Der Bürgerkrieg

Richard Brenner, Oktober 2013

Heute, nachdem der Stalinismus zusammengebrochen ist und die Verbrechen der Kreml-Bürokratie bekannt sind, setzen die Kapitalisten und ihre Propagandisten alles daran, die Wahrheit über Trotzki und die frühen Jahre der Sowjetrepublik zu verschleiern. Sie wollen den ArbeiterInnen und der Jugend glauben machen, dass nicht nur der Stalinismus, sondern auch der Kommunismus und die Revolution besiegt seien.

Bürgerliche Autoren, Akademiker und Journalisten behaupten, Lenin und Trotzki hätten Stalins Herrschaft den Weg geebnet, und die Anfangsjahre der Sowjetrepublik hätten bereits alle Keime des Stalinismus in sich getragen. Hat Trotzki nicht den roten Terror verteidigt? Haben die Bolschewiki nicht Russlands „erstes, demokratisch gewähltes Parlament”, die verfassunggebende Versammlung, aufgelöst? Haben sie nicht alle anderen Parteien verboten, so dass sie als einzige politische Macht in Russland übrig blieben? Was unterscheidet dies wirklich vom Einparteien-Staat unter Stalin und dessen Nachfolgern?

Die Antwort ergibt sich aus dem Verhalten der russischen Kapitalisten und Landbesitzer nach ihrem Sturz. Sie weigerten sich ganz einfach, die Entscheidung der Mehrheit zu akzeptieren. Stattdessen zettelten sie einen verzweifelten und gewaltsamen Kampf um die Rückgabe ihres Eigentums und ihrer Macht an. Der Arbeiterstaat musste auf jeden Fall dagegen vorgehen.

Das hatten Marx und Engels gemeint, als sie erklärten, dass es zwischen Kapitalismus und Kommunismus eine Übergangsperiode geben würde: die revolutionäre Diktatur des Proletariats. Diese Diktatur würde sich gegen die alten herrschenden Klassen richten, um Sicherheit zu geben, damit die neue Welt der Freiheit und Gleichheit nicht zerstört werden kann, ehe sie Gelegenheit hat, sich zu entwickeln.

Liberale und Pazifisten reagieren mit Schrecken auf die Tatsache, dass die Bolschewiki Gewalt und Terror gegen die alten herrschenden Klassen eingesetzt haben. “Das macht die Bolschewisten genauso schlimm wie den Zaren!”, zetern sie. MarxistInnen antworten darauf: „Kämpfen an sich macht uns nicht so wie die Feinde. Entscheidend ist, wofür man kämpft.” Wenn ein Sklavenhalter Gewalt gegen eine Person in Ketten gebraucht, und wenn der Sklave später Gewalt einsetzt, um seine Ketten zu zerbrechen und frei zu sein, kann nur der schlimmste Heuchler beide für gleichermaßen böse erklären.

So verhält es sich auch mit dem Kampf zwischen Klassen. Eingekeilt zwischen den beiden Hauptklassen der Gesellschaft mag mancher Angehörige der Mittelschichten wohl erschrocken sein über die Gewalt beider Seiten. Aber die russische Arbeiterklasse machte ihre Revolution, um die Ketten der ökonomischen und politischen Sklaverei der gesamten Menschheit zu zerbrechen. Als die Überbleibsel der alten herrschenden Klassen versuchten, die Revolution zu sabotieren und zurückzudrehen, war den ArbeiterInnen bewusst, dass sie einen erbarmungslosen Kampf für sich und ihre Kinder führen mussten – und das taten sie auch.

Den Feind im eigenen Land schlagen

Der “Rote Terror” ist nichts anderes als der Kampf zur Niederringung der Konterrevolution. Er begann spontan auf Initiative von revolutionären Soldaten, Seeleuten und ArbeiterInnen. In Heer und Flotte behandelten die zaristischen Offiziere die unter ihrem Befehl stehenden jungen Arbeiter und Bauern auf brutalste Weise. Sie stammten aus den Reihen des Adels und der Reichen und zeigten unverhohlen ihren Hass auf die Revolution.

Als die Bolschewiki die Todesstrafe in der Armee abschafften, die die zaristischen Offiziere schonungslos gegen desertierende oder mit ihren deutschen Klassengenossen sich verbrüdernde Soldaten verhängt hatten, forderten diese Offiziere lauthals deren Wiedereinführung. Wo es Offizieren gelang, die bewaffnete Kontrolle von den Soldatenräten zurückzuerobern, verübten sie ein Blutbad an ihrer eigenen Truppe.

