte nicht ewig währen. Die Partei unter Leon Blum war die Volksfront mit den Stalinisten und der Radikalen Partei eingegangen. Als Europa sich zusehends auf einen Krieg zubewegte, wollten diese Parteien eine Regierung bilden, welche die Armee aufrüsten und die Arbeiterkämpfe eindämmen konnte. Hierbei konnte die Existenz eines starken trotzkistischen Flügels innerhalb der SFIO nicht geduldet werden.

Die GBL trat offen gegen den absehbaren Massenmord an der Jugend in einem solchen Krieg und für eine Arbeiterfront gegen die Volksfrontregierung auf. V.a. die Stalinisten forderten den Ausschluss der Bolschewiki-Leninisten aus der SFIO als Bedingung für weitere Einheit.

Ende Juli 1935 rührte sich die Bürokratie und schloss 13 führende Mitglieder der SFIO-Jugend aus, darunter etliche Trotzkisten. Die Reformisten konnten sich nicht länger Demokratie in den eigenen Reihen leisten und schlugen gegen die revolutionäre Jugend los. Wenige Tage später begannen die Arbeiter der Hafenstädte Brest und Toulon Massenstreiks und erhoben sich gegen die Polizei.

Trotzki begriff, dass diese Ereignisse der Arbeit innerhalb der SFIO ein rasches Ende bereiten mussten. Trotz einiger Gegenmeinungen, dass noch mehr aus der Partei herauszuholen wäre, zeichnete sich klar ab, dass die SFIO-Führung entschlossen war, die TrotzkistInnen hinauszuwerfen. Ein Verbleib in der Partei wäre nur mit Verwässerung und gänzlichem Verzicht auf die Botschaft der Revolution zu erkaufen gewesen.

„Wenn man fortwährend einer Organisation anhängt, die keine proletarischen Revolutionäre mehr in ihrer Mitte dulden kann, verkommt man zwangsweise zu einem elenden Werkzeug des Reformismus, Patriotismus und Kapitalismus.” (Trotzki, Against False Passports in Politics, 16.12.1934, in: Crisis of the French Section, S. 116. Unsere Übersetzung)

Deswegen ist die „Vorstellung, man müsse um jeden Preis in der SFIO bleiben, ein Verrat (…) Diejenigen, die sagen ‚wir werden vorpreschen, den Massen die Wahrheit über die jüngsten sozialpatriotischen Machenschaften zu erzählen, so dass man nicht aus der von Sozialpatrioten geführten Partei ausgeschlossen wird‘, werden zu Mitwissern dieser Verräter.” (Trotzki, No Evasions on the Independent Party, in: Crisis of the French Section, S. 51, Unsere Übersetzung)

Trotzki befürwortete eine kühne Vorgangsweise seitens der GBL. Durch Angriffe auf die Parteiführung und Vorbereitung zum Aufbau einer unabhängigen Partei sollte sich die GBL unmittelbar an die revolutionären Arbeiter wenden. Eine bedeutender Teil der GBL zauderte allerdings. Unter Führung von Raymond Molinier und Pierre Frank ließ sie bedeutende Teile des trotzkistischen Programms unter den Tisch fallen und ging an die Bildung einer gemeinsamen Gruppe mit Zentristen, die nicht daran dachten, die SFIO zu verlassen. Aber für wirkliche Revolutionäre kam ein solches Aufgeben nicht in Frage.

Trotzki fasste die Lehren aus der französischen Wende zusammen: “Der Entrismus in eine reformistisch-zentristische Partei schließt keine langfristige Perspektive ein. Er ist nur eine Etappe, die unter gewissen Umständen auf eine Episode begrenzt sein kann (…) notwendig, speziell im Licht der französischen Erfahrung, ist die Selbstbefreiung von falschen zeitlichen Vorstellungen, die Erkenntnis, den entscheidenden Stoß der Bürokratie gegen den linken Flügel zu bemerken und die Verteidigung dagegen nicht durch Zugeständnisse, Anpassung oder Versteckspiel, sondern durch eine revolutionäre Offensive zu organisieren.” (Trotzki, Lessons of the SFIO Entry, in: Crisis of the French Section, S. 123)

Trotzkismus und Zentrismus in Spanien

Die führende Gestalt der spanischen Linken Opposition war Andrés Nin. Als einer der Gründer der KP hatte er Trotzki in seinem Kampf gegen Stalin beigestanden und war auch als sein Sekretär tätig gewesen. Mit seinem Ansehen in der Arbeiterbewegung und Bekanntheitsgrad bei Millionen war Nin dazu ausersehen, eine wichtige Rolle in der Spanischen Revolution zu spielen.

