Neuzusammensetzung der Lohnarbeiterklasse – ein Überblick

Jürgen Roth, Revolutionärer Marxismus 44, November 2012

Die wichtigsten Veränderungen der Sozialstrukter seit Anfang der 1990er Jahre (1) wollen wir thesenhaft umreißen:

a) Der Klassengegensatz im Sinne einer fortschreitenden Trennung der ProduzentInnen von ihren Produktionsbedingungen nahm zu. Die Zahl der Lohnabhängigen (Arbeiterklasse und lohnabhängige Mittelschichten) stieg auf Kosten der Selbstständigen (klassisches Kleinbürgertum).

b) Der Warencharakter der Arbeitskraft prägte sich auch in Bereichen wie Distribution, Zirkulation und öffentlicher Dienst deutlicher aus.

c) Es kam zu einer scharfen Differenzierung, Segmentierung, aber auch Polarisierung der Sozialstruktur bzw. Klassengliederung.

7 Entwicklungstendenzen

1. Die Bourgeoisie ist heute eine in sich selbst hierarchisch gegliederte Klasse. Größere und mittlere KapitalistInnen stellen nur noch 0,5 Prozent der Erwerbstätigen. Die Bourgeoisie ist heute eine von der Finanzoligarchie und wenigen hundert Familien beherrschte Klasse.

2. Die Industriearbeiterklasse, hauptsächliche Produzentin des Mehrwerts, veränderte sich quantitativ und qualitativ. Größere Teile der technischen Intelligenz zählen heute zur Arbeiterklasse. Aber auch die Qualifizierung und Fachkompetenz der alten Industriearbeiterschaft ist gewachsen. In den fünfziger Jahren waren noch mehr als zwei Drittel ungelernte Arbeitskräfte, 2004 nur noch 17% (Westdeutschland) bzw. 10% (Ostdeutschland).

Die Zahl der Maschinenarbeiter („Blaumänner“), der Fabrikarbeiter in der Fertigung ist im besonderen Maße absolut und prozentual gegenüber anderen ausgebeuteten Beschäftigten in der Zirkulationssphäre und im „Dienstleistungsbereich“ in Deutschland rückläufig. Weltweit ist allerdings ihre Zahl angewachsen!

Von den abhängig Beschäftigten im „Dienstleistungsbereich“ müssen ebenso eine Vielzahl zu den produktiven LohnempfängerInnen der Transportindustrie und des Reparaturwesens gerechnet werden! Besonders der Sektor Logistik (Transport von Personen, Gütern, Dokumenten und Daten) entwickelt sich immer mehr zu einer Schlüsselbranche der BRD-Exportwirtschaft. Auch wenn die Bedeutung der Schwerindustrie stark geschrumpft ist, so nimmt in Deutschland der produktive Kern der Klasse zwar absolut und relativ ab, doch längst nicht in dem Maße wie oft unterstellt wird. Berücksichtigen wir außerdem die Zunahme der technischen Intelligenz ist aus dieser Sicht die wachsende Zahl der Angestellten in der Industrie, im produzierenden Handwerk, im Bauwesen, in der Landwirtschaft, im Bergbau, im Transportwesen keinesfalls mit einer Verringerung der Arbeiterklasse, auch nicht der produktiven Arbeit identisch.

3. Die Zahl der LohnempfängerInnen in unproduktiven Sektoren (Handel, Banken, Versicherungen, private und öffentliche Dienstleistungen) stieg beträchtlich. Zu den Angestellten zählen sowohl Angehörige des oberen Managements (leitende Angestellte, Kapitalfunktionäre, Geschäftsführungen), die eine Fraktion der Bourgeoisie repräsentieren, wie ein nicht geringer Teil als DirigentInnen bzw. Manager der lohnabhängigen Mittelschichten. Das Gros der ArbeiterInnen und Angestellten in den Dienstleistungsberufen gehört zwar nicht zur stark veränderten Industriearbeiterschaft, aber eindeutig zur Arbeiterklasse. Sie sind Eigentümer bloßer Arbeitskraft, bekommen nur deren Marktpreis bezahlt, während ihre „Arbeitgeber“ abgesehen von Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge sich mittels der Ausbeutung der unproduktive Beschäftigten einen Profit aneignen, der sich aus einer Umverteilung des in produktiven Sektoren erzeugten Mehrwerts speist. Zu ihnen gehören insbesondere die mehr als 4 Millionen kommerziellen Lohnarbeiter, die Lohnarbeiter im Bildungswesen (abgesehen von den betrieblichen Bildungseinrichtungen), im Gesundheitssektor, in der Werbung, im Bank- und Versicherungswesen.

4. Der Anteil der gewerblichen Mittelschichten an den Erwerbstätigen nahm ab, der der lohnabhängigen Mittelschichten zu. Die werktätige Bauernschaft verschwand fast vollständig.

Ein großer Teil des gewerblichen Kleinbürgertums stieg ins Proletariat ab, ein geringer schaffte den Sprung in die Kapitalistenklasse. Ein großer Teil der Kleinbetriebe sind von Großbetrieben abhängig, an deren Ausdehnung sie daher interessiert sind.