Ohne Befehle von der eigenen Regierung abzuwarten, schlugen die Soldaten zurück. Im Don-Gebiet wurden binnen zwei Monaten Anfang 1918 329 Offiziere von ihren eigenen Truppen hingerichtet. Im Hafen von Sewastopol nahmen die Seeleute Rache für die unmenschliche Unterdrückung nach Niederschlagung ihrer Meuterei in der Revolution von 1905. Die Offiziere wurden verhört und wenn sich herausstellte, dass sie während dieser Zeit gedient hatten, wurden sie erschossen.

Doch anfangs war das bolschewistische Regime gegen Konterrevolutionäre alles andere als streng. In den ersten Wochen der Revolution wurden viele Generäle und hochrangige Offiziere entlassen. Sie vergalten diese Milde und Vertrauensseligkeit jedoch mit großem Engagement bei der Organisierung und Führung der weißen Armeen, die Krieg gegen die Sowjetmacht führten. Aber die Bolschewiki lernten daraus und reagierten entsprechend.

Im Sommer 1918 schon offenbarte die Konterrevolution ihr wahres Gesicht. Tschechoslowakische Truppen marschierten in Russland ein, und die Kräfte der alten herrschenden Klassen bemühten sich eifrig, ihre Macht unter diesem militärischen Schutz zurückzuerlangen. Ihr Weg war eine Blutspur. Victor Serge war einer der Schriftsteller, die die Ereignisse des ersten Revolutionsjahres aufzeichneten. Er schrieb, dass in der Stadt Kasan die „Tschechoslowaken“ (ein konterrevolutionäres Korps ehemaliger zaristischer Kriegsgefangener) die zurückweichenden Roten verfolgten, während Männer mit Waffen und weißen Armbändern durch die Straßen streunten, Häuser durchkämmten und Verdächtige verhafteten. Ausgerüstet waren sie mit vorgefertigten Listen. Sie durchschnitten jedem ‚Bolschewisten‘ auf der Stelle die Kehle. Mehrere Tage lang waren die Straßen übersät mit verstümmelten und unbekleideten Leichen. Jeder verwundet aufgefundene Rote wurde getötet. Einigen der Leichen waren ihre Papiere an die Brust geheftet worden. Mit dem Titel ‚Kommissar‘ wurde kenntlich gemacht, warum einem Menschen die Augen ausgestochen waren. Ähnliche Grausamkeiten fanden in Simbirsk, Samara u.a. von den Weißen und ihren fremden Helfern „befreiten“ Orten statt.

Im Dezember hatten die Sowjets die Tscheka gebildet, die „Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution, Spekulation und Sabotage“. Ihr Ziel war die Aufdeckung von Verschwörungen und der Kampf gegen die Konterrevolution. Sie war keine gewöhnliche Geheimpolizei. Im März 1918 verfügte sie erst über 150 Mitarbeiter, im wesentlichen Arbeiter und Veteranen der revolutionären Bewegung.

Zunächst ging die Tscheka überraschend mild mit entdeckten Verschwörern und konterrevolutionären Banden, die sich bewaffnet gegen den Sowjetstaat wandten, um und inhaftierte sie eher, als dass sie zu deren Exekution schritt. Von den Tscheka-Angehörigen erwartete man Zurückhaltung; sie konnten bei unrechtlichen oder sadistischen Übergriffen selbst zum Tode verurteilt werden.

Im Sommer 1918 – im Bürgerkrieg – musste die Tscheka das Ausmaß ihrer Aktivitäten und die Strenge ihrer Maßnahmen gegen die Konterrevolution erweitern. Die Volksratskommissare drohten jedem Helfer der Weißen oder fremden Eindringlingen, jedem Saboteur, Spion oder Beteiligten an rassistischen Pogromen gegen Juden o.a. Nationalitäten mit der Todesstrafe.

Die Tscheka hatte genug zu tun, seit die Konterrevolutionäre ihren Feldzug zur Zerschlagung der Revolution eröffnet hatten. Der rechte Flügel der Sozialrevolutionäre, der sich 1917 abgespalten hatte, kehrte zu seinen terroristischen Ursprüngen zurück; doch hatten sie einst versucht, den Zaren und seine Minister zu töten, so richteten sie jetzt ihre Anschläge gegen die Führer des Arbeiterstaates. Spätere Berichte und Indizien belegen die Verstrickung von britischen und französischen Diplomaten in die Verschwörungen.

So war der bolschewistische Agitator Wolodarski hinterhältig ermordet worden. Am 30. August 1918 starb der Tscheka-Leiter von Petrograd, Moise Uritzki, durch Mörderkugeln. Am selben Tag schoss Fanny Kaplan, eine ehemals anarchistische Sozialrevolutionärin auf Lenin bei einer Fabrikversammlung – Lenin überlebte mit Schusswunden an Hals und Schulter. Der Versuch eines gleichzeitigen Attentats auf Trotzki schlug fehl, weil er seine Reisepläne in letzter Minute geändert hatte.