Noch vor Ausbruch des Bürgerkriegs hatte Trotzki mit Nin gebrochen. Viele sehen darin bis heute ein Beispiel für Trotzkis „Sektierertum“. Doch die Differenzen drehten sich um Themen, die über Sieg oder Untergang der Spanischen Revolution entscheiden sollten.

Nin führte die bescheidenen Kräfte des spanischen Trotzkismus in eine Fusion mit dem „Arbeiter- und Bauernblock“ unter Maurin. Sie war eine zentristische Partei und hatte die pro-Bucharinsche Rechte Opposition unterstützt. Aus dieser Verschmelzung ging eine neue Partei, die POUM (Arbeiterpartei der Marxistischen Vereinigung) hervor. Die POUM war dem Stalinismus feindlich gesonnen und erklärte, dass Krieg und Revolution untrennbare Bestandteile voneinander seien. Aber sie besaß kein klares revolutionäres Programm für die spanische Arbeiterklasse. Das war keine nur akademische Frage – es führte zum Fall der POUM und zum Verderben für die spanische Arbeiterklasse.

Die POUM war die am schärfsten verfolgte Partei der Spanischen Revolution. Die Stalinisten pöbelten sie als „Trotzkisten“ und „Faschisten“ an. Nichts von dem stimmte. In den ersten Wochen des Bürgerkriegs bewies die POUM äußerste Tapferkeit und nahm eine Führungsposition bei den Land- und Fabrikbesetzungen sowie eine wichtige Rolle bei der Bewaffnung der Arbeiterklasse ein. Ihre Mitgliederzahl schnellte von 8.000 auf über 35.000 in den ersten Bürgerkriegsmonaten empor und sie rekrutierte über 10.000 Arbeitermilizionäre.

Bei korrekter Politik hätte die POUM ihren Masseneinfluss dazu nützen können, unter den revolutionären Komitees, den Arbeiterparteien und Gewerkschaften für die Schaffung von Räten aus Arbeiterdelegierten zu agitieren. Diese hätten wie die Sowjets in Russland 1917 zu einem alternativen Machtzentrum in Herausforderung der Volksfrontregierung in Madrid ausgebaut werden können. So hätte der Krieg in eine sozialistische Revolution hinüberwachsen können.

Aber durch ihre für den Zentrismus so typische konfuse Politik war die POUM außerstande, die Gunst der Stunde zu nutzen.

Am 7. September 1936 hielt Nin eine Rede vor Tausenden von ArbeiterInnen in Barcelona. Als er korrekterweise die kapitalistischen Minister der Volksfront zum Rücktritt aufforderte, applaudierte die Menge begeistert. Aber als derselbe Nin in das Kabinett von Katalonien eintrat, schlug die POUM eine gemäßigtere Tonart an und erklärte, dass sie „die Frage offen lassen“ wolle, ob Kapitalisten an der Regierung beteiligt werden dürften.

Schlimmer noch, statt den Einfluss der POUM in den revolutionären Ausschüssen des Lerida-Distrikts zum Aufbau von Arbeiterräten zu nutzen, forderte die POUM „eine echte Volksfrontregierung“ und half damit der Regierung praktisch bei der Demobilisierung des Komitees.

Die wenigen Trotzki-Anhänger in Spanien warnten vor der Teilnahme an der Regierung und einer Rücknahme der Räte-Orientierung, weil das bedeutet hätte, dass die POUM die Chancen zur siegreichen Führung der Revolution ungenutzt ließe. Zwar griff Trotzki die Politik der POUM an, erkannte zugleich aber die Bedeutung der Partei und versuchte sie bei  jeder Gelegenheit zu beeinflussen.

