Pakistan: Verteidigt die Hazara gegen reaktionäre Angriffe!

Shahzad Arshad, Pakistan, Infomail 670, 25. Februar 2013

Am 18. Februar wurden 113 Angehörige der nationalen Minderheit der Hazara in Quetta durch einen brutalen Bombenanschlag getötet. Die erzreaktionäre islamistische Gruppierung Laschkar-e-Jhangwi (LeJ) bekannte sich zu dieser jüngsten Attacke, nachdem sie schon am 1. Februar Bomben in eine Snooker-Halle geworfen hatte. Dieselbe Gruppe ist auch mit dem Überfall auf eine schiitische Moschee im Nordwesten Pakistans in Verbindung gebracht worden, bei der 24 Menschen zu Tode kamen.

Die Hazara-Minderheit ist in den vergangenen Jahren zur Hauptzielscheibe der extrem reaktionären, ja faschistischen, islamistischen Gruppierungen geworden. Am 10. Januar kamen z.B. 93 Menschen bei einem ähnlichen Bombenattentat ums Leben. In den letzten 4 Jahren wurden mehr als 800 Angehörige dieser Volksgruppe ermordet, die meisten von ihnen in Quetta und den Hazara-Gebieten der Provinz Belutschistan. Wenn die übrigen Attacken auf Schiiten – wie der jüngste Mord an einem Arzt und seinem 11jährigen Sohn in Lahore – hinzugerechnet werden, sind es noch weit mehr.

Die Hazara leben zur Hauptsache in Afghanistan und den pakistanischen Grenzgebieten. In Städten wie Quetta bilden sie eine große nationale und religiöse Minderheit. Sie sprechen Farsi (persisch) und sind, anders als die meisten pakistanischen Moslems, SchiitInnen und keine SunnitInnen. Sie sind nicht nur von reaktionären islamistischen Kräften, sondern auch Elementen innerhalb des politischen Establishments und staatlicher Institutionen in Belutschistan und ganz Pakistan zum Sündenbock für Pakistans Misere gemacht worden. Wie bei anderen nationalen und religiösen Minderheiten hat die herrschende Klasse Attacken auf die Hazaras als Teil ihrer ‚Teile und herrsche’-Strategie ermutigt, um die Kontrolle über das ganze Land in Händen zu behalten und von den eigentlich Schuldigen abzulenken.

Massenproteste und Solidarität

Diesmal aber stießen die Attacken auf eine Welle von Protesten, Kundgebungen und Demonstrationen in ganz Pakistan. In den Hazara-Gebieten und Städten wie Quetta oder Karatschi blockierten Menschen zwei Tage lang Eisenbahn und Straßen und den Flughafen in Lahore.

Proteste und Solidaritätsaktionen breiteten sich sogar über die Gegenden mit großem Hazara-Bevölkerungsanteil hinaus aus und erhielten Rückhalt durch linke und Arbeiterorganisationen, darunter die vor wenigen Monaten gegründete Awami Workers Party (AWP), aber auch von liberalen, bürgerlich-demokratischen Kräften und NGO´s.

Das Ausmaß der Bombenattacke vom letzten Wochenende gab Gerüchten Nahrung, dass die Polizei und lokale Verwaltungen in Quetta darin verwickelt sind oder zumindest eine  Mitwisserschaft von Teilen des Staatsapparats vorliegt.

Die Hazara-Gemeinde hat zu Recht den Glauben an die Polizei, die städtischen und regionalen Verwaltungen in Belutschistan verloren. Allerdings war die Reaktion der Gemeinde widersprüchlich. Einige der DemonstrantInnen und FührerInnen forderten eine ‚Militäraktion gegen die Extremisten’. Amin Schadidi, der Vizepräsident der schiitischen Wahdatul Muslemeen Rarty, forderte gar die „Kontrolle der Stadt durch die Armee“.

Die Unterstützung für eine militärische Intervention sollte zwar nicht als blindes Vertrauen in die Armee missdeutet werden. Sie beruht eher auf der irrigen Hoffnung, dass die Armee das ‚kleinere Übel’ wäre und als einzige realistischerweise die IslamistInnen an ihren Anschlägen hindern könnte oder würde.

Nichtsdestotrotz wäre die Lösung durch die Armee die Austreibung des Teufels mit dem Beelzebub. Es würde den Hazara-Gebieten keinen besseren Schutz bieten. Auf nationaler Ebene würde damit zudem den Armeeführern der Rücken gestärkt, die eine lange Tradition des Paktierens mit reaktionären Islamisten haben. Gegenwärtig, da die Spannungen in der pakistanischen Gesellschaft vor der Zerreißprobe stehen, versucht sich sie die Armee als ‚letzter Wächter der Ordnung’ darzustellen.

Selbstverteidigung

Zugleich sind in den vergangenen Tagen bei den Hazara und in anderen schiitischen Gemeinschaften Maßnahmen unternommen worden, die vorwärts weisen und verallgemeinert werden müssen. Dies sind nicht nur Massenproteste, sondern auch der Aufbau von Selbstverteidigungsorganen in den Hazara-Vierteln von Quetta. Organisierte Freiwillige, bewaffnet mit Gewehren und Pistolen, bewachen nun Straßen und Gebäude. Diese Initiative  als erster Schritt zu einer bewaffneten Selbstverteidigung muss nun auf das ganze Land ausgeweitet werden! Wie Attacken und Provokationen gegen Solidaritätsdemonstrationen in anderen Teilen Pakistans zeigen, ist es nicht mit Maßnahmen in Quetta getan – alle fortschrittlichen Aktionen brauchen einen organisierten Selbstschutz.

Der zweite Gesichtspunkt für einen wirklichen Schutz ist der aktive Beistand für die Hazara-Minderheit durch die ArbeiterInnen und Bauern und alle demokratischen Kräfte. Der augenblickliche Schwung muss weiter getragen werden, um die reaktionären Kräfte überall im Land anzugreifen.

Hier kommt eine große Verantwortung auf die neu gegründete Awami Workers Party (AWP) zu. Sie hat zu Kundgebungen in ganz Pakistan aufgerufen und sie auch durchgeführt. Die AWP hat Flugblätter herausgegeben, auf denen sie ihre Solidarität mit den Hazara zum Ausdruck gebracht hat. Darin fehlt jedoch die Forderung nach organisierter Selbstverteidigung und insbesondere nach Arbeiterschutzorganisationen. Wir, die AnhängerInnen der Liga für die Fünfte Internationale in der AWP und die Zeitung ‚Revolutionäre SozialistInnen’ treten für diese Politik ein. Unsere Hauptlosungen lauten:

  • Nein zum religiösen Sektierertum! Vollständige Trennung von Religion und Staat!
  • Arbeiterselbstverteidigungsausschüsse in schiitischen, sunnitischen, hinduistischen und christlichen Gemeinden gegen die reaktionären Angriffe!
  • Keine Militärintervention, keine Militärkontrolle über Quetta u.a. Städte!
  • Nieder mit dem ‚Krieg gegen den Terror’! Schluss mit der Kollaboration mit den imperialistischen Mächten!
  • Lang lebe die internationale Solidarität!
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