Im September schlugen die Sowjets zurück. Victor Serge zitiert aus einem Artikel einer Petrograder Arbeiterzeitung, der die damalige Stimmung der Massen wiedergibt: “Hinweg mit der Gefühlsduselei, die sich scheut, unschuldiges Blut zu vergießen! Welcher Bourgeois hat nicht ruiniertes Leben von Arbeiterfrauen und -kindern auf dem Gewissen? Es gibt keine Unschuldigen unter ihnen (…) Sie kennen kein Erbarmen; es ist an der Zeit für uns, erbarmungslos zu sein.” (Victor Serge, Das Jahr Eins der Revolution)

In ganz Russland setzte sich die Tscheka nun gegen den Terror der Bourgeoisie zur Wehr. Hunderte Finanziers, Fabrikbesitzer, Herzöge und Adelige, Mitglieder rechter Parteien und Armeeoffiziere wurden erschossen. Ab Oktober 1918 sanken Grad und Ausmaß des roten Terrors erheblich, aber er musste in dem Maße aufrechterhalten werden, mit dem die Kapitalisten Widerstand leisteten.

Jede Revolution, jeder Krieg in der Geschichte erforderte entschiedenstes Vorgehen. Die Kapitalisten selbst waren in den heldenhaften Jahren der Französischen Revolution gezwungen gewesen, offene Rechnungen gegen den Feudaladel mit Mitteln des Massenterrors zu begleichen.

Weshalb sollte die Arbeiterrevolution an anderen Maßstäben gemessen werden? In der Verfolgung ihres Ziels – der Befreiung der Menschheit von Lohnsklaverei und Unterdrückung – wäre es das größte Verbrechen, sich selbst zu entwaffnen, sich zu weigern, rücksichtslos gegen einen Feind anzugehen, der in seiner Rücksichtslosigkeit keine Grenzen kennt.

Trotzki zog daraus die Hauptlehre des roten Terrors: „Während der Revolution ist höchste Engerie höchste Humanität.“ (Trotzki, Terrorismus und Kommunismus, Bibliothek der Kommunistischen Internationale, Band IV, S. 59, Hamburg 1921)

Die verfassunggebende Versammlung

Eine der Hauptforderungen der Februarrevolution 1917 war die nach Wahlen zu einem unabhängigen Parlament. Nach Jahrhunderten des Zarismus hoffte das russische Volk auf das Recht zur Selbstregelung der eigenen Angelegenheiten. Im Kapitalismus verkörpert eine demokratisch gewählte Versammlung und Regierung die höchste Form der Demokratie. Als die provisorische Regierung unter Kerenski die Ansetzung von Wahlen verschob, forderten die Bolschewiki und die Sowjets ihre alsbaldige Durchführung.

In der russischen sozialistischen Republik jedoch gab es eine höhere Form der Demokratie: die Sowjets. Hier konnten die Massen Beschlüsse fassen, die unmittelbar ihr Alltagsleben betrafen. Ihre VertreterInnen waren auf der Stelle ersetzbar. Dies war die Demokratie der Arbeiterklasse und nicht nur die des Geldbeutels.

Die Bolschewiki hielten Wort und führten die Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung am 12.11.1917 durch. Die Sozialrevolutionäre spalteten sich gerade in zwei Flügel, einen linken, der der Sowjetmacht den Rücken stärkte, und in einen rechten, der sie bekämpfte. Zu den Wahlen stellten beide Fraktionen aber noch eine gemeinsame Kandidatenliste auf. Die ArbeiterInnen wählten die Bolschewisten, aber die Bevölkerungsmehrheit in Russland waren Bauern, von denen viele weder Lesen noch Schreiben konnten.

Auf den ersten Blick erzielten die Bolschewiki ein schlechtes Wahlergebnis, sie gewannen 175 Mandate, die Menschewiki nur 16, aber die Sozialrevolutionäre errangen 410 Sitze und damit eine klare Mehrheit.

Die Bolschewiki haben das Zusammentreten der Konstituante nicht einfach verboten und die Wahlen für null und nichtig erklärt, wie bürgerliche Historiker behaupten. Aber sie haben klar gemacht, dass die Arbeiterdemokratie nicht gestürzt und ersetzt werden durfte durch die betrügerische Form von Demokratie nach Art kapitalistischer Staaten. Der zentrale Exekutivausschuss der Sowjets stellte bei der ersten Zusammenkunft der konstituierenden Versammlung einen Antrag, wonach alle politische Macht und Regierungsgewalt in Russland von den Arbeiter- und Bauernräten ausgehen müsse.