Ein signifikantes Umstrukturierungsmerkmal ist die Ausweitung des höheren und mittleren Leitungspersonals in Staat und Wirtschaft zu einer sozialen Schicht bzw. Klasse, die mit anderen Gruppen abhängig Arbeitender (insbesondere dem Bildungsbürgertum) eine Mittelstellung zwischen Kapital und Arbeit bekleidet. Ihre Oberschicht gehört zur herrschenden Klasse, ihre unteren Segmente zu den Lohnarbeitern bzw. abhängig Arbeitenden.

Unterm Strich überkompensiert die gewaltige Zunahme der unproduktiven Angestellten den Rückgang des produktiven Kerns der Arbeiterklasse in Deutschland. Letzterer wird auch in der hiesigen Linken stark überschätzt. Die deutsche Arbeiterklasse ist größer denn je im Verhältnis des Umfanges von Bourgeoisie und Kleinbourgeoisie. Weltweit gilt dies erst recht, v.a. auch für die Mehrwert erzeugende Industriearbeiterschaft und die Logistik!

5. Massenentlassungen im Zuge von Rationalisierungen (Mikroelektronik), Verwertungskrisen und zunehmende wirtschaftliche Instabilität erhöhten von einer Konjunkturkrise zur nächsten den Sockel an Arbeitslosen: von 1997 – 2005 lag die Arbeitslosenquote bezogen auf abhängige zivile Erwerbspersonen im BRD-Durchschnitt bei 10% (Höhepunkt 2005 mit 13%). In Ostdeutschland schwankte sie zwischen 19,1% (1997) und 20,6% (2005). Die Zahl der Langzeitarbeitslosen lag auch 2009 noch bei 2,3 Millionen.

6. Die objektive Schwächung der Kampfkraft des Proletariats durch diese Zahlen wird vervollständigt durch die weitere Segmentierung der Lohnarbeiterschaft. Auch als Folge des Drucks auf Löhne und Arbeitsbedingungen durch die sich verstetigende industrielle Reservearmee nahm der Anteil prekärer Beschäftigung drastisch zu: Leiharbeit, Niedriglohnsektor, Hartz IV, Ein-Euro-JobberInnen, Teilzeitarbeit, Flexibilisierung, Minijobs, unbezahlte Praktika usw. Die Gewerkschaftsführung ist bestrebt, die Kernbelegschaften auf Kosten dieser unteren Segmente zu schonen. Trotzdem ging diese spalterische Politik nicht ohne Einbußen für den Stamm der Arbeiteraristokratie einher (Notlagentarifverträge, Standortsicherungsvereinbarungen unter Verzicht auf Lohnbestandteile und garniert mit unbezahlten Überstunden, Arbeitszeitkonten etc.). V.a. wird somit der immer weiter zunehmenden Lohnspreizung, der wachsenden Ungleichheit in der Klasse nicht abgeholfen. Zudem sind in den letzten 10 Jahren kaum nennenswerte Lohnabschlüsse getätigt worden. Im Gegenteil: Reallohnverluste und ungeheure Arbeitsintensivierung sind der Preis, den auch die gut organisierte Facharbeiterschaft zahlen muss und weiter zahlen wird, wenn sie die zunehmende Kluft in den Reihen der Lohnarbeit nicht durch kühne Gegenoffensive stoppt.

7. Deutlich zurückgegangen ist die Zahl der Großbetriebe mit mehr als 1000 Beschäftigten in der Industrie, im Bergbau (plus Steine und Erden). Der Trend zur Konzentration eines immer größeren Anteils der Industriearbeiter in Großbetrieben mit mehr als 1000-köpfigen Belegschaften scheint seinen Höhepunkt um 1980 herum gehabt zu haben. 1976 lag er höher als 2007. 1976 gab es in der BRD 1066 solcher Betriebe, in denen 3 Millionen Personen oder 39% aller in Industrie und Bergbau Beschäftigten arbeiteten (1981: 905/3,9 Mio./51%; 1985: 830/3,6 Mio./43%; 1991: 930/3,7 Mio./48%; 1994: 820/3,0 Mio./43%; 2008: 642/1,7 Mio./27%).

Diese Zahlen müssen nicht bedeuten, dass das Gesetz zunehmender Konzentration und Zentralisation des Kapitals außer Kraft gesetzt wurde. Schließlich gründeten die Großkonzerne massenhaft Tochterunternehmen, in die sie große Teile der Arbeitskräfte auslagerten (Outsorcing, Profitcenter, innere Konkurrenz). Die Mutterkonzerne konzentrierten sich zunehmend aufs Kerngeschäft der Produktion, Forschung, Entwicklung, Vertrieb, Marketing und Unternehmenssteuerung. Doch ist diese Entwicklung für die Kampfkraft der Klasse objektiv nachteilig aufgrund schwindenden Konzentrationsgrads.

Fußnote:

(1) Statistisches Material für die folgende Darstellung siehe: Ekkehard Lieberam, Strukturwandel und Klassenbildung der Lohnarbeiter in Deutschland – Skizze nach 162 Jahren Manifest; in: E. Lieberam/J. Miehe (Hg.), Arbeitende Klasse in Deutschland – Macht und Ohnmacht der Lohnarbeiter, S. 25 – 80, Pahl-Rugenstein Verlag Nf., Bonn, 2011

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