Die Permanente Revolution

Richard Brenner, November 2013

Die Theorie der Permanenten Revolution ist einer der Hauptbeiträge Trotzkis zum Marxismus. Wie viele bedeutende Theorien wird sie allerdings oft völlig missverstanden oder verfälscht.

Rechte Kräfte sagen manchmal, sie sei der Aufruf zu einer niemals endenden Reihe von Revolutionen. Das hieße, Trotzkisten wären verantwortungslose Geisteskranke, welche die Gesellschaft in einem aufrührerischen Dauerzustand ohne Ruhepause halten wollten.

Frühere Kritiken verfolgten einen anderen Kurs. Stalin und seine Anhänger traten gegen die “menschewistische Theorie der Permanenten Revolution” auf und meinten, es wäre eine “Beleidigung für den Marxismus, sie eine marxistische Theorie nennen zu wollen”.

Was hat es also mit der Permanenten Revolution auf sich, warum wurde sie für Anhänger wie Gegner zu einer gleichermaßen wichtigen Frage?

Die Theorie der Permanenten Revolution befasst sich mit zwei Hauptfragen: zunächst mit der Rolle der Arbeiterklasse bei Revolutionen in „rückständigen“ Ländern, als zweites mit dem internationalen Charakter der sozialistischen Revolution.

Die bürgerliche Revolution

In den 1880er und 90er Jahren fragten sich Plechanow und seine kleine Gruppe russischer MarxistInnen, welche Art Revolution auf Russland zukomme. Ihre Antwort lautete: eine bürgerliche. Diese Anschauung wurde von allen russischen SozialdemokratInnen geteilt, von den Bolschewiki über die Menschewiki bis hin zu Trotzki selbst.

Eine bürgerliche Revolution? Für SozialistInnen in industriell entwickelten kapitalistischen Ländern klingt der bloße Gedanke wie ein begrifflicher Widerspruch. Heute ist die Bourgeoisie die herrschende Klasse. Eine Revolution wäre das Letzte, was sie wollte. Die Minderheit aus Bankiers und Industriellen besitzt den gesellschaftlichen Reichtum und kontrolliert den Staat, nutzt die ungewählte Macht von Gerichten, Armee, Polizei und Zivilverwaltung, um ihr Eigentum und ihre Privilegien zu schützen.

Auf der ganzen Welt greifen sie zu drastischen Maßnahmen – Bürgerkrieg, Diktatur und Faschismus eingeschlossen -, um Revolutionen zu verhindern.

Aber das war nicht immer so. Als es seine eigene Macht erst errichten musste, blieb dem Bürgertum keine andere Wahl als eine Revolution durchzuführen.

Die Französische Revolution 1789 kann als klassisches Beispiel gelten. Sie fegte die alte landbesitzende Klasse und die Monarchie hinweg und bahnte den Weg für die Entwicklung des modernen Kapitalismus. Die Bourgeoisie ermunterte die Volksmassen, Bauern und arme Stadtbewohner, sich zu erheben und für „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ zu kämpfen.

Aber als König und Adel gestürzt waren, wurden die Armen von den bürgerlichen Revolutionären im Stich gelassen und blieben ohne reale Macht und wahrnehmbare Rechte. Die Kapitalisten hatte ihre Revolution gemacht, nun sollte die verarmte Bevölkerung sich wieder beruhigen und an die Arbeit gehen – für die Kapitalisten.

Zur Jahrhundertwende war Russland noch so rückständig, dass es noch nicht einmal eine bürgerliche Revolution erlebt hatte. Es gab kein Parlament und keine Meinungsfreiheit; selbst die Kapitalisten verfügten über kein Stimmrecht. Das Land gehörte dem Adel. Die vielen Nationen unter russischer Herrschaft besaßen kein Recht, um über ihre Zukunft zu bestimmen. Der Zarismus war die konservativste Kraft in Europa, förderte die Konterrevolution und stellte sich gegen die Demokratie, wo er nur konnte.

MarxistInnen waren sich einig, dass die kommende Revolution bürgerlich sein würde. Darunter verstanden sie, dass der Aufstieg des Kapitalismus in Russland die Grundlagen des Zarismus unterhöhlen und ihn zum Einsturz bringen würde. Das Hauptziel der Revolution würde die Ausräumung der Hindernisse für die kapitalistische Entwicklung sein: Zarismus, fehlende Demokratie und das altmodische Feudalsystem in der Landwirtschaft. Sie glaubten, dass eine solche Revolution als Mittel für die Schaffung einer Grundlage – der modernen bürgerlichen Demokratie – für eine spätere sozialistische Revolution gegen den Kapitalismus notwendig sei.

