Buchbesprechung: Griechenland – Was tun?

Georg Ismael, Neue Internationale 178, April 2013

Unter diesem Titel veröffentlichte der Historiker und Sozialforscher Karl Heinz Roth 2012 seine „Flugschrift“ (1) zur Krise in Griechenland.

Dieses 95 Seiten umfassende Büchlein wirbt mit einem recht pompösen Titel, der Antworten für Europas revolutionäres Pulverfass Griechenland vermuten lässt. Doch diese Hoffnung wird beim Lesen bitter enttäuscht. Es ist beinahe eine Ironie der Geschichte, dass Lenin vor 110 Jahren ein Buch mit dem gleichen Titel schrieb, das auch eine Kampfschrift gegen Roths politische Vermessenheiten hätte sein können.

Schilderung

Roths erste Kapitel sind der Schilderung der bisherigen Krise gewidmet. Sie sind wohl die besten  Seiten des Buches. Hier präsentiert er eine durchaus beeindruckende Sammlung von Daten und Ereignissen der Krise in Griechenland.

Von Zeit zu Zeit drängt sich der Verdacht auf, der Hamburger Alt-Autonome dränge sich als moralischer und wirtschaftlicher Berater der herrschenden Klasse auf.In Anbetracht dessen, dass der Theoretiker Roth sich selbst als Revolutionär sieht, ist es mehr als befremdlich, dass er nicht einmal im Ansatz dazu in der Lage ist, über eine rein soziologische und schematische Darstellung der Krise hinaus zu kommen. Die „griechische Schuldenkrise“ erscheint bei Roth als Folge von Fehlkalkulationen, ideologischen Engstirnigkeiten der Eliten und einer unstillbaren Gier des Neoliberalismus.

„Wir können davon ausgehen, dass den europäischen Partnergruppen der Troika-Kommission derartige Einsichten fremd blieben. Sie waren aufgrund ihrer einseitigen akademischen Ausbildung und ihrer bisherigen beruflichen Praxis nicht in der Lage, die ideologischen Legitimationsmuster einer restriktiven Stabilitätspolitik zu überwinden.“  ( Seite 58)

Von Zeit zu Zeit drängt sich der Verdacht auf, der Hamburger Alt-Autonome dränge sich als moralischer und wirtschaftlicher Berater der herrschenden Klasse auf.

Marx´ politische Ökonomie und seine Analyse der kapitalistischen Krisenentwicklung scheint es nie gegeben zu haben, wenn man Roths Buch liest. Kein Wort über den grundlegenden Charakter der kapitalistischen Akkumulationskrise, keine ernsthafte Auseinandersetzung mit den daraus entstehenden Widersprüchen, sowohl zwischen den unterschiedlichen Kapitalen, als auch zwischen Arbeiterklasse und Kapital selbst, keine ernstzunehmende Einbindung in die globale Entwicklung.

Zu den Erkenntnissen aus Roths Analyse hätte auch ein bürgerlicher Betriebswirt kommen können. Selbst die aufgezählten Folgen für die griechische Bevölkerung kann man jeder Statistik im Internet im Handumdrehen entnehmen.

Andere Ufer?

Hat Roth seinen LeserInnen hier auch nicht mehr zu bieten, so tröstet er uns mit der Ankündigung, zu „neuen Ufern aufbrechen“ zu wollen.

So entledigt sich Roth gekonnt der lästigen Arbeit, die politischen Erfahrungen aus 200 Jahren Arbeiterbewegung auf Griechenland anwenden zu müssen. Sein abschließendes Kapitel „Das Problem einer Alternative“ ist dann auch ganz in diesem Sinne.

Roths politischer Paradigmenwechsel entpuppt sich zuletzt als eine – nicht einmal besonders originelle – Mischung aus bürgerlichen Ressentiments, linksreformistischen Illusionen und einer Prise autonomer „Utopie“.

Die KKE wird bei Roth zur bolschewistischen Kaderpartei stilisiert. Dummerweise ist sie gerade das nicht, sondern eine stalinistische Partei, die eine krude Mischung aus Sektierertum und Volksfrontpolitik betreibt.

Eine Arbeiterregierung, so Roth weiter, würde binnen Wochen stürzen: „Infolgedessen wäre jeder Versuch zur Einführung eines zentralen Planungssystems ein aussichtsloses Unterfangen.“  (Seite 91)

Und weiter: „Das kommunistische Übergangsprojekt würde rasch in einer Spirale von Massenverarmung, Hungerkatastrophen und Repressalien zusammenbrechen.“  (Seite 91)

Utopismus als Alternative?

Wenn die Machtergreifung der Arbeiterklasse schnell als Unmöglichkeit abgetan wird, muss folglich eine „realistische“ Alternative her. Ein „kontrollierter Staatsbankrott“ unter einer bürgerlichen PASOK/ND-Regierung hingegen würde lt. Roth die Unabhängigkeit Griechenlands garantieren können und der Verarmung der Massen entgegenwirken.

„Ein Staatsbankrott hätte die Vertiefung der Krise verhindert, die ökonomische Konsolidierung beschleunigt und die griechische Gesellschaft vor einem lang anhaltenden Pauperisierungsprozess bewahrt.“  (Seite 87)

„Sie (die PASOK-Regierung; Anm. d. Red.) wäre Herrin des Umschuldungs- und Konsolidierungsverfahren geblieben.“  (Seite 87)

Er greift einfach in die Mottenkiste des utopischen Sozialismus und verballhornt selbst diesen.“Das linkskeynesianische Programm der SYRIZA-Führung wird von Roth freundschaftlich gelobt und durch eine Prise ultralinken Keynesianismus ergänzt. Aber im Endeffekt hilft doch nur eins: die „Transformation“ hin zu einer basisdemokratischen befreiten Gesellschaft mit kollektivierter Wirtschaft.

Wie die griechische Arbeiterbewegung zu dieser „Utopie“ gelangen kann, bleibt jedoch komplett offen. Wie z.B. der Ökonomismus der Gewerkschaften überwunden werden soll, wie eine revolutionäre Opposition gegen die reformistischen Führungen von SYRIZA und KKE aufgebaut werden kann, welcher Maßnahmen es gegen die zunehmende faschistische Gefahr oder das Militär bedarf – über all das schweigt sich Roth aus.

In seiner politischen Welt ist das freilich nur ein geringes Problem. Er greift einfach in die Mottenkiste des utopischen Sozialismus und verballhornt selbst diesen.

„Landbaukommunen, Handwerkergenossenschaften, Mieterkooperativen, Baugenossenschaften, Künstlerkommunen, Gesundheitskollektive und Pflegegemeinschaften (…) sind nicht mehr den Sachzwängen des kapitalistischen Alltags unterworfen.“  (Seite 93)

Mögen die Reformisten aus Syriza ihre politischen Fehler noch durch Verweise auf die Grenzen des kapitalistischen Systems rechtfertigen, das sie für nicht stürzbar halten; mag die KKE vor der bürgerlichen Legalität kapitulieren – so hat Roth eine ganz anderes, probates Mittel. Er erklärt einfach alle möglichen Formen kleiner Warenproduktion als außerhalb des Systems der verallgemeinerten Warenproduktion, des „kapitalistischen Alltags“ stehend. Und schon sind alle Probleme revolutionärer Strategie „gelöst“, jedenfalls in der Einbildung.

Eine abschließende Empfehlung hat Roth jedoch zu bieten: Revolution und Diktatur des Proletariats – lieber nicht!

Anmerkung:

(1) Karl-Heinz Roth,  Griechenland – was tun, 2. Auflage, Hamburg 2012

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