Als dies von der Versammlung abgelehnt wurde, zogen die Bolschewiki aus, gefolgt von den linken Sozialrevolutionären. Die Konstituante, nun ein Torso aus rechten Sozialrevolutionären und Menschewiki und keinesfalls stellvertretend für die russische Arbeiterklasse und arme Bauernschaft, diskutierte weiter die Fragen von Land und Frieden, ohne den gesellschaftlichen Gesetzen und Verordnungen, die schon verabschiedet waren, etwas wirklich Neues hinzuzufügen. Sie wäre nun ein Organ gewesen, das gerade jene Klasse, welche die Revolution wesentlich getragen und ihr zum Sieg verholfen hat, nicht repräsentiert hätte. Wohlweislich wählte die verbliebene Konstituante auch deshalb keine alternative Regierung, denn sie wusste, dass ihr dafür kein angemessener Zuspruch in der Bevölkerung gewiss war.

Eine in Gegnerschaft zum Zarismus einberufene verfassunggebende Versammlung wäre eine große Errungenschaft gewesen, deshalb hatten die Bolschewiki dafür gekämpft. Aber dieselbe Versammlung in Anwesenheit der Sowjetmacht, eines unmittelbaren und demokratischen Instruments in Händen der ArbeiterInnen und armen Bauern, war bestenfalls ein Anachronismus, im schlimmsten Fall ein Sammelplatz für die Konterrevolution und die Opposition gegen die Sowjetmacht. Gerade dieser Fall war eingetreten.

Am späten Abend war ein Matrose auf die Rednertribüne gekommen und hatte den Abgeordneten bedeutet heimzugehen, weil die Wachen müde seien. Am nächsten Morgen erklärten die Sowjets die Versammlung für aufgelöst. Dieser Beschluss rief das Wutgeheul der imperialistischen Mächte hervor, verursachte in Russland selbst aber kaum ein oppositionelles Murren, da das Land ja schon ein demokratischeres und von den Massen direkter legitimiertes Regime als jeder andere Staat der Welt besaß.

Einparteien-Staat?

Anders als später die stalinistischen Parteien in Osteuropa, China und Kuba, hatten die Bolschewiki nicht die Absicht, alle anderen Parteien zu verbieten. Sie wollten die größtmögliche Sowjetdemokratie sicherstellen. Darum unterdrückte das neue Regime nicht alle seine Gegner. Es ermunterte die linken Sozialrevolutionäre zum Eintritt ins Regierungskabinett, die diesem Ruf auch folgten und wichtige Ressorts übernahmen. Die Menschewiki und rechten Sozialrevolutionäre hatten weiter das Recht, als Parteien in den Sowjets aufzutreten.

Zu bestimmten Anlässen während des Bürgerkriegs beschnitten die Bolschewiki allerdings das Recht anderer Parteien und schlossen sie zeitweise von den Sowjets aus; und – dies war die Gretchenfrage – zwar dann, wenn diese Parteien in der Praxis die Kräfte der Konterrevolution und der Weißen unterstützten.

Sowjets sind keine parlamentarischen “Quatschbuden”. Sie sind Arbeitsorgane, in denen Bauern, Soldaten und ArbeiterInnen ihre Pläne erörtern und die besten Wege und Methoden festlegen. In Kriegszeiten hieß das, den Kampf gegen die konterrevolutionären Armeen zu planen. Wenn man bei den Beratungen Kräfte zugelassen hätte, die mit den Weißen paktierten, wäre das gleichbedeutend mit einer Einladung an Spione und Saboteure ins Hauptquartier der eigenen Streitkräfte gewesen.

Deshalb erfolgte der Ausschluss der Menschewiki und der rechten Sozialrevolutionäre auch erst im Sommer 1918, als es mit dem Bürgerkrieg ernst wurde. Wir brauchen hierzu gar nicht die Aussage der Bolschewiki. Die menschewistische Partei verabschiedete 1918 eine Resolution, in der zugegeben wurde, dass etliche ihrer Gruppen örtliche Bündnisse mit ehemaligen Kapitalisten und Landbesitzern zum Sturz der Sowjets geschlossen hatten und in vielen Gegenden sogar auf Seiten der Weißen kämpften.

Dieser Ausschluss war nicht auf Dauer oder zur Vorbereitung einer Einparteien-Herrschaft gedacht. Unter dem Einfluss von Lenins und Trotzkis früherem Weggefährten Martow stimmte ein Teil der Menschewiki für direkte Unterstützung des Kampfes der Roten Armee. Daraufhin durften sie in den Sowjets bleiben. Trotzki wies am Ende des Bürgerkriegs sogar eigens mit einem Dankeswort auf ihre Rolle hin.