Lenin gegen die Menschewiki

Die Spaltung der SDAPR 1903 lenkte die Aufmerksamkeit auf eine Frage, welche die unterschiedlichen Fraktionen entzweite. Die kommende Revolution sei bürgerlich, aber welche Kraft, welche Klasse sollte sie  anführen?

Die Menschewiki gaben eine einfache Antwort. Die Revolution war bürgerlich, demzufolge würde sie vom Bürgertum geführt werden. Die SDAPR sollte dementsprechend ein Bündnis mit den Parteien der liberalsten Teile der Kapitalistenklasse darstellten, denn diese würden ja die Revolution anführen. Wenn die Bourgeoisie einmal den Zaren gestürzt hätte, wäre der Weg frei für eine friedvolle Ausbreitung des Kapitalismus in Russland. Die Arbeiterklasse würde mit fortschreitendem Kapitalismus allmählich wachsen und erstarken. Schließlich würden die ArbeiterInnen den Kapitalismus stürzen und den Sozialismus aufbauen. Aber das war Zukunftsmusik.

Lenin hatte eine andere Sichtweise. Er war sich bewusst, dass die Bourgeoisie in den zurückliegenden Jahrzehnten eine weit weniger heldenhafte Rolle als in ihrer revolutionären Vergangenheit gespielt hatte. Während der Revolution in Deutschland 1848 hatten die Kapitalisten z.B. nicht die Monarchie ausgehebelt, sondern einen Kompromiss mit dem Adel und dem König ausgehandelt, der diesen die Möglichkeit beließ, die revolutionären ArbeiterInnen und Bauern niederzuhalten.

Seit 1789 hatte sich viel verändert. Den Kapitalisten stand nun eine industrielle Arbeiterklasse gegenüber, um die sie sich „sorgen“ mussten. Die Gefahr einer Revolution von unten schreckte sie weit mehr als das Überleben der Monarchie und der Landbesitzer.

Lenin fasste diese Differenz zwischen Bolschewiki und Menschewiki folgendermaßen zusammen: ”Unsere Revolution ist eine bürgerliche, deshalb müssen die Arbeiter die Bourgeoisie unterstützen – das sagen die nichtsnutzigen Politiker aus den Reihen der Liquidatoren. Unsere Revolution ist eine bürgerliche, sagen auch wir Marxisten. Deswegen müssen die Arbeiter dem Volk die Augen über den Betrug der bürgerlichen Politiker öffnen, es lehren, diesen nicht zu glauben und stattdessen der eigenen Kraft, Solidarität und den eigenen Waffen zu vertrauen.” (Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution)

Die Bourgeoisie war nicht vertrauenswürdig und feige. Sie wollte nicht einmal ihre eigene Revolution durchführen. Die ArbeiterInnen könnten sich daher nur auf sich selbst verlassen und ihre eigenen Organisationen aufbauen. Da sie noch eine Minderheit der Bevölkerung in Russland darstellten, würden sie Bundesgenossen brauchen. Die würden sie unter den Millionen armer land- und freiheitsdurstiger Bauern finden.

Das Proletariat sollte die Bauernschaft in den Kampf für Demokratie führen. Nur so, argumentierte Lenin, könnte der Zarismus gestürzt und eine demokratische Republik aufgebaut werden. Die neue Regierung wäre keine normale bürgerliche, sondern eine “demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft” (Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, Werke Bd. 9, Berlin/O., 1957, S. 44).

Ungleichmäßige und kombinierte Entwicklung

Trotzki teilte Lenins feindselige Haltung gegen die Liberalen und betonte auch die Rolle der Arbeiterklasse in der Revolution. Aber er ging noch einen Schritt weiter. Der Vorbote von Trotzkis Theorie erschien 1905. Er schrieb ein Pamphlet über den Blutsonntag und den Anfang der Revolution. Der machtvolle Generalstreik zeigte, dass die Arbeiterklasse die revolutionärste Kraft in Russland war. Aber in der Einführung zu Trotzkis Schrift erschien ein neuer Gedanke:  ”Jetzt kann niemand mehr leugnen, dass der Generalstreik das wichtigste Kampfmittel ist (…) Man muss nur hinzufügen, dass die Revolution in Russland eine demokratische Arbeiterregierung an die Macht bringen könnte.”