Ein Vertreter der Bewegung für die IV. Internationale besuchte die POUM im April 1937 in der Hoffnung, einen Wandel der Parteilinie zur Volksfront anstoßen zu können. Auf Druck von Trotzki-Anhängern, die der POUM mit der Absicht, sie voranzubringen, beigetreten waren, stimmte der Madrider Parteibezirk im April 1937 für ein Programm zum Aufbau von Arbeiterräten. Nin reagierte darauf schändlich – mit bürokratischem Parteiausschluss und Fraktionsverbot.

Aus diesem Oppositionskreis entstand eine revolutionäre Organisation: die Bolschewisten-Leninisten (BL) von Spanien. Aber ihnen blieb kaum Zeit, das Programm von Lenin und Trotzki umzusetzen, zumal die Ereignisse auf einen dramatischen Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen Arbeiterklasse und Volksfrontregierung zutrieben.

In Barcelona besetzten und verwalteten die anarchistische Gewerkschaft CNT, die POUM und viele Anhänger der Sozialisten viele Schlüsselbereiche, darunter die Telefonzentrale. Im Mai 1937 versuchte die Volksfrontregierung auf Drängen der KP, die Kontrolle der ArbeiterInnen darüber wieder zu entwinden. Die ArbeiterInnen errichteten Barrikaden und schlugen die Polizei zurück. Gleichzeitig schickten sie einen Hilferuf an die spanische Arbeiterschaft. Kurzfristig bestand sogar die Chance zu einem Generalstreik und einem Aufstand gegen die stalinistisch-bürgerliche Koalition.

Aber das Fehlen einer bolschewistischen Führung in der Arbeiterklasse machte sich bemerkbar. Die Sozialisten wiesen ihre Gewerkschaftsmitglieder an, vom Kampf abzulassen und die Barrikaden abzubauen. Die CNT-Führer folgten ihrem Beispiel. Die anarchistischen ArbeiterInnen waren empört und zerrissen angewidert ihre CNT-Mitgliedsausweise und Zeitungen. Auch die POUM-Führer hielten an der Volksfront fest und machten keine Anstalten, die CNT-Führung für ihr Verhalten zu kritisieren und sie zu einer gemeinsamen Front gegen die Regierung aufzurufen. Schließlich verließ auf Anraten der Parteispitze auch die POUM mitten im Gefecht die Barrikaden.

Die einzige Organisation, die für eine revolutionäre Antwort auf die Angriffe der Regierung auf die Arbeiter Barcelonas eintrat, waren die Bolschewisten-Leninisten. Sie wiesen darauf hin, dass in Lerida, Taragona und Gerona die Stalinisten und die Polizei ihre Waffen an die Arbeiter ausliefern mussten und mit dem Rückhalt unter den Massen Barcelona hätte erobert und eine Sowjetregierung installiert werden können. Ein Flugblatt der BL kursierte auf den Barrikaden: „Lang lebe die revolutionäre Offensive! Kein Kompromiss! Entwaffnung der republikanischen Nationalgarde und der reaktionären Überfallkommandos! Jetzt ist der entscheidende Augenblick gekommen. Nächstes Mal ist es zu spät. Generalstreik in allen Industrien außer denen, die mit der Fortsetzung des Krieges zu tun haben, bis zum Rücktritt der reaktionären Regierung. Nur die proletarische Macht kann den militärischen Sieg sichern”.

Obgleich auch eine kleine Gruppe von Anarchisten, die „Freunde Duruttis“, mit dieser Perspektive übereinstimmten, waren die revolutionären Kräfte zu gering und isoliert, um das Blatt zu wenden. Im entscheidenden Augenblick hatten die Führungen aller großen spanischen Arbeiterorganisationen einschließlich der POUM versagt. Die revolutionäre Gelegenheit war vertan.

Der Preis war die Niederschlagung der Linken. Die stalinistische Polizei, ausgebildet und unter Anleitung der sowjetischen Geheimpolizei, jagte, folterte und ermordete Hunderte von revolutionären Kämpfern. CNT und POUM wurden verboten. Nin wurde verhaftet und in einem stalinistischen Gefängnis eingekerkert. Trotz gnadenloser Folter unterschrieb er kein Zwangsgeständnis, das Hunderte andere in Zelle und frühes Grab geführt hätte. Er starb als Held.