Bei einer Gelegenheit wurden aber selbst die linken Sozialrevolutionäre von den Sowjets ausgeschlossen. Sie hatten den Friedensvertrag von Brest-Litowsk abgelehnt und waren unter Protest aus der Sowjetregierung ausgetreten. Dann gingen sie allerdings noch einen Schritt weiter, indem sie den deutschen Botschafter ermordeten, um Deutschland zum Krieg zu provozieren. Als dies fehlschlug, versuchten sie sogar einen bewaffneten Aufstand gegen die Regierung anzuzetteln. Er wurde leicht niedergeschlagen. Als die linken Sozialrevolutionäre danach in einer Abstimmung das Versprechen gaben, niemals mehr gegen die Sowjetregierung die Waffen zu erheben, wurden auch sie wieder in die Sowjets aufgenommen.

Der verzweifelte Charakter des Bürgerkriegs machte Maßnahmen wie diese unvermeidlich. Zeitweise waren die Bolschewiki die einzige legale Partei in den Sowjets, aber ein anderes Vorgehen hätte nur den Weißen und den Feinden der Revolution genützt.

Es war aber nie das Ziel der Bolschewiki oder gar des Marxismus, einen Einparteien-Staat zu errichten.

Kampf gegen den äußeren Feind

1918/19 führten 14 kapitalistische Staaten ihre Armeen gegen Sowjetrussland. Ihr Auftrag: den ersten Arbeiterstaat zu zerstören, die Herrschaft der Kapitalisten wiederherzustellen und die Ausbreitung der Revolution zu verhindern. “Weiße” Armeen, geführt von dem alten zaristischen Regime ergebenen Generälen, sahen ihre Chance zum vereinten Angriff auf die Revolution.

Für die Sowjetregierung stand außer Frage, dass die besten und engagiertesten Organisatoren zur Abwendung der misslichen Lage herangezogen werden mussten. Das Überleben der Revolution stand auf Messers Schneide. In diesem Bewusstsein wurde Trotzki im März 1918 zum Kriegskommissar berufen.

Seine erste Aufgabe war der Aufbau einer geeigneten Armee zur Verteidigung der Republik. Das war nicht so leicht. 1917 waren die militärischen Kräfte der Revolution äußerst schwach. Nur wenige tausend ArbeiterInnen standen als “Rote Garden” von Petrograd und Moskau unter Waffen. Die reguläre Armee, nach langen Kriegsjahren zermürbt und demoralisiert, bestand im eigentlichen Sinn kaum noch.

Die Oktoberrevolution löste die Armee des Zaren fast gänzlich und spurlos auf. Die Rote Armee wurde vom ersten Stein an neu aufgebaut.

Zunächst versetzte Trotzki die Militärexperten in Erstaunen mit seinem Ruf nach einer Freiwilligenarmee. Das widersprach völlig dem etablierten militärischen Denken – mit solchen Mitteln konnte man doch keine schlagkräftige Armee aufstellen, um die Weißen zu besiegen. Aber Trotzki wusste, dass der Arbeiterstaat eine neue Form von Streitkräften brauchte, die verstanden, wofür sie kämpften, die voller Begeisterung für die Revolution waren und sie verteidigen wollten, und die so operierten, dass die Bevölkerung sehen konnte, dass diese Armee nicht als Eroberer, sondern als Befreier kam.

Der erste Schritt hierzu war der Formierung eines Armeekerns aus revolutionären Arbeitern, die freiwillig kämpften. Trotzki rief die diszipliniertesten Kommunisten zum Eintritt auf. Er verheimlichte nicht, dass sie bereit zum Kämpfen und zum Sterben sein mussten, und fügte hinzu, dass in diesem verzweifelten Kampf keine leichtgewichtigen Agitatoren brauchbar seien.

Danach kam es darauf an, die Bevölkerung aufzurufen und zum Kampf in der Armee zu zwingen. Mit weniger autoritären Methoden hätte die Regierung zweifellos liberaler und demokratischer ausgesehen – aber den Krieg verloren. Im Spätsommer 1918 waren über 10.000 Arbeiter in die Rote Armee einberufen worden. Die Truppenstärke der Armee wuchs stetig, die Hälfte der Gewerkschaftsmitglieder meldete sich. Nachdem die Armee eine feste Grundlage aus den Reihen der Industriearbeiterschaft erhalten hatte, wurden die armen und mittleren Bauern rekrutiert. 1920 zählte die Rote Armee 5 Millionen. Jeder war sich bewusst, dass er einem noch nie dagewesenen Heer angehörte.