Diese Zeilen wurden von Parvus verfasst, der gemeinsam mit Trotzki 1905/06 die Grundlagen der späteren Theorie der Permanenten Revolution erarbeitete. Die bürgerliche Revolution in Russland würde unter anderen Umständen als die „klassischen“ bürgerlichen Revolutionen wie in Frankreich stattfinden.

Der Schlüssel zum Verständnis lag in der Theorie der ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung. Ihr liegt eine einfache Idee zugrunde. Die eingeborenen Amerikaner z.B., die in Berührung mit den weißen Kolonialsiedlern kamen, tauschten ihre Bogen und Pfeile gegen Gewehre ein, ohne das Schießpulver selbst erfinden zu müssen. Auf diese Art können moderne Technologien neben vielen Strukturen einer wirtschaftlich weniger entwickelten Gesellschaft existieren.

So war es auch in Russland. Der russische Kapitalismus hatte sich schneller entfaltet als die russische Kapitalistenklasse. Die großen Zentren der modernen Industrie waren aus Anleihen und Investitionen der westeuropäischen Bourgeoisien bezahlt.

Dieser Prozess verlief ebenfalls äußerst ungleichmäßig. Die neue Arbeiterklasse war in großen Fabriken und Unternehmen konzentriert, aber die russische Bourgeoisie war auffällig schwach und hatte nur sehr lose Verbindungen mit dem Rest der Gesellschaft. Die Monarchie und der Staat nahmen sich soviel vom Reichtum, dass sie die Kapitalistenklasse am Größen- oder Machtzuwachs hinderten. Von dieser durfte man keine Führung der Revolution erwarten.

Die Idee der kombinierten und ungleichzeitigen Entwicklung erklärte, wie Russland eine bürgerliche Revolution ohne revolutionäre Bourgeoisie bevorstehen konnte.

Die Ereignisse von 1905 hatten die Macht der Arbeiterklasse demonstriert. Der Generalstreik, die Sowjets und der bewaffnete Aufstand bewiesen, dass das Proletariat die führende Rolle in der Revolution spielen würde. Aber was würde nach dem Sturz des Zaren geschehen? Ein österreichischer Sozialistenführer hatte Trotzki geraten, sich darüber keine Sorgen zu machen, denn die Russen müssten sich um die Gegenwart genug sorgen. Aber Trotzkis Stärke als revolutionärer Denker lag im Blick sowohl für die großen Zukunftsfragen wie für die Gegenwartsaufgaben.

Die Permanente Revolution

Die ArbeiterInnen mussten eine Regierung bilden. Die ersten Schritte dieser revolutionären Regierung wären die Vollendung der bürgerlichen Revolution, die Abschaffung der Monarchie, die Gewährung von Freiheit für unterdrückte Nationalitäten und die offizielle Anerkennung des Rechts auf Land für die Bauern. Aber sollten die ArbeiterInnen dann die Erhaltung des Kapitalismus gewährleisten? Trotzki verneinte dies. Die Arbeiterregierung musste einen Schritt weiter gehen und besondere sozialistische Maßnahmen ergreifen.

In seinem Pamphlet „Ergebnisse und Perspektiven“ (1906) gab Trotzki ein erklärendes Beispiel. Die SdAPR mobilisierte für einen Arbeitstag von höchstens 8 Stunden, eine im Kapitalismus prinzipiell erfüllbare Forderung. MarxistInnen nennen das eine demokratische Reform. Was aber würde geschehen, wenn sich einige Unternehmer weigerten, sie durchzuführen – eine sehr wahrscheinliche Folge?

Wenn die ArbeiterInnen in den Streik für den Achtstundentag träten, müsste eine Arbeiterregierung sie unterstützen. Wenn die BetriebseignerInnen ihre Haltung dann immer noch zu ändern scheuten, müsste die Arbeiterregierung ihren Besitz übernehmen und im Interesse der Arbeiterschaft weiterführen.

Die Regierung müsste die „Enteignung der geschlossenen Fabriken und  Betriebe und die Organisierung ihrer Produktion auf der Grundlage gesellschaftlicher Rechnungsführung“ vornehmen (Trotzki, Ergebnisse und Perspektiven, in: ders.,Ergebnisse und Perspektiven – Die permanente Revolution, Ffm., 1971, S. 82).

