Hausangestellte: Sklavin im fremden Haus

Esther Hochstädter/Hannes Hohn, Neue Internationale 179, Mai 2013

Kürzlich gewann eine ehemalige Hausangestellte aus Indonesien einen Prozess gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber, einen Diplomaten aus Saudi-Arabien, in dessen Berliner Wohnung sie 9 Monate lang praktisch als Sklavin lebte und arbeitete. Ein Vergleich kam erst zustande, nachdem der Diplomat ausgereist und damit seine Immunität aufgehoben war.

Kein Randphänomen!

Dieser Fall ist vielleicht nicht unbedingt typisch für Deutschland, er wirft aber ein Schlaglicht auf die Situation vieler Frauen und Mädchen, die weltweit unter unzumutbaren Bedingungen in den Haushalten der Reichen arbeiten. Weltweit sind ca. 100 Mio. Menschen – zum größten Teil Frauen – als Hausangestellte tätig. Es handelt sich also nicht um eine Randerscheinung, sondern um ein Massenphänomen.

Oft dürfen die Frauen das Haus ihrer Herrschaften nicht verlassen, so dass ihre Lage der Öffentlichkeit weitgehend verborgen bleibt. Sie kochen, putzen, waschen, servieren, betreuen die Kinder oder pflegen ältere Familienmitglieder. Häufig ist ihr Arbeitstag lang, Freizeit oder Urlaub sind selten.

Meist wohnen sie auch an ihrem Arbeitsplatz, in einer Kammer oder im Kinderzimmer auf dem Fußboden. Oder sie nehmen täglich lange Wege in Kauf, um ihren Arbeitsplatz in einem der besseren Wohnviertel zu erreichen. Manchmal treffen sie Kolleginnen an der Haltestelle oder auf dem Markt, meist aber sind sie isoliert und dem Wohlwollen ihrer Arbeitgeber ausgeliefert. Auch wenn sie krank sind, arbeiten sie weiter oder müssen auf ihren Lohn verzichten – von einer Rente ganz zu schweigen. Wird ein Hausmädchen schwanger – vielleicht sogar von ihrem „Chef“ – sind sie ihren Job los.

Viele Hausangestellte sind zudem Migrantinnen, die an ihrem Arbeitsort niemand kennen, keine Freunde und Helfer haben und nicht selten auch die Landessprache nicht gut beherrschen. So sind diese Frauen und Mädchen besonders schutzlos und benachteiligt. Durch die ständige Gefahr, ausgewiesen zu werden, sind sie extrem abhängig. Doch sie benötigen ihren Lohn dringend, um ihre Familien zu Hause zu unterstützen. Oft trauen sie sich nicht aus dem Haus, da sie ja illegal im Land sind.

Prekär

Diese besonders prekären Arbeitsverhältnisse werden v.a. auch dadurch ermöglicht, dass reguläre Arbeitsverträge oft nicht existieren oder nach Dienstantritt vom Arbeitgeber nach Gutdünken „ausgelegt“ werden. So werden z.B. Kost und Logis oft – entgegen dem ursprünglichen Versprechen – auf den Lohn angerechnet. Aufgrund fehlender Arbeitsverträge haben die Frauen oft auch keine rechtliche Handhabe gegen diese Willkür. Die Haushälterinnen sind zudem nicht selten auch sexueller Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt.

Es sind jedoch nicht nur die Haushalte der Oberschicht, die Hausangestellte beschäftigen. Immer mehr Mittelschichtfamilien leisten sich eine Hilfe im Haushalt oder bei der Kinderbetreuung. Gründe dafür sind einerseits, dass ihnen eine illegale Hausangestellte billiger kommt als eine offiziell gemeldete oder ein Kitaplatz; anderseits, weil auch die Mittelschicht zunehmend sozial unter Druck steht und länger arbeiten muss, um ihren sozialen Standard zu halten.

Die Hausangestellte selbst wiederum lässt oft auch ihre eigene Familie zurück, die dann von anderen Familienmitgliedern betreut wird. So entsteht eine regelrechte internationale „Betreuungskette“.

Auch hierzulande sieht man Frauen immer häufiger in der Betreuungsarbeit, da die Sozialdienste überlastet sind. Welche Möglichkeiten bleiben auch einer Familie, die zu pflegende Angehörige zu Hause wohnen lassen möchte, die aber rund um die Uhr Hilfe benötigt? Daher gibt es Anwerbeprogramme für Arbeitsuchende, meist aus Osteuropa, die hier vorübergehend beschäftigt werden. Dieser spezifische Markt wird weiter wachsen, schon allein dadurch, dass sich bis 2060 die Zahl der über 80jährigen in Deutschland verdreifachen wird.

Schutzmechanismen

2013 soll nun das Abkommen 189 der Internationalen Arbeitsorganisation der UNO (ILO) in Deutschland ratifiziert werden. Damit wären Hausangestellte anderen Beschäftigten formell gleichstellt.

Die Betonung liegt hier aber auf „formell“, denn damit verbundene Fragen wie Bezahlung, Arbeitszeit, Arbeitssicherheit, Sozialversicherung oder der Schutz gegen Misshandlung, Belästigung und Gewalt sind in einem Privathaushalt eben fast nicht zu kontrollieren.

Eine wirkliche, nicht nur formal-rechtliche Verbesserung der Situation von Hausangestellten ist – wie bei allen anderen Lohnabhängigen – letztlich nur möglich, wenn der in diesem Bereich  besonders ausgeprägte private Rahmen der Arbeit überwunden wird. Was heißt das?