Die alte Armee des Zaren verlangte blinden Gehorsam von ihren Soldaten und schickte sie für den Profit der Kapitalisten und die territorialen Gelüste des Monarchen in die Schlacht. Solche Soldaten behandeln die Bevölkerung in ihrem Besatzungsgebiet üblicherweise mit Grausamkeit und Missachtung, sie plündern, vergewaltigten und errichten eine Schreckensherrschaft.

Die Rote Armee verhielt sich ganz anders. Ihr Soldateneid rief zum revolutionären Kampf gegen Ausbeutung und Armut auf und enthielt die Verpflichtung, alles, was zur alten Welt aus Unterdrückung und Barbarei gehörte, zu unterlassen und für eine neue Welt der Menschenwürde und Befreiung zu kämpfen.

Massaker an Gefangenen und Sadismus waren streng verboten. Trotzki befahl unnachsichtige Bestrafung für jeden Rotarmisten, der sein Messer gegen einen Kriegsgefangenen, Entwaffneten, Kranken oder Verwundeten zückt.

Obschon die Rote Armee sich oft in bitteren Kämpfen gegen fremde Truppen aus kapitalistischen Staaten befand, förderten die Bolschewiki nie nationalistische Vorurteile. Sie erinnerten das russische Volk ständig daran, dass die ArbeiterInnen aus anderen Ländern ihre Bundesgenossen waren und dass sie keinen nationalen, sondern einen Klassenkrieg ausfochten.

Das war ein Zeichen für die politische Stärke der Roten Armee. Revolutionäre Flugblätter, die unter die französischen Truppen gestreut wurden, verursachten so viel Unmut und Meuterei in deren Reihen, dass die französische Regierung sie aus Russland abzog. Britische Soldaten in Nordrussland waren erstaunt, Flugblätter zu erhalten, in denen an das revolutionäre Erbe der Chartisten erinnert und worin sie aufgefordert wurden, die Gewehre umzudrehen – gegen die eigenen Offiziere.

Als die Rote Armee 1920 eine polnische Invasion abwehrte, ordnete Trotzki die Einstellung des Erscheinens einer Militärzeitung an, weil darin die “nationale Würde des polnischen Volkes” verletzt worden war. Welch ein Gegensatz zwischen dem Arbeiterinternationalismus der frühen Roten Armee und dem widerwärtigen nationalistischen Hass, der bewusst von den kapitalistischen Armeen in Kriegszeiten geschürt wird!

Wie konnte die Rote Armee die Unerfahrenheit ihrer Kämpfer angesichts solch erprobter und gut organisierter Feinde überwinden? Hier kam wiederum der revolutionäre Wirklichkeitssinn zu Hilfe. Trotz tiefen Befremdens mancher Kommunisten stellte Trotzki ehemalige Offiziere der Zarenarmee ein, um ihre fachliche Erfahrung der Revolution nutzbar zu machen. Viele “Linkskommunisten”, darunter etliche, die den Frieden von Brest-Litowsk und alle Kompromisse ablehnt hatten, sprachen sich dafür aus, dass der Indienstnahme dieser Offiziere generell ein Riegel vorgeschoben werden müsse. Wie, so fragen sie, könne man solchen Leuten trauen?

Doch Trotzki traute ihnen durchaus nicht blind. Aber er wusste, die Revolution konnte solange nicht ohne sie auskommen, ehe sie nicht ihre eigenen Befehlshaber ausgebildet hatte. Zur Vorbeugung gegen Verrat an die Weißen und Schaden für die Revolution stellte er jedem früheren zaristischen Offizier einen kommunistischen Kommissar zur Seite, ohne dessen Zustimmung kein Befehl Gültigkeit hatte. Befehle mussten von beiden unterzeichnet sein. Jeder Einheit wurden junge Kommunisten zugeteilt und mit der Aufgabe betraut, die Truppenmoral zu heben und jeder Form von Disziplinlosigkeit, Antisemitismus, Brutalität und Verzweiflung entgegenzutreten.

Das System bewährte sich; die Rote Armee erwarb sich selbst bei den Weißen den Ruf einer außerordentlich tüchtigen Kampfmaschine. Aber der Erfolg hatte einen hohen Preis. Über 50.000 der eifrigsten KommunistInnen fielen im Bürgerkrieg.

Trotzki selbst war kein Befehlshaber hinter den Linien. Er verabscheute den Gedanken, sich in Sicherheit hinter der Front zu halten, während Arbeiter und Bauern vorn den Kampf führten. Anders als die verhätschelten Offiziere der bürgerlichen Armeen nahm er selbst am Kampfgeschehen teil. In der Schlacht von Swiaschk zu Kriegsbeginn schlug Trotzki den Rat seiner Offiziere in den Wind, sich vom Kampfschauplatz fern zu halten.