Die Alternative dazu wäre die Beschränkung der Revolution auf rein kapitalistische Maßnahmen, das hieße, sich auf die Seite der Unternehmer zu schlagen. Die Arbeiterregierung müsste dann die ArbeiterInnen angreifen. Das würde, so Trotzki, “die Sozialdemokratie von Anfang an kompromittieren” (ebda., S. 83).

Lenins Idee von der „demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauern“ war zu vage. Sie hob zwar korrekt hervor, dass die ArbeiterInnen das Volk zum Sturz des Zarismus führen sollten, aber sie erklärte nicht genau, welche Aufgaben nach der Machtergreifung bevorstanden. Trotzkis Position war klarer umrissen: ”Die demokratische Revolution wächst unmittelbar in die sozialistische hinein und wird dadurch allein schon zur permanenten Revolution.” (ders., Die permanente Revolution, a.a.O., S. 160)

Die Ereignisse von 1905 bekräftigten seine Auffassung: “Nicht die oppositionelle Bewegung der liberalen Bourgeoisie, nicht der elementare Aufstand der Bauern, nicht terroristische Akte der Intellektuellen, sondern der Arbeiterstreik hatte den Zarismus zum erstenmal auf die Knie gzwungen. Die revolutionäre Hegemonie des Proletariats war zur unbestreitbaren Tatsache geworden. Ich erkannte, die Theorie der permanenten Revolution hatte die erste große Prüfung bestanden.” (ders., Mein Leben, Berlin/O., 1990, S. 165)

Lenin übernahm Trotzkis Theorie jedoch nicht, die ein Schlag gegen alles, was russische MarxistInnen jahrzehntelang vertreten hatten, zu sein schien. Er tat die Permanente Revolution als „absurd links“ ab. Aber er pochte auf die Führungsrolle der ArbeiterInnen und den Kampf gegen die liberalen Feiglinge in der Revolution und anerkannte, dass die ArbeiterInnen die Führung in der revolutionären Regierung anstreben sollten. Er argumentierte: “Man kann nicht kämpfen, ohne damit zu rechnen, die Position, um die man kämpft, einzunehmen… ” (Lenin, zitiert nach: Trotzki, Die permanente Revolution, a.a.O., S. 89)

1917 handelte Lenin getreu diesen Worten. Als die Menschewiki eine Koalitionsregierung mit kapitalistischen Ministern eingingen, trat er dagegen und für die völlige Machtübergabe an die Arbeiter- und Soldatenräte ein. Die bürgerliche provisorische Regierung weigerte sich, selbst die bürgerliche Revolution durchzuführen. Es oblag schließlich der neuen Sowjetregierung, den Bauern Land zu geben und demokratische Rechte in der Praxis durchzusetzen. Doch – wie von Trotzki vorhergesagt – blieb die Arbeiterregierung nicht dabei stehen. Angesichts der Sabotage seitens der Privateigentümer übernahm sie nach und nach die Industrie und stellte sie unter Arbeiterkontrolle.

Anfang 1917 wollten einige Führer der bolschewistischen Partei, darunter Stalin, Lenins alte Losung zwecks Unterstützung der Partei für die provisorische Regierung heranziehen. Lenin entgegnete: “Wer jetzt lediglich von ‚revolutionär-demokratischer Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft‘ spricht, der ist hinter dem Leben zurückgeblieben, der ist damit faktisch zum Kleinbürgertum übergegangen, der ist gegen den proletarischen Klassenkampf, der gehört in ein Archiv für ‚bolschewistische‘ vorrevolutionäre Antiquitäten…” (Lenin, Briefe über die Taktik, Werke Bd. 24, Berlin/O., 1972, S. 27)

Obwohl Lenin in seinen Schriften nie ausdrückliche Zustimmung zur These der Permanenten Revolution äußerte, bewies seine Praxis 1917, dass er ihre Schlussfolgerungen teilte. Sofort nach der Machtübernahme im Oktober erklärte er vor dem Sowjetkongress, dass die bolschewistische Regierung ”nun zum Aufbau der sozialistischen Ordnung voranschreiten” würde. Adolf Joffe, 1917 ein bolschewistischer Führer, erwähnte kurz vor seinem Lebensende, dass Lenin ihm 1919 gesagt hätte, Trotzki habe in der Frage der Permanenten Revolution recht behalten.

Russland und die Weltrevolution

Die russische Revolution rief nicht nur bei den Kapitalisten, sondern auch bei den reformistischen Feinden der Revolution in den sozialdemokratischen Parteien Wutausbrüche hervor. Plechanow verkündete, dass “gegen die Bolschewisten jedes Mittel recht sei”.