Aber Nin hätte kein so vorzeitiges Ende finden müssen. Mit einer richtigen Strategie hätte er die POUM und die spanische Arbeiterklasse an die Macht führen können. Programm und Perspektiven von Trotzki und seiner Anhängerschaft hatten sich als nicht als „sektiererisch“ erwiesen, sondern vielmehr als Quintessenz der Lehren aus der russischen Revolution. Trotzki hatte recht behalten mit seinem Beharren, den Aufbau der IV. Internationale nur auf Grundlage einer wirklichen Übereinstimmung im Programm durchzuführen.

Einmal mehr – nach China und Deutschland – hatten die Trotzkisten bewiesen, dass sie Recht hatten, aber um den Preis einer schrecklichen Niederlage für die Arbeiterklasse. Es fehlten die drei Dinge, die den Erfolg in Russland gewährleistet hatten: eine Partei, eine Partei und abermals eine Partei.

Die Gründung der IV. Internationale

In den 10 Jahren von 1928-38 verteidigten Trotzki und seine GenossInnen allein die revolutionären Ideen von Marx und Lenin und entwickelten sie weiter. Trotzki wurde durch eine ganze Reihe von Rückschlägen und blutigen Niederlagen der Arbeiterklasse bestätigt. Die Chinesische Revolution 1925-27 hatte bewiesen, dass Kämpfe für Demokratie in den Kolonialländern ohne die Strategie der Permanenten Revolution in die Niederlage führen. 1933 wurde die Notwendigkeit der Arbeitereinheitsfronttaktik durch den Aufstieg Hitlers an die Macht bewiesen.

Die Ereignisse in Frankreich und Spanien hatten zweifelsfrei die konterrevolutionären Folgen der Theorie der Volksfront vor Augen geführt. Während der gesamten Periode hatte Stalins Theorie vom Sozialismus in einem Land nicht nur Revolutionäre auf der ganzen Welt entwaffnet, sondern auch die UdSSR isoliert und einer bürokratischen Kaste zum Aufstieg verholfen, die jedwede Arbeiterinitiative erstickte. Stalins Säuberungen köpften die Blüte der alten Bolschewistischen Partei und der Russischen Revolution.

Außerdem hatte sich in jeder dieser aufeinander folgenden Krisen die durch und durch reaktionäre Rolle der Sozialdemokratie und des Stalinismus enthüllt. Der Bankrott der II. und III. Internationale war eine unumstößliche Tatsache. Die Zeit war reif für die Gründung einer Vierten Internationale.

Zunächst hatte Trotzki versucht, viele unabhängige linkssozialistische Organisationen für den Aufbau einer neuen Internationale zu sammeln, in der Hoffnung, dass die Erfahrung und der Klassenkampf sie zu revolutionär-kommunistischen Schlüssen führen würden.

Aber die spanischen Ereignisse zeigten nun, dass die Parteien des Londoner Büros und v.a. die POUM und ihre Gefolgschaft, diese Wandlung niemals vollziehen würden.

Die US-Sektion der IKL war durch die Organisation von Massenstreiks in Minneapolis und New York in diesen Jahren zu einer bedeutsamen und einflussreichen Arbeiterformation herangewachsen. Ihr führendes Mitglied James P. Cannon trug in Gesprächen mit Trotzki die Auffassung vor, dass die bevorstehende Weltkonferenz der Bolschewisten-Leninisten 1938 die IV. Internationale gründen sollte. Seiner Ansicht nach hatten sich die Hauptbestandteile der Vierten Internationale nunmehr herauskristallisiert.