Stattdessen bestieg er unter Lebensgefahr ein winziges Boot in waghalsiger Mission auf der Wolga. Der nächtliche Überfall gelang und eine Geschützbatterie am Flussufer wurde vernichtet.

Sein aktiver Kampfeinsatz trug Trotzki die Bewunderung und Hochachtung der Truppe ein. Aber das war nicht alles. Darüber hinaus ermöglichte es Trotzki, seine eigenen Truppen und Kommandeure in Aktion zu beobachten, ein unmittelbares Urteil über ihre Stärken und Schwächen zu gewinnen und ihre praktischen Probleme zu begreifen. Zu diesem Zweck richtete er sein Hauptquartier in einem gepanzerten Zug ein, der schnell an alle Brennpunkte des Krieges gelangen konnte und außer Befehlen auch Propagandisten oder sehnlichst erwartete neue Stiefel mitbrachte.

Der Bürgerkrieg erreichte 1919 seinen Höhepunkt. Die Weißen eröffneten größere Offensiven an drei Fronten und wollten Moskau und Petrograd einnehmen. Die Roten waren schlecht ausgerüstet und überanstrengt. Hunger und Chaos herrschten auf dem Lande, die Städte darbten. Demgegenüber konnten die Weißen dank der gewährten Unterstützung durch die imperialistischen Mächte aus dem Vollen schöpfen.

Aber die Weißen Armeen hatten keine Verbindung untereinander. Ihre Führer wetteiferten miteinander um die Position eines “Oberherrschers” in einem kapitalistischen Russland, das sie wiederherstellen wollten. Aber durch die Wiedereinsetzung der alten Gutsherren in ihrem Einflussbereich trafen sie auf die erbitterte Feindschaft der Bauern, die sie zunächst unterstützt hatten. Mit Plünderungen und Vergewaltigungen in den Dörfern sowie mörderischen Treibjagden auf Juden hinterließen die Weißen eine Spur von Chaos, Hass und Tod in ihren Durchzugsgebieten.

Die Roten verteidigte ein einziges zusammenhängendes Territorium. Die Kommunisten in der Armee sorgten dafür, dass jeder wusste, wofür er kämpfte. Trotzki eilte von Front zu Front, erfasste die Situation und dirigierte die Roten Streitkräfte immer wieder an die Stellen, wo sie am dringendsten gebraucht wurden. Jeder weiße Vorstoß wurde mit einem besser vorbereiteten und tiefer gehenden Gegenstoß der Roten Streitmacht beantwortet.

Am zweiten Geburtstag der Oktoberrevolution 1919 tobte die Entscheidungsschlacht in den Außenbezirken von Petrograd. Als Trotzki in der Stadt ankam, fand er sie am Rande der Aufgabe. Verzweiflung hatte sich vom Leitungsstab hinunter bis zu den Mannschaften breit gemacht. Sogar das Zentralkomitee der Partei dachte ernsthaft an die Preisgabe der Stadt.

Trotzki kippte die Stimmung fast im Nu. Er gab eine standhafte Erklärung heraus, wonach die Stadt verteidigt werden würde, auch wenn um jede Straße und jedes Haus eine Schlacht geführt werden müsste. Die gesamte Bevölkerung wurde mobilisiert, Gräben auszuheben und sich auf den Kampf vorzubereiten. In einer seiner großen Ansprachen sagte Trotzki dem versammelten Petrograder Sowjet, welches er ja 1905 und 1917 geführt hatte, dass sie bis zum Ende kämpfen würden.

Von seinem Pferd aus sammelte er im Kampfgetümmel zurückweichende Soldaten und stellte so das Selbstvertrauen und den Kampfgeist der Roten Truppen wieder her. General Judenitschs Vorrücken wurde gestoppt. Am selben Tag wurde Denikins Armee südlich von Moskau besiegt. Sie floh Hals über Kopf gen Süden. Koltschaks Verbände wurden tief nach Sibirien verfolgt. Der “Oberbefehlshaber der Weißen Armeen” wurde von den Roten ergriffen, abgeurteilt und erschossen.

Die Hauptkämpfe des Bürgerkriegs waren vorüber. Unter Trotzkis militärischer Leitung hatte Sowjetrussland gewonnen – aber um welch furchtbaren Preis!

Kronstadt 1921

Eine Episode wird immer wieder als Beweis herangezogen, dass Trotzki der direkte Vorläufer von Stalin gewesen wäre und sich nicht um Arbeiterdemokratie gekümmert habe: die Revolte von Kronstadt 1921.

Die Nachwehen des Bürgerkriegs hielten Russland in einem beklagenswerten Zustand. Im Februar 1921 brachen in Petrograd Streiks hungriger ArbeiterInnen aus. Sonderrationen von Nahrungsmitteln mussten von der Bauernschaft beschlagnahmt und in die Stadt gebracht werden.