Zunächst ist es wichtig, dass es für Hausangestellte eine tarifvertragliche Regelung gibt. Zentralen Stellenwert hat auch – wie bei allen prekär Beschäftigten – ein gesetzlicher Mindestlohn. Dadurch entsteht nicht nur ein Druck auf die Arbeit“geber“, bestimmte Standards einzuhalten, v.a. ist es bei Problemfällen den Beschäftigten möglich, ihre Rechte einzuklagen. Da das nur „Staatsbürgern“ zusteht, muss zugleich das Recht und die Pflicht erzwungen werden, dass ausländische Pflegekräfte während ihres Auslandsaufenthalts volle Staatsbürgerrechte erhalten, v.a. eine Aufenthaltsgenehmigung.

Letzten Endes sind diese Regelungen und umso mehr deren praktische Durchsetzung und das rechtliche Einklagen dieser gesetzlichen Normen nur dann realistisch, wenn die Frauen und Mädchen ihre Vereinzelung und Isolation überwinden. Das bedeutet v.a. eines: Organisierung! Angefangen bei kleineren Formen der Solidarisierung der Hausangestellten über die Bildung von Gruppen und Netzwerken bis hin zu ihrer Einbindung in Gewerkschaften. Das ist wichtig, um dem Gefühl der Machtlosigkeit und Isolation das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse und zu deren Organisationen entgegenzusetzen. Es ist bekannt, ja fast berüchtigt, dass gerade Hausangestellte oft ideell sehr stark an die Familie „ihres“ Arbeitgebers gebunden sind. Der treue Butler im Krimi ist dafür die idealtypische Figur. Auch dieses verbreitete, im Grunde reaktionäre Bewusstsein von Hausangestellten kann nur dadurch gebrochen werden, dass sie sich nicht „ihrer“ Familie, sondern ihrer Klasse verbunden fühlen.

So wie ein gemeinsamer Streik der – von einander isolierten – Hausangestellten nur schwer vorstellbar (und real wohl auch noch nie vorgekommen) ist, so ist es durchaus vorstellbar, dass diese sich im Rahmen von gewerkschaftlichen Kämpfen und mit Unterstützung der Gewerkschaften zur Wehr setzen.

Freilich stößt eine solche Orientierung mindestens auf zwei Probleme – nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in den Gewerkschaften und ihren Apparaten, ja in der Arbeiterklasse selbst: die bürgerliche Ideologie. Für weibliche Hausangestellte, noch dazu für ImmigrantInnen, ist es – sogar, wenn sie es selbst wollten – schwer möglich, die Gewerkschaft für ihre Anliegen zu gewinnen, wenn diese – v.a. deren Führungen – von nationalistischen, rassistischen, patriarchalen und sexistischen Auffassungen beeinflusst sind.

Daraus folgt zwingend, dass diese Einstellungen und die daraus folgenden strukturellen Mängel bekämpft werden müssen. Was heißt das konkret? Es muss in der Arbeiterbewegung eine breite Kampagne gegen die genannten bürgerlichen Ideologien geführt werden. Es muss dafür gekämpft werden, dass allgemein Frauen – und insbesondere auch die prekär beschäftigten – organisiert werden und reale Bedingungen dafür geschaffen werden, dass sie sich organisieren können – und wollen. Dazu gehört z.B. das Recht auf eigene Treffen/Strukturen in den Gewerkschaften (Caucus).

Die Massenbewegung gegen die sexuelle Gewalt gegen Frauen in Indien oder die Proteste gegen den Anschlag der Taliban auf ein Mädchen, das für gleiche Bildung für Frauen eintrat, in Pakistan oder selbst die „Sexismusdebatte“ in Deutschland sind Anzeichen dafür, dass die besondere Unterdrückung von Frauen wieder stärker ins Bewusstsein rückt und sich Widerstand dagegen formiert.

Frauenbewegung

Doch oft ist dieser Widerstand von bürgerlich-feministischen Ideen geprägt, welche die Unterdrückung aller Frauen anprangert, jedoch erstens meist ausblendet, dass Frauen aus dem Proletariat u.a. sozialen „Unterschichten“ besonders unterdrückt sind, und daher zweitens deren Forderungen und umso mehr deren eigenständige Organisierung und deren Klassenkampf abgelehnt oder ignoriert wird.

Gerade die Situation von hausangestellten Frauen und Mädchen zeigt aber, dass sich deren Situation sehr grundlegend von jener der mittelständischen oder reichen Ehefrau ihres „Arbeitgebers“ unterscheidet. Wenngleich auch die bessergestellte Frau diverser Formen von Diskriminierung und Sexismus ausgesetzt ist, so ist sie nicht oder weit weniger der spezifischen Unterdrückung und Diskriminierung einer proletarischen Frau ausgesetzt.

Daher kann der Kampf gegen die Unterdrückung der Frau – aller Frauen (!) -, letztlich nur erfolgreich geführt werden, wenn es eine proletarische Frauenbewegung als spezifischer Teil der Arbeiterbewegung insgesamt gibt. Und so, wie der Kampf der Frauen mit dem Kampf der Arbeiterklasse insgesamt verbunden werden muss, so muss der Kampf gegen Frauenunterdrückung auch mit dem Kampf gegen den Kapitalismus verknüpft werden!

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