Trotzki stimmte dem zu:

„Diese Internationale wird erstarken aufgrund unserer eigenen Tätigkeiten, nicht aufgrund von Manövern mit anderen Gruppen. Natürlich können wir andere Zwischengruppierungen anziehen, aber nur beiläufig. Die allgemeine Linie ist unsere eigene Entwicklung. In Spanien wurden alle diese Zwischenorganisationen auf die Probe gestellt – die POUM war der wichtigste Bestandteil des Londoner Büros, und eben diese POUM erwies sich als am fatalsten für die spanische Revolution.” (Trotzki, Vorbereitung der Gründungskonferenz, in: Trotzki, Das Übergangsprogramm, S. 7)

Diese Zwischengruppen waren laut Trotzki „nichts weiter als ein Hindernis – ein versteinerter Zentrismus ohne Massenanhang.”  (Ebenda, S. 8) Ein anderer wichtiger Grund für die Inangriffnahme der Gründung der IV. Internationale bestand in der heraufziehenden Krise und Kriegsgefahr. Die RevolutionärInnen mussten durch die feste Disziplin zusammengehalten werden, um der ganzen Welt ihre Botschaft mitteilen zu können.

Einige Kritiker haben Trotzki vorgehalten, dass die Gründung der Vierten ein Fehler gewesen sei. Unter Hinweis auf die II. und III. Internationale, die als Massenorganisationen gegründet worden waren, meinen sie, dass die schwachen Kräfte des Trotzkismus nicht ausgereicht hätten, um eine wirkliche Weltpartei errichten zu können. Stattdessen hätten zuerst starke nationale Parteien aufgebaut werden müssen und erst danach könne eine Internationale gegründet werden.

Dieses Argument lässt einige der wichtigsten Lehren der 30er Jahre außer Betracht. Eine Partei, die ausschließlich auf nationalem Boden gedeiht, wird sich immer dem Druck und den weit verbreiteten Vorurteilen im jeweiligen Land anpassen. Die POUM glaubte z.B., dass dank besonderer Bedingungen in Spanien ein Kampf für Arbeiterräte nicht nötig sei.

Die bestmögliche Art, diese Schwierigkeiten zu vermeiden, liegt für jede Partei darin, ihre Arbeit nicht in nationaler Isolation zu vollführen, sondern als integraler Bestandteil einer demokratisch-zentralistischen internationalen Bewegung, wo jede nationale Sektion derselben Disziplin wie eine Ortsgruppe innerhalb einer nationalen Organisation unterliegt. Die Kapitalisten sind über Trennungslinien und Grenzen hinweg organisiert.

Ohne einen Gegenpol, sogar auf höherer Stufe der Einheitlichkeit, wird die Arbeiterklasse nie in der Lage sein, den Kapitalismus zu stürzen. Der demokratische Zentralismus mit voller Freiheit der Diskussion nach innen bei gleichzeitiger Geschlossenheit im Handeln nach außen muss nicht nur in jeder einzelnen Partei, sondern auch in der Weltpartei gelten.

Das war eine weitere wesentliche Lehre, die Trotzki aus dem nationalistischen Zusammenbruch der Zweiten Internationale, der bürokratischen Degeneration der Komintern und der völligen Wirkungslosigkeit des Londoner Büros zog.

Und so nahmen im September 1938 30 Delegierte aus 11 Ländern ein neues internationales Programm an und gründeten auch formal die Vierte Internationale.

Zugleich errichteten Delegierte aus 9 verschiedenen Staaten eine sympathisierende Jugendinternationale. Auf einer feierlichen Massenkundgebung am 28. Oktober in New York wurde dem Publikum die folgende Botschaft Trotzkis durch Fernschreiber übermittelt:

„Nur die Vierte Internationale sieht mit Zuversicht in die Zukunft. Sie ist die Weltpartei der sozialistischen Revolution! Nie zuvor gab es auf der Erde eine größere Aufgabe. Auf jedem von uns ruht eine ungeheure historische Verantwortung.

Unsere Partei fordert jeden von uns total und vollständig. Laßt die Philister ihre eigene Individualität in einem leeren Raum jagen. Sich vollständig der Partei zu geben, bedeutet für einen Revolutionär, sich selbst zu finden.

Ja, unsere Partei ergreift jeden von uns ganz. Aber umgekehrt gibt sie jedem von uns größte Glück: das Bewußtsein, daß wir am Aufbau einer besseren Zukunft beteiligt sind, daß wir einen Teil des menschlichen Schicksals auf unseren Schultern tragen und daß unser Leben nicht umsonst gelebt sein wird.” (Trotzki, Über die Gründung der Vierten Internationale, in: Trotzki, der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der Vierten Internationale, Verlag Ergebnisse und Perspektiven, Essen, S. 110)

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