Doch es zeichnete sich ab, dass eine Fortsetzung der bolschewistischen Politik des “Kriegskommunismus” mit seinen Requirierungen des Getreides die gesamte Bauernschaft gegen den Arbeiterstaat aufzubringen drohte. Überall in Russland lehnten sich die Bauern auf. Nun, da der Bürgerkrieg vorüber und die Gefahr der Rückkehr der alten Landbesitzer gebannt war, wandten sich die reicheren Bauern gegen die Roten und wiegelten auch viele Kleinbauern auf. Südlich von Moskau sammelte sich eine große Bauernarmee unter Führung eines rechten Sozialrevolutionärs, der zur Zerstörung des ganzen Sowjetsystems aufrief.

Kronstadt, auf einer Insel im Finnischen Meerbusen gelegen, überwachte die Einfahrt nach Petrograd. Er war eines der Hauptzentren der Revolution von 1917. Matrosen von dort spielten eine Schlüsselrolle im Oktoberaufstand.

Viele von ihnen kamen im Bürgerkrieg an die Front. Die Verbliebenen waren weniger militant, oft von bäuerlicher Herkunft und den Bolschewiki zunehmend feindlich gesonnen. Nun erhoben sich diese Seeleute gegen den Arbeiterstaat, doch nicht mit Forderungen in der Sprache der Konterrevolution, sondern der Revolution. Viele ihrer Forderungen scheinen heute gerechtfertigt. Sie riefen zur Aufrechterhaltung und Ausweitung des Sowjetsystems auf. Aber zugleich forderten sie, angestachelt von AnarchistInnen, die gegen jede – auch die auf Räte gegründete – Staatsform sind, den Sturz des von Sowjets im ganzen Land gewählten Regimes. “Lasst alle Welt wissen”, verkündeten die Kronstädter Matrosen, ”die Macht der Sowjets befreit die arbeitenden Bauern vom Joch der Kommunisten.”

In Anbetracht der Lage im Süden und auf dem Lande musste dies ungeachtet der Absichten der Matrosen als Aufforderung an die Bauernschaft zum Aufstand gegen die Arbeitermacht wirken. Der Forderungskatalog enthielt auch eine Ermutigung an die Bauern, mit ihrem Land zu tun, was sie wollten – trotz des Umstands, dass die Städte aus Mangel an Getreide hungerten!

Nachdem Verhandlungen gescheitert waren, zögerten die Bolschewiki nicht und entsandten die Rote Armee nach von Trotzki entworfenen Plänen zur Niederschlagung der Revolte. Das war ohne Zweifel eine tragische Begebenheit. Doch die Staatsmacht der Arbeiterklasse konnte sich nicht erlauben, von einem einzigen Sowjet, unbeschadet seiner heldenhaften Vergangenheit 1917, als Geisel genommen zu werden. In einem Streik kann eine Minderheit zurück an die Arbeit gehen, um den Streik zu beenden. Dann hat die Mehrheit das Recht, wenn die Überredungskunst versagt, Gewalt anzuwenden, um dem Zusammenbruch des Streiks vorzubeugen.

Es war die Pflicht der bolschewistischen Regierung, ein Wiederaufflammen des Bürgerkriegs zu verhüten, der Millionen Menschenleben an den Fronten und Millionen Verhungerte in den Städten bedeutet hätte. Die Franzosen und die Weißen planten, in Kronstadt zu landen und die Insel als Stützpunkt für eine Invasion zu nutzen. Das Eis um die Inselfestung war am Tauen, daher drängte die Zeit zum Eingreifen, weil danach eine Einnahme Kronstadts unmöglich war.

Die Rebellion wurde mit hohem Blutzoll, besonders auf Regierungsseite, erstickt. Aber wenn die Bolschewiki nicht schnell gehandelt hätten, wäre nicht die von den Matrosen geforderte Freiheit herausgekommen, sondern Chaos und bäuerliche Konterrevolution, unterstützt von den anrückenden Imperialisten. Die Niederschlagung des Kronstädter Aufstands war, wie es Trotzki später ausdrückte, eine tragische Notwendigkeit. Ohne sie hätten die Revolution, das Sowjetregime und der erste Arbeiterstaat der Welt in Todesgefahr geschwebt, und die “Ausschreitungen” der Roten Armee in Kronstadt, die von bürgerlichen Historikern immer als “Beweis” für die Grausamkeit und Unmenschlichkeit der Bolschewiki angeführt werden, wären bis zur Bedeutungslosigkeit verblasst hinter den barbarischen Exzessen einer Konterrevolution, welche die russische Arbeiterklasse im Blut ertränkt hätte.

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