In ihren Einwänden gegen die bolschewistische Revolution gebrauchten die Menschewisten und andere Sozialdemokraten die Sprache des Marxismus, aber sie verliehen ihr einen besonderen rechten Drall.

Der Marxismus lehrt, dass der Sozialismus nur auf der Grundlage der modernsten und fortgeschrittensten Entwicklungen aufgebaut werden kann. Wenn der gesellschaftliche Reichtum gleich verteilt werden soll, muss auch genug vorhanden sein. Der Kapitalismus würde die Bedingungen schaffen für den Fortschritt zum Sozialismus mit Hilfe einer modernen industriellen Ökonomie, der neuesten Technologie und einer großen Arbeiterklasse.

Russland besaß wenig davon. Die Menschewiki zogen daraus den Schluss, dass die Bolschewiki mit der Machtergreifung einen Fehler begangen hätten. Die ArbeiterInnen hätten warten sollen, bis der Kapitalismus Russland weiterentwickelt hätte. Sie dachten, dass die sozialistische Revolution zuerst in den „zivilisiertesten“ Ländern Westeuropas und nicht in einem stark agrarisch Land wie Russland ausbrechen müsste.

Trotzki glaubte nie, dass Russland den Sozialismus allein aufbauen könne. Er nahm an, dass der Sozialismus auf den Errungenschaften der fortgeschrittensten kapitalistischen Volkswirtschaften fußen müsse, wies aber scharf die antirevolutionären Schlussfolgerungen der Menschewiki zurück. Trotz Russlands Rückständigkeit war es die russische Arbeiterklasse, die als erste die Chance zur Machtergreifung hatte und sie auch wahrnahm. Die Aufgabe bestand nun darin, die Revolution auf andere Länder auszudehnen.

Der Sturz der mächtigen Kapitalisten in Deutschland, Frankreich und Britannien würde die ärgste Bedrohung für das Überleben der russischen Arbeiterrepublik beseitigen. Eine Föderation von Arbeiterstaaten würde Russlands Isolation und Rückständigkeit überwinden helfen.

Dies war das zweite wesentliche Element der Permanenten Revolution. Die Revolution in einem rückständigen Land wie Russland war nur der erste Schlag der sozialistischen Weltrevolution. Ohne sie konnte die Revolution in Russland nicht lange überleben. Trotzki dazu: “Die Machtergreifung durch das Proletariat schließt die Revolution nicht ab, sondern eröffnet sie nur…Die sozialistische Revolution beginnt auf nationalem Boden, entwickelt sich international und wird vollendet in der Weltarena. Folglich wird die sozialistische Revolution in einem neuen, breiteren Sinne des Wortes zu einer permanenten Revolution: sie findet ihren Abschluß nicht vor dem endgültigen Siege der neuen Gesellschaft auf unserem Planeten.“ (Trotzki, Die permanente Revolution, a.a.O., S. 160 f.)

Die Menschewiki meinten: Weil der Sozialismus nicht in Russland allein aufgebaut werden könne, hätten die russischen ArbeiterInnen die Macht nicht an sich reißen und sozialistische Maßnahmen durchführen dürfen. Im Gegensatz dazu sagten Trotzki und Lenin: Da der Sozialismus nicht in Russland allein aufgebaut werden kann, sollten die russischen ArbeiterInnen die Macht übernehmen und danach streben, die sozialistische Revolution auf dem ganzen Erdball zu ermutigen und auszubreiten.

Trotzkis Theorie hatte die Ereignisse von 1917 vorausgeahnt. Arbeiterinnen und Arbeiter hatten sich als die Führer in der bürgerlichen Revolution erwiesen. Die Revolution war auch nicht in ihrer kapitalistischen Etappe steckengeblieben, dem Februar folgte der Oktober, und der Kampf um Frieden, Land und Demokratie führte unmittelbar zum Kampf für den Sozialismus.

Lenins Vorgehen und die Politik der Bolschewiki bestätigten Trotzki. Die bolschewistischen Führer hatten die Bedeutung der Sowjets als Grundlage für eine Arbeiterregierung erkannt, sie änderten die Parteipolitik und führten sie zur Macht in einer zweiten, sozialistischen Revolution.

Die Geschichte selbst hatte den Wert und die Gültigkeit von Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution nachgewiesen